„Wer garantiert, dass das nicht alles einseitig zitiert wurde?“

Dieser Satz kam so oder so ähnlich nun schon in einigen Rezensionen zu Fettlogik, daher wird es Zeit, diese Frage einmal zu thematisieren. Vorab: Ich hasse diese Frage. Es ist aus meiner Sicht eine unfassbar ignorante, antiwissenschaftliche Frage und der Inbegriff des Postfaktischen, der auch noch die Frechheit besitzt, sich als „kritisch“ zu tarnen.

Ist das etwas hart? Mag sein. Letztlich ist es einfach die Frage, die jedes Mal und bei jedem Thema von Leuten gestellt wird, wenn man ihnen einen Haufen Belege für eine Aussage liefert, die ihrer gefühlten Wahrheit gegenüber steht. Gleichzeitig sind sie aber zu faul, sich damit zu befassen und so kommt einfach ein „Mäh, zu jeder Studie gibt es eine Gegenstudie!“, „Man kann ja alles wissenschaftlich beweisen“, „Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast“.

Auf die Art kann man sich von vornherein jede wissenschaftliche Auseiandersetzung mit einem Thema direkt sparen, denn diese Sprüche immunisieren gegen alles, was den Leuten irgendwie nicht in den Kram passt – egal ob Klimawandel, Impfen, Verbrechensmeldungen – auf diese Art wird alles zum alternativen Fakt, wo Belege und haltlose Behauptungen gefälligst als gleichwertig zu betrachten sind.

Und nein, das ist keine „gesunde Skepsis“ – Skeptisch wäre es, wenn man konkrete Anhaltspunkte für Fehler benennen würde und die angegebenen Quellen prüft. Was übrigens einige Fettlogik-Leser auch getan haben. Danke dafür.

Keine Ahnung ob es etwas bringt, Leuten die so eine Frage stellen, eine echte Antwort zu liefern. Wenn es bloß als Trumpsche Immunisierung gegen unliebsame Ergebnisse genutzt wird, sind das vermutlich ohnehin alles #Lügenerklärungen. Ich versuche mir jetzt allerdings einfach mal Option 2 vorzustellen, und sehe jemanden vor mir, der keine wissenschaftliche Ausbildung hat und sich ehrlich fragt, woher man als Laie eigentlich wissen soll, wem man trauen kann. Immerhin scheinen ja auch die Medien ständig widersprüchliche Ergebnisse zu berichten. Mal ist Übergewicht ganz schlimm, dann plötzlich ist leichtes Übergewicht sogar das gesündeste. Mal muss man 5 Mahlzeiten essen, dann wieder maximal drei oder bloß eine. Und immer sind das irgendwelche „allerneusten Studienergebnisse“. Also vielleicht besser gar nichts mehr glauben? Nur noch auf sich selbst hören?

Also zunächst mal: Rein statistisch ist es tatsächlich so, dass eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass Studien mal zufällig ein komplett abweichendes Ergebnis liefern. Diese Wahrscheinlichkeit lässt sich berechnen („p-Wert“). Um signifikant, also „überzufällig“ zu sein, muss die Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis nur auf Zufall beruht, je nach Fachrichtung bei unter 5 %, unter 1 % oder unter 0,1 % liegen. Das bedeutet aber auch, dass bei hunderten publizierten Studien rein statistisch immer welche dabei sein werden, deren Daten nur auf Zufällen beruhen. Angesichts der Tatsache, dass eher die Studien veröffentlicht werden, die ein positives oder „interessantes“ Ergebnis haben (im Gegensatz zu „Wir haben diese Idee geprüft, aber … nö. War nix.“ oder „Wir haben zum drölfzigtausendsten Mal ein bereits bekanntes Ergebnis bestätigt.“) ist der Wert unter den veröffentlichten Studien eher höher anzusiedeln. Und hier sind wir noch bei echten Ergebnissen, denn natürlich gibt es auch fehlerhafte Messungen oder schlechte Studiendesigns (ich habe z.B. bei der Biggest-Loser-Studie geschrieben, warum ich diese für schlecht halte) und Forscher, die tatsächlich betrügen.

Aussaggekräftiger als einzelne Studien sind daher Metaanalysen verschiedener Studien und Übersichtsartikel.

Ich versuche einfach mal, zu erklären, wie ich Fettlogik geschrieben habe.

Wie habe ich die Studien überhaupt gefunden? Einige, die ich besonders gut fand, hatte ich über die Jahre, bevor ich überhaupt an ein Buchprojekt dachte, in die Lesezeichen gelegt, um sie bei Bedarf in Diskussionen zu verwenden – das waren zuerst meist (Blog-)Artikel zu Fatacceptance, im Laufe meiner Abnahme dann alles mögliche (Anti-)Fettlogische. Das war schonmal eine gute Basis um Studien „beider Seiten“ zu haben. Als ich die einzelnen Kapitelüberschriften zusammen hatte, also eine Sammlung von Fettlogiken, begann ich, in Datenbanken nochmal konkret zu den einzelnen Themen zu suchen. Also klassische Stichwortsuche: „Body weight BMR“, „Weight loss Energy expenditure“, „Obesity blood pressure“, etc.

Dabei habe ich mir die relevantesten Studien zu meiner Fragestellung durchgeschaut. War das Ergebnis überall ähnlich, habe ich mir die Studien ausgewählt, die am qualitativ hochwertigsten waren (neuer, größer, gutes Studiendesign,…) und sie als Beispiel genommen. Wenn die Ergebnisse gemischt ausfielen, habe ich mir die einzelnen Studien näher angeschaut um rauszufinden, was im Design anders war und was die Unterschiede erklären könnte. Was ich nicht gemacht habe: „Unliebsame“ Ergebnisse zu ignorieren.  Ich hatte beim Schreiben keine „Agenda“ und manche der Ergebnisse haben mich selbst überrascht. Letztlich war das Recherchieren auch für mich unglaublich interessant. Wenn sich „Fettlogik überwinden“ so liest, als sei es quasi „aus einem Guss“, dann ist das so, weil ich anhand der Ergebnisse meine Theorien erstellt habe und nicht umgekehrt.

Wenn manche beim Fettlogik von „Aha-Erlebnissen“ oder „Klick-Momenten“ reden … nun, so ging es mir teilweise beim Schreiben auch. Es gab mehrere Momente, in denen sich alles zusammenfügte und verschiedene Ergebnisse plötzlich wie ein Puzzle zusammenpassten. Ich hatte schonmal erzählt, dass ich zum Thema „Weight Cycling“ (also Gewichtsschwankungen) vorher die absolut feste Überzeugung hatte, dass diese gesundheitsschädlich seien. Das hatte ich sogar noch in meiner Diplomarbeit vor 10 Jahren so geschrieben. Ich hatte mir also überlegt, dass das evtl. an ungesunden Crashdiäten liegen könnte und hatte geplant zu recherchieren, ob es Belege dafür gibt, dass Menschen mit großen Gewichtsschwankungen evtl. zu den Extremzeiten eher ungesund essen. Meine persönliche Hypothese vor der Recherche zu „Jojo-Diäten sind viel schädlicher als Dicksein!“ wäre also gewesen, dass es nur eine halbe Fettlogik ist, und das daran lieg, dass die Diäten unausgewogen sind. Tatsächlich waren dann die ersten relevanten Studienergebnisse singemäß alle: „Das hat sich inzwischen als Irrtum herausgestellt und liegt daran, dass unfreiwilliger, krankheitsbedingter Gewichtsverlust nicht von Diäten unterschieden wurde. Diäten sind nicht ungesund, tendenziell eher sogar das Gegenteil.“ – Oh. Also: Kapitel entsprechend verfasst. Passte so gesehen ja sogar noch besser, denn auf die Art war es nicht nur „eine halbe Fettlogik“ sondern eine „ganze Fettlogik“.

Ich denke, was vielen nicht ganz bewusst ist, ist, wie tief meine eigenen Fettlogiken bei mir saßen. Mich hat es selbst oft überrascht, dass sie einfach nicht stimmten. Ich weiß noch, wie ich beim Krankheitskapitel fast aus den Latschen gekippt wäre. Aus meiner Fatacceptance-Zeit war ich fest davon überzeugt, die Krankheitszusammenhänge seien „fragwürdig“, „vage“ und „alle nur korrelativ“. Ich bin rangegangen mit der Einstellung, dass ich vermutlich ein paar Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Rückenschmerzen finden würde, die in klarem Zusammenhang zum Gewicht stehen, denn wenn ich ehrlich war hatte ich das im Hinterkopf trotzdem immer ein wenig geglaubt und ja dann auch selbst gemerkt, dass diese Dinge bei mir besser wurden (also Bluthochdruck und Schmerzen).

Dann gab ich meine Suchbegriffe ein und … tja. Da war so gar nichts „vage“. Das war im Gegenteil, äußerst eindeutig und quasi ein permanenter Schlag ins Gesicht. Anstatt ein paar wenige Krankheiten mit halbwegs klaren Bezügen zu finden, gab es kaum etwas, das nicht im Zusammenhang mit dem Gewicht stand. Ich musste irgendwann einfach aufhören, und so gibt es einige relevante Erkrankungen, die noch fehlen (Asthma beispielsweise, glaube ich).

Lustigerweise hatte ich in meiner Fatacceptance-Literatur dann einen Artikel zu „Aber Übergewicht ist besser für die Knochendichte“ und nach der ganzen Recherche dachte ich „Tzö, das ist sicher auch Bullshit, den ich jetzt lockerflockig als Fettlogik widerlege.“ – DAS war dann aber tatsächlich wahr. Ist ja bei näherer Ursachenbetrachtung auch logisch. Also, wie ging ich mit diesem „Gegenergebnis“ um? Es steht im Buch. Was ja auch ein Hinweis sein könnte, dass ich „unliebsame Fakten“ eben nicht ignoriere oder verheimliche. Wenns so ist, ist es halt so. Und mal ehrlich, das zu ignorieren wäre ja nicht unbedingt schwer gewesen, denn wer hätte mir ernsthaft einen Strick daraus gedreht, eine bestimmte Erkrankung unter tausenden NICHT erwähnt zu haben? Ich hätte ohne weiteres sagen können, dass ich Ostheoporose eben genauso wie Asthma gar nicht gesucht habe, weil ich ja nicht jede Erkrankung thematisieren kann.

Und hier ein weiteres Ding zum Thema „Gegenstudien“: Fettlogik ging ja ein Jahr vor der Printversion als selbstverlegtes ebook an den Start. Diese Version war noch deutlich kürzer, insbesondere der Teil zum „Hungerstoffwechsel“. In zig Diskussionen wurden mir auch noch zig Studien zugeschickt, die mir zeigen sollten: Hah! Er existiert doch. Ínzwischen sind die meisten Studien aus diesen Kapiteln aus exakt solchen Diskussionen heraus im Buch gelandet, denn ein genaues Lesen der Studien ergab eben, dass der Grundumsatz nicht (stark) sank. So gesehen ist das das stärkste Kapitel im Buch, denn es basiert zum größten Teil nicht auf meiner Recherche sondern auf der Recherche der „Gegner“, die mir ihre (vermeintlich) stärksten Belege schickten.

Wenn es also irgendwo „kontroverse Ergebnisse“ gab, habe ich immer versucht, möglichst genau zu erklären, woher diese kommen. Das wurde in einer Negativrezension auch angekreidet: Sie kommt nie zum Punkt und erzählt viel mehr von irgendwelchen Studien-DURCHFÜHRUNGEN als von den ERGEBNISSEN.“ aber in manchen Bereichen war es eben wichtig, aufzudröseln warum manche Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen und was das Studiendesign damit zu tun hat. An sich war meine Absicht, den Prozess auch gerade für Laien verständlich und transparent zu machen, denn klar stimmt theoretisch die Aussage, dass man zum Thema Gewicht ganz unterschiedliche Ergebnisse findet. Nur bedeutet das eben nicht, dass es dann auch unterschiedliche Tatsachen gibt – es bedeutet nur, dass manche Studien nicht geeignet sind, um eine bestimmte Frage zu beantworten. Wer nun eine bestimmte „Agenda“ verfolgt kann also tatsächlich immer irgendwelche dubiosen Studien aus dem Hut ziehen, die ein bestimmtes Ergebnis stützen  deswegen gibt es ja so viele „Wunderdiäten“ oder komplett unterschiedliche Ansätze.

Das ist allerdings kein Grund, die Wissenschaft und die Realität an sich in Frage zu stellen und nur noch gefühlten, oder alternativen Fakten zu folgen. Im Gegenteil, es sollte Anlass sein, sich (auch als Laie) mehr mit Originalstudien zu befassen. Artikel zu Studien sind oft Mist – kann man nicht anders sagen. Ich hatte hier schon einige Artikel großer Zeitungen kommentiert, und das waren noch nichtmal die wirklich unseriösen Seiten. Wer in einem Artikel nur von „neuen Studien“ oder „Studien sagen,….“ spricht, ohne Quellen anzugeben, schreibt oft Bullshit. Aber auch wenn die Studien angegeben werden, lohnt sich oft ein Blick hinein, um zumindest das „Abstract“, also die Zusammenfassung zu lesen. Dort wird kurz das Wesentliche zur Studie erklärt, also die Durchführung, das Ergebnis und das Fazit.

Klar kann man nicht zu jedem Thema umfassend informiert sein und sich als fachfremder Mensch in zig Originalstudien zu Dingen wie Klimawandel, medizinischen Themen oder Physik einlesen. Wichtiger ist eher, dass man Strategien entwickelt, um „Fake News“ und unseriösen Quatsch möglichst gut zu enttarnen. Im Zweifel hat es seinen Grund, wenn 95 % der Experten eines Fachgebietes eine bestimmte Meinung vertreten. Das bedeutet nicht, dass diese zwingend richtig sein muss, es bedeutet nur, dass es ein nachvollziehbares Erklärungsmodell benötigt und klare, nachprüfbare Belege, wenn jemand diesen Konsens in Frage stellt.

Es mag in zweiter Instanz interessant sein, warum 95 % der Experten irren, aber die Begründung darf nicht zentral darauf beruhen. „Die Ärzte/Politiker/Wissenschaftler/Industrie … sind alle nur geldgeil und manipulieren, daher darf man denen grundsätzlich nicht trauen.“ ist kein Beleg. Und „Wer garantiert, dass das nicht alles einseitig zitiert wurde?“ ist kein Gegenargument.

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Gastbeitrag: Low Carb High Fatlogic

yuFast hätte ich es verpasst: Heute ist der Jahrestag der Fettlogik-Printversion! 365 Tage Fettlogik als toter Baum – inzwischen in der 14. Auflage. Und zur Feier des Tages schickte mir heute die Bloggerkollegin Frau Yu einen Gastbeitrag. Das ist heute besonders schön, denn sie war gewissermaßen von Anfang an dabei und erlebte sogar noch die ganze Vorher-Geschichte, bevor ich mich mit Fettlogik quasi „outete“. Hier also Frau Yus Geschichte, aus der direkten Nachbarschaft des virtuellen Bloggerdorfes:

Ich verfolgte Nadjas Blog „Erzählmirnix“ schon lange.
Darauf gestoßen bin ich ganz „klassisch“ – naja klassisch für die Bloggerwelt.
Nadja hatte mal zu einem meiner Beiträge kommentiert, ich habe nachgesehen, wer da geschrieben hat, habe lustige Strichmännchen gesehen und mich erst mal eingelesen.
Geblieben bin ich dann als treue Leserin nicht wegen der Strichmännchen, sondern wegen der Inhalte, der pointierten Art und Weise sich mit dem Alltagswahnsinn, der uns umgibt, auseinander zu setzen. Ich mochte die Kontroversen.

Irgendwann postete Nadja dann mal ein Foto von sich während der Renovierungsarbeiten an ihrem Haus und ich dachte „Ach, die ist ja auch dick. Hätte ich gar nicht gedacht.“
Und irgendwann häuften sich plötzlich auf dem Blog die Comics zum Thema Übergewicht.
Ich sah, wie angepisst einige Leser waren, Nadja plötzlich Fatshaming vorwarfen und total ausflippten.
Ich, die ich mich aber an das besagte Foto erinnerte, dachte nur: „Kommt mal klar! Die wirft euch das nicht vor! Sie setzt sich damit auseinander!“ und ich habe mich köstlich über die Comics amüsiert, weil ich mich selbst in so vielem wieder erkannte.

Dann irgendwann ließ sie die Bombe platzen: Ihre Geschichte. Von 150 kg auf Normalgewicht und wie sie sich mit den Fettlogiken auseinander gesetzt hatte.
Sie kündigte ihr Buch an und ich war Feuer und Flamme.

Denn: ich war selbst schon immer dick.

Seit Kindheitstagen war ich immer die Dicke und seit Kindheitstagen versuchte ich gegen die fetten Windmühlen anzukämpfen.
Doch statt nachhaltig schlanker zu werden, wurde ich immer dicker. Bis ich letztlich ein Höchstgewicht von 127 kg erreicht hatte.
Diesem Gewicht sagte ich bereits im Jahr 2009 den Kampf an und fing an, Punkte zu zählen und eben auch darüber zu bloggen.
Bis 2013 blieb ich dem Punktezeug treu. Und kam irgendwie auf 110 kg.
Dieses Gewicht hielt sich ewig. Es war so, als könne ich diese Marke einfach nicht unterschreiten.
Setpoint, ganz klar!

Aber irgendwie wollte ich mich nicht damit abfinden, dass es das jetzt gewesen sein sollte mit der Abnahme und suchte nach Alternativen zum Punktezählen.
So stieß ich, durch meine „Blognachbarn“, auf LCHF (Low Carb High Fat) als Ernährungsform.
Was hatte ich zu verlieren? Und so ließ ich mich auf das Experiment ein und nahm erfolgreich ab.
Bis auf 97 kg.

Kaum war ich UHU, wurde ich schwanger und packte mir in der Schwangerschaft, aber vor allem in der ersten Zeit nach der Geburt, 17 kg wieder drauf.
Schokolade to the max!
Ich war so runter mit den Nerven, verursacht durch die schlechten Nächte mit meinem Baby, dass das Essen (wieder einmal) mein Trost wurde. So spachtelte ich mich kreuz und quer durch das vielfältige Nahrungsangebot. Rosinenstuten zum Frühstück, Pizza zum Mittagessen und als Nachtisch einen Becher Ben&Jerrys.

Alles gar kein Problem. Das hatte ich mir schließlich verdient!

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Nach der Schwangerschaft mit 114 kg

Nun ja, mit dem Gewicht stieg auch die Unzufriedenheit in mir.
Es konnte doch nicht sein, dass ich wieder aus dem Leim ging, „nur“ weil ich ein Kind bekommen hatte.
Dann müssten ja alle Mütter auf der Welt schwerst adipös sein.

Ich besann mich zurück auf LCHF. Diese Ernährung tat mir gut, sie half mir dabei, meinen Heißhunger im Zaum zu halten.

Also startete ich mit 114 kg in den erneuten Abnehmversuch.
Ungefähr zur gleichen Zeit las ich FLÜ.

Ich habe, glaube ich, eine der allerersten Kindleversionen gelesen. In einem Rutsch, an einem Nachmittag.

Ich war baff. Was ich da las zog mir teilweise einfach den Boden unter den Füßen weg.
Wie? Es gibt keinen Hungerstoffwechsel?!
Was? Es ist nicht genetisch bedingt?
Hä? Mein Mann ist gar keine Stoffwechselmaschine, die alles direkt verbrennt?

Ich gebe zu, oft regte sich zuerst Protest in mir. Ein vehementes DAS KANN DOCH NICHT SEIN!

Naja, wohl eher ein DAS DARF NICHT SEIN denn sonst fehlen mir ja alle Ausreden bzw. Erklärungen!

Nachdem der erste Schock verdaut war und ich mich mit meinen eigenen Fettlogiken auseinandeer gesetzt hatte, ging es dann aber stetig bergab mit dem Gewicht.
Innerhalb eines Jahres verlor ich 30 kg,

Derzeit pendle ich um die 84 kg-Marke herum, will aber auf jeden Fall noch weiter runter.
Ich blieb übrigens LCHF treu und bin es bis heute geblieben.
Viele werden sich vielleicht fragen, warum.
Low Carb ist doch genussfeindlich, nicht auszuhalten und wird gemeinhin gern als „spleenige Ernährung“ belächelt.
Außerdem müsste ich doch durch FLÜ verstanden haben, das es im Prinzip egal ist, ob ich Low Carb oder High Carb, Paleo oder Kohlsuppe, Punkte oder Shakes zu mir nehme.
Ja, das habe ich auch verstanden.
Nur leider funktioniert bei mir der „alles ist erlaubt, aber in Maßen“-Ansatz nicht. Ich kann mich bei kh-lastigem Essen nicht kontrollieren.
Süßigkeiten sind am schlimmsten, aber selbst ein schnödes Weizenbrötchen oder Nudeln sorgen dafür, dass ich den ganzen Tag rumfresse und alle guten Vorsätze über Bord werfe.
Mit LCHF hingegen bleibt der Blutzuckerspiegel ruhig, es gibt also keine Heißhungerattacken durch Blutzuckerspitzen und das macht es mir schon sehr viel einfacher, mich an mein Kalorienbudget zu halten.
Der relativ hohe Fettanteil im Essen sorgt für eine langanhaltende, zufriedenstellende Sättigung, sodass ich an den meisten Tagen mit zwei Mahlzeiten auskomme, anstatt wie früher durchgängig irgendwas vor mich hin zu futtern.
Außerdem schmecken LCHF-Gerichte einfach geil. Muss man mal so sagen. 😀

Mascarpone mit Beeren, Eier mit Speck, Salat mit ordentlich Öl im Dressing und ein nettes Steak mit Kräuterbutter – das sind schon ziemlich coole Mahlzeiten.

Ich schweife ab, aber ich wollte einfach kurz einmal erklären, warum diese Ernährungsform für mich der Weg ist, langfristig mein Gewicht verringern und halten zu können.

Aber FLÜ hat natürlich auch meinen Blick auf LCHF verändert.
Mir war immer klar, dass es auf die Kalorienbilanz ankommt, wenn es ums abnehmen geht.
Und so versuchte ich natürlich immer ein ausreichendes Defizit zu erreichen, damit das Gewicht schwinden würde.
Wie gesagt, macht das reichhaltige Essen bei meiner Ernährungsform lange satt.
Das führte oft dazu, dass ich nach zwei Mahlzeiten und somit 1.000 – 1.200 Kalorien am Tag fertig war mit Essen. Ich wollte nicht mehr, weil ich einfach keinen Hunger hatte.
Aber Fettlogik-Yubaba saß in meinem Hirn und wetterte: „HUNGERSTOFFWECHSEL! Du isst viel zu wenig!!!“
Sodass ich manchmal tatsächlich noch was nachschob, nur damit die Kalorien höher waren.
Oder aber mit dem schlechten Gefühl, mit der wenigen aufgenommenen Energie meinen Körper zu Grunde zu richten, ins Bett ging.

Das war eine wirkliche Erleichterung für mich. Echt. Dieser Hungerstoffwechsel-Mythos ist für mich Das Mutterschiff aller Fettlogiken.
Die Hinweise darauf, bloß nicht zu wenig zu essen, lauern überall.
Jeder selbsternannte Ernährungsexperte wird dir das früher oder später um die Ohren hauen.

Was mich auch eiskalt erwischt hat, war die Tatsache, dass mein Mann eben nicht mit einem „guten“ Stoffwechsel gesegnet und ich mit einem „miesen“ geschlagen war.
Das war immer mein Nummer 1 – Jammerthema. „Ich esse genauso viel, wie mein Mann und der ist schlank und ich werde immer fetter!“

Öhm ja.
Mein Mann ist einige Zentimeter größer als ich und eben ein Mann. Und dazu auch noch viel aktiver. Finde den Fehler!

Angespornt durch FLÜ habe ich dann mal unseren Bedarf und unseren Verbrauch gegenüber gestellt und musste erkennen, dass, wenn wir das gleiche essen, er easy peasy in seinem Tagesbedarf liegt, während ich dann längst drüber bin.
Wer hätte das gedacht?! (Hier bitte massives Augenrollen vorstellen.)

Was mich auch nachhaltig beeindruckt hat, war, dass über das LCHF-Forum irgendwann eine regelrechte Fettlogik-Welle schwappte.
Ich hatte auf dem Blog Werbung dafür gemacht und es einzelnen Mitforisten ans Herz gelegt, klar, aber auf einmal war es überall Thema.
Ich habe mit Freude gesehen, dass viele Teilnehmer ganz viel positives, wichtiges, augen-öffnendes für sich da heraus ziehen konnten.
Besonders schön fand ich, dass viele dadurch erkannt haben, dass LCHF keine Stoffwechselwunderdiät ist, die mit haufenweise Fett irgendwelche Körperprozesse anfacht, die dann für eine automatische Gewichtsabnahme sorgen.
Leider wird das manchmal so verkauft und am Ende sitzen Leute da, essen 4.500 Kalorien am Tag und wundern sich, dass sich ihr Gewicht nach oben schraubt, obwohl sie sich doch so „brav an LCHF halten“ und überall ordentlich Fett ran geben.

Auch in Sachen Zielsetzung hat mich Fettlogik stark beeinflusst.

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84 kg

Ich habe immer den Larifari-Ansatz („Och so um die 80 Kilo reichen doch!“) verfolgt.

Das rührte daher, dass ich es für absolut unrealistisch hielt, dass ich jemals auch nur in die Nähe des Normalgewichts kommen könnte.
Und dann kam Nadja und hat es einfach so vorgemacht und auch noch wissenschaftlich belegt.
Es ist eine Befreiung zu wissen, dass ich jedes Gewicht erreichen kann, wenn ich will.
Deswegen habe ich mein Zielgewicht auch runter korrigiert, auf 67 kg, was meinem obersten Normalgewicht entspricht.
Gestartet bin ich nämlich mit der Vorstellung, bei 82 kg wäre ich fertig und zufrieden.
Jetzt, in der Nähe dieses Gewichts, denke ich eher „Nope, da muss noch einiges gehen!“
Vielleicht bin ich bei 67 kg dann der Ansicht, das mittleres oder unteres Normalgewicht noch besser wären. Wer weiß. Vielleicht sage ich auch bei 75 kg: „Ach, alles cool!“
Ich weiß nun jedenfalls, dass theoretisch alles möglich ist.

Fettlogik überwinden hat mich also wirklich von vielem befreit. Allein dafür bin ich Nadja auf ewig dankbar.
Allerdings hat FLÜ aber manchmal auch einen „negativen Effekt“ auf mich.
Den „Bist ja selbst Schuld“-Effekt will ich den mal nennen.
Wenn ich auf der Stelle trete beim Abnehmen, wenn ich sogar mal leicht zunehme, weiß ich jetzt, dass das in meiner Verantwortung liegt.
Klar ist es schön, sich der eigenen Verantwortung bewusst zu sein. Es ist aber auch eine Last irgendwie.
Es war eben einfacher, es auf kosmische Konstellationen und die allgemeine Ungerechtigkeit zu schieben, als sich einzugestehen, dass man einfach zu viel isst.
Wenn ich in so einer Stimmung dann noch krasse Erfolgsgeschichten lese, in denen Menschen in einem halben Jahr 30 kg abspecken, zieht mich das enorm runter.
„Alle schaffen das, nur du nicht! Bist ja selber Schuld! Verlierer.“

Für mich, als emotionaler Esser, ein gefährlicher Gedanke, der schnell zu einem Fressanfall führen kann.

(Ja, davor bin ich auch mir LCHF nicht gewappnet. Es hilft mir, den blutzuckerinduzierten Hunger auszuschalten, dieser Fallstrick fällt also weg. Bleibt aber immer noch die Herausforderung, echten Hunger von emotionalem Hunger zu unterscheiden und nicht einfach loszuessen.)

Doch auch wenn das im ersten Moment negative Gefühle bei mir erzeugt, es bleibt nun mal die Wahrheit. Ich allein entscheide, ob, wann und wie viel ich esse und somit entscheide auch ich allein über mein Gewicht.

vny
127 kg vs. 84 kg

Alles in allem kann ich, wie so viele vor mir es auch schon taten, sagen, dass Fettlogik überwinden und damit Nadja, mein Leben verändert hat.
Und ich finde es großartig zu sehen, welchen Erfolg das Buch hat.

Danke, Nadja! 🙂

Gastbeitrag: Mut & Motivation

Heute kamen zwei Mails in mein Postfach geflattert, die mich sehr bewegt haben. Nummer eins beinhaltete einen Link zu einem Artikel der Pharmazeutischen Zeitung: „Adipositas: Zu dick, aber nicht schuld daran“ in dem in nur vier Absätzen sorgfältig jegliches bisschen Selbstwirksamkeit zertreten wird, das ein übergewichtiger Mensch haben könnte und mit dem Satz schließt: „Normalgewicht sei jedoch für viele Adipöse kein realistisches Behandlungsziel. Anzustreben sei vielmehr eine moderate, aber dauerhafte Gewichtsabnahme.“

Ich habe überlegt, ob ich diesen Artikel kommentiere. Habe überlegt, die unglaubliche Unangemessenheit solcher Vergleiche herauszustellen: „Einem Menschen mit Adipositas die Schuld an seinem hohen Body-Mass-Index zu geben, sei deshalb genauso sinnlos, wie im Fall von Krebs oder Bluthochdruck die Schuld bei den Betroffenen zu suchen.“ insbesondere wenn dann Begründungen wie diese folgen: „Wer abnehmen und das niedrigere Gewicht auch halten will, muss auf Dauer unangenehme Dinge vermehrt tun, nämlich bewusst weniger essen, als er möchte, und Treppen steigen statt bequem mit der Rolltreppe zu fahren“ – aber gleichzeitig will ich diesen unfassbaren Bullshit auch gar nicht durch eine ausführliche Kommentierung aufwerten.

Glücklicherweise kam kurze Zeit später Mail Nummer 2, von Manuela, die mir einen Text mit der Überschrift „Mut & Motivation“ schickte. Und was könnte besser dazu geeignet sein, es einem solchen Artikel entgegenzusetzen?

Also, auf Manuela, die sich als Adipöse für das unrealistische Ziel entschieden hat, Normalgewicht zu erreichen:

m1
09/2016, 88kg, BMI 3

Hallo ihr Lieben,

hier eine „kleine“ Geschichte von mir:

Ich heiße Manuela, bin 33 Jahre, wohne im schönen Unterfranken und kämpfe seit ich 13 Jahre alt war gegen mein Gewicht…manchmal mehr, … manchmal weniger.

Ok, ja es ist tatsächlich so – ich hatte eine schwere Kindheit – mein Vater streng und ausfallend, meine Mutter die, die nur einsteckte und versuchte ihm alles recht zu machen. Wir vier Kinder, die tagtäglich draußen  in der Landwirtschaft mithelfen mussten und nicht so viel Zeit hatten für die schönen Sachen des Lebens, so wie andere Kinder vielleicht. Irgendwann hatte meine Mutter dann aber doch die Schnauze voll und als ich 12 Jahre alt war, sind meine Mutter, meine drei Brüder und ich vor meinem Vater im wahrsten Sinne des Wortes geflüchtet.

Das war dann auch die Zeit, als ich anfing mich mit meinem Körper zu beschäftigen. Andere Stadt, neue Schule, Schwimmunterricht, den ich bisher nicht hatte und viele hübsche Mädchen in der Klasse, die irgendwie alle besser im Badeanzug aussahen als ich. Ok, ich hatte vielleicht nicht großartig Übergewicht, aber schlank war wohl auch was anderes! Spätestens als mir eine Schulkollegin einen Badeanzug schenkte, in dem ich aussah, wie eine Presswurst, merkte ich, dass Toastbrot mit Salami oder Schokolade nicht gerade zur  besten  Ernährungsform gehören. Und was ist Sport eigentlich? Ach das was man in der Schule 2 Stunden die Woche hat und sich am liebsten irgendwie drum herum drückt??! Ah ja…hat wohl alles seinen Sinn, wie sich im Nachhinein herausstellte. Ok, zu diesem Zeitpunkt war ich nicht in der Lage irgendwas zu ändern oder mir großartig Gedanken zu machen, was ich ändern könnte, musste mich ja erstmal zurecht finden im neuen Leben, ohne den „bösen“ Vater, aber auch ohne die alten Freunde und die alte Umgebung. Also ging es erstmal so irgendwie weiter.

Wir mussten ein paar Monate später wieder umziehen und wieder neue Menschen, neue Schulkollegen, andere schlanke Mädchen und ich die „Neue“, die sich nichtmehr wohl fühlte in ihrer Haut. Inzwischen hatten sich wieder einige Kilos mehr angesammelt auf der Waage und ich merkte, dass ich wohl doch nach meiner Mutter kam, die ich eigentlich nie schlank kannte, sondern eben nur immer schon etwas „kräftiger“ – Die Gene eben! Richtig schlank werde ich wohl nie sein, aber man kann ja mal probieren, ein paar Kilos abzunehmen.

So fing es mit 13 Jahren an, dass ich immer wieder Diäten ausprobierte. Shakes, Nulldiäten, nur ein Apfel am Tag und so weiter. Nichts hielt ich lange durch. Irgendwann als ich 18 war, wurde dann Weight Watchers ziemlich präsent und meine Mutter und ich meldeten uns dort an. Das erste mal in meinem Leben, konnte ich wirklich Erfolge sehen. Ich fand das System echt gut und nahm ganze 13 Kilos ab. Nur lange gehalten hab ich´s nicht. 8 Jahre später war ich bereits zum dritten mal dort und habe diesmal mein Traumgewicht von 57 kg bei 1,67 m erreicht. Das war toll, endlich mit Freude shoppen gehen, mit gutem Gefühl ins Schwimmbad, Komplimente von allen Seiten und viele Verehrer. Aber wie es halt immer war, so war es auch diesmal.

Ich lernte meinen jetzigen Mann kennen, bekam eine süße Tochter und und hatte wieder acht Jahre später satte 30 Kilo mehr auf der Waage als mein „Traumgewicht“ von damals.

Ende September 2016 konnte ich mein Spiegelbild nichtmehr ertragen und erst recht keine Bilder von mir! Ich bin dauernd zum Arzt gerannt, weil ich dachte, es könne etwas nicht stimmen mit mir. Vielleicht eine Krankheit, Schilddrüsenunterfunktion oder so. Ich hatte Schmerzen in den Fußgelenken, oft Bauchschmerzen   – vielleicht eine Unverträglichkeit ? Aber es war nichts. Alles war laut den Ärzten in Ordnung.  Also musste ich mich wohl doch damit abfinden, dass es an mir lag. An schlechter Ernährung und zu wenig Bewegung! Und so mehr ich darüber nachdachte, umso mehr wurde mir das auch bewusst.

Es musste  also was passieren, irgendwas, irgendwie! Doch der Weg schien lang. 30 kg?! So lange hungern und immer zurückhalten!!! Aber wer nicht anfängt, der kommt auch nie ans Ende, sagte ich mir immer wieder.

So begann ich mich an viele Ratschläge aus dem Internet und diversen Büchern zu halten. Quälte mich mit kohlenhydratarmer Ernährung, grünem Tee und Verzicht auf  jegliche  Form von Zucker. Immerhin 8 kg waren schon weg!

Und dann kamst du liebe Nadja – du und dein Buch „Fettlogik überwinden“. Ich hatte es zufällig Anfang November auf Amazon entdeckt. Ich habe fast alle Bewertungen zu diesem Buch gelesen und war dadurch schon dermaßen begeistert, dass ich es kaum noch erwarten konnte, bis das Buch endlich geliefert wurde. Zwei Tage später war es dann da und  ich musste sofort los lesen. Ich konnte das Buch kaum noch aus der Hand legen. Und habe es innerhalb kürzester Zeit verschlungen. Es hat alles verändert! Ich hatte an so viele  Logiken geglaubt und musste so oft über mich selbst lachen, weil ich all die Jahre versucht hatte so viele Dinge zu beachten und doch wieder entmutigt war, mit dem Glauben, ich kann nicht schlank bleiben, es ist eben die Veranlagung, dass ich schnell zunehme. Dabei ist es doch so klar, dass man wieder und noch schneller zunimmt wenn man nach einer Diät wieder in seine alten Muster verfällt.

„Fettlogik überwinden“ ist der Hammer und sollte weltweit bekannt sein. Jeder sollte die Möglichkeit haben zu wissen, dass es dieses Buch gibt und was es bewirken kann. Ich habe es selbst schon vielen Bekannten und Freundinnen weiter empfohlen, die sich bis dahin mit den vielen „Weisheiten“ rumgeschlagen haben.

Hier meine TOP  – Fettlogiken, von denen ich echt soooo überzeugt war:

  • Der Tag ist sowieso schon ruiniert, jetzt kann ich essen bis mir schlecht wird
  • Ich werde nie richtig schlank sein können  und bleiben, das liegt einfach in meinen Genen
  • Ich hab bestimmt einen miesen Stoffwechsel und muss mich so zusammen  reißen um mein Gewicht überhaupt halten zu können
  • Der JoJo-Effekt natürlich – wie soll ich jemals mein Gewicht halten können ohne mein ganzes Leben zu hungern
  • Ich habe bestimmt eine Krankheit, dass ich nicht schlank sein kann, aber kein Arzt findet sie
  • Ich habe schon  so viel abgenommen in meinem Leben, dass mein Körper es schon gar nicht mehr anders gewohnt ist und einfach nichtmehr abnehmen will

Ja diese und noch viele andere Gedanken haben es mir immer schwer gemacht überhaupt daran zu glauben, dass ich nochmal mein Traumgewicht erreichen könnte. Jetzt weiß ich, dass ich einfach nur mehr Kalorien am Tag verbrauchen muss, als ich zu mir nehme und selbst wenn ich mal 300 kcal mehr esse, wie ich mir fürs Abnehmen vorgenommen habe, werde ich nicht gleich ein Kilo zunehmen weil ich ja immer noch weit unter meinem Tagesbedarf liege oder ich mache solange Sport bis ich die 300 kcal wieder verbrannt habe und wenn die Waage doch mehr anzeigt, dann  ist es ganz bestimmt nur Wasser.

m2
02/2017, 68 kg, BMI 24

Inzwischen habe ich 20 kg abgenommen und will noch 10 kg schaffen. Und ich weiß auch, dass ich es schaffen werde. Die Schmerzen und körperlichen Probleme sind verschwunden und ich bin fitter und laufe jetzt sogar freiwillig und mit Freude Strecken, die ich sonst nur mit dem Auto gefahren wäre. Klar gibt es Tage, an denen möchte ich am liebsten nur essen und verliere die Motivation. Aber dann  lese ich wieder in Nadjas Blog und ich habe mir eine Kleid für den Sommer ausgesucht, dass ich auf  jeden Fall (in Größe 36) tragen will und es soll gut aussehen, ja es wird gut aussehen! Ich weiß zwar auch, dass ich nach der Abnahme wohl mein ganzes Leben lang auf meine Kalorienzufuhr aufpassen muss, aber in der Hinsicht dass ich viele hundert Kalorien mehr essen kann als jetzt und  mir durch Sport noch mehrere dazu verdienen kann, gewinne ich auch an Mut, dass ich nie mehr übergewichtig sein muss, wenn ich nur immer ein bisschen über meine Ernährung nachdenke. Motivation  ist das Wichtigste für mich und ich hoffe ich konnte euch auch alle ein bisschen davon abgeben !

Ich wünsche euch alles Liebe und viel Erfolg auf eurem Weg!

Eure Manuela

Im Gespräch mit Natalie Grams

Wie viele wissen, habe ich neben Fettlogik auch eine Comicseite namens erzaehlmirnix, unter der ich Comics zu diversen Themen poste, von Tagespolitik und Gesellschaft bis zu Gesundheitsthemen. Vor einigen Monaten schrieb mich Natalie Grams auf Twitter an und fragte mich, ob sie einige meiner Comics über Homöopathie für die Internetseite „Netzwerk Homöopathie“ verwenden dürfe.

natalie
Natalie Grams

Als ich mir Natalies Seite ansah, entdeckte ich einige Gemeinsamkeiten in unserer Geschichte. Auch sie war jahrelang fest von einer bestimmten Denkrichtung überzeugt, bis sie sich eingestehen musste, dass ihr Wissen einer genauen Überprüfung nicht stand hielt. Als Homöopathin mit eigener Praxis und guten Erfahrungen mit ihrer Behandlung, entschloss sie sich, ein Buch über die Vorteile der Homöopathie zu schreiben.

Im Laufe ihrer Recherchen stellte sie allerdings fest, dass es tatsächlich keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt, dass homöopathische Medikamente eine spezifische Wirkung haben. In Studien, in denen die Patienten nicht wissen, ob sie Homöopathie oder ein Placebo erhalten, wirken Globuli ebenso gut oder schlecht wie die Placebokügelchen. Ebenso ist es bei Tieren oder Babys so, dass der Effekt verschwindet, wenn Eltern oder Behandler nicht wissen, ob sie Globuli oder Placebo verabreichen.

Natalie änderte daraufhin ihr bisheriges Weltbild. Sie gab ihre Praxis auf und schrieb das Buch „Homöopathie neu gedacht“, in dem sie versuchte, die Wirkfaktoren von Homöopathie aufzuschlüssen (der Placebo-Effekt ist keine „Einbildung“ sondern im Prinzip eine Art, die vorhandenen Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren) und in die Allgemeinmedizin einzubringen. Von der überzeugten Homöopathin ist sie also inzwischen zur bekannten Homöopathiekritikerin geworden.

Natalies Weg ähnelt damit in gewisser Weise meinem eigenen, wenn auch in unterschiedlichen Themenbereichen. Daher hatte ich die Idee, dass ein Austausch über unsere Erfahrungen spannend sein könnte und fragte sie, ob sie nicht Lust hätte auf eine Art gegenseitiges Interview in Gesprächsform. Die Unterhaltung lief dabei per Mail über die letzten Tage hinweg:

Nadja: Hallo Natalie, ich freue mich, dass unser „Gespräch“ klappt! Als ich zum ersten Mal auf dich stieß, hatte ich den Gedanken, wie ähnlich unsere Geschichten sich sind, wenn auch in anderen Bereichen: Wir beide waren lange Jahre überzeugte Anhänger einer vermeintlich wissenschaftlichen Theorie und haben unser Leben sogar gewissermaßen danach ausgerichtet. Bei mir war das die Fatacceptance, bei dir die Homöopathie. Ich wog irgendwann 150 kg, du hattest eine entsprechende Ausbildung und eine erfolgreiche Homöopathische Praxis. Bis bei uns beiden irgendwann der Punkt kam, an dem wir unsere Überzeugungen in Frage stellten und zu dem Schluss kamen, dass wir jahrelang falsch gelegen haben. Eine Erkenntnis, die nicht leicht ist – zumindest ging es mir so. Wie war es bei dir? Wie bist du zur Homöopathie gekommen und was hat dich damals davon überzeugt?

Natalie: Bei mir war es eine ganz persönliche positive Erfahrung. Ich glaubte erlebt zu haben, wie krass die Homöopathie helfen kann und habe damals noch nicht zwischen der homöopathischen Behandlung und dem Homöopathikum unterschieden. Ich dachte einfach: Wow! und dann: Das will ich auch lernen. Also hab ich angefangen Kurse in Homöopathie zu belegen und bin immer mehr reingeraten in dieses Denken, Assoziieren habe nicht mehr hinterfragt, ob das eigentlich wirklich stimmen kann. Dann kamen die ersten geheilten Freunde, Kinder und später Patienten hinzu – ein perfektes System. Denn solange man nicht ernstlich krank ist, geht es jedem irgendwann besser. Das habe ich halt nur der Homöopathie zugeschrieben. Und mich darin immer weiter fortgebildet, was nichts anderes heißt als immer tiefer reinbegeben in das homöopathische Denken. Das „System“ funktioniert so nahtlos, so perfekt – zumindest wenn man drin steckt. Erst viel später und mit viel Anstrengung hab ich da wieder rausgefunden. Wie war das bei Dir? Wie gut hast Du „mit dem alten System“ gelebt – aller kognitiver Dissonanz zum Trotz? (Ich hab die zB immer wieder mal daran gemerkt, dass es mir peinlich war gegenüber ärztlichen Kollegen zu sagen, was ich beruflich mache, dass ich „nur“ Homöopathin bin, obwohl ich doch sonst so stolz auf meinen Beruf war. Hast Du bei Dir Ähnliches bemerkt?)

Nadja: Ja! Bei mir war es im Prinzip dasselbe System: Die Fatacceptance schloss nahtlos an meine persönliche Erfahrung an. Abnehmen war für mich immer mit extremem Hungern verbunden und „normal essen“ führte zur Zunahme. In meiner Wahrnehmung aß ich nicht besonders viel, zumindest nicht so viel dass es zu 150 kg passen würde. Die Grundsätze der Fatacceptance, dass es eben unterschiedliche genetische Veranlagung gibt und man sich mit Diäten den Stoffwechsel zerstört (ich habe in meiner Jugend so ziemlich jede Diät auf und ab Gejo-jot) schien mir plausibel. Und auch die Aussage, dass Übergewicht nicht per se ungesund ist sondern das alles nur veraltetes Wissen ist, das auf reinen Korrelationsstudien beruht, klang nicht falsch. Auch in den allgemeinen Medien gab es ja immer wieder Berichte wie „Leichtes Übergewicht ist doch gesünder als Normalgewicht!“ oder ähnliches – wie ich jetzt weiß, waren leider das die unseriösen Forschungsergebnisse und nicht die restlichen 95%, die auf die Gefahren von Übergwicht hindeuteten. Aber in der eigenen Filterblase stößt man hauptsächlich auf die 5% der Ergebnisse, die passen und irgendwann denkt man, die Welt drumherum hat einfach die richtigen Ergebnisse noch nicht wirklich mitbekommen.

Gleichzeitig gab es definitiv eine riesige kognitive Dissonanz: Ich war ja de facto nicht gesund. Mein Blutdruck war extrem hoch, ich hatte ständig Rücken- und Gelenkschmerzen und war enorm unfit. Also vermied ich größtenteils alle Situationen, die mich mit diesen Tatsachen konfrontierten, z.B. körperliche Leistungssituationen. Ich ging kaum zum Arzt und sagte mir, dass die Ärzte ohnehin alles aufs Gewicht schieben würden, weil diese ja noch das veraltete Wissen im Studium lernten. Wenn ich doch zum Arzt ging, erzählte ich, dass ich am Weißkittelsyndrom leide und der Blutdruck nur in der Praxis so hoch sei und zuhause viel niedriger.
Und was mir ebenfalls hätte eine Warnung sein können: Ich bin jemand, der an sich sehr gerne diskutiert und seine Meinung sagt, auch wenn die kontrovers ist. Beim Thema Gewicht war das allerdings ganz anders und ich ging solchen Diskussionen von vornherein aus dem Weg. Dabei sagte ich mir selbst, dass es zu anstrengend sei mit Leuten zu diskutieren, die einfach von Grund auf keine Ahnung von den neueren Erkenntnissen zu Übergewicht hatten und an Dinge wie die Kalorienbilanz glaubten. Ich denke, unbewusst war mir klar, dass meine Argumente zu löchrig waren, um einer richtigen Diskussion standzuhalten, also flüchtete ich mich gewissermaßen ins Gegenteil und sagte mir, dass ich einfach zu viel Wissen habe und es sich nicht lohnt mit den Ignoranten zu diskutieren, die bloß das veraltete „Wissen“ widerkäuen, das schon lange widerlegt ist.
Wie ging es dir mit Diskussionen zu Homöopathie oder Homoöopathie-Gegnern?

Natalie: Das passt gut zu dem, was ich erlebt habe. Ich hab mich auch nur noch in Homöopathie Kreisen bewegt und da gibt man sich gegenseitig schön Selbstbestätigung wie recht man doch hat und wie „arm“ die anderen alle sind, nicht über dieses Spezialwissen zu verfügen. Ich weiß noch, dass da mal ein Spiegel-Artikel gegen die Homöopathie raus kam, den haben wir alle gehasst – obwohl ihn wohl kaum jemand wirklich gelesen hat. Zu gefährlich. Aber so hab ich das damals nicht gesehen. Ich fand es „zu lächerlich“ (Was wissen DIE schon?). Aber dann wurde ich interviewt von Nicole Heißmann für das Buch Die Homöopthie-Lüge. Ich war so arg überzeugt, dass ich echt dachte, die kann noch was von mir lernen. Heute ist es mir echt peinlich, was ich damals gefaselt habe (ja, „Quantenphysik“ und „Wir sind alle Energie“ kam auch drin vor). Jedenfalls wollte ich wissen, ob sie mich im Buch erwähnt und musste es dafür zwangsläufig lesen. Das hat mich so aufgeregt! Echt ein Wunder, dass ich keinen Herzinfarkt bekommen hab (lag wohl an den Globuli damals 😉 )! Ich hab dann auf Amazon angefangen mit den Homöopathie-Gegnern zu streiten, die meine Rezension angriffen. Und mir ging es so wie Dir – erst dachte ich, Leute, schaut mal, was ich alles weiß – und übrig blieb ein Scherbenhaufen. Ich hab gemerkt, dass ich die Ignorantin bin. Die haben Argumente, Belege – und ich nur meine Erfahrung und mein „ich glaube aber, dass…“. Das hat mich so gefuchst, dass ich die Rezension gelöscht habe und angefangen habe, all die Dinge aufzuschreiben, die ich über die Homöopathie wusste um ihre Ehre zu retten. Erstmal nur für mich und weil ich nicht mehr verstehen konnte, wie dann Patienten dennoch gebessert aus meiner Praxis heraus spazierten. Daraus entstand dann meine Buchidee.

Heute weiß ich, warum ich mich vor wirklichen Diskussionen mit Homöopathie-Gegnern immer gedrückt habe – irgendwie muss ich gewußt haben, dass ich denen nicht standhalten kann. Und das erklärt mir heute auch, warum so viele Homöopathen, wenn sie mir schreiben, immer gegen meine Person schießen – an Sachargumenten gibt es nichts, was trifft.
Wie sieht es bei Dir aus, wirst Du auch angegriffen, beleidigt und lächerlich gemacht, für das, was Du heute sagst und wofür Du eintrittst mit Deinem Buch?

Nadja: Kurz nachdem Fettlogik veröffentlicht wurde, schrieb Robin Urban, eine Feministin, eine begeisterte Rezension. Daraufhin wurde die Fatacceptance-Szene auf Fettlogik aufmerksam und es gab auf Twitter einen Shitstorm. Gelesen hatte das Buch keiner, aber anhand der Beschreibungen wurde mir unter anderem unterstellt, dass ich in Wirklichkeit eine Magenverkleinerung gehabt haben müsse und nun Dicke hasse. Fatshaming und Dickenhass waren die Haupt-Vorwürfe und es gab kurzzeitig auch einen Gegenhashtag (#pizzalogik), der aber nicht allzu groß wurde. Für mich war das damals relativ hart, weil das teilweise Leute waren, die ich die letzten Jahre regelmäßig als stille aber begeisterte Leserin verfolgt habe und teils auch sehr mochte. Anfangs versuchte ich, mit einigen davon ins Gespräch zu kommen und bot auch an, das Buch gratis zu lesen. Das wurde allerdings abgeblockt, bzw. ich wurde von vielen geblockt.

Generell gibt es häufiger Dramen in Abnehmforen oder unter bestimmten Ernährungsrichtungen. Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass ich in Fettlogik einen Großteil der „goldenen Regeln“ oder klassischen Prinzipien übers Abnehmen widerlege. Das tritt besonders denen auf die Füße, die sehr hartnäckig ein bestimmtes Konzept vom einzig richtigen Abnehmen vertreten – sei es jetzt Paleo, LowCarb, Zuckerfrei, Vollwert, Vegan, HighCarb, Sport oder besonders langsam und gesund oder mit irgendwelchen Stoffwechsel-Ankurbeltricks. Die meisten finden es entlastend, ihren eigenen Weg gehen zu dürfen, ohne bestimmte Regeln einhalten zu müssen – auch wenn sie dann freiwillig sagen „Low Carb/Zuckerfrei/Vegan passt zu mir“ – andere finden es offenbar ganz schrecklich, wenn ihr Weg nicht als der einzig richtige gepriesen wird sondern nur als einer von vielen. Da trifft dann „Ernährungsreligion“ durchaus zu und die Leute werden auch mal durchaus fies. Anfangs hieß es meist, ich werde ohnehin in ein paar Monaten wieder dick sein, inzwischen sagen diese Leute eher, dass ich eben zwanghaft und/oder magersüchtig bin (Gewicht ist seit über 2 Jahren konstant im mittleren Normalgewicht).
Was sind bei dir die häufigsten Vorwürfe? Und wie gehst du mit der Situation um, die ich oben geschildert habe, also wie ist inzwischen der Umgang mit den anderen Homöopathen, die du von früher kennst?

Natalie: Ja, das mit den negativen Rezensionen auf Amazon kenne ich, auch, dass die meisten sogar zugeben, das Buch gar nicht gelesen zu haben. Aber das kann ich mit Humor nehmen. Was mich mehr trifft ist, dass bisher nur eine Homöopathin in einer Mail so etwas gefragt hat wie: Meinst du das ernst? Was waren denn die Gründe, warum du Abstand von der Homöopathie genommen hast? Mit deinen alten Überzeugungen gebrochen hast?

Ich war echt naiv, als ich mein Buch heraus brachte, habe gedacht, man könne da gemeinsam drüber reden. Ich habe es als eine Art Denkschrift verfasst und dachte, wir denken nun gemeinsam weiter nach – nichts davon. Es kamen nur Anfeindungen und wie bei dir Blocks – im echten wie im virtuellen Leben. Ich habe keinen Kontakt mehr zu Homöopathen von früher. Viele Freundschaften sind zerbrochen. Ein Dialog war nicht möglich. Ich habe mich auch irgendwann nicht mehr getraut, nochmal direkt nachzufragen, mir haben die öffentlichen Reaktionen schon genug zu schaffen gemacht.

Die häufigsten Vorwürfe sind, dass ich als Homöopathin nie Erfolg gehabt hätte, deswegen nur frustriert gewesen sei (ich sei ja noch so jung!), dass ich von der Pharmaindustrie Geld für das Schreiben bekommen hätte oder dass ich mir mit dem Buch eine goldenen Nase verdienen würde. Fakt ist – ich bin mit Schulden aus meiner Praxis raus, wir mussten uns als Familie ganz anders aufstellen und ich war mit der Entscheidung, das Buch so rauszubringen und die Praxis zu schließen quasi arbeitslos.

Ich war echt geschockt von dem Verhalten meiner früheren Kollegen und habe im Nachhinein das Gefühl aus einer Sekte ausgetreten zu sein – wofür man mich jetzt hasst. Hatte die alte Gemeinschaft von dir auch so glaubensartige Züge? Und fiel dir auch auf, dass man in diesem Bereich mit guten Argumenten, wissenschaftlichen Belegen und kritischem Denken nichts erreicht?

Ich habe zum Glück im Informationsnetzwerk Homöopathie und unter den Skeptikern neue Freunde gefunden und habe das Aufklären zu meinem neuen Beruf gemacht. das ist jeden Tag eine Freude, aber der Weg dahin war echt hart und ist es bei dem Gegenwind und den Anfeindungen auch immer noch.

Nadja: Puh. Ich hatte es vermutlich insofern einfacher als du, weil ich Fatacceptance nur online verfolgte. Im „echten Leben“ interessierten sich meine Freunde und Bekannten nicht für das Thema. Meine Fatacceptance-Links wurden freundlich aufgenommen („Soso, interessant“) aber es war damals etwas frustrierend für mich, dass niemand sich da ähnlich für begeisterte wie ich. Das Gute war dann natürlich, dass es mir niemand übel nahm, als ich eingestand, dass ich falsch lag. Freunde habe ich also nicht verloren.

Inwiefern Studien und Argumente überzeugend wären, kann ich gar nicht genau sagen, denn ich wurde meist schon vor einem Austausch von Argumenten geblockt oder es ging nur darum, wie dickenhassend ich sei. Es ist teils schwer, da zu argumentieren, weil eben bestimmte Aussagen wie „Übergewicht ist gesundheitsschädlich“ bereits unter „Dickenhass“ fallen. Einerseits ist „Übergewicht“ ein falsches Wort, weil es impliziert, dass es ein zu viel oder zu wenig an Gewicht gibt (= dickenfeindlich) und das Gesundheitsargument, ist, wie gesagt, ebenfalls sehr kritisch. Es ist dann gewissermaßen vermintes Gebiet, weil jedes Argument darin mündet, dass man eben doch dickenhassend ist. Inzwischen haben allerdings einige Fatacceptanceler das Buch tatsächlich gelesen. Bisher habe ich von vier eine positive Rückmeldung dazu bekommen und von einer oder zwei eine negative. Im Prinzip geht es mir auch ähnlich wie dir, dass ich nicht den kompletten Ansatz falsch finde und einige Einstellungen von damals weiter habe. Ich bin z.B. nach wie vor der Meinung, dass das Körpergewicht eine Sache ist, die jeder für sich entscheiden sollte und es keine Frage von Moral ist, was man wiegt. Niemand ist verpflichtet, einen bestimmten BMI oder eine bestimmte Gesundheit anzustreben und wenn jemand mit 150 kg zufrieden ist, ist das allein die Entscheidung dieser Person. Ich habe also nicht meine komplette Einstellung geändert.

So wie ich dich verstanden habe, hast du ebenfalls versucht, Homöopathie differenzierter zu betrachten und die psychologische Wirkung (positiv) herauszustellen. Was mich interessieren würde, gerade weil es für dich ja massive Konsequenzen hatte … hast du zwischendurch den Gedanken gehabt, deine Recherchen zur Homöopathie einfach abzubrechen und weiterzumachen wie bisher? Was lief in dir ab, als du die ersten Studien und Ergebnisse gesehen hast, die zeigten, dass Homöopathie keine echte Wirkung über den Placeboeffekt hinaus hat?

Natalie: Das war ein echt dramatisches Jahr, weil ich ja in dem Dilemma war, dass ich einerseits Patienten behandelte und dort durchaus auch Erfolge erzielte, aber gleichzeitig immer mehr wusste, Homöopathie ist nicht das, wofür ich sie gehalten habe. Wenn ich damit Erfolg habe bei Patienten, dann aus ganz anderen Gründen, als bisher angenommen. Ganz lang war da ein Wunsch, doch noch den „missing link“ zu finden. Je weiter ich von der Homöopathie als spezifische Arzneitherapie wegkam, umso mehr ging es in Richtung „Lass mich wenigstens die Gespräche behalten können“ oder die Homöopathie als erklärte Placebotherapie. Deswegen hätte ich zunächst gerne den psychosomatischen Facharzt gemacht, aber es wäre ein enormer Aufwand gewesen, zusätzlich ein Therapieverfahren mit enormen Kosten – das war und ist mit meiner derzeitigen Familiensituation nicht vereinbar. Was in mir ablief, kann ich nur als Schock oder Agonie auf Raten bezeichnen. Ich hab nicht nur meine Existenzgrundlage, auch meinen Lebenstraum und mein Weltbild aufgegeben. Danach war alles irgendwie nüchterner, kahler und weniger funkelnd. Aber ich hatte in der Zeit ja auch meine Kinder, um die ich mich ganz normal als Mama kümmern musste, stinknormalen Alltag, Freunde und meine Hobbys – das hat ganz viel Struktur und Kraft gegeben und es war trotz dieser Umstürze auch eine schöne Zeit.

Manchmal vermisse ich die Einfachheit der früheren Antworten und auch dieses Gefühl über „Geheimwissen“ zu verfügen. Aber ich möchte nicht wieder zurück!

Wie war es bei Dir? Bereust Du, auf die „andere Seite“ gewechselt zu haben? Vermisst Du das alte manchmal?

Nadja: Das ist vermutlich der größte Unterschied in unserer Situation: Für mich waren die Glaubenssätze nicht wirklich etwas positives oder haltgebendes. Der Gedanke, einen unglaublich schlechten Stoffwechsel zu haben und einen Körper, der einfach schlechter funktioniert und irgendwie buchstäblich nicht in diese (so dachte ich damals) schlankheitsfixierte Gesellschaft passt, war für mich eher deprimierend. Die Idee, dass ich nicht zwangsläufig krank werden muss, nur wegen meines Gewichts, war zwar vom Verstand her beruhigend, aber andererseits war ich ja, wie gesagt, in vielerlei Hinsicht körperlich nicht gesund. Mein Glaube hat leider nichts an der Realität geändert, und die war irgendwann, dass ich mit 150 kg immobil und mit schrecklichen Schmerzen monatelang auf der Couch saß. So gesehen war der Fall jedes einzelnen Glaubenssatzes eine Erleichterung und im wahrsten Sinne des Wortes ein Gewicht, das von mir abfiel. Das Funkeln war bei mir nie wirklich da. Das ist wohl auch der Grund, dass ich anfangs irgendwie überrascht war von den negativen Reaktionen und den Vorwürfen, ich hasste dicke Menschen. Für mich war das so ein „Waaas? Ich habe hier doch ganz tolle Nachrichten!“ … inzwischen verstehe ich das mit etwas Abstand natürlich besser.

War oder ist es bei dir auch manchmal so, dass du dich fragst, wie du dein jetziges Selbst vor einigen Jahren gesehen hättest? Ich fand solche Abnehm-Leute immer schrecklich, das waren für mich totale Unsympathen. Fühlt sich das für dich auch gelegentlich merkwürdig an?

Natalie: Ich stelle es mir sehr schwer vor, den gesamten Prozess so sehr auch am eigenen Körper erleben zu müssen und habe da echt Respekt, wie du das geschafft hast, das alles durchzumachen!

In vielen Mails, die ich heute bekomme (als Homöopathie-Kriktierin), lese ich Sätze, die ich früher (also Homöopathin) genauso oder sehr ähnlich geschrieben hätte. Ich erkenne mich in den Mails wieder und das schmerzt einerseits, anderseits gibt es mir die Hoffnung, dass es auch andere schaffen können. Ich versuche deshalb immer freundlich zu bleiben und zu antworten, so, wie ich es früher vielleicht gerne geschrieben bekommen hätte. Aber ich erhalte nur selten Antwort in dem Sinne, dass es ein Einsehen oder ein Nachdenken eingeleitet hätte. Meist gleitet es irgendwann ins Persönliche ab oder es endet in Schweigen. Das Merkwürdigste für mich ist – die Homöopathie zu „enttarnen“ ist eigentlich ganz leicht. Warum nur geht keiner diesen einen kleinen Schritt?

Aber insgesamt bin ich ganz gut in meiner neuen Rolle oder Funktion als Kritikerin angekommen und es macht mir zunehmend Spass, mich dafür ganz aktiv dafür einzusetzen – auch wenn ich mich früher dafür gehasst hätte;-)

Was ich mich frage und Dich hiermit auch – glaubst Du wir erreichen jemanden da draußen? Für wen machen wir das? Die Hardcore-Überzeugten erreichen wir nicht, weder du mit deinem Thema, noch ich mit meinem. Was ist Deine Motivation weiter zu machen? Was treibt dich an?

Nadja: Da sind wir nochmal beim Themenunterschied angekommen. Ich glaube deine Ausgangsposition ist deutlich härter, weil du die Frau bist, die den Glitzer und das Funkeln wegnimmt. Nicht jeder sieht da den langfristig positiven Effekt und viele sind dann wohl so „Warum lässt du den Leuten ihren Glauben nicht, wenn es ihnen doch hilft?“ – in Sachen Gewicht geht es aber vielen so, dass sie eben nicht glücklich damit sind. Klar gibt es welche, die (anfangs) verletzt sind von der Grundaussage, dass jeder sein Gewicht kontrollieren kann, weil es an Vorwürfe erinnert, die man als Übergewichtiger zur Genüge kennt und da dann bei manchen so ein „Selbst schuld! Du frisst eben zu viel!“ ankommt. Gleichzeitig geht es den meisten eher so wie mir, und diese ganzen Glaubenssätze was man alles tun müsste um abzunehmen, und dass es eigentlich ohnehin zum Scheitern verurteilt ist widerlegt zu sehen, ist eine riesen Erleicherung. Fettlogik ist in den letzten zwei Jahren schrittweise zum Bestseller geworden, was eher ungewöhnlich ist, aber eben hauptsächlich durch die ganzen Menschen kommt, die tatsächlich abgenommen haben und auf die Art das Buch verbreiten. Es kommt also ganz viel positives Feedback von denen, die so wie ich, ganz direkt sagen können, was sich in ihrem Leben verändert hat durch das Ablegen der Mythen. Die Frage, warum ich tue, was ich tue, kommt daher meist gar nicht von Betroffenen, also Menschen, die mit ihrem Gewicht nicht glücklich sind. Oft sind es eher Leute, die „die armen Dicken“ vor mir beschützen wollen und dann mehr so argumentieren: „Also ich habe ja kein Problem mit meinem Körper, aber deinetwegen werden jetzt Leute in die Magersucht getrieben oder fühlen sich schrecklich!“ – das ärgert mich allerdings mehr, als das es trifft, denn ich war ja selbst eine von diesen „armen Dicken“ und kann sagen, dass mir das „Patpat, du kannst ja nichts dafür, du bist halt einfach so!“ null geholfen hat, vor allem nicht als ich nicht mehr gehen konnte. Solche Sprüche kommen daher meist von Leuten, die sich einfach null reinversetzen in den realen Leidensdruck, den zu viel Gewicht wirklich mit sich bringen kann.

Wie gesagt, deine Position stelle ich mir da deutlich schwieriger vor, vor allem weil ich ja selbst gelegentlich auf erzaehlmirnix Comics über Homöopathie poste und da von allen kontroversen Themen interessanterweise die aggressivsten Kommentare kommen. Daher würde mich bei dir umso mehr die Frage interessieren, was dich antreibt, obwohl ein großer Teil der „Betroffenen“ nicht wirklich dankbar für die Aufklärung ist, sondern eher wütend und ablehnend reagiert. Gibt es auch positive Erfahrungen in die Richtung?

Natalie: Ja, das stimmt. Das, was ich tue, kommt so rüber, als nähme ich den Menschen etwas weg. Noch dazu etwas Warmes, Kuscheliges. Allerdings liest ja auch kaum jemand wirklich mein Buch und erfasst, wie viel Gutes ich an der Homöopathie lasse. Von de Kritikern bin ich vielleicht sogar die Netteste;-) Aber gegen etwas zu argumentieren ist schwerer, als etwas Neues vorzustellen. Insofern mag es für Dich etwas leichter gewesen sein, aber ich fürchte, wir kämpfen beide gegen die Windmühlen des „Ich bin OK- Du bis OK“ und „Bitte keine Fakten, ich hab schon meine Meinung“. Wie oft ich den Satz „leben und leben lassen“ gehört habe, kann ich nicht mehr zählen.

Ich vergleiche es jetzt immer ganz gerne mit Rassismus. Da ist doch (fast) allen Menschen klar, das geht gar nicht, das ist klar falsch! Da gilt der Spruch „Jedem seine Meinung“ nicht! Ich würde mir wünschen, dass mehr menschen begreifen, dass auch die Homöopathie falsch ist und dass es OK ist, das ganz klar anzusprechen. leider habe ich aber eben keine kuschlige Alternative anzubieten. Außer, dass in der normalen Medizin auch nicht alles super läuft und wir gute Teile der homöopathischen Behandlung darin übernehmen können. Meine Motivation ist, den Unterschied zwischen Fakten und Meinung klarer zu machen. Menschen vor falschen Heilsversprechen zu schützen und auch, das kritische Denken mehr zu verbreiten. Hätte ich es von Anfang an besessen, dann hätte ich nicht diesen mühsamen Weg hinter mir. Eigentlich geht es mir darum, andere Menschen vor meinem Fehler zu bewahren.

Positive Erfahrungen gibt es wenige. Nur bessere Tage als andere. Manchmal habe ich das Gefühl, die Zeit ist noch nicht reif für so „harten Tobak“. Wenn wir uns dann die Entwicklungen in der Welt ansehen, denke ich mir, das irrationale Denken in der Homöopathie ist nur ein sehr kleines Teilproblem. Allerdings, vielleicht, wenn man es bei der Homöopathie (oder bei der Fettlogik) einsieht, gelingt einem das auch bei größeren Problemen! Was meinst Du?

Nadja: Das klingt gut! Ich denke auch, vor Fehlannahmen ist niemand ganz frei und es gibt vermutlich bei jedem irgendwelche Bereiche, in denen man Halbwissen oder schlicht Unsinn glaubt. Die Frage ist ja letztlich, wie man diese Bereiche erkennt. Daher fand ich auch den Austausch mit dir so interessant, weil wir beide so eine zentrale Änderung durchgemacht haben, in einem Bereich, in den wir sehr viel investiert haben, also nicht nur irgend ein unwichtiger kleiner Mythos von vielen war. Was denkst du, was dir letztlich geholfen hat, ein Umdenken überhaupt zuzulassen und woran man erkennen kann, dass man sich in einem Thema irgendwie verrant hat? Was können Warnzeichen sein und was kann man tun?

Natalie: Mmmh, ich glaube, ein Warnzeichen war, dass ich mich so tierisch aufregt habe über die Homöopathie-Lüge und die Rezensionsschlacht bei Amazon. Wenn ich die besseren Argumente gehabt hätte, hätte ich doch ganz ruhig bleiben können. Ich habe gemerkt (und konnte das ab einem gewissen Punkt nicht mehr vor mir selbst verbergen), dass ich meine Souveränität, meine Sicherheit verliere. Deswegen ja der ursprüngliche Versuch, sie mit einem Ehrenrettungs-Buch für die Homöopathie zurück zu gewinnen. Der ja grandios gescheitert ist 😉

Also, vielleicht ist der Punkt, wenn man merkt, dass einen eine Aussage total aufreget, dass man – bevor man reflexartig zurück schießt, wie blöd der andre ist – mal inne hält und sich überlegt, warum einen das SO aufregt. Ich glaube, wenn man dann ganz ehrlich zu sich ist, dann sind neue Erkenntnisse möglich und auch ein Umdenken – egal welchen Bereich das betrifft.

Nadja: Das würde ich so unterschreiben. Wenn ich merke, dass ich nach Ausreden suche, um die Argumente gar nicht erst anzuschauen und mir z.B. sage, dass die Person eh doof ist oder ich keine Lust auf so einen Quatsch habe, nehme ich das inzwischen als Warnzeichen, dass ich vielleicht auch nur Angst davor habe, dass an dem Argument tatsächlich etwas dran ist. Sich einzugestehen, dass man jahrelang auf dem Holzweg war, ist nicht wirklich angenehm 😀 Trotzdem war das Umdenken für uns beide letztlich eine positive Erfahrung, wie man merkt. Vielen Dank für das Gespräch, ich fand es sehr spannend, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in unseren Geschichten zu entdecken!

Natalie: Ich danke Dir auch für das gute Gespräch! Das war nochmal eine ganz andere Art der Rekapitulation und ich habe viel von Deinem Weg gelernt. Und wir sehen ja beide – es ist hart, aber man überlebt es. Vielleicht motiviert das auch andere, mal einen neuen Blick auf festgeglaubte Themen zu werfen 😉
Ich wünsche Dir weiter alles Gute – und mir jeden Tag ein erzählmirnix-Comic, die sind so klasse!

Wenn ihr mehr von Natalie Grams lesen wollt findet ihr hier ihre Seite Homöopathie neu gedacht und hier die Seite Netzwerk Homöopathie, wo Mediziner, Apotheker, Wissenschaftler aller Disziplinen, Journalisten, Blogger und andere Interessierte ihre Aktivitäten gegen Pseudomedizin bündeln.

Das Niveau … äh Politiker nehmen ab

Normalerweise kommentiere ich ja regelmäßig Medienberichte, in denen Fettlogiken verbreitet werden. Manchmal stolpere ich allerdings auch über Dinge, die meine verbliebenen Fatacceptance-Sensoren aktivieren, z.B. wenn ein Artikel einfach unglaublich unverschämt, übergriffig und dazu noch sinnlos ist. Ich präsentiere daher, den heutigen Artikel der FAS aus dem Bereich Politik(!): „In jedem Dicken steckt ein Dünner

Mit einem Best of absolut sinnlosem Fatshaming:

Der Außenminister Sigmar Gabriel kann jetzt ein ganz anderer Typ werden als der Parteivorsitzende mit demselben Namen. Vielleicht muss er das sogar. Außenminister treten diplomatisch, gewandt, staatsmännisch auf. Ein schlankerer, gesünderer Gabriel passt da besser als der kräftige Polterer.

Merke: Menschen mit Übergewicht sind offenbar nicht diplomatisch, gewandt, staatsmännisch.

Kann gut sein, dass den Ausschlag zum Abnehmen die Familie gegeben hat. Das Nachdenken über die Endlichkeit des Lebens. Oder dass der Arzt gesagt hat: Hören Sie mal, wenn Sie als Diabetiker so weiter machen, dann werden Ihre Töchter nicht mehr lange unbeschwert mit Ihnen zusammenleben können und Sie auch nicht mit denen.

Kann gut sein, dass der Chefredakteur gesagt hat: Wenn Sie es nicht wissen, spekulieren Sie doch einfach wild herum, immerhin werden Sie ja nach Worten bezahlt und nicht nach Fakten.

Aber selbst wenn der Anlass unpolitisch war, gibt es den politischen Effekt: Der Mann hat sich 13 Kilo auf jenen Typus zubewegt, der zum neuen Amt passt.

Merke: Ämter haben offenbar Kleidergrößen. Je mehr Kilos, desto weniger passt man rein.

Wenn die Kanzlerin in der „Tagesschau“ zu sehen ist, sagen jeden Abend etliche Leute vorm Fernseher etwas Mitteloriginelles über deren Körper.

Wirklich? Kann ich mir gar nicht vorstell…

Und das bei Merkel, die immer in Blazer-Uniform auftritt, also wenig Angriffsfläche bietet. Trotzdem: Gerade hat sie irgendwie eine dickere Phase. Ich glaube, sie hat wieder abgenommen. Drei Kilo, viereinhalb?

… okay, kann ich doch.

Auch bei Fischer war das Privatleben der Auslöser: Seine Frau hatte ihn verlassen; absolute, abgrundtiefe Krise. Er hatte sich schon lange nicht mehr wohl gefühlt in dem fetten Körperpanzer, und er wusste ganz genau, dass da drinnen noch ein anderer steckte.

„Fetter Körperpanzer“

Politiker sprechen nicht gern öffentlich über Gesundheit, Fitness, ihren Körper. Auch Fischer wollte jetzt nicht mit der F.A.S. darüber reden.

Warum nur? Wo die FAS doch so niveauvoll über dieses Thema berichtet.

Er hatte seit dem langen Lauf dicke und dünnere Phasen, wurde schon Jojo-Joschka genannt. Das ist natürlich nicht schön, aber Politiker müssen sich viel Schlimmeres anhören.

Sowas wie „fetter Körperpanzer“ vielleicht?

Gleichzeitig offenbart jede politische Abnehmleistung Eigenschaften, die einen guten Politiker auszeichnen: Disziplin, Kampfgeist, Selbstkontrolle.

Was zur Hölle ist eine „politische Abnehmleistung“?

 

Und achtung… jetzt kommt mein Lieblingszitat aus dem Artikel:

Trotzdem ist das mit dem eigenen Körper eine besondere Sache. Der gehört nur ihnen, genauso wie die Seele. Darüber müssen sie nicht Rechenschaft geben.

omg

Unser Foto zeigt Actinarctus doryphorus, das Bärtierchen, dessen Körpergewebe und Körperzellen bei Ultraviolett-Strahlung leuchten. Trotz oder gerade wegen seines geringen Körpergewichts von durchschnittlich einem Millionstel Gramm ist das Bärtierchen zu Höchstleistungen fähig.

Vielleicht kann das Bärtierchen den nächsten Artikel schreiben?

Gastbeitrag: Die Portion Nudeln

Der heutige Gastbeitrag ist ein bisschen anders, denn diesmal geht es weder um ein Sachthema, noch um einen Erlebnisbericht sondern um eine Kurzgeschichte zum Thema Essen und Essstörungen. Ich hoffe, ihr habt Spaß mit dem Experiment! Aber erstmal kurz zur Autorin, Katrin:

Als ich Nadjas Buch gelesen hatte, war ich ziemlich begeistert. Als Pädagogin und Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche weiß ich, dass das Gewicht alle Generationen beschäftigt. Da ich gerne Kurzgeschichten schreibe und auch schon einige kleinere Literaturwettbewerbe gewonnen habe, hat mich das Nadjas Buch spontan zu einer weiteren Kurzgeschichte inspiriert. Wie wäre es, über eine Portion Nudeln zu schreiben, die zwar objektiv immer gleich groß ist, aber von vier sehr unterschiedlichen Menschen völlig anders wahrgenommen wird.

Da es mein Berufsfeld ist, wollte ich auch die pathologische Seite des Essens darstellen und so ist Person 1 (Maren) anorektisch, also magersüchtig und reguliert ihr niedriges Gewicht durch restriktive Nahrungsaufnahme , sie isst also einfach sehr, sehr wenig. Ich habe mich bemüht die Körperschemastörung, unter der Magersüchtige leiden, in besonderem Maße herauszustellen. So glaubt sie selbst von sich, dass sie einen dicken Bauch und fette Oberschenkel hat, während ihr Umfeld sie ganz anders wahrnimmt. Maren „lernt“ im Verlauf der Geschichte zu erbrechen. Damit leidet sie an einer Magersucht vom Purging-Typ (to purge = reinigen, säubern, löschen). Es wäre außerdem möglich, dass Maren eine Ess-Brech-Sucht (Bulimie) entwickelt. Häufig geht der Bulimie eine Anorexie voraus.

Person 4 (Peter) ist adipös, dies alleine hätte noch keinen psychischen Krankheitswert. Allerdings leider er unter Ess-Attacken, die außerhalb seiner Kontrolle sind und hat damit eine Binge-Eating-Störung. Die Binge-Eating-Störung ist bislang nur im amerikanischen Manual für psychische Störungen, dem DSM-5 aufgeführt. Allerdings wird auch in Deutschland zunehmend diese Störung vergeben, wo sie dann aber anders klassifiziert wird. Menschen mit Binge-Eating-Störung haben zwar ähnliche Ess-Attacken wie Personen, die unter Bulimie leiden. Sie erbrechen allerdings nicht, so dass es meist zu einer Gewichtszunahme kommt. Nach einem Ess-Anfall haben die Betroffenen meist große Schuld- und Schamgefühle.

Person 2 und 3 sind „relativ normal“ (Wer ist denn schon völlig normal?). Bernd liebt Fitness und Sport, zählt Kalorien und überlegt wie er diese am besten verbrennen kann. Er ist athletisch, tut aber auch einiges dafür und wird von Renate als der „schöne Bernd“ bezeichnet. Ob dies nun eher ironisch oder ernst gemeint ist, bleibt offen (vermutlich ist die Wahrheit irgendwo dazwischen). Renate ist Teilzeitkraft und Vollblutmutter, liebt ihre Kinder und akzeptiert schweren Herzens die paar Pfund mehr auf den Hüften, die seit deren Geburt nun mal da sind. Oder tut sie das doch nicht? Schließlich hat sie schon einige Diäten probiert, die aber alle nicht funktionierten, und so ganz neidlos ist sie ja auch nicht, wenn bei anderen Leuten doch eine Schlankheitskur klappt…

Die Kurzgeschichte mit den vier Charakteren soll nicht bedeuten, dass alle Menschen mit Anorexie so denken wie Maren. Oder alle Menschen mit Binge-Eating sich so fühlen wie Peter. Aber es soll Einblicke geben in die Innenansicht psychischer Störungen und auch deren Abgrenzung zu normalen Denk- und Handelsmustern. Denn ich glaube, so ein bisschen werden sich die meisten doch in Bernd oder Renate wiedergespiegelt fühlen. Und sei es nur ein sehr klein wenig.

In diesem Sinne,

viel Spaß beim Lesen,

Katrin Ühlein

(Kontakt: katrin.uehlein@gmx.de)

 

Die Portion Nudeln von Katrin Ühlein

Maren

Maren versuchte nicht zu atmen, als der Kellner ihre Portion Nudeln brachte. Sie wollte den leckeren Geruch möglichst wenig wahrnehmen und versuchte sich mental zu stärken, möglichst langsam und bewusst zu essen. Jeden Bissen zehnmal kauen, dann erst schlucken. Sie rutsche an die vordere Stuhlkante, so dass ihre Beckenknochen das harte Holz spürten und sie automatisch die dünnen Oberschenkel anspannen musste, um nicht nach unten zu fallen. Dies verbrannte Kalorien, lästige Kalorien, wovon die die Nudeln jede Menge hatten. Sie konnte auf diese Weise zwar nur lächerlich wenige Kalorien loswerden, aber das schlechte Gewissen wurde ein wenig besänftigt. Dass Maren heute morgen bereits 10km gejoggt war und sich ihr Mittagsessen auf einen Salat mit reinem Essig – keinem Öl – begrenzt hatte, das zählte für Maren schon längst nicht mehr. Sie sah nur die dampfenden Nudeln vor sich und spürte das Loch in ihrem Bauch. Am liebsten hätte sie mit ihrer Faust auf ebendiesen geschlagen, damit er Ruhe gab. Sie hatte Hunger! Das durfte nicht sein, das war das Todesurteil! Der Todesstoß! Hunger zu haben war die größte Schwäche, die sie sich eingestehen konnte. Sie fühlte sich als Versagerin und hätte heulen können. „Du schaust so ernst. Ist irgendwas?“, Renate blickte Maren an. Schnell zwang sich Maren zu einem Lächeln: „Nein, nein. Ich überlege nur gerade, ob die Soße wirklich vegan ist…“ Dass sie sich frühzeitig als Verfechterin der veganen Ernährung outete ersparte vieles. Keiner fand es seltsam, dass sie in der Kantine nur Salate aß, schließlich enthielt auch das vegetarische Essen immer Milch, Käse oder andere nicht-vegane Produkte. Keiner wusste, dass sich Maren ausschließlich von Rohkost ernährte. Oft gab sie Essig oder Zitronensaft dazu, damit dies den Magen angriff und schloss und das Hungergefühl verging. „Also rein pürierte Tomatensoße ist sicherlich vegan und die Nudeln sind auch ohne Ei, das hatte der Kellner doch versichert. Mach dir mal keine Sorgen.“ Renate wirkte zuversichtlich und schien abzuwarten, bis Maren den ersten Bissen nahm, um ihre Aussage zu bekräftigen. Maren drehte umständlich zwei Spaghetti auf der Gabel, ihr „eigentlich habe ich ja schon gegessen“ ging im allgemeinen Stimmengewirr unter. Es gab kein Entrinnen: Sie musste sich die hässlichen, gelben, verführerischen Schlangen auf der Gabel hinunterwürgen. Tapfer steckte sie die Gabel in den Mund, kaute bedächtig zehnmal und schluckte schließlich. „Passt, alles OK“, nickte sie kurz zu Renate hinüber. In Wirklichkeit hatte Maren keine Ahnung. Sie hatte sich schon so weit von normaler Ernährung entfernt, dass sie leichte Nuancen längst nicht mehr schmeckte. Ob Ei in den Nudeln war, oder Sahne in der Tomatensoße war Maren aus ernährungsethischer Sicht auch völlig egal. Ihr Problem waren die zusätzlichen Kalorien. Sie beschloss sicherheitshalber bei ihrer Kalorienzählung von Nudeln mit Ei und mindestens 100g Sahne auszugehen. Lieber 150 – sicher ist sicher. Sie würde morgen ein Extra-Training an Fitness einlegen müssen und vielleicht auch die Karotte im Salat weglassen. Sie wollte ja nicht so aussehen wie Peter. Ihr Blick fiel zu ihrem Arbeitskollegen. Sein Stuhl stand etwas vom Tisch entfernt, damit Peters dicke Schenkel unter dem Tisch Platz fanden und sein Bauch nur leicht an die Tischkante stieß. Mit Entsetzen sah Maren, dass sich Peter auch Nudeln bestellt hatte. Mit Käse-Sahne-Soße, aber welchen Unterschied machte das schon? Maren betrachtete ihren eigenen Bauch, der sich unter dem Tisch immer mehr zu wölben schien, desto länger sie ihn betrachtete. Auch ihre Oberschenkel schienen durch die bloße Betrachtung zu wachsen und nur knapp unter der Tischkante Platz zu finden. „Du dickes Schwein“, flüsterte sie sich selbst zu, „Warum musst du Hunger haben?!“ Viel zu hastig verschlang sie fast alle Nudeln. All die Vorsätze langsam und bedächtig zu essen und die Hälfte stehen zu lassen klappten nicht. Maren unterdrückte eine Träne. Sie hatte es nicht geschafft, wie war schwach geworden. Viel zu schwach. Sie war eine Versagerin, eine Niete. Sie hatte vergessen vor dem Essen ihren Magen mit 2 Litern Wasser zu füllen und ihr Hungerfühl durch eine Kanne starken Kaffee zu betäuben. Dann hätte nichts mehr hineingepasst. So hätte es klappen können. Aber ohne diese Hilfsmittel war sie viel zu schwach. Wasser war das einzige neben schwarzem Kaffee, was Maren in großen Mengen zu sich nahm. Keine Kalorien, das war erlaubt. Bevor Maren das erste Mal in der Klinik zwangsernährt wurde, hatte sie zwar die These vertreten, dass auch in Wasser versteckte Kalorien steckten. Aber daran glaubte sie nicht mehr. Die Therapie in der Klinik war ja erfolgreich gewesen, oder etwa nicht? Wie in Trance stand Maren auf ging Richtung Toilette. Sie kniete sich nieder und steckte zwei Finger in den Mund. Sie hatte es schon oft versucht, aber es war ihr bislang nie gelungen. Fast schien es so, als würde ihr Körper kein bisschen verdaubarer Masse wieder hergeben. Doch diesmal musste es funktionieren. Sie konnte nicht bis morgen warten. Aus dem Wasserhahn des Waschbeckens trank Maren so viel Wasser wie sie konnte. Dann beugte sie sich erneut über das Klo. Mit einem Schwall erbrach sie alles Wasser und auch die Portion Nudeln mit all der Tomatensoße kam zum Vorschein – fast unverdaut. Befreit stand Maren auf. So ging das also! So konnte sie erbrechen! So gab es eine Möglichkeit zu essen und doch nicht zuzunehmen! Schnell wischte sie ihren Mund ab und ging beschwingt zu ihrem Platz zurück. Nie wieder würde sie Angst haben müssen, wenn ein gemeinsames Arbeitsessen anstand. Maren spürte dass eine neue Ära des Essens und Essenloswerdens für sie angebrochen war. Mit einem Lächeln setzte sie sich an den Tisch und aß auch die letzten Nudeln ihres Tellers vollständig auf.

Bernd

Als sein Teller serviert wurde überschlug Bernd die Kalorien. Er schätzte seine große Portion Spaghetti mit Hackfleischsoße auf 1500 Kalorien, dazu der bunte Salat und die Apfelsaftschorle nochmals 200 Kalorien. 1700 Kalorien bei einem Essen! Glücklicherweise war Bernd heute noch im Fitnessstudio gewesen und konnte sich dieses Schlemmen mit fast gutem Gewissen gönnen. Er würde morgen in der Arbeitspause schwimmen gehen müssen, um auch jeden Rest unnötige Kalorie in Muskelmasse umzuwandeln oder zu verbrennen. Bernd achtete sehr auf seinen Körper. Aus Gründen, die ihm selbst unverständlich waren sah er seinen Körper als sein Kapital an. Zwar arbeitete er im Büro, war also rein beruflich nicht zu körperlichen Höchstleistungen gezwungen, aber dennoch wünschte er sich ein langes, gesundes und glückliches Leben. Auch wenn dies mit Kalorienzählen und viel Sport verbunden war. Gelegentlich nahm er Proteinshakes zu sich und reduzierte Süßigkeiten auf ein Minimum. Zwar konnte er die Selbstlüge erkennen, wenn er sagte: Ein Schoko-Proteinshake ist genauso lecker wie ein Schokoriegel. Trotzdem war für ihn die Nahrungsaufnahme von den vermeintlich toten Kalorien eines Schokoriegels unweigerlich mit einem schlechten Gewissen verbunden. Schlank, fit, athletisch – so wollte er sein und dafür tat er viel. Zum Beispiel hatte er heute trotz Magenknurren auf sein Mittagessen vollständig verzichtet. Andererseits musste er aber auch aufpassen, dass er nicht zu schmal wurde oder sich mangelernährte. Ein Hemd wollte er nicht werden… Sein Blick fiel auf Maren, welche unendlich lange ihre Gabel in ihren Spaghetti zu drehen schien. Maren war richtig schön schlank, das gefiel ihm gut. Aber als Mann konnte er sich das nicht leisten. Ein Mann braucht Muskeln und starke Schultern, an denen sich Frauen ausheulen können. Freilich konnte er jetzt nicht sagen, wann sich das letzte Mal eine Frau an seinen großen Schultern ausgeweint hatte – aber darum ging es ja nicht. All dies ging Bernd in seinem Kopf herum während er hungrig und trotzdem bedächtig seinen Teller Nudeln aufaß. Lecker! Sehr lecker! Er hörte auf die Gespräche der anderen, welche auch das gute Essen lobten: „Der neue Italiener ist echt ein Geheimtipp.“ „Da gehen wir nächstes Mal wieder hin.“ Und so weiter. Immer wenn sich ein Gespräch über Fitness ergab, redete Bernd begeistert mit. Das war sein Thema und er hatte seinen Sitzplatz geschickt gewählt. Weit weg von den Müttern, die ihre Fettpolster und ihre versagenden Diäten beklagen und weit weg von Peter. Wo Peter in der Nähe war erstickte er jedes Gespräch um Fitness im Keim. Der dicke Peter! Boah, der überaus dicke Peter! Bernd schüttelte sich kurz. Aber nur kurz. Dann fiel ihm auf, dass er eigentlich voller Vorurteile war. Was wusste er schon über Peter? Peter schien ja eigentlich auch ganz normal zu essen. Eine Portion Nudeln, so wie die meisten. Auch stopfte er sich das Essen keineswegs in den Mund. Bernds Teller war fast leer, während Peter noch nicht mal die Hälfte gegessen hatte. Vielleicht hatte Peter ja eine seltene Schilddrüsenerkrankung oder er musste Medikamente nehmen, die ihn zunehmen ließen. Vielleicht aß er wie ein Spatz aber hatte einen schlechten Stoffwechsel. Irgendwie war Bernd aber auch froh, dass er wenig über Peter wusste. Seine Freunde und Bekannten waren eben einfach alle sportlich. Da bestimmte der gemeinsame Fitnessglaube das Freizeitprogramm. Man verstand sich ohne großartig diskutieren zu müssen. So, der Teller war nun leer. Bernd lehnte sich nach hinten und streckte seine Arme nach oben um Bauch, Brust- und Oberarmmuskeln zu dehnen. Überaus lecker! Er verschränkte die Finger und drückte sie von seinem Körper weg. 10 Knöchelchen knackten leise. Während die anderen sich noch eine Panna Cotta oder ein Tiramisu gönnten, bestellte Bernd nur einen Espresso. Dieser war kalorienarm und half Bernd sich der Müdigkeit zu widersetzen, welche nach einem üppigen Essen unweigerlich eintrat. Sein Nebenmann erzählte gerade begeistert von einer neuen Wurst mit weniger Fett und mehr Protein. Diese Wurst musste er haben! Er prägte sich den Markennamen gut ein und schrieb ihn in sein imaginäres Fitness-Notizbuch. Daneben vermerkte er: Morgen in der Mittagspause schwimmen gehen. Sicher ist sicher. Auch die letzte Kalorie sollte ihren Nutzen in Bernds Körper erfüllen.

Renate

Da hatte sich Renate ja den genau richtigen Platz ausgesucht, neben dem Knochengestell Maren. So ein Hungerhacken, so dürr wollte Renate nicht sein. Und gesund war das sicher auch nicht. Dann lieber ein paar Pfund zu viel, Frauen sollten Rundungen haben. Nach zwei Schwangerschaften war es ja auch ganz normal, dass sie keine Modellmaße hatte, oder? Im Vergleich zu Peter, der ihr gegenüber saß, wirkte sie außerdem nahezu schlank. Also alles eine Sacher der Perspektive. Wie Maren das Gesicht verzog, als ihr Essen kam. Dabei hätten ihr ein wenig Sahne und Ei sicherlich nicht geschadet. Renate liebte Fleisch und Fisch und ihr war jede vegetarische oder vegane Ernährung suspekt. Einmal war sie auch wirklich sehr, sehr schlank gewesen: Damals als ihr zweiter Sohn geboren wurde und sie ihn stille. Es fiel zeitlich in die frühen Wechseljahre, sie fühlte sich fit und verbrauchte schier unendlich Kalorien. Es schien als könne sie essen, was sie wolle und nahm kein Gramm zu. Alle Verwandten hatten sie bewundert. Naja, und dann war diese Zeit vorbei und ein Pfund Hüftgold gesellte sich neben das andere. Wie das eben so ist. Mit Genugtuung stellte Renate fest, dass der schöne Bernd auch Spaghetti Bolognese bestellt hat, genau wie sie. Dann konnte ihre Wahl nicht so schlecht gewesen sein, denn Bernd achtete sehr auf gesunde Ernährung. Und Peter, naja, natürlich hatte er die Käse-Sahne-Soße gewählt. Renate schätzte ihr eigenes Gericht auf 800 Kalorien. Nun ja, vielleicht eher 700 Kalorien, die Tomaten in der Soße waren ja quasi ohne Nährwert. Das von Peter knackte bestimmt die 1000-Marke… und war weit ungesünder. Renate nahm den ersten Bissen. „Lecker ! Superlecker“, sagte sie in die Runde. Sie blickte in zustimmende Gesichter von weiteren Müttern mir ähnlichen Hüften wie den ihren. Die Teilzeitkräfte schienen alle an dieser Seite der langen Tafel vereint. Alles etwas stärkere Frauen mit roten Wangen, runden Gesichtern und einem Glas Rotwein in der Hand. Nur Maren und Peter passten nicht so recht in das Bild. „Na, da sagst du was! So leckere Spaghetti könnte ich zu Hause niemals zaubern. Aber Lukas isst im Moment eh nur Pommes und Chicken Nuggets, dem könnte ich gar nicht mit Nudeln daher kommen.“ „Wirklich, ist er immer noch so heikel? Du Arme, dann musst du ja zwei verschiedene Essen kochen, denn Markus mag bestimmt nicht nur Pommes, oder? Und selber kann man ja auch nicht immer das gleiche essen…“ „Wisst ihr das Neueste? Tamara von der Buchabteilung ist wieder schwanger, das dritte jetzt. Ihr ist ständig übel, deswegen ist sie heute auch nicht mit dabei.“ „Ich habe jetzt eine neue Diät ausprobiert, Ananas und Grapefruit. Regt den Stoffwechsel an. Und was soll ich euch sagen: Es funktioniert! Bereits 3 Kilo sind unten. Fitness-Studio klappt einfach nicht nebenher. Wer soll denn da die Kinder nehmen?“ „Ach, deswegen isst du jetzt nur eine Tomatensuppe und einen Salat? Ist das denn erlaubt? Ananas und Grapefruit ist das doch auch nicht?“, fragte Renate interessiert. „Naja, eigentlich nicht“, entgegnete Simone, „aber ich dachte, wenn ich schon mal sündige, dann zumindest eher kalorienarm. Die Grapefruit brennt die Kalorien schon weg, die ändert ja den Stoffwechsel.“ Klingt in der Tat interessant, fand Renate. Könnte sie auch einmal ausprobieren. Das Problem war, sie konnte den bitteren Geschmack einer Grapefruit nur begegnen, wenn sie dem Ganzen eine Menge Zucker entgegensetzte. Aber vielleicht wäre es ja dann ein Nullsummenspiel und die Grapefruit verbrannte den Zucker. Hm, dann könnte es ihr das schon wert sein. Aber nur Grapefruit, Ananas und Zucker? Keine Kartoffeln, Nudeln und Fleisch mehr? Wohl doch keine Diät für sie. Mal sehen wie lange Simone durchhielt, bevor ihr die Südfrüchte zum Hals heraushingen oder zu den Ohren herauskamen. Natürlich sagte Renate Simone dies nicht. Sie wollte sie ja nicht demotivieren. Und naja, vielleicht hatte Simone ja auch mehr Glück als sie selbst was Diäten anging. Gönnen würde sie es ihr! Renate dachte dies tatsächlich völlig ohne Neid. Simone hatte mindestens 15 Kilo mehr als sie und ein paar Pfund weniger wären für sie ein Riesenfortschritt. Karin hatte es ja geschafft. Sie saß jetzt bei den Fitnessleuten, die fast schon räumlich getrennt zu den Müttern saßen. Karin sah super aus! Wie sie da jetzt so bei den Sportlern saß! Nicht ganz so neidlos musste Renate dies anerkennen. Allerdings hatte sich mit dem Abnehmen auch ihr Charakter verändert. Das übliche Miteinander in den Pausen interessierte sie gar nicht mehr – wer ein Kind erwartete, wenn zwei Arbeitskollegen anbandelten, wer krank war und warum, etc. Sie machte ihre Arbeit schnell und zügig und wärmte sich nur mitgebrachtes Essen aus der Tupperdose auf. Selten ging sie in die Kantine und aß dort einen Salat. Vielleicht täuschte sich Renate, aber möglicherweise lief da was zwischen Karin und dem schönen Bernd. Wären ein nettes Paar die beiden. Sie würde es weiterbeobachten. Ihr entging so schnell nichts. Schnell nippte Renate an ihrem Rotwein. Lecker, auch dieser! Ein echtes Festessen. Wenn die Schwiegereltern sich mal wieder bereit erklärten die Kinder zu nehmen, würde sie mit ihrem Mann hier herkommen. Renate liebte ihren Mann. Und sie liebte ihre Kinder. Was waren schon ein paar Pfund zu viel angesichts solcher Schätze! Und irgendwie hatte Karin schon recht. Der Tratsch auf der Arbeit, hin und wieder ganz nett. Aber ihr Herz schlug nicht für die Arbeit, sondern für die Familie. Fast wehmütig betrachtete Renate ihren letzten Bissen Nudeln und steckte ihn genussvoll in den Mund. Zum Abschluss des guten Essens bestellte sie einen Cappuccino und ein Tiramisu. Sie hatte eine Weile überlegt, ob dies kalorienmäßig gehen würde. Natürlich hatte Maren keinen Nachtisch genommen. Aber nachdem sie sogar die diätmachende Simone überreden konnte, dass ein Nachtisch noch drin war, hatte sich ihr schlechtes Gewissen sehr schnell beruhigt.

Peter

Wie immer in Gesellschaft in der gegessen wurde hatte Peter den Eindruck, dass alle ihn anblickten. Er nahm einfach mehr Raum ein als alle anderen und man konnte ihn nicht übersehen. Aus Höflichkeit übersah ihn deswegen jeder und blickte über ihn hinweg. Dies aber so auffällig, dass es den paradoxen Effekt hatte und Peter sich erst recht im Mittelpunkt fühlte. Um nicht auffallend viel essen zu müssen, hatte sich Peter bereits zu Mittag ein Schnitzel mit Pommes gegönnt und kurz vor Aufbruch noch ein Schinken-Käse-Sandwich. Er wollte nicht der In-sich-hinein-stopfende Dicke sein und damit alle Klischees erfüllen, von denen er glaubte, dass die anderen sie hatten. Bedächtig aß er seine Käse-Sahne-Nudeln und trank seine Cola. Als die anderen bereits ihre Nachspeisen bestellten war er erst bei der Hälfte der Nudeln angelangt. Nur Maren, die schräg von ihm saß, gehörte wohl auch zu den eher langsameren Essern. Aber Maren war sowieso eine Ausnahme. Peter hatte bemerkt, dass sie während des Beisammensitzens zweimal den Tisch verließ und zum Klo eilte. Dort verbrachte sie überdurchschnittlich viel Zeit, so dass man nur schwer an eine schwache Blase glauben konnte. Vermutlich hatte sie so schnelle Körperfunktionen, dass das Essen nur so durch sie hindurchrauschte und sie noch nicht mal eine normale Portion im Magen behalten konnte. Ein Metabolismus-Wunder! Wenn man so wollte. Peter hingegen war das Gegenteil. Mit Schilddrüsenunterfunktion gehörte er zu den gefährdet Adipösen. Hinzu kam, dass durch seine stetige Zunahme die Medikamente stets neu eingestellt werden mussten. Eine Weile hatte er zusätzlich zu den Schilddrüsenpräparaten auch ein leichtes Antidepressivum genommen. Obwohl der Arzt ihm versicherte, dass das Medikament selbst nicht für die Gewichtszunahme verantwortlich sei, sondern nur den Appetit anrege, hatte er dennoch 20 Kilo zugenommen. Und war diese auch nach Absetzen des Antidepressivums nicht mehr losgeworden. Damals fingen auch die Fressanfälle an, nicht mehr steuerbare Essattacken, denen Peter hilflos ausgeliefert war. Peter wollte lieber nicht daran denken. Stopp. Gedankenstopp. Positiv denken. Das hatte die Psychotherapeutin auch immer zu ihm gesagt. Po-si-tiv. Schulgefühle und Schamgefühle wegen der Essattacke brachten ihn nur wieder Richtung nächsten Fressanfall. ‚Eine schöne grüne Wiese. Lauter Blumen drauf. Ich liebe diese Wiese, wenn es mir nicht gut geht, kann ich mich dort ausruhen. Ich rieche den Duft der Blumen, ich höre das Zwitschern der Vögel.‘ Peter versuchte sich zu entspannen, aber irgendwie klappte das heute nicht. Alle redeten über ihre Kinder. Er hätte auch gern Kinder, dabei hatte er noch nicht mal eine Frau. Eine Freundin gab es mal, aber das war jetzt auch schon einige Monate her. Susi. Auch nicht an Susi denken. Stopp. Gedankenstopp. Die grüne Wiese. Mit den Blumen. Schnell schob sich Peter eine vollbeladene Gabel Nudeln in den Mund und spülte es mit einem großen Schluck Cola hinunter. Auch das andere Thema Diäten war so gar nicht sein Thema. Gerne würde er sich mit Maren unterhalten, dem Metabolismus-Wunder. Aber irgendwie blickte Maren ihn immer ganz angsterfüllt an. Warum wusste er nicht. Vielleicht war er zu wuchtig für sie. Vielleicht hatte sie Angst, dass er sie erdrücken konnte. Peter fand in kein Gespräch. Niemand schien sich mit ihm unterhalten zu wollen. Freilich versuchte er auch nicht, von sich aus ein Gespräch zu starten. Was hätte er schon sagen können. Er kam sich vor wie ein unendlich schwerer Klotz in der Menge sich gut unterhaltender Leute. Schnell noch einen Nudelbissen. Noch ein großer Schluck Cola. Peter kratzte die Sahne-Soße vom Teller und steckte sich den Löffel in den Mund. Weder Nudeln noch Soße schafften es seinen Mund auszufüllen. Aber das brauchte er jetzt. Voll werden. Satt werden. Essen. Bis der Bauch weh tat. Peter spürte, dass auch dieser Tag wieder einer dieser Tage werden würde… Esstage. Fresstage. Er hatte sich dann nicht mehr unter Kontrolle. Auch jetzt dachte er die ganze Zeit an seine Tiefkühltruhe zu Hause. Dort stapelten sich Pizzen und Fertiggerichte. Herzhaft essen, dann süß (im Küchenregal gab es Schokolade, Gummibärchen und Zuckerbonbons, welche er oberflächlich kaute), dann Obst. Letzteres schien den Magen zu reinigen, damit noch mehr hineinpasste. Dann wieder herzhaft (gerne auch Chips oder die Reste der vertilgten Pizzen), Süßkram, Obst. Immer so weiter. Bis Peter zu platzen schien, der Bauch voll war, nichts mehr ging. Erst dann war er fertig. Er wusste nicht, warum es ihm so erging. Er spürte nur eine Leere in sich, die sich auszudehnen schien und er wirkte dagegen indem er aß. Voll werden, nur nicht die Leere spüren. Während des Essens keine Chance den Anfall zu kontrollieren. Ein Epileptiker kann ja auch nicht seine Anfälle unterbrechen. So erging es ihm auch. Und danach… ja danach: Schuld! Scham! Verzweiflung! Versuche glücklich zu sein, positiv zu denken, bis ihn der nächste Anfall einholte! Peter verabschiedete sich früher von den anderen und ging einsam nach Hause. Negative Gedanken quälten ihn. Stopp! Es ging nicht. Ne-ga-tiv. Nicht positiv. Kein bisschen. Mal wieder nicht. Zu Hause brach er Stück tiefgefrorener Salami-Pizza ab und steckte es sich in den Mund, während er darauf wartete dass der Ofen warm wurde. Neben dem Rest Salamipizza würde er noch zwei weitere Pizzen essen. Süßigkeiten und Obst legte er neben sich bereit, um nicht lange suchen zu müssen.

Are you FUNKing kidding me?

Eben stieß ich auf die neue Kampagne von FUNK – ihr erinnert euch vielleicht:

funk ist ein Online-Medienangebot der ARD und des ZDF für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 29 Jahren. ARD und ZDF sind gemeinsam Träger und gleichberechtigte rundfunkrechtliche Veranstalter des Angebots. Die Federführung liegt beim Südwestrundfunk (SWR). funk richtet sich an Personen im Alter von 14 bis 29 Jahren, die ansonsten kaum oder gar nicht die Fernsehproduktionen der öffentlich-rechtlichen Sender konsumieren. Das Projekt wird jährlich (Stand: 2016) durch finanzielle Mittel in Höhe von 45 Millionen Euro gefördert, wovon zwei Drittel von der ARD und ein Drittel vom ZDF finanziert werden (Quelle)

Dazu hatte ich hier schon einmal einen Beitrag geschrieben.

Der neue Beitrag zur Kampagne #bleibdu toppt das aber bei weitem:

Mehrere junge Frauen treffen dabei eine Ernährungsberaterin im Supermarkt. Was sie jedoch nicht wissen: Statt sie zu beraten, beleidigt die „Ernährungsberaterin“ sie in einer Tour, wirft ihnen vor „voll den Scheiß“ zu essen und „viel zu fett“ zu sein und fragt „Gibt’s sonst noch was hier, was du friss… äh isst?“ … so lange bis die Kandidatinnen genug haben oder weinen.

Dann kommt plötzlich ein Chor und singt, dass die Kandidatinnen toll sind und bleiben sollen, wie sie sind.

Äh … Was zur Hölle?!

Da ist so vieles falsch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

In der Videobeschreibung steht:

Was in diesem Supermarkt passiert, ist unglaublich … Das neue Jahr hat gerade begonnen und viele beschäftigen sich damit, was sich im neuen Jahr für sie alles ändern soll. Schlanker, schöner, fitter, reicher – anders.Häufig geht es da nicht wirklich um eine innere Einstellung, sondern um Dinge, die einem von außen suggeriert werden.Wir sagen: „Mach dich nicht fertig mit falschen Vorsätzen, die dir jemand diktiert und die dich am Ende runterziehen. Bleib wie du bist! Du bist toll! Und wenn du was verändern willst, dann nur, weil du es willst.#bleibdu

Das Video macht leider überhaupt nicht klar, warum es ausgerechnet bei diesen Frauen schlimme Vorsätze sind, wenn sie sich gerne gesünder ernähren und abnehmen möchten. Natürlich ist es gut zu vermitteln, dass man sich nicht von außen unter Druck setzen lassen soll. Auch beim Thema Körpergewicht – eigener Körper, eigene Entscheidung. Zum Problem wird es, wenn automatisch der Wunsch nach gesünderer Ernährung und/oder Abnahme als negativ und von außen diktiert dargestellt wird, ohne weitere Erläuterung. Die Frauen erklären nicht am Anfang, dass sie sich und ihre Ernährung eigentlich toll finden, aber irgendwer ihnen ein schlechtes Gewissen macht. Es wird einfach für den Zuschauer vorausgesetzt, dass diese Wünsche natürlich von aussen diktiert sein müssen und damit etwas schlechtes sind.

So wird unterschwellig suggertiert: Abnehmen/gesund ernähren = Zwang. Und noch schlimmer, sie werden gleichgesetzt mit übelsten Abwertungen, denn die Fake-Ernährungsberaterin soll „das schlechte Gewissen“ symbolisieren. Botschaft: Wer den Vorsatz hat, seine Ernährung zu ändern, der hasst sich selbst. Dass man etwas für sich tun will, indem man seinen Körper gut behandelt? Nö. Das scheint in diesem Weltbild nicht vorzukommen. Ist das wirklich die Botschaft, die ein öffentlich-rechtliches Jugendmagazin vermitteln sollte?

Darüber hinaus finde ich die komplette Aktion in sich schon daneben. Ich hoffe, das war komplett geschauspielert und keine echten Kandidaten, die da öffentlich gedemütigt wurden. Was soll das für eine Botschaft sein? Es ist okay, Menschen fertigzumachen und emotional so unter Stress zu setzen, dass sie vor der Kamera in Tränen ausbrechen, solange man es für einen guten Zweck tut und dann ein „Hey, war ja nicht so gemeint!“ ranhängt? Und dann wundert man sich, wenn Kinder und Jugendliche Mobbing für einen Spaß halten und denken, wenn man hinterher sagt „War doch nur n Witz!“ sei es nicht so schlimm?

Sorry funk, aber die Aktion ging irgendwie daneben.

Ergänzung: Eine der Kandidatinnen, Denise, hat sich gestern hier in den Kommentaren zu Wort gemeldet und mir per Mail noch einige Informationen (und ein Beweisfoto, dass es sich tatsächlich um die Beitrags-Denise handelt) geschickt. Sie hat mir erlaubt, ihren Kommentar hier zu zitieren:

Ich danke dir für diesen Beitrag, den ich über eine Freundin gefunden habe.
Leider waren die Teilnehmer keine Schauspielerinnen, denn ich war eine von ihnen.
Es war ganz furchtbar für mich: Ich nehme mir die Auszeit von der stressigen Lernphase dafür (was ich auch beim Vorgespräch am Telefon erwähnt hatte), bin total aufgeregt und mache mir Gedanken was ich anziehe, und wie ich es schaffe mich nicht zu blamieren. Denn hey wann gewinnt man denn mal etwas?
Als allererstes: ich habe da mitgemacht um mir Tipps geben zu lassen, Alternativen zu Fertigkram und Nudeln während der Prüfungszeit zu finden. Ich habe das nicht gemacht um abzunehmen, einfach nur um mich besser zu fühlen.
Als ich dort ankam konnte ich meine Aufregung kaum verbergen, 3 Kameras die auf einen gerichtet sind und die ganzen Menschen, dazu noch in einem Einkaufscenter in dem gerade viele Leute einkaufen und das Ganze mit ansehen können.
Und dann aus dem nichts solche Beleidigungen an den Kopf geknallt zu bekommen, die ganzen Selbstzweifel die wieder auftauchen und das Schlimmste war dieses Lächeln das ich auflegen musste. 2 Kameras die die ganze Zeit auf mich gerichtet waren, da konnte man nicht zeigen, welche Welten gerade in einem zusammenbrechen. Und ich bin nicht der Typ, der sagt was ihn stört oder der immer einen coolen Spruch auf den Lippen hat.
Als der Walk of shame dann mit dem Chor ein Ende nahm, war ich einfach überfordert. Tut mir Leid aber ein „bleib wie du bist“ konnte da nicht retten, was da zwischen den Süßigkeiten und der Käseabteilung in mir kaputt gegangen ist.
Ich wollte doch bleiben wie ich bin und hatte nie vor mich zu ändern!
Das schlimmste an der Sache war, dass es die ganzen schlimmen Momente von damals wieder hervorgeholt hat.
Ich war mal dick und hatte 3 Jahre eine Essstörung, die mich sehr viel Kraft gekostet hat. Aber danach hat sich niemand im Voraus erkundigt.
Die Szenen waren im Kasten und ich wurde mit einer Mütze, ein paar Billigkopfhörern und einer Werbegeschenkladestation abgefertigt, dann noch kurz verstecken, damit mich die nächste Kandidatin nicht sieht und Tschüss!

Es ist also nicht nur so, dass die Kandidatinnen keine Schauspieler waren, sondern tatsächlich unter dem Vorwand ein Gewinnspiel gewonnen zu haben, in diese Aktion gelockt wurden, es wurde im Vorfeld auch seitens der Produktionsfirma nicht einmal abgeklärt, wie der Hintergrund der Betreffenden aussieht, so dass ausgerechnet jemand mit Essstörungsvergangenheit unter derartigen Stress gesetzt wurde.

Denise hat sich nach dem Dreh auch an die Produktionsfirma gewendet und geschildert, wie es ihr mit dem Dreh ging, die Antwort war allerdings wenig hilfreich:

Die Antwort war (wie ich befürchtet habe) sehr oberflächlich und sie sind überhaupt nicht auf die Punkte eingegangen die ich in dieser Mail geschrieben hatte.

Seitens der Produktionsfirma scheint nicht wirklich Einsehen zu bestehen, was an dieser Aktion schief gelaufen ist. Abgesehen davon, dass auf Kosten der Kandidatinnen versucht wurde, eine „Feelgood-Message“ zu vermitteln und gleichzeitig auf maximal ignorante Art mit den realen Gefühlen der Teilnehmer umgegangen wurde, ist der ganze Sinn der Aktion auch noch völlig daneben, wenn man Denises Aussage zu ihrem Beweggrund für die Beratung anschaut:

Ich habe da mitgemacht um mir Tipps geben zu lassen, Alternativen zu Fertigkram und Nudeln während der Prüfungszeit zu finden. Ich habe das nicht gemacht um abzunehmen, einfach nur um mich besser zu fühlen. […] Ich wollte doch bleiben wie ich bin und hatte nie vor mich zu ändern!

 

Ergänzung 2: Der Vollständigkeit halber hier auch noch das Statement von funk aus den Kommentaren:

Erst einmal: Vielen Dank für die positiven und die kritischen Rückmeldungen. Die Botschaft #bleibdu hat viele verschiedene Reaktionen und Emotionen hervorgerufen. Auch bei uns hat das Video kritische Gespräche und Diskussionen ausgelöst. Beim nächsten Mal wollen wir es anders und besser machen. Wir nehmen auf jeden Fall einiges aus eurem Feedback mit und wollen uns selbst auch zu unserer Aktion äußern. Insbesondere zu zwei Kritikpunkten von euch.

1) Wir wollen mit der Aktion eine grundpositive Botschaft vermitteln: #bleibdu. Denn wir denken, dass viel zu viele von uns den Unverschämtheiten anderer Menschen eher nachgeben würden, als auf sich selbst zu hören. Die übertriebene Rolle von „Coach Sabine“ steht für die vielen Einflüsse, die uns von außen dann doch immer wieder an uns zweifeln lassen – und darauf antworten wir mit #bleibdu. Die Protagonistinnen des Videos sind tolle Menschen und haben es nicht nötig, sich von jemandem sagen zu lassen, wie sie sein sollen oder nicht. Offensichtlich ist die eigentliche Botschaft zu kurz gekommen. Zu keinem Zeitpunkt wollten wir unsere Protagonistinnen bloßstellen. Das ist uns leider nicht an jeder Stelle gelungen und dafür entschuldigen wir uns.

2) Natürlich finden wir gesunde Ernährung wichtig. Mehr noch, sie kann auch aus gesundheitlichen Gründen sehr wichtig sein. Um das zu verdeutlichen, hat unser „Coach“ so maßlos übertrieben. Denn kein verantwortungsvoller Coach würde so beraten. Weder was die Tipps selbst angeht, noch die Art und Weise, wie sie vermittelt wurden.

Und zu guter Letzt das Wichtigste: Wir wollen, dass es unseren Protagonistinnen gut geht und haben sowohl vor als auch nach den Drehs mit ihnen gesprochen und stehen weiter mit ihnen im Austausch. Wir haben den Protagonistinnen direkt im Anschluss an den Dreh ein „echtes“ Coaching ohne Mikro und Kamera angeboten, wenn sie das machen möchten.