Gastbeitrag: Abnehmen & Feminismus

Ich verfolge schon länger FrauMajas Blog und wusste, dass sie Fettlogik gelesen hat. Bereits bei ihrem Blogartikel „Stop commenting on my body„, in dem sie sich gegen gut-feministisch-gemeinte Kommentare zu ihrer Abnahme ausspricht, ploppte schon leise das Wort „Gastbeitrag“ bei mir auf.

Diese Tweetkette schließlich brachte mich dazu, laut zu ploppen:

gast

Letztlich griff der Text von Frau Maja allerdings so viele spannende Themen auf, dass ich sie fragte, ob wir ihn nicht in zwei Bereiche aufteilen wollen. Heute wird es also um Majas feministische Sichtweise gehen und demnächst erscheint ein Artikel zum Thema ADHS und Übergewicht, bzw. Abnehmen. Dieser wird dann im Rahmen einer Art „Themenwoche AD(H)S“ erscheinen (Beiträge von Betroffenen und/oder Experten gerne an erzaehlmiralles@gmx.de):

Guten Tag, ich bin FrauMaja und ich bin ein wahnsinnig kompliziertes Exemplar Mensch, denn ich bin eine Feministin auf Diät.

Dieser Zustand ist von Fallstricken gepflastert, denn wieso ist man gleichzeitig gegen Fatshaming und will trotzdem abnehmen?

Zunächst mal: Dass ich anfing abzunehmen und das auch seit über 4 Monaten und dabei gut 25 verlorenen Kilos durchziehe, hatte vor allem etwas mit meiner Gesundheit zu tun, denn die lag bei 102 Kilo auf 1,67 m im Herbst 2016 ziemlich am Boden.

Von einer Erkältung wurde ich von den Beinen geholt und saß dann mit einem Puls von 120 beim Arzt.

Danach habe ich mich eigentlich bis Weihnachten durchgängig krank oder zumindest nicht gesund gefühlt.

Ich muss aber auch -ganz unfeministisch- zugeben, dass ich mich mittlerweile auch sehr viel lieber im Spiegel angucke. Ich finde meine schlankere und auch muskulösere und fittere Figur schon ziemlich gut, auch wenn ich bis zum Idealgewicht nach BMI noch ein paar Kilos vor mir habe.

fraumaja

Als ich das erste mal ein ‚Vorher/Nachher‘-Foto vom Zwischenstand meiner Abnahme gepostet habe, fragte mich jemand warum man denn für das ‚Vorher Bild‘ (Das erste in der Kollage) immer ein Unvorteilhaftes nimmt. Aber wenn ich ehrlich bin, gibt mein Gesichtsausdruck ziemlich gut meinen damaligen Gemütszustand wieder. Ich war mit meiner Figur unglücklich. Und zwar nicht nur, weil ich so dick war (Man nimmt das selbst gar nicht so krass wahr in dem Moment) sondern auch weil ich zwei Monate Krankheit und schlecht fühlen hinter mir hatte, die auch auf mein Gewicht zurück zu führen waren. Wohlbefinden, Gesundheit und Körpergefühl gehen natürlich miteinander her und keiner kann mir verübeln, dass ich mich in der Situation nicht sehr wohl in meinem Körper gefühlt habe.

Als feministische Frau, die sich schon sehr genau überlegt hat, wer ihren Körper kommentieren darf und wer nicht, ist abnehmen schon deshalb auch ein nervenaufreibender Prozess, weil einem ständig Leute erklären wollen ob, wie viel und wie schnell man abnehmen ‚darf‘.

„Aber wieso willst du abnehmen, genieß doch lieber das Leben!“ (Ich bin krank geworden, weil ich zu viel genossen habe!)

„Ach du bist doch auch so eine hübsche Frau!“ (Aber keine gesunde. Kruzifixnochmal.)

„Also ich finde dünne Frauen gar nicht sexy, ich will im Bett was zum anfassen haben…“ (Warum teilen einem eigentlich Leute ungefragt ihre optischen Präferenzen bei der Wahl ihrer (Sexual-)Partner mit, wenn es um ein völlig unkinky Thema wie Abnehmen geht?)

„Aber du musst langsam abnehmen!“ (Gibt’s da eigentlich eine Geschwindigkeitsbegrenzung wie in der Innenstadt?)

Natürlich bekomme ich auch viel Lob und positive Rückmeldung, aber ich will trotzdem nicht, dass man mir in das reinredet, was ich mit meinem Körper mache!

Richtig unangenehm wird es für mich allerdings auch, wenn mir andere feministische Menschen versuchen einzureden ich würde offensichtlich falschen Körperidealen anhängen, wenn ich unbedingt abnehmen möchte.

Wie gesagt, ich möchte selbst entscheiden, was ich mit meinem Körper anstelle. Und wenn ich dünner werde, weil ich mich dann besser fühle, dann ist das kein Statement für die Allgemeinheit. Geht völlig klar für mich, wenn jemand dick ist und sich gesund fühlt und so bleiben will. Ich muss das nicht immer dabei setzen und meine Abnahme rechtfertigen.

Ich finde es bedenklich, wenn einem in Sachen Bodyacceptance eine Figur oder ein Körperbild aufgezwungen wird, und eine Abnahme quasi als Verrat an der Sache gesehen wird.

Bodycommenting, als das ungefragte Kommentieren der Figur anderer Menschen, finde ich schlimm, wenn es als Fatshaming daher kommt. Aber es hat eben auch niemand das Recht darauf, das ganze umzudrehen und mir das Recht auf meine körperliche Selbstbestimmung abzusprechen, wenn ich abnehmen möchte. Das ist nicht in Ordnung.

Und ja, ich bin ein einigermaßen reflektierter Mensch und nein ich habe keine Essstörung. Im Gegenteil, bevor ich angefangen habe meine Nahrung zu dokumentieren und Kalorien zu zählen, hatte ich einige sehr ungesunde Essmuster, die auch zur Gewichtszunahme geführt haben.

Natürlich könnte ich über all die Leute, die mein Gewicht und meinen Körper kommentieren, sagen „Lasse reden!“.

Aber es macht mir auch bewusst, wie groß die ‚Fremdbestimmung‘ in Sachen Körperlichkeit immer noch ist.
Natürlich ist es sehr bedenklich, wenn bspw. dünne Frauen noch dünner werden wollen, weil sie ‚Germany‘s Next Topmodel‘ oder einen H&M Katalog angesehen haben und sich nun im Vergleich dick fühlen, weil dort ein sehr, seeeehr dünnes Körperideal verkauft wird. Und dann finde ich es gut, wenn sich Menschen Sorgen machen.

Aber ich wünsche mir auch sehr, dass Menschen, die Übergewicht loswerden möchten, weniger „Ja, aber…“ sondern mehr „Yay, ich wünsche die, dass du deine Ziele erreichst!“ hören. Das wäre ein wichtiger Schritt in Richtung der Akzeptanz aller Körperbilder und auch viel motivierender 🙂

Gastbeitrag: Lars VLOGGT über Fettlogik und was es bedeutet, dick zu sein

Vor einigen Wochen schrieb mich Lars an, um zu fragen, ob es für mich okay sei, wenn er einen VLOG (VLOG = Video Tagebuch) über sein Leben mit ~200 kg, seine Abnahme und Fettlogik(en) auf youtube macht – was an sich schon supernett ist, denn natürlich ist es sein gutes Recht, dort über alles zu reden, was er möchte, selbst wenn ich das doof fände (was ich nicht tue. Ich freue mich natürlich.)

Und nachdem ich seine bisherigen Videos schon ziemlich toll fand, konnte ich ihn dafür gewinnen, einen Gast-VLOG für Fettlogik zu drehen. Erstmals gibt es also einen Gastbeitrag in Videoform 🙂

Auf die Frage, was man vor dem Sehen des Videos über Lars wissen sollte, antwortete er wie folgt:

Lars, 38 Jahre alt aus Duisburg/NRW (lebe nun aber nach der Schweiz, England, Irland in Bayern -.-), Bürohocker in der Spielebranche der schon ca 100 Diäten hinter sich hatte und am Ende mit 200 Kilo da stand.

Hab FLÜ gekauft weil so viele Leute es empfohlen haben und bin seitdem voll auf Kurs.

Die Videos mache ich vor allem um mich selbst zu motivieren bzw zu zwingen 🙂

Viel Spaß 🙂

Gastbeitrag: Extremes Übergewicht, der berufliche (Nicht)einstieg… ja und ich!

Im Oktober 2016 schrieb mir Lia zum ersten Mal eine Mail darüber, wie sie in einem Forum auf Fettlogik stieß und beim Anblick meiner Bilder dachte „Verdammt, DAS könntst DU sein!“ – auf dem Weg dorthin haben wir uns seither immer mal wieder geschrieben.

In Fettlogik schreibe ich auch über die Diskriminierung Übergewichtiger, und wie sich zwar einerseits die Wahrnehmung was „dick“ ist, stark verschoben hat, andererseits aber Menschen, die tatsächlich als „dick“ identifiziert werden, eine Menge negativer Stereotype begleiten. In ihrem Gastbeitrag berichtet Lia aus dieser, ebenfalls wichtigen, Perspektive:

Hallo 🙂 Mein Name ist Lia und ich bin 25 Jahre alt. Lia ist nicht mein richtiger Name, da mein echter Name aber sehr selten ist bleibe ich erstmal bei Lia, denn dies ist ein für mich sehr sensibles Thema.

Ich war stark übergewichtig, mein Höchstgewicht lag bei ungefähr 180-185 Kilo verteilt auf 1,67 Meter. Das ist viel zu viel und wahrlich nicht schön, aber was dieses Gewicht – gerade auf beruflicher Ebene – ausmacht möchte ich ein wenig aus meiner Perspektive schildern.

Wir schreiben das Jahr 2012, ich beendete mit ungefähr 130 Kilo meine schulische Laufbahn an einem beruflichen Gymnasium. Die Schulzeit war nicht immer schön und mir wurden ein paar Steine in den Weg gelegt, aber ich meisterte das halbwegs und dachte jetzt wird alles schöner. Leider falsch gedacht, es begann eine Odysee, die meine Sicht auf andere Menschen veränderte. Ich begann mich nach meiner Schulzeit zu bewerben, eine solide Ausbildung im kaufmännischen Bereich, denn ich bin ein „Zahlenmensch“ und mag präzises arbeiten. Und zack sitzt man also bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur.

Die hibbelige Dame war euphorisch und begeistert, gab mir ein paar Tipps auf den Weg und meinte noch „Also Frau Lia Sie haben ein berufliches Gymnasium in der Richtung Wirtschaft besucht und wirken sehr motiviert, da schreiben Sie keine 100 Bewerbungen. Das verspreche ich Ihnen!“. Ich begann sofort, voll motiviert. Okay die Bewerbungsfotos waren etwas kritisch, denn ich bin kein Freund davon aber ich habe das Glück gehabt, dass man mir mein Gewicht nicht wirklich darauf ansah.

Die ersten Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und Tests flatterten ins Haus. Ich war super optimistisch und hab mich immer gut vorbereitet dank Bewerbungscoach, denn wenn ich etwas mache, dann richtig! Ich könnte jetzt ausführlich weitermachen, das Ende vom Lied bleibt gleich: Ich habe keinen Ausbildungsplatz erhalten. Im ersten Jahr redete ich mir nur was von „Ach komm nächstes Jahr bestimmt (…) einfach nur Pech gehabt (…)du findest schon noch was!“ ein. Was mir aber anfangs gar nicht in den Sinn kam war, dass es an meiner Figur liegen könnte.

In einem Vorstellungsgespräch als Industriekauffrau wurde ich gefragt, ob ich denn keine Rückenprobleme hätte, obwohl nein es wurde – nachdem ich von oben bis unten mit abfälligen Blicken gemustert wurde – ungefähr so ausgedrückt: „Waaaas? Und Ihr Rücken? WARUM haben Sie denn noch keine Rückenprobleme? Und Sie sind sich sicher, dass die Ausbildung für Sie das Richtige ist?“. Ja den Wink mit dem Zaunpfahl habe ich damals nicht verstanden, bzw. redete es mir schön.

Ein Steuerberater war der Erste, der es auf den Punkt brachte. Ich rief ihn an, denn ich hatte keine Rückmeldung wie vereinbart erhalten. Erst redete der gute Mann um den heißen Brei herum, erst als er merkte dass es mir sehr ernst ist kam folgender brutal sensibler Satz in einem nicht so netten Tonfall: „Ich will es kurz machen Frau Lia, Ihre Proportionen passen einfach nicht zu uns als etablierten Dienstleister!“ Das hat gesessen, auch wenn er ehrlich war.

Wie bereits erwähnt sah man auf dem Bewerbungsfoto nicht unbedingt mein stolzes Gewicht von ungefähr 130 Kilo an. Ich sah so oft förmlich enttäuschte oder Abneigung signalisierende Blicke, teilweise wirklich verachtend. Sie hatten etwas anderes erwartet. Dieser „Oh mein Gott, die ist fett!“- Blick wird immer in meinem Gedächtnis bleiben

Ich schaffte es öfters auch mal zu einem Probearbeiten, eine Stelle in einer Zeitarbeitsfirma machte mir sogar richtig Spaß. Das Team, aus ca. 12 Leuten bestehend, war freundlich, die Lage gut und ich fand es dort sehr angenehm. Bis ich zu einem Gespräch gebeten wurde und ich wurde über meine Ernährung verhört. „Wie bitte? SIE essen also Schwarzbrot?!?“ Ohja liebend gerne und ich atme sogar Sauerstoff! Ich bin immerhin ein Mensch, wenn auch ein dicker. Nach dem Verhör hörte ich noch aus dem Nebenzimmer ein „Naaaaa, ist DIE FETTE schon weg?“ und daraufhin folgte drei Tage später der Anruf des Geschäftsstellenleiters „Nein Frau Lia, es tut mir ja leid, aber bitte denken Sie nicht es sei nur wegen Ihrer Figur!“ – Nur? Na danke.

Ich könnte Stunden fortführen, was so für skurrile Momente zustande kommen, den Vogel abgeschossen hat aber definitiv die Dame der Berufsberatung. Wohlgemerkt eine neue Dame, die Erste war irgendwie verschwunden. Sie bat mich zum Gespräch und hörte sich gar nicht richtig an, was meine Erfahrung ist, was ich eigentlich möchte und was nicht. Sie unterbrach mich und erzählte mir gleich ich sei ein hoffnungsloser Fall, ich solle mir überlegen ob ich nicht lieber eine etwas andere Ausbildung machen möchte. Diese sog. „Ausbildung“ wäre für Menschen gewesen, die besondere Unterstützung brauchen, im Sinne von extremen Lernschwierigkeiten/einer verminderten Intelligenz. Ich habe nicht zwei solide Schulabschlüsse gemacht und mich durch drei Leistungskurse gekämpft um dann so eingestuft zu werden. Ich war fassungslos, Kompetenz pur! Natürlich kann die Dame auch nicht zaubern, aber alleine auf die Idee zu kommen macht mich sprachlos. Nur weil ich (extrem) dick war wurde ich in eine gewissen Ecke geschoben.

Und auch andere Menschen schoben mich gerne in diese Ecke. Richtig aufgefallen ist mir dies total, als die Nachbarin meiner Eltern aufgeregt sturmklingelte und mir erzählte, ich müsse unbedingt sofort einen Nebenjob in der Spülküche der örtlichen Seniorenresidenz annehmen. Ich fragte sie wie sie darauf käme und es kam nur „Ja nun ich hab gehört du findest ja eh keine Ausbildung, du scheinst überfordert zu sein, einfache Arbeiten liegen dir wohl eher“ – ich kochte innerlich, denn a) hat diese Nachbarin nie mehr als ein „Hallo“ mit mir geredet und b) kann sie meine Lage null einschätzen oder habe ich nach Ihrer Unterstützung gefragt. Ich blieb äußerlich gerade noch so gefasst und sagte ihr höflich, dass das nicht infrage käme. Kaum die Tür geschlossen fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Sie denkt in Schubladen. Das ist menschlich und wir tun es irgendwie alle wenn wir ehrlich sind. Übergewicht wird oft suggeriert mit mangelnder Leistungsbereitschaft, einem schwachen Willen, Faulheit, man habe sein Leben nicht im Griff, es sei einem alles egal. Und genauso denken auch die zahlreichen Betriebe. Da nimmt man lieber die schlanke junge Dame, statt der Übergewichtigen. Und genau das wurde mir mit zum Verhängnis.

Leider habe ich diese Tatsache erst vor einem Jahr begriffen, vier Jahre nachdem mein Bewerbungsmarathon startete. Nur ich kann mir helfen meinen Körper wieder gewichtstechnisch in den Normalbereich zu manövrieren und mir die beschriebenen Momente zu ersparen. Ich habe übrigens aufgehört genau zu zählen wie oft ich mich beworben habe, letzter Stand waren alleine 400 schriftliche Bewerbungen, da kommen aber noch deutlich mehr hinzu.

Daran sieht man wie sehr das Gewicht das Leben beeinflussen kann, wie sehr man sich selber Steine in den Weg legt. Und ich ärgere mich tierisch, dass ich nicht früher angefangen habe endlich abzunehmen, aus dem Frust heraus wurden aus den 2012 noch 130 Kilo, Mitte 2013 150 Kilo bis zu 185 Kilo im März 2016. Ein Großteil von meinem Übergewicht habe ich mittlerweile verloren, einen Ausbildungsplatz habe ich bis dato leider nicht. Ich sitze in einer Zwickmühle fest und dieses Gefühl aus Existenzangst, dem Druck anderer Menschen und einfach auch einem totalen Schamgefühl weil man mit Mitte 20 feststeckt, ist nicht schön, es ist fast schon demütigend. Und mir rennt die Zeit davon mit 25. Kein noch so tolles Essen ist es wert sowas zu erleben.

Dennoch stößt mir die Art wie mit mir umgegangen wurde auf, wie sehr Menschen sich blenden lassen und vorverurteilen. Mein Kopf ist immernoch der gleiche Kopf wie vor 4-5 Jahren und ich bin auch noch genauso motiviert. Da ist es eigentlich völlig egal ob ich 60 Kilo wiege oder 160 Kilo. Oder auch: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ (Antoine de Saint-Exupéry in „Der kleine Prinz“) – was wirklich stimmt.

Aufgeben ist aber nicht, ich schaffe es noch irgendwie, a) ins Normalgewicht und b) in einen sinnvollen Beruf 🙂

Man muss dazu sagen, dass ich natürlich nicht nur abnehme um eine wesentlich bessere bzw. überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Ich genieße jetzt schon jeden Tag ein völlig neues Körpergefühl, man wird auch nicht mehr so angestarrt oder kann entspannt ein paar Schritte laufen ohne gleich keine Luft mehr zu bekommen. Kleidung von früher – Größe 52/54 – wird gefühlt langsam zum Zelt, man schläft besser, ist wirklich körperlich leistungsfähiger, man hat irgendwie mehr Lust etwas zu unternehmen. Je mehr der – ich nenne es so, für mich war/ist es wie ein Gefängnis – Panzer sich auflöst, desto freier fühlt man sich. Für mich bedeutet meine Abnahme ein neues, gesünderes Leben mit mehr Freiheiten, ohne bremsendes Gewicht.

An der Stelle starte ich einfach mal einen Aufruf: Falls jemand eine Ausbildungsstelle im kaufmännischen Bereich zu vergeben hat, oder jemanden in dem Bereich kennt, und Lia kennenlernen möchte, schreibt mir gerne eine Mail und ich leite sie an sie weiter! Vielleicht findet sich ja auf diesem Wege eine Möglichkeit! Das wäre großartig.

Montagssammlung

Ich hatte kurz überlegt, den Welt-Artikel „Vorurteile: Die Wahrheit über die Gesundheit dicker Menschen“ als extra Beitrag einzureihen in die lange Liste schlechter Welt-Artikel zu diesem Thema, wie etwa „„Auch sehr dicke Menschen können kerngesund sein“, „Ein genetischer Schalter macht Menschen dick“ oder „Kampf den Kilos: Warum Diäten uns immer dicker und dicker machen„. Bevor ich allerdings dazu kam, war er hinter einer Paywall verschwunden. Ein Ökonom hat eine Reihe von Selbstauskünften untersucht um „um herauszufinden, ob Dicke tatsächlich immer auch ungesünder sind als ihre schlankeren Zeitgenossen“ und „der Befund des – schlanken – Professors aus Hannover: Nein, sind sie nicht. Grundsätzlich seien Übergewichtige weniger gesund als schlankere Zeitgenossen, daran gebe es keine Zweifel, schreibt Hüberl in einem aktuellen Aufsatz in der renommierten Fachzeitschrift „Economics and Human Biology“. Zwingend sei das allerdings nicht.“ weil laut Studie „introvertierte Stubenhocker mit geringem Selbstbewusstsein, die verhuscht auf der heimischen Couch sitzen und Pralinen knabbern“ mehr unter den Folgen leiden als Etravertierte. – Gratuliere, liebe Welt, ihr habt damit das Konzept eines Risikofaktors erfasst. Euren nächsten Artikel mit der spannenden Info, dass nicht jeder Raucher Krebs hat und es Raucher gibt, die gesünder sind als Nichtraucher, erwarte ich mit Spannung.

Der Wissenschaftler selbst liefert auch bereits die Kritik: Hübler sagt zwar selbst, dass es besser wäre, wenn neben dieser Selbsteinschätzung auch messbare objektive Kriterien für den Gesundheitszustand der Betroffenen vorlägen. Schließlich sei es gut möglich, dass extrovertierte soziale Menschen ihre eigene Gesundheit besser beurteilen als eine ängstliche Person, die objektiv genauso gesund oder krank ist. Entsprechende objektive Gesundheitsdaten liefert das SOEP allerdings trotz der Datenfülle nicht.

Dazu wurde beispielsweise dieser Effekt „So fand er beispielsweise heraus, dass Übergewicht besonders dann gefährlich wird, wenn das Körpergewicht häufig und stark schwankt“ bereits vor Jahren als reine Korrelation entlarvt. Dazu aus Fettlogik: „Studien, die ein erhöhtes Sterberisiko fanden, unterschieden nicht zwischen gezieltem Abnehmen und unfreiwilligem Gewichtsverlust. In Folge vieler lebensgefährlicher Erkrankungen wie Krebs, Schlaganfall oder Diabetes nehmen Menschen oft massiv an Gewicht ab, sodass Studien, die diesen Faktor nicht kontrollieren, zu dem Ergebnis kommen, dass Gewichtsschwankungen mit Sterberisiko zusammenhängen. Tatsächlich verursacht jedoch die Erkrankung sowohl die Gewichtsschwankung als auch den Tod. Das ist keinesfalls vergleichbar mit gesunden Personen, die sich bewusst entscheiden, ihr Gewicht zu reduzieren.“ dennoch wird einfach mal aufgund dessen spekuliert und geraten: „„Starke Schwankungen des Körpergewichts belasten die Gesundheit sehr; das gilt besonders, wenn der BMI ohnehin hoch ist. Wenn eine Person versucht, dagegen anzugehen, es aber nicht so richtig schafft, wieder zunimmt und das Körpergewicht immer wieder hoch- und runtergeht; das ist ausgesprochen ungünstig“, sagt Hübler. „Ein Mediziner würde das vermutlich damit erklären, dass grundsätzlich ein steter Lebenswandel ohne starke Schwankungen für den Körper günstiger ist.“

Solche Artikel, die sogar Angst vor Gewichtsreduktion schüren, sind besonders ärgerlich, wenn man sie mit den Ergebnissen dieser neuen Studie vergleicht, die herausgefunden hat, dass Adipositas in den USA die Hauptursache für (vermeidbar) verlorene Lebensjahre ist. Laut den Autoren sei dies vor 15 Jahren noch das Rauchen gewesen, aber zwischenzeitlich habe es so gute Fortschritte in der Raucherprävention gegeben, dass nun Übergewicht an die erste Stelle gerückt ist.

Auf Twitter wurde ich darüber hinaus auf diese Studie hingewiesen, in der untersucht wurde, ob Gewichtsverlust die Verschlimmerung von Knieproblemen verlangsamen kann – und ja, kann es, sogar in eindrucksvoller Weise.

Gleichzeitig gibt es (neben anderen Unis) in der University of Maryland inzwischen einen Kurs in „Fat Studies“, in dem Diäten nicht wirklich gut wegkommen und wir haben gestern den internationalen Anti-Diättag gefeiert. Initiiert wurde er von Mary Evan Young, die an Magersucht erkrankt war. Nun ist natürlich verständlich, dass aus der Perspektive einer ehemals Magersüchtigen Diäten schwierig sein können. Angesichts der Tatsache, dass inzwischen die Mehrheit der Deutschen übergewichtig ist, stellt sich dennoch die Frage, ob ein Anti-Diättag so eine sinnvolle Sache ist. Die Kritik fällt nämlich leider selten differenziert aus, im Sinne dass klargemacht wird, dass es ungesunde oder sinnlose Arten on Diäten oder Diätprodukten gibt, sondern richtet sich meist gegen Abnehmen und Diäten generell. Heute.de etwa schreibt in ihrem „Sieben-Gründe-Menü, warum Diäten höchstens im Bundestag eine Daseinsberechtigung haben, aber nicht in unserem Leben„:  „Wie langweilig wäre es, wenn wir alle den gleichen Geschmack hätten und in Größe 36 im Einheitslook rumlaufen würden? Keine Ecken, keine Kanten und keine eigene Persönlichkeit. Diäten ersticken im Keim, was jeden von uns besonders macht. Während wir sonst leidenschaftlich unsere eigene Meinung vertreten, unterwerfen wir uns kommentarlos ihrem Diktat an Regeln. Immer und immer wieder. Und vergessen dabei, Leben zu lieben.“ und RP online verbreitet etwas Stoffwechselpanik: „Auch moderne Ernährungswissenschaft lehnt Diäten als Quälprogramme ab. Schon beim Wort Diät geht es nicht um kurzfristige Effekte; es kommt aus dem Griechischen und heißt so viel wie Lebensführung. „Dabei steht es für das gesunde Leben im Allgemeinen, inklusive Sport, Ernährung, Stress und Livestyle“, sagt die Krefelder Diätassistentin Doris Steinkamp. Warum sind die sogenannten „Crash-Diäten“ so uneffizient und führen meistens sogar dazu, dass der Abnehmende nach der Diät wieder Gewicht dazugewinnt? „Wenn man öfter weniger als den normalen Kaloriengrundumsatz zu sich nimmt, denkt der Körper, es handele sich um eine Notsituation. Er lernt, die gegebene Energie besser zu nutzen. Wenn man nun wieder anfängt, wieder normal zu essen, möchte der Körper sich auf kommende Hungerphasen vorbereiten und setzt so viel Speck wie möglich an“, so Steinkamp.“ Aus meiner Sicht ist das etwa so, als würde angesichts der Tatsache, dass es ein riesen Problem mit Krankenhauskeimen gibt, einen „Anti-Hygienetag“ in medizinischen Einrichtungen einführen, weil es Menschen gibt, die an Waschzwang leiden.

Allerdings gibt es auch gute Neuigkeiten. Johannes, der Gründer von Fitess-Experts bat mich, auf seine Studie hinzuweisen, mit der er herausfinden möchte, welche Strategien langfristiges Gewichthalten unterstützen – hier sein Aufruf:

Um was geht es?

Der Jojo-Effekt scheint für viele unausweichlich. Manche denken sogar, niemand könne langfristig erfolgreich sein Fett loswerden. Aber das stimmt nicht! Ca. 20% halten ihr neues Gewicht langfrsitig. Was machen diese „Erfolgreichen“ besser als die nicht erfolgreichen?

Offensichtlich haben sie Strategien entwickelt, mit denen sie ihr Gewicht dauerhaft (oder in einem gewissen Korridor) halten. Natürlich eine Form von „Weniger essen und mehr bewegen“. ABER das sagt noch nichts darüber aus, mit welchen Strategien das Gewicht wirklich gehalten wird.

In dieser Studie wollen wir die effektivsten Strategien ausfindig machen, mit denen du am leichtesten und erfolgreichsten dein Gewicht nach einer Diät hältst. Sie machen den Unterschied zwischen erfolgreicher dauerhafter Gewichtsabnahme und Jojo-Effekt.

Bist du geeignet?

Hast du mehr als 5-10% deines Körpergewichts abgenommen und dieses neue Gewicht für mindestens 1 Jahr (oder viel länger) in einem gewissen Bereich gehalten und bist du 18 Jahre oder älter? Dann bist du ideal geeignet mitzumachen.

Was bekommst du für die Teilnahme?
 

Als erfolgreicher Teilnehmer, …

  • … bekommst du am Ende eine Auswertung der Ergebnisse und erfährst, wie du dein Gewicht noch besser/einfacher oder überhaupt halten könntest. Du bekommst neue Ideen und Impulse, was du noch tun kannst (und was du dir sparen kannst).
  • … bekommst du die nächsten 2 auf FE neu erscheinenden Programme deiner Wahl kostenlos!
  • … bist du Teil der weltweit ersten Untersuchung dieser Art & Größe und lieferst einen enorm wichtigen Beitrag die Wissenschaft in dieser Frage voranzubringen. Für die Studie bekommen wir Unterstützung der renommierten Oxford Universität und der TU in München. Damit ist es möglich in Zukunft wissenschaftlich fundierte Programme zu entwickeln und die Modediäten & Hypes als das zu entlarven, was sie sind: nicht hilfreich.
Wie lange dauert das und sind meine Daten anonym?
 

Insgesamt benötigst du für die Teilnahme ca. 30-45 Minuten. Das ist jedoch gut angelegte Zeit. Die komplette Studie wird online und anonymisiert durchgeführt (kein Name erforderlich, nur eine E-Mail-Adresse). Deine Daten werden nach Studienende wieder gelöscht.

 
Hast du Lust an der Studie mitzumachen und dir die Vorteile zu sichern? Dann trage bitte in diesem Artikel unten deine E-Mail Adresse ein und es geht sofort los!
Zu guter Letzt noch der Hinweis auf einen neuen VLOG von Lars, mit dem Titel „Was es bedeutet, dick zu sein„, in dem er über sein Leben mit ~ 190 kg, seine Abnahme und Fettlogik spricht. Ich konnte ihn überreden, in einigen Wochen ein Gastvideo als Beitrag für diesen zu machen – also schaut gerne schonmal rein und hinterlasst ihm vielleicht Kommentare oder Fragen, was euch in seinem Gastbeitrag interessieren würde!
Und wenn ich etwas vergessen habe oder ihr spannende Beiträge über Übergewicht, Abnehmen oder Fettlogik gesehen oder geschrieben habt, schreibt sie gerne in die Kommentare!

Update: Ausgezählt!

In letzter Zeit fiel es mir schwer, persönliche Beiträge zu schreiben – das war wesentlich leichter, als Fettlogik noch ein selbst publiziertes Ebook war und der Blog tagebuchiger war. Inzwischen mache ich mir vor einem „privaten“ Beitrag zig Gedanken und meist verwerfe ich ihn dann.

So hat es nun einige Monate gedauert, aber ich wollte dennoch endlich ein Update geben, wie es aktuell bei mir läuft. Was das Gewicht angeht, wie man anhand der Fotos von meinem Vortrag in Bern sehen kann: Stabil bei ~65 kg.

Wobei … na jaaa. Direkt im Anschluss habe ich einige Tage Urlaub bei meinen Eltern gemacht, und dieser Abschnitt aus Fettlogik zum Thema „Urlaub bei meinen Eltern“ passt nach wie vor:

Insbesondere die Zeit bei meinen Eltern war eine Kombination aus allem, was es mir besonders schwermachte: Das ganze Haus war voll von Dingen, die ich besonders mochte, speziellen Süßigkeiten oder Gebäck von meiner Großmutter. Es gab sehr viele Familienfeiern mit Restaurantbesuchen, meine Mutter verwöhnte uns mit üppigen Frühstücken, und es gab ständig irgendwo Kaffee und Kuchen. Viele Tage schrieb ich komplett ab, und nach einer halben Woche war mir klar, dass ich mehrere Kilo schwerer aus diesem Urlaub zurückkommen würde.

*hüstel*

Allerdings hat sich tatsächlich etwas verändert: Ich zähle seit Monaten keine Kalorien mehr. Wer hätte das (so schnell) erwartet? Okay, ganz so ist es nicht. In meiner Definition ist „Kalorien zählen“ das korrekte zählen und nicht das „zählen“, das ich früher praktiziert habe.

Der Prozess war eigentlich ziemlich schleichend. Ich wog nicht mehr alles, sondern schätzte gerade bei Gemüse und co. dann doch nur noch. Ich begann, einzelne Mahlzeiten mit Bewegung zu verrechnen, ohne das einzutragen. Ich hörte irgendwann nach der Hälfte des Tages auf, die kcal einzutragen, weil ich dachte, dass es schon ungefähr passen wird. Irgendwann landete ich bei „grob im Kopf überschlagen“.

Und: Ich halte mein Gewicht.

Klappt also? Na jaaaa. Seit ich das mache, also ungefähr seit Januar, bin ich dabei, die ~2 Extra-Feiertagskilos von Weihnachten loszuwerden. Und der Plan lautet eigentlich, das in 2 Wochen runterzureißen, mit einem täglichen Defizit von 1000 kcal. Mit meinem Sportpensum liegt mein Bedarf aktuell bei 3000+ kcal, also bedeutet das, wenn ich „normal“ esse läuft das Ding.

Tatsächlich war es allerdings so, dass ich weniger als 1 kg pro Monat abnahm, obwohl ich mit meiner Kalorienschätzung immer bei ca. 1000 kcal Defizit pro Tag rauskam. Es stellt sich raus, dass ich weiterhin nicht schätzen kann. Zwischendurch habe ich natürlich das Phänomen untersucht und einzelne Tage nachgeprüft. Mir wurde recht schnell klar, wo es hakte. Ich liebe z.B. selbstgemachtes Popcorn und esse davon oft mehrere Portionen á 50 g. Blöderweise waren das irgendwann aber keine 50 g mehr sondern eher 75+ g. Und ich merke das nicht. Echt nicht.

Wenn ich also das Gefühl habe „normal“ zu essen, lande ich nicht bei den ca. 2000 kcal, die eine Frau meiner Größe und meines Gewichts in etwa braucht, sondern deutlich darüber. Eigentlich nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass ich durch „normal essen“ irgendwann bei 150 kg gelandet bin. Andererseits sollte man meinen, dass ich das inzwischen gelernt hätte. Relativ neiderfüllt blicke ich da auf die ganzen Fettlogikleser, die rückgemeldet haben, dass sie kcal-zählen nur kurz zur Justierung gemacht haben, um anschließend problemlos ohne weiterzumachen. Ich bin da ein deutlich (haha Wortspiel) schwererer Fall.

An sich kein Wunder, denn wer nur 10 oder 20 kg abnehmen will, muss ja insgesamt nicht extrem viel an der Ernährung ändern, sondern langfristig nur ein paar kcal pro Tag einsparen oder zusätzlich verbrauchen. Bei meinen 85 kg weniger (und ich bezweifle sehr, dass 150 kg mein „Endgewicht“ gewesen wären, bei der bisherigen Enwicklung) ist der Unterschied natürlich deutlicher.

Das ist übrigens auch ein Grund, warum ich mich manchmal ärgere, wenn Leute das bei mir so abtun. Ich lese öfter mal sowas wie „die tut so, als sei das total einfach!“ oder „die versteht gar nicht, wie schwer es für manche ist, weniger zu essen!“ oder „schön wenn das bei ihr klappt, aber andere haben halt einen höheren Appetit, da ist das nicht so leicht!“

Äh. Ja. Das ist für mich auch nicht leicht. Ich habe da in mehrfacher Hinsicht die schlechtesten Startbedingungen. Meine Schilddrüsenunterfunktion rechne ich da mal raus, aber genetisch bin ich auf jeden Fall mit maximaler Vorbelastung ausgestattet, was Appetit angeht. Meine Mutter nahm in der Schwangerschaft auf über 130 kg zu, also gibt’s noch den Extrabonus (interessanter Artikel dazu: „Der Organismus des Kindes wird auf mehr Kalorien gepolt, also regelrecht auf Überernährung programmiert. Dadurch steigt das Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einen hohen Blutdruck oder einen Diabetes zu entwickeln. Und das gilt nicht nur für die ersten Lebensjahre des Kindes, sondern auf Jahrzehnte hinaus.„). Auch (mein) AD(H)S steht in starkem Zusammenhang zu (schwerer) Adipositas.

Mein natürlicher Bewegungsdrang ist quasi nicht vorhanden. Inzwischen kann ich sagen, dass das keine Folge meines Gewichts oder der Mobilitätseinschränkungen war/ist, sondern bei mir eben so ist. Bewegung kommt bei mir nicht unbewusst oder von selbst, ich muss das aktiv tun. In meinem Naturzustand bin ich im absoluten Ruhemodus. Ich hatte vor einiger Zeit mal das hier irgendwo gepostet:

neat

Das trifft zu 100 % auf mich zu. Es ist so auffallend, dass mich regelmäßig Leute darauf ansprechen, dass ich so ruhig wirke oder eine besonders ruhige Ausstrahlung hätte. Jo, das liegt daran, dass ich mich so gut wie nicht bewege. Selbst jetzt, wo ich Muskeln habe und problemlos mehrere Stunden am Stück intensiven Ausdauersport machen kann, bin ich im Ruhezustand eben völlig ruhig.

Das soll jetzt kein Mimimi sein, denn es wäre natürlich schön, wenn ich entweder einen geringen Appetit hätte, der an mein inaktives Wesen angepasst ist, oder andererseits ein total aktiver Bewegungsfan wäre, der wie ein Gummiball locker nebenbei die Extraenergie loswird. Dann müste ich mir nicht bewusst Gedanken um sowas machen. Andererseits denke ich, dass jeder so seine Baustellen hat und ich dafür in anderen Bereichen wie Rauchen, Trinken oder Geldausgeben das Glück habe, keine Probleme zu haben.

Ich werde wohl mein Leben lang darauf achten müssen, meine Balance zu halten. Für mich persönlich kann ich sagen, dass es das absolut wert ist. Bei manchen mag das anders sein, aber für mich bedeutet Normalgewicht einen unglaublichen Gewinn an Lebensqualität, der hauptsächlich über die gesundheitlichen Faktoren kommt.

Lustigerweise hat sich mein Leben an sich kaum geändert, im Vergleich zu der Zeit mit 150 kg. Abgesehen davon, dass ich meine Seriensucht jetzt mit Sport kombiniere und Netflix auf dem Heimtrainer und nicht auf der Couch suchte, ist nichts so wirklich anders geworden. Früher war ich mir manchmal nicht sicher, ob ich tatsächlich so introvertiert und zurückgezogen bin, oder ob ich mich irgendwie unbewusst wegen meines Gewichts verstecke. Ich dachte zwar, dass ich zu meinem Gewicht stehe, habe aber dennoch ab und zu an mir gezweifelt, ob meine Lebensentscheidungen nicht doch durch mein Gewicht bestimmt waren.

Diese Frage hat sich jetzt für mich geklärt und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich auch mit 150 kg das Leben geführt habe, das ich wollte. Ich war tatsächlich zufrieden und glücklich, und es war nicht so, dass ich nun mit Normalgewicht plötzlich alles anders mache, weil ich in Wirklichkeit doch total eingeschränkt war.

Falls sich das irgendwie paradox anhört, weil ich einerseits sage, dass sich meine Lebensqualität unglaublich erhöht hat und andererseits feststelle, dass sich mein Leben nicht sehr verändert hat: Für mich ist der große Unterschied, wie sich mein Körper anfühlt. Mir war zuvor nicht bewusst, wie sehr mich mein schwerer Körper buchstäblich heruntergezogen hat. Auch schon vor den Knieprobemen und den andauernden Schmerzen, war das Übergewicht eine ständige Last, die mich insgesamt ermüdet hat. Auch wenn das Beispiel abgegriffen ist: Es ist tatsächlich damit vergleichbar, ständig einen schweren, mit Steinen befüllten Rucksack herumzuschleppen. Alles ist irgendwie anstrengender und unbequemer, kostet mehr Kraft oder ist umständlicher.

Das schlimme ist, dass ich das so bewusst nicht wahrgenommen habe, weil ich den Unterschied einfach nicht kannte. Ich sah nur die großen Dinge und fühlte mich insgesamt in meinem Leben nicht beeinträchtigt. Ich hatte einen guten Beruf, einen tollen Mann, war zufrieden mit meinen Interessen und es gab keinen Bereich, wo ich gesagt hätte: „Das kann ich nicht machen, weil ich dick bin.“ – mir war nicht klar, dass der Unterschied im kleinen liegt, im Alltag, und dass sich einfach jeder Schritt leichter anfühlt. Das würde ich nie wieder missen wollen, und wenn es dafür nötig wäre, mein Leben lang jedes Essiggürkchen vor dem essen auf die Waage zu werfen, wäre das kein zu hoher Preis.

Soweit also das Update, wie sich mein Leben in den nunmehr fast 3 Jahren nicht-mehr-adipös-sein entwickelt hat. Ich bin gespannt, wie es weiter geht. Auch wenn ich immer gesagt habe, dass mein Ziel darin besteht, langfristig keine kcal mehr zu zählen, bin ich zur Zeit gar nicht so sicher, was das angeht. Die letzten Monate war ich einfach irgendwie zu unmotiviert dafür, und natürlich ist es minimal weniger aufwendig, das Eingetrage in die App einfach seinzulassen. Andererseits hat das Eintragen für mich einen gewissen Erinnerungsvorteil: Wenn ich schwarz auf weiß sehe, wie viel ich tatsächlich gegessen habe, bin ich irgendwie zufriedener damit und habe auch tatsächlich das Gefühl, dass ich mir doch ganz schön was gönne. Wenn ich das nicht tue, fühlt es sich trotz objektiv anderer Realität für mich schnell wieder an wie „So viel esse ich doch gar nicht … menno.“ – ich bin daher ernsthaft am überlegen, ob Instagram eine Lösung sein könnte, und ich in Zukunft regelmäßig meine Mahlzeiten fotografiere. Klingt doof, aber das fühlt sich total befriedigend an, auch wenn ich dann gezwungen bin, mich über mich selbst deswegen lustig zu machen (sowas hipstermäßig-albernes, Essen zu fotografieren…) 🙂

Gastbeitrag: FLÜ – Disziplinierung des Schweinehundes

Mit der heutigen Gastbeitragenden (Gastschreiberin? Gastbeitragschreiberin?), Rebecca, tausche ich mich schon seit Anfang diesen Jahres per Mail aus. Der Dialog im Vorfeld dieses Gastbeitrags sah so aus:

„Ich habe jetzt zum Thema Disziplin und Schweinehund was geschrieben. Aber meinst du ich nicht, dass das Thema zu abgegrabbelt ist?“

„Du fragst die Frau, die das 4563423412ste Buch übers Abnehmen geschrieben hat, ob ein Thema zu abgegrabbelt ist? :D“

„Touché. 🙂 Dann lasse ich mal die Hosen runter… Der Text ist angehängt. Ist ziemlich lang. Hau einfach raus, kurz und schmerzlos.“

Na dann 🙂

Zwei der zentralen Themen, die mich bei FLÜ enorm angesprochen haben, sind Disziplin und Kontrolle. Wie Nadja habe auch ich Eckdaten in meinem Lebenslauf, die darauf schließen lassen, dass ich weder besonders dämlich noch disziplinlos bin.

Aber ist das auch wirklich so?

Eines im Voraus: ich schreibe aus der ich-Perspektive, alles was ich zum Besten geben, ist meine persönliche Erfahrung, nicht ausnahmslos schlau und schon gar nicht für jeden richtig. Abgesehen von einigen Tatsachen, wie sie eben auch in FLÜ dargelegt werden, wo ich mittlerweile echt pieselig werde wenn Deppen das Gegenteil verbreiten, bin ich null missionarisch unterwegs. Es geht um den Erfahrungsaustausch und Dinge mal aus einem anderen Winkel zu betrachten und eventuell neu zu beurteilen. Was ich hier darlege, ist mein Weg, voller Irrungen und Wirrungen und zumindest zuletzt, so glaub ich, ein guter.

Aber mal vorne angefangen… Ich bin 35 Jahre alt, dreifache Mutter, arbeite Vollzeit und am Wochenende an meiner Doktorarbeit. Und mittlerweile bin ich „nur noch“ übergewichtig. In Zahlen bedeutet das aktuell Mitte 80er bei 170 cm. Angefangen habe ich exakt am 9. Januar dieses Jahr mit ziemlich genau 100 kg. Das war die Schallgrenze, dreistellig, oh man oh man. Überwichtig und zuletzt adipös bin ich nun fast mein halbes Leben. Und ich hatte die Schnauze voll. Immer „die Dicke“ zu sein. Klar ich bin auch nur ein Mensch und habe meine Denk-Schubladen… aber verdammt, ich habe doch mehr Facetten als meinen Speckpanzer. Und nunja, letzten Herbst setzten zum ersten Mal körperliche Probleme ein, die man nicht wegignorieren konnte. Nicht klischeemäßig die Knie (sorry Nadja), sondern die Sprunggelenke: Schmerzen, nur eingeschränkte Belastung möglich, verringerter Bewegungsradius und Schwellungen. Ruhe half, aber bei neuerlicher Belastung gings direkt wieder von vorne los. Auf jeden Fall habe ich mich (mal wieder) mit dem Thema abnehmen und Ernährungsumstellung auseinander gesetzt. Und ich wusste durch die erzählmirnix-Comics, dass FLÜ existiert und es mir dann aus einem Impuls heraus zugelegt. FLÜ und die ehrliche, selbstkritische, schonungslose aber nicht verurteilende Art wie Nadja das Buch geschrieben hat und die Darlegung der Zusammenhänge um den Körper, Energieverbrauch, Zu- und Abnahme haben bei mir einen ganz wichtigen Knoten zum Platzen gebracht.

Zurück zu den Themen Disziplin und Kontrolle. Ich bin ein Mensch, der nach außen diszipliniert wirken kann, sonst könnte ich mein Leben gar nicht managen mit Kindern und arbeiten und Sport und das alles, wo ich auch noch von meinem Mann getrennt lebe und er nur am Wochenende vor Ort ist. Ebenso habe ich mit Kind studiert und auch meine Doktorarbeitszeit an der Uni verbracht. Aber genau genommen bin ich das nicht, also diszipliniert, es ist sogar eher das Gegenteil der Fall. Ich habe den Hang zum Schleifenlassen, Aufschieben, Schönreden. Am besten sieht man das an meinem Grundstudium. Das habe ich ordentlich versemmelt. Irgendwann stellte sich die Frage ex-oder-hopp, es jetzt ordentlich machen oder beenden. Ich habe zusammen mit meiner Freundin einen Weg gefunden, mich zu motivieren. Und wir haben für das Studium zwar sehr viel länger als die Regelstudienzeit gebraucht, aber ich habe dann meine Diplomarbeit mit der Note 1,0 und einen guten Abschluss geschafft, so dass ich zur Promotion zugelassen wurde. Ich habe gelernt, Mechanismen zu erkennen und sie zu umgehen, damit mein innerer Schweinehund keine Lobby bekommt. Und wenn er übermächtig ansetzt, mache ich Schweinedeals. Sprich, ich habe auf XY absolut keinen Bock, obwohl ich sollte. Dann setzte ich mir ein kleines Ziel und direkt eine Belohnung danach. Dann habe ich kein schlechtes Gewissen, sondern freue mich über das Ziel. Belohnungszentrum aktivieren und so. Kleines Beispiel derzeit: ich kann die Diss grad nicht sehen, aber dann nehme ich mir ein kurzes Unterkapitel vor oder ein paar Graphen und danach treffe ich mich mit einer Freundin zum Kaffeetrinken. Sowas in der Art. So habe ich ein Zeitlimit, was die Effizienz erhöht und ein Ziel vor Augen, was mich motiviert. Und ich habe kein schlechtes Gewissen, ich bin sogar stolz, dem Schweinehund nicht nachgegeben und obendrein was Nettes gemacht zu haben. Wichtig ist herauszufinden, was einen motiviert und was realistische Ziele sind in solch einer Situation. Der Schweinhund ist nämlich tückisch und man muss sehr ehrlich sein, damit das alles hinhaut. Zudem konnte ich feststellen, dass Routine es dem Schweinhund schwer macht. Ein fester Plan, eine wiederkehrende Routine, etwas worüber nicht überdacht werden muss, bietet keine Hebelpunkte für den Schweinehund. Wenn ich beispielsweise immer einen festen Sporttag habe, am besten mit Verabredung, stellt sich nicht die Frage wann und ob ich überhaupt zum Sport gehe. Stattdessen denke ich nicht drüber nach, sondern erfülle mein Pensum.

Nun könnte man sagen, was schwurbelt die denn da? Wenn die das alles so schlau weiß, warum hat sie es dann nicht einfach genauso beim Essen bzw. Abnehmen angewendet? Ich kann hier ja mal die Punkte auflisten, die es mir bisher erschwert haben, abzunehmen.

  1. Ich habe es nie gelernt, auf das Essen zu achten.

In einer unserer ersten Emails mit Nadja habe ich das mal so umschrieben: „Fangen wir als an mit Klein-Rebecca. Viele andere Übergewichtige sind schon als Kind mindestens griffig bis pummelig und gehören zum Adipositasadel, weil viele in der Familie dick sind. Bei mir war das eigentlich ganz anders.“ Ich war ein agiles Kind, konnte gefühlt alles essen und mit Wachstum und Bewegung hat sich alles im Normalgewicht bewegt. Auch in meiner Familie, waren alle körperlich tätig, haben Sport gemacht, einen großen Garten, Grundstück und Wald in Schuss gehalten. Da gab es auch keine ernsthaften Probleme. Und Essen gab es immer reichlich und deftig und viel.

  1. Essen ist für mich nicht nur Nahrungsaufnahme.

Während es Menschen gibt, die Essen vergessen können oder denen bei Stress, Trauer oder aber auch Verliebtheit der Appetit versagt, kenne ich das nicht. Ich kann immer essen. Viel oder noch mehr. Essen ist für mich Sinnlichkeit, Genuss, aber leider auch manchmal Beschäftigung bei Langeweile, Trostspender, … sind eben auch viele dumme Verknüpfungen dabei.

  1. Ich bin ungeduldig.

„Gesund ist es nur, wenn man langsam abnimmt, am besten ein halbes Kilo in der Woche oder sogar nur ein Kilo im Monat!“ Wtf?! Warum? Das bedeutet, ich habe den Status „Verzicht“ und es passiert ewig nichts. Schlimmer noch. Wenn das Defizit nur so minimal ist und der nächste Ausrutscher kommt (und der kommt bei mir IMMER irgendwann), ist alles davor für die Katz? Geht gar nicht. Lieber kurz und knackig, eine Belohnung und dann wieder knackig und man sieht auch, dass was passiert. Ich weiß, das ist Typensache. Da gehöre ich eher zu den extremen Menschen.

  1. Ich bin ein Hochappetitler.

Nochmal. Ich habe eigentlich immer Appetit. Auch wenn ich vor einer Stunde gerade den Ranzen vollgeschlagen habe, wenn da was Tolles lauert, könnte ich schon wieder und würde auch schon wieder essen, wenn ich es nicht aktiv unterbinde. Deshalb klappt intuitives Essen bei mir nicht. Es gibt keine Appetitgrenze, kein genug. Die Evolution flüstert mir immer noch ins Ohr, was du hast das hast du, viel und oft und hochkalorisch, die nächste Hungersnot kommt! Nur dass sie eben nicht kommt. Wir leben in einem Zeitalter und einem Teil der Welt, wo der Überfluss herrscht.

  1. Ich bin ein Verdängungskünstler.

Ich behaupte mal, dass fast jeder Dicke, der nicht auf den Kopf gefallen ist, die Grundzüge der gesunden Ernährung kennt. Aber wir sind alle Verdrängungskünstler, Schönredner, Beiseiteschieber.

  1. Ich bin ein Trotzkopf.

Es widerstrebt mir, wenn ich Dinge tun soll, die ich nicht verstehe. Und da kam ja die große Erleuchtung mit FLÜ. Ich stimme da in den Tenor vieler hier ein: ich habe das Gefühl, selbst die Verantwortung zu haben, die Kontrolle. Ich kann sogar ziemlich genau meine Abnahme voraussagen. Ich nehme jetzt seit 3 Monaten eigentlich linear ab. Natürlich nicht auf einen kleinen Zeitraum gesehen, aber auf einen großen.

Nunja… gerade der letzte Punkt hat mir immer das Genick gebrochen bei vergangenen Abnehmversuchen. Also natürlich in Kombination mit den anderen, aber vor allem ließ die Motivation nach, wenn ich nicht verstanden habe, warum ich mir eigentlich dieses oder jenes wahlweise verbieten oder aufzwingen soll. Aktuell habe ich ein kleines Motivationstief. Mal wieder grätscht mir privater Kummer, meine Regel plus die Osterfeiertage in meinen Plan. Der Schweinhund hat stark an Lobby gewonnen. So bin ich von 83,1 kg auf 86,8 kg hochgerutscht. Aber das ist ok. Ich weiß warum und im Gegensatz zur Vergangenheit, wo ich dann in solchen Situationen einfach die Flinte ins Korn geworfen habe, werde ich die Kurve bekommen.

Am besten klappt alles bei mir wie gesagt mit Routine. Ich zähle Kalorien. Mein Limit ist so gesetzt, dass ich mit meinem Gewicht und meinem Sportpensum derzeit mit ca. 1200-1300 kcal am Tag dann 1 kg in der Woche abnehme. Meistens nutze ich nur um die 1100 kcal, so dass ich mal bei spontanen Anlässen zugreifen kann, ohne gleich die Wochenbilanz zu sprengen. Da ich versuche auf Eiweiß zu achten, hat sich meine Ernährung sehr zu LowCarb hin verschoben, ohne dass das mein primärer Vorsatz ist. Ich habe nichts gegen Kohlenhydrate, warum auch? Aber wenn ein deutlicher Teil des Kontingents für Eiweiß verstreicht, überlegt man sich zweimal, ob man dann eine Hand voll Nudeln auftischt oder sich lieber den Bauch satt mit Gemüse füllt. Meistens investiere ich übriggebliebene Kalorien in gesunde Fette oder zelebriere mal eine Süßigkeit als Nachtisch.

Wobei ich ja nach einer der gängigsten Fettlogiken gar nicht abnehmen kann! Ich vermeide das Frühstück und ich drehe den Vorsatz „morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettelmann!“ komplett um. Das hat diverse Gründe. Zum einen habe ich festgestellt, dass ich kein Frühstück brauche, wenn ich meinen Kaffee und einen Tee habe, reicht mir das um voller Energie und Tatendrang in den Tag zu starten. Warum sich also nicht die Kalorien sparen? Zum anderen habe ich festgestellt, dass ich wenn ich direkt morgens frühstücke, meinen Magen sozusagen aufwecke und anrege und habe am späten Vormittag direkt Magenknurren. Also „früh“stücke ich direkt am späten Vormittag. Ein weiterer Vorteil davon ist, dass ich Kalorien für abends habe. Ich gehe recht spät zu Bett, so dass ich, wenn ich mit den Kindern Abendbrot esse, meist abends nochmal richtig Appetit bekomme. Und wenn ich mir Kalorien für den Abend spare, kann ich mir da eine richtig sättigende Portion machen. An meinen Sporttagen esse ich teilweise erst um 10 Uhr abends eine richtig ordentliche Portion. Also je später die Tageszeit, je mehr esse ich, entgegen aller gängigen Empfehlungen. Und wisst ihr was? Es klappt trotzdem, jaha!

Was ich positiv festgestellt habe – neben der fantastischen Tatsache abzunehmen 😀 – ist, dass ich weniger müde und belastet bin tagsüber. Ich bin konzentrierter bei der Arbeit, weil mein Körper nicht verdauen muss. Und weil ich am späten Vormittag und am späten Nachmittag esse, umgehe ich das Mittagstief, das ich sonst immer hatte, bei einem ordentlichen Essen zur Mittagszeit. So esse ich meine größte Portion am Abend und kann zufrieden und satt den Feierabend genießen. Durch die verringerte Zufuhr an Kohlenhydraten schaukelt mein Blutzucker weniger stark rum und ich habe übrigens weniger Appetitspitzen. Das ist auch eine neue Erfahrung. Rein körperlich sind die ominösen Sprunggelenksprobleme mit den ersten Kilo Abnahme verschwunden. Auch beim Sport ist mir aufgefallen, dass ich wendiger und ausdauernder bin, dass nicht immer irgendeine Rolle im Weg ist. Jaaa… hätte man sich ja nicht denken können… Es ist aber wirklich ein derber Unterschied es zu erleben!

Negatives gibt es auch zu berichten, wenngleich es in keinem Verhältnis steht. Zum einen rutschen meine Sporthosen! Das ist wirklich nervig, wenn ich die dauernd hochzubbeln muss. Vielleicht muss ich sie mal enger oder ein Gummi einnähen. Mal gucken. Ich will einfach noch keine neue Garderobe kaufen, da können vorher noch ein paar Kilo weg. Und ich habe manchmal Mundgeruch hat mir letztens ein Freund gestanden. Das kommt wohl vom leeren Magen, den hatte ich vorher selten. Aber dazu muss mir schon jemand sehr nah sein. Meine Knobi-Fahne ist normalerweise schlimmer 🙂

Durch das Kalorienzählen sehe ich alles deutlich (sogar grafisch in meiner App) und kann mich nicht mehr selbst betrügen. Und weil ich mir meinen Tag meist im Voraus plane, muss ich mich gar nicht damit auseinander setzen, ob ich dieses oder jenes essen kann und fange erst gar keine Diskussion mit dem Schweinehund an. Weil das auf Dauer aber ein bisschen dröge und unspontan ist, lasse ich in regelmäßigen Abständen Schweinetage zu. Also mal ein Sonntagsfrühstück oder ein Dinner mit Freunden ohne zu notieren. Und bisher hat es keinen Abbruch getan.

Nachdem ich also einiges realisieren konnte und verstanden habe, heißt es den Weg zu gehen. Das wird noch dauern. Mein Ziel sind 65 kg, damit ich einen Puffer bis zur 72 kg-Normalgewichtsgrenze habe. Stichwort Motivationstief und Feiertage. Je nach Disziplin oder eher Schweinehundstärke wird das noch 15-20 Wochen dauern. Also gar nicht mal sooo lang. Na dann, auf, satteln wir den Schweinhund! Ich will schließlich meine Erfolgsstory bei #fiftyshadesoffettlogik posten 😉

Gastbeitrag: Binge Eating und Abnehmen

Gestern hat der User Sieben6 im Forum seine Geschichte über seinen Umgang mit Binge Eating, also einer Essstörung mit Essattacken, geteilt. Außerdem hat er mir erlaubt, diesen Bericht auch außerhalb des geschützten Forenbereiches als Gastbeitrag hier auf dem Blog zu posten:

Binge Eating und Abnehmen – kann das funktionieren? Ich habe für mich nach vielen frustranen Jahren endlich einen Weg gefunden.

Zu meiner Person: 55 Jahre alt, männlich, 188 cm groß und 79 kg schwer. Seit 35 Jahre leide ich an Binge Eating, diagnostiziert aber erst vor 3 Jahren. Meine Gewichtshistorie läßt sich in zwei Teile gliedern:

Teil I: 35 Jahre lang jährliche Ab- und Zunahmen bis zu 30 kg (dabei fast immer über 100 kg Körpergewicht geblieben)
Mit 20 haben die Fressattacken schleichend begonnen. Gewichtszunahmen konnte ich zunächst mit viel Sport und gelegentlichen Nullkalorientagen einigermaßen einfangen; das gelang mir dann aber mit der Zeit immer weniger, so dass ich dazu überging, immer kompliziertere Diäten und Pläne zu entwerfen. Kaum eine Diät, die ich nicht mitgenommen und ausprobiert hätte. Die Halbwertszeit der komplexen Pläne betrug aber meistens keine 24 Stunden; d.h. ich bin morgens aufgestanden mit einem detaillierten Plan und der Überzeugung es zu schaffen und abends ins Bett gegangenen mit dem deprimierenden Wissen, versagt zu haben. Das hat mich dennoch nicht davon abgehalten, es täglich aufs neue zu probieren – jahrzehntelang! Ich möchte nicht wissen, wie viele Tonnen an Papier für Tabellen und Unmengen an Zeit ich dafür sinnlos verbraucht habe. Leider nahmen mit der Zeit die Fressanfälle an Häufigkeit und Intensität weiter zu, was den Leidensdruck zusätzlich erhöhte. Als 2013 die Diagnose Binge Eating kam, beruhigte sich das permanente Auf und Ab etwas, da nun klar erschien, was mir fehlte. Aber weder die intensive Auseinandersetzung mit der Essstörung, noch die Hilfe medizinischer Fachliteratur bewirkten in der Folge eine nennenswerte Verbesserung.

Teil II: 2016 Abnahme auf 78 kg, dann 17 kg Zunahme, dann 2017 erneute 16 kg Abnahme
Anfang 2016 bin ich auf FLÜ gestoßen. Das Buch habe ich regelrecht verschlungen, auf fast jeder Seite ein Aha Erlebnis (Asche auf mein Haupt: als Mediziner wusste ich zwar über die ganzen ernährungsphysiologischen Zusammenhänge, war aber leider tief verblendet und glaubte an manche Diätmythen). Mit brachialer Gewalt habe ich mich im ersten Halbjahr 2016 auf 78 kg runter gehungert – jedoch völlig ohne Sinn und Verstand. Was aber dann nach Erreichen des lang ersehnten Traumgewichtes kam, war ein Fiasko: Täglich exorbitante Binge Eating Fressanfälle mit bis zu 9000 kcal (!), kompletter Kontrollverlust, nicht mehr fähig, irgendwie dagegen zu steuern. Als Konsequenz erfolgte in nur 4 Monaten (September bis Dezember 2016) eine Gewichtszunahme von 17 kg mit allen physischen und psychischen Probleme, die eine so fulminante Zunahme innerhalb kurzer Zeit mit sich bringt. Im Januar 2017 konnte ich erfolgreich den Resetknopf drücken und innerhalb 15 Wochen wieder 16 kg (nun FLÜ-konform) abnehmen. War’s das? Nein, denn ummittelbar nach der erneuten Abnahme gab es wieder einen kurzen Gewichtsanstieg, den ich aber dieses Mal schneller abfangen konnte. Geholfen hat mir dabei, was ich im Folgenden näher beschreibe.

Wie kann es passieren, dass man FLÜ liest, es genial findet und trotzdem anschließend einfach so massiv zunimmt? Dass das Ganze wider besseren Wissens erfolgt und keinerlei Stoppmechanismus greift? Wer mit Binge Eating leben muss, kennt nur zu gut das Gefühl des Fremdbestimmtseins und der fehlenden Kontrollmechanismen, der selbstgesetzten roten Linien, die permanent gerissen werden; der Unmengen an Kalorien, die man völlig planlos und meist heimlich zu sich nimmt; dem Wissen darüber, aber dennoch der Unfähigkeit, einfach nie rechtzeitig Halt sagen zu können.

Die Auseinandersetzung mit meinen Gewichtsproblemen war 35 Jahre lang schlicht und ergreifend mein Lebensinhalt, begleitenden mich von morgens bis abends. Die massiven Essstörungen mit all ihren Auswirkungen hielten mich im Griff und überlagerten alles andere (Familie, Beruf, Hobbys, etc.). Und dennoch: Tief im Inneren war ich überzeugt, irgendwann den Schalter zu finden, der mich von der Geisel befreien könnte. Und ich habe etwas gefunden: 1) Essstörung als Krankheit akzeptieren 2) bisherige Therapie von Binge Eating kritisch hinterfragen 3) Emotionen und Essen bewusst zulassen 4) Fressanfälle in Genuß umwandeln 5) Motivation und Willensstärke seperat betrachten 6) FLÜ konsequent umsetzen 7) loslassen vom täglichen Wiegen und Kalorienzählzwang.

Die Schalter im einzelnen
1) Es klingt trivial, ist es aber nicht: Zur Erkenntnis kommen und mir ehrlich eingestehen, dass mein Umgang mit Essen massiv gestört ist und einen hohen Krankheitswert mit dringendem Therapiebedarf hat, hat eine Weile gebraucht. Und dass die Ursache bei mir nicht irgendwo anderes zu suchen ist, sondern tatsächlich nur in der Essstörung selbst. Eine begleitende professionelle Psychotherapie hat mir dabei geholfen, obwohl dort nie fertige Lösungsansätze präsentiert, sondern immer nur Impulse und Denkanstöße gegeben wurden.

2) Der vielleicht wichtigste Schritt war, den Automatismus von Abnehmen-Hunger-Fressanfällen zu kappen. Wenn ich abnehmen will, muss ich ein Kaloriendefizit aufbauen – und der verursacht naturgemäß Hunger. Den muss ich lernen, auszuhalten. Je nach Defizithöhe ist dieser Hunger stärker oder schwächer, aber immer logisch und physiologisch erklärbar und eben nicht zwangsläufig Auslöser für Fressanfälle. Diese Verknüpfung von Hunger = Fressanfall = muss vermieden werden hat mich jahrelang vom sinnvollen Abnehmen abgehalten und regelmäßig in Depressionen gestürzt. Insofern bewerte ich manche Therapieempfehlungen von Binge Eating (Körpergewicht akzeptieren, Essstörungen zuerst behandeln, emotionales Essen vermeiden, abnehmen aussetzen, etc.) inzwischen kritisch und als nicht zielführend.

3) Etwas, was mich ebenfalls entscheidend nach vorne gebracht hat: den Mechanismus Emotionen führt zu Fressanfälle (= emotionales Essen = nicht erwünscht) umzudrehen in ein gezieltes Essen löst Emotionen aus (= Glücksgefühle = erwünscht). Essen muss Emotionen auslösen können. Das ist ein komplett konträrer Ansatz zu meiner bisherigen Vorgehensweise. Ähnliches gilt für Hunger bewußt zulassen; denn erst wenn ich Hunger spüre, kann ich mit dem Essen auch den Rückgang des Hungergefühls bewußt wahrnehmen und die damit verbundene Hormonfreisetzung als etwas sehr Positives erleben. Diese Gefühle, diese Genussfaktoren sind tatsächlich ziemlich alternativlos.

4) Binge Eating ist nicht wie eine Erkältung, die geheilt nach einiger Zeit wieder weg ist, sondern etwas, dass einen ein Leben lang begleitet. Fressanfälle sind ein wesentlicher Teil dabei und häufig ungeplant und unkontrolliert. Wieviel frustrane Energie habe ich jahrzehntelang dafür aufgewandt, Fressanfälle zu vermeiden und die Kontrolle zu behalten – ohne Erfolg. Was ist also die Alternative? Fressanfälle zulassen, auch das Ungeplante. Nur muss es sich auf Episoden beschränken, die nicht komplett ausufern (< 2.000 kcal zusätzlich), nicht zu häufig vorkommen ( < 1 x pro Woche), den Genuss dabei ganz bewußt in den Vordergrund stellen und am folgenden Tag wieder in einen normalen Essrhythmus übergehen. Hintergrund war die Erkenntniss, dass bei mir nur die ersten 10% eines Fressanfalles Genuß darstellten; der Rest war sinnloses und anarchisches Gestopfe, verbunden mit depressivem Frust. Diese Akzeptanz der Unvermeidbarkeit der Fressanfälle und die Einsicht, sie zu zulassen, wenn sie hochkommen, haben bei mir zu einem wesentlich entspannteren Umgang mit Fressattacken geführt. Heilung von Binge Eating heißt bei mir nicht nie wieder, sondern ich habe die Fressanfälle in Art, Dauer und Häufigkeit im Griff. Fressanfälle in Genußepisoden umwandeln, das ist mein Ziel.

4) Motivation und Willensstärke habe ich immer in einen Topf geworfen. Nun war ich über drei Jahrzehnte mit täglich neuen Plänen zwar ein Motivationsweltmeister, aber leider einer ohne genügend Willenskraft (kurze Halbwertszeit der Pläne). Eigentlich nicht verwunderlich, da die aufzubringende Energie für Willensstärke – im Gegensatz zur Motivation – nicht unendlich ist. Da ich früher immer zu vieles gleichzeitig ändern wollte, habe ich während der Abnehmphase vorübergehend alle Projekte gestoppt, die nicht unbedingt sein mussten. Erstaunlich, wie viel mehr Energie für das Einhalten meines Abnehmplanes so auf einmal zur Verfügung stand.

5) Nach dem zweiten Mal Lesen von FLÜ habe ich’s kapiert, insbesondere Nadjas Vergleich mit der Speisekammer hat mir enorm geholfen: Der adipöse Körper hat Grundnahrungsmittel wie Mehl, Reis, Zucker, Nudeln im Überfluss an Bord, nur frische Lebensmittel, wichtige Supplemente (Vitamine, Mineralien, Spurenelemente) und vor allem Proteine müssen täglich dazu gekauft werden. Das habe ich umgesetzt.

6) Der rote Faden in all meinen früheren Abnehmplänen war Kalorienzählen und Wiegen. Das ist grundsätzlich auch nicht verkehrt. Problematisch wird es aber, wenn dies regelmäßig nicht zum Ziel führt und immer wieder in die gleichen Frustrationen mündet. Da das aktuelle Tagesgewicht auch von wenig beeinflussbaren Faktoren wie Wassereinlagerung, Schlaf, Hormonhaushalt, Verdauungssituation, etc. abhängig ist, beschloss ich, mich vom Sklaven der Waage zu emanzipieren und meinen Abnahmeerfolg nicht am täglichen Wiegen fest zu machen. Gewogen wurde dann, wenn ich Lust hatte: mal täglich, mal zweitäglich, mal einmal pro Woche oder in noch größeren Abständen. Dabei gewöhnte ich mir an, immer nur den tiefsten Wert der Gewichtsabnahme zu dokumentieren und Zunahmen (die es natürlich auch gab!) nicht aufzuschreiben. In ähnlicher Weise bin ich an mein Kalorienzählen herangegangen. Jahrelang war es quasi gesetzt, eine tägliche Kalorienobergrenze zu definieren. Mit der fatalen Eigenschaft, dass beim Übertreten von nur einer Kalorie sehr schnell des Gefühl “ jetzt ist es eh egal …“ aufkam und beim Darunterliegen solange alle möglichen Sachen kopflos genascht wurden, bis ich eben die gesetzte Grenze auch wieder überschritten hatte und erneut in „jetzt ist es eh egal…“ mündete. Also, kein Abwiegen von Nahrung, kein Tracken der Kalorien, sondern einen fixen und unkomplizierten Nahrungsplan mit ca 1.000 kcal vorgeben, der so aussah:

Morgens: 250g Magerquark + FlavDrops = 170 kcal
Mittags: 250g Magerquark + FlavDrops = 170 kcal
Abends: Abwechselnd (Mo – So) Omlette, Pasta, Thunfischsteak, Gemüseauflauf, Rindersteak, Lizzateig mit Mozzarella, Putenbrust (etwas Gemüse dazu) = 500 kcal
Dazwischen: 5 x Cappuccino mit 1,5 % Milch = 160 kcal
Zusätzlich: Vitamine + Mineralien (Nutrilite Duplex 8 Tabletten täglich), Flohsamenschalen zur Regulierung der Verdauung, Wasser/Tee 3 l

Wichtig war mir, dass das Essen nicht irgendwie zusätzlich gestreckt oder aufgebläht werden musste, auch entschied ich mich bewusst gegen Proteinpulver – irgendwie habe ich da eine Abneigung. Harzerkäse, BeefJerky oder Hüttenkäse kamen dazu, wenn das Abendessen nicht aus ausreichenden Proteinquellen (Fisch oder Fleisch) bestand. Gemüsesticks oder gesunde Snacks waren nicht verboten, wollte ich aber vermeiden, was meist gelang. Das Abendessen wurde nicht abgewogen und berechnet, sondern pauschal mit 500 kcal bewertet. Damit lag ich sicher einige Male drüber, einige Male drunter. Wie auch immer: Geplant waren anfangs 1.300 kcal Defizit pro Tag, später dann entsprechend weniger. Im Schnitt hatte ich eine wöchentliche Abnahme von 1,2 kg. Passte.

Sport: War zwar wichtig (90 Tage Mark Lauren, 2 – 3 x 9 km Joggen pro Woche), wurde aber nicht in die Energiebilanz berücksichtigt und nur auf moderatem Level durchgeführt; auch habe ich mich nicht mit Schrittezählen, FiBit oder irgendwelchen anderen unbedingt zu erreichenden Zielen gequält, sondern lediglich darauf geachtet, mich überhaupt zu belasten. Überrascht hat mich, dass Ausdauertraining auf Sparflamme bei mir immer geht, Körpergewichts- und Kräftigungsübungen ohne Energie aber keinen Sinn machen, da hier schlicht keine ausreichende Power vorhanden war und die Qualität spürbar litt.

Verlauf

Die ersten 8 Wochen liefen erstaunlich problemlos ab. Es ist mir gelungen, all das, was sich bei mir in 35 Jahren Abnehmen einfach nicht bewährt hat, strikt zu unterlassen und meine Energie komplett auf einen einfachen Plan zu bündeln. Den konnte ich tatsächlich auch mit seinen 1.000 kcal/d durchhalten. Hunger hatte ich selten, Gelüste dagegen sehr wohl. Geholfen hat mir, dass ich mich jeden Abend auf ein Nahrungsmittel gefreut habe, dass nicht extra fett-, zucker- oder kalorienreduziert war (exzellent bekocht von meiner Frau!). Und dass mein täglicher Antriebsmotor nicht irgend ein bestimmtes Wiegeergebnis war oder das exakte Erreichen einer bis hinters Komma vorgegebenen Kalorienzahl, sondern abends die Zufriedenheit, meinen Plan eingehalten zu haben.

Plateaus auf der Waage traten auf und waren nervig. Da aber, wie erwähnt, die Einhaltung des Plans im Vordergrund stand und primär nicht eine bestimmte Gewichtsabnahme pro Zeit, konnte ich diese Phasen mit etwas Geduld überstehen – denn irgendwann kam der errechnete Gewichtsverlust immer. Geduld ist im Übrigen eine sehr häufig unterschätzte Voraussetzung bei der Abnahme, insbesondere wenn auch noch eine Essstörung vorliegt. Eigentlich logisch: Ich war es jahrzehntelang gewohnt, dass eine Befriedigung der Gelüste durch einen Fressanfall immer prompt und unmittelbar erfolgte (Minuten). Demgegenüber benötigt aber ein Lustgewinn aus der Abnahme (Spiegelbild, Waage, Kleiderpassform, Komplimente, Wohlgefühl, etc.) oft quälend lange (Tage bis Wochen). Dazu kommen die häufig unangenehmen Nebenwirkungen aus dem täglichen Kaloriendefizit: Frieren, Grippesymptomatik, fehlende Power, Hunger, ständiges Denken an Essen, etc.

Nach etwa 10 Wochen wurde es langsam mühsamer, d.h. ich musste mehr tun (Fokussierung auf den Plan), um am Ball zu bleiben. Die Gedanken kreisten verstärkt ums Essen und es war eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, wann sich ein Fressanfall nicht mehr vermeiden ließ. Und so kam es dann auch: Cheatepisoden, in denen ich mal kurz unkontrolliert alles wahllos in mich rein stopfte. Die folgenden Wochen waren dann chaotisch mit erneuter Gewichtszunahme: Restriktive Diättage wechselten sich mit heftigen Cheatepisoden ab. Was tun? Ich habe an drei Stellschrauben gedreht. Zum einen mich besonnen auf das, was ich oben erwähnt habe: Fressattacken als einen Teil meiner Krankheit zu akzeptieren; sie zu zulassen, sie aber auf kurze Episoden zu begrenzen und sich bewusst auf den Genuss zu konzentrieren. Das funktionierte überraschend gut. Die zweite Stellschraube bestand darin, zunächst nur an den Wochenenden, später schrittweise auch unter der Woche, reguläre Esstage einzubauen und die Kalorienzufuhr dabei auf ~2.200 kcal pro Tag zu erhöhen: keinen Quark mehr, sondern moderates Frühstück, Kaffe und Kuchen, mediterranes Abendessen. Das hat zwar ein paar Anläufe gebraucht, klappte dann aber ebenfalls überraschend problemlos. Die dritte Schraube bestand darin, einen gelassenen Umgang mit normalen Essen ohne striktes Kalorienkorsett zu üben. Das schreibt sich so einfach, tatsächlich ist/war es aber Schwerstarbeit. Wobei die Betonung auf Üben liegt und auch hier gilt: Geduld haben. Es ist ein Lernprozess, der Zeit benötigt, aber dann, wenn man dran bleibt, enorme Zufriedenheit bringt.

Noch etwas Interessantes konnte ich aus meiner Abnehmzeit beobachten: Wie unabdingbar für das körperliche Wohlempfinden langfristig ein ausgewogene Ernährung mit den drei Makronährstoffen Kohlenhydrate, Fette und Proteine tatsächlich ist. Der beeindruckende Hormonflush mit anschließenden Glücksgefühlen und sehr positiver Grundstimmung wird nur durch Kohlenhydrate ausgelöst- auch ein höherer Anteil an Proteinen vermag das nicht zu leisten, zumindest nicht bei mir. Und Fette sind wichtige Voraussetzungen für bestimmte Hormonproduktionen (z.B. Sexualhormone = Lust) und können nur sehr schwer durch die beiden anderen Nährstoffe ausgeglichen werden. Insofern müsste ich bei einer weiteren Abnahme (nicht geplant!) erst einmal eine Pause einlegen, bevor ich wieder mit dem Konzept der hohen Proteinzufuhr, bei reduzierter Kohlenhydrat- und Fettlast, weitermachen könnte.

Nach fast vier Jahrzehnten, in denen jede Nahrungsaufnahme mit negativen Gefühlen besetzt war (entweder war’s zu viel = so wird es nichts mit dem Abnehmen, oder es war zu wenig = warum stoppe ich? Ich habe Hunger) freue ich mich auf einen Umgang mit Essen, wo nicht alles sofort in Kaloriengehalt bewertet und in Gut und Böse kategorisiert wird. Das ist kein Selbstläufer, der einfach so von heute auf morgen funktionieren wird, gar keine Frage. Aber den Grundstein dazu habe ich mit meiner neu erlernten Abnehmstrategie gelegt und das stimmt mich einfach positiv und gibt mir Hoffnung, endlich auch die Fressanfälle nachhaltig in den Griff bekommen zu haben.

Ich habe nichts Geringeres als meinen Lebensmut (wieder) entdeckt.