Gastbeitrag: Wer mich dick nicht will….

Und direkt der nächste Gastbeitrag 🙂 Ein etwas ungewöhnlicher, weil es, wie ich finde, igentlich nur ganz am Rande ums Thema Gewicht und Fettlogiken geht. Aber weil ich den Text so berührend fand wollte ich nicht, dass Katrin ihn ändert und poste ihn nun so. Als Liebesgeschichte, in der auch ein bisschen was zum Gewicht vorkommt 🙂 (Disclaimer: Es ist eine persönliche Geschichte mit Katrins Fazit. Das heißt nicht, dass jeder es so sehen muss und dass es falsch ist, wenn für einen selbst das Gewicht ein wichtiges Kriterium ist. Jeder, wie er mag 😉 )

 

….hat mich schlank nicht verdient.

Als ich mein Handy nach Fotos durchstöberte, fand ich ein Foto meines alten Ichs und schickte es zusammen mit einem Foto meines neuen Ichs an Nadja. Ihre Reaktion war so positiv, das ich einen Gastbeitrag schreiben durfte. Ich fühle mich sehr geehrt und fast etwas beschämt, dass ich nun auch einen Teil zu diesem tollen Blog beitragen darf, den ich selbst immer verschlinge (bei 0 Kalorien kein Problem).

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Letztendlich ist es kein riesiger Gewichtsverlust über den ich schreiben werde. Rein rechnerisch betrachtet, sind es auf der Waage läppische 10kg. Körperlich betrachtet sieht das ganze schon anders aus, da ich muskulöser geworden bin und Muskelmasse mehr wiegt als Körperfett. Mein größter Gewinn ist aber mein neugewonnenes Körpergefühl und eine komplett andere Einstellung zu mir selbst. Letztendlich ist es ein Teil meiner Biografie in Verbindung mit meinem Gewicht.

Es ist schwer, rückblickend zu erkennen, wann genau es anfing, das ich mich in meiner Haut nicht mehr wohl fühlte. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und war immer auf der Suche nach der Liebe des Lebens. Ich glaubte an die Liebe auf den ersten Blick und das der erste Eindruck so entscheidend sein könnte, das sich dadurch das ganze Leben ändert, wenn man dem richtigen Menschen begegnet.

Leider begegnete ich mit 19 Jahren dem falschen Menschen (im nachhinein betrachtet). Er war so oberflächlich und selbstverliebt das bei ihm alles über die Optik lief. Ich war zu dem Zeitpunkt 163cm groß, wog 58kg, liebte es Jeans und T-Shirts mit Turnschuhen zu tragen und war immer ungeschminkt. Von meiner Mama hörte ich stets das ich ein „hübsches Mädchen“ bin. Ich selbst empfand mich als normal und mochte vor allem mein Gesicht und meine Haare. Meiner Figur schenkte ich bis dahin wenig Aufmerksamkeit, den Sport kannte ich nur aus den quälenden Stunden in der Schule. Im Alltag bewegte ich mich viel und aß viele Kleinigkeiten, da ich zu beschäftigt war, um dem Essen viel Bedeutung zukommen zu lassen. Ich fühlte mich fit und war zufrieden mit meinem Ich.

In den folgenden 5 Jahren on/off Beziehung mit meinem „Traummann“ während des Studiums, ging mein Selbstbewusstsein flöten. Nie hatte ich diesen Typ sicher und ganz für mich alleine. Immer waren seine Augen und auch mal seine Hände bei den „Stiefelkatzen“. So nannte ich die großen, blonden Frauen mit engen Jeans und hohen Stiefeln, die mit riesen Dekolltes, perfekt geschminkt durchs Leben stöckelten. Sie entsprachen so 100%ig seinem Beuteschema und ich fragte mich oft, was er dann von mir wollte. Ich begann mich zu vergleichen. Mein erster großer Fehler, denn mein eigenes Ich gefiel mir plötzlich nicht mehr.

Dieses Vergleichen wurde bei mir immer stärker und mündete in 2 Dinge. Ich hatte erstens viel weniger Selbstbewusstsein, durch die Defizite die ich plötzlich an mir entdeckte. Das führte zu Unzufriedenheit, Zweifeln und zu extremer Eifersucht auf diese Frauen. Zweitens begann ich damit, mich mit Ernährung zu beschäftigen und startete meine ersten Diäten. Da ich damals nicht Verstand das Frauenzeitschriften keine wirklich wissenschaftlichen Ratgeber sind, diätete ich mich durch alles was die Zeitschriftenpresse so hergab und sammelte in dieser Zeit Fettlogiken, die sich fest in meinem Kopf verankerten.

Ich wollte mit meiner „Konkurrenz“ mithalten können, wollte auch so schlank sein. Das sie durch Sport so knackig aussahen, leuchtete mir bis dahin nicht ein. Ich war so dumm, zu glauben, das ich durch optische Veränderungen diesen Mann halten könnte.

Nach Beendigung meines Studiums, beschlossen wir nun eine „ernsthafte“ Beziehung zu führen und zogen zusammen in sein Elternhaus ein. Mein Leben änderte sich komplett. Ich wurde plötzlich von seiner Mutti mit deftiger Hausmannskost bekocht, ich startete meinen Schreibtischjob, begann Auto zu fahren und dadurch weniger zu laufen, feierte öfter mit reichlich Alkohol und so kam was kommen musste- ich nahm schleichend zu. Hatte ich noch geweint, als das erste mal eine 60 auf der Waage stand (ja, so ein Psycho bin ich), nahm ich es bei der 70 einfach so hin. Ich fühlte mich machtlos die Zunahme aufzuhalten.

Nach 7 offiziellen Beziehungsjahren passte mir in meinen Lieblingsklamottenläden die XL nicht mehr. Trotz täglichen wiegens und der Dokumentation meines Gewichtes gelang es mir nicht abzunehmen. Selbst Gewicht halten war schwierig. Ich bekam immer mal Seitenhiebe von meinem Freund in Form von: „Das T-Shirt saß auch schon mal lockerer.“ Oder:“Warum ziehst du nicht mal wieder die enge schwarze Hose an?“- Die war schon lange in der Altkleidersammlung gelandet, da ich sie nicht mal mehr über meine Oberschenkel bekam.

Ein paar mal versuchten wir gemeinsam abzunehmen, weil auch er „aufgespeckt“ hatte. Die Anmeldung im Fitnesstudio endete für ihn an den meisten Tagen mit einem Proteinshake an der Bar. So wurde die kostbare Trainingszeit in Sportklamotten mit Hinz und Kunz verlabert, um anschließend noch eine Stunde in der dazugehörenden Sauna zu entspannen. Natürlich blieben positive Effekte aus und somit sank die Motivation und ich hatte wieder mal nicht den Ehrgeiz es alleine weiter durchzuziehen.

Unsere Beziehung hatte sich in den Jahren auch verändert. Das ehemals lodernde Feuer, war zu einem glimmen geworden. Wir meisterten seine aufgebaute Selbstständigkeit gemeinsam, unsere Gespräche waren eher Alltagsorganisation und unsere Zweisamkeit fand fast gar nicht mehr statt, da wir selbst unsere Urlaube nicht mehr zu zweit, sondern in der Gruppe verbrachten. Ich vertraute ihm nur so weit wie ich ihn sah, da es in den Jahren immer mal Zwischenfälle gegeben hatte, mit neuen Bekanntschaften, denen er für meinen Geschmack zu nah kam.

Nun fragen sich sicher einige, was das mit meinem Gewicht zu tun hat. Ich denke sehr viel. Denn ich war zu einem anderen Ich geworden. Ich fühlte mich dick, kaufte Kleidung nur noch um zu kaschieren oder weil sie passte, nicht weil sie mir gefiel. Mein ganzes Wesen hatte sich verändert. Ich war einfach insgesamt unzufrieden. Meine Arbeit in Kombination mit der Selbstständigkeit meines Freundes laugten mich so aus, das ich über jede Minute froh war, die ich auf dem Sofa oder im Bett verbringen konnte. Essen wurde zum Streitthema. Ich wollte gern gesund essen, um mich fitter zu fühlen. Seine Mutter wurde sauer wenn ich selbst etwas kochen wollte, da sie die Köchin der Gaststätte und des Hauses war. So aß ich oft Reste der Buffets oder Torte von den Kaffeenachmittagen…und nahm weiter zu. Irgendwann hatten wir dann auch keine Zeit mehr für uns. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil mein Freund in seiner knappen Freizeit lieber Fifa zockte als sich mir zu widmen. Ein Trauerspiel: Mit nicht mal 30 Jahren fühlte ich mich unglücklich, teilweise ungeliebt, ausgebrannt und mein Körper war schwabbelig und gehörte nicht mehr zu mir. Ich erkannte mich selbst nicht mehr im Spiegelbild. Mein Körper war mein Feind geworden.Ich kämpfte jeden Tag gegen die Massen und verlor den Kampf- immer wieder. Dann kam der Tag X im Oktober 2012. Er veränderte mein ganzes Leben!

Ich war mit meinem Freund in einen 5 Tage Türkeiurlaub aufgebrochen. Wir brauchten dringend eine Pause und wollten den Sommer verlängern. Dieses Brüderchen und Schwesterchen Gefühl, dass sich in unserer Beziehung breit gemacht hatte, hoffte ich in diesem Urlaub zu durchbrechen. Ein uns beiden unbekannter Ort, vollkommen alleine, kein „Ballermann“ sondern etwas mehr Entspannung- das musste einfach schön werden.

Als wir in Side ankamen, regnete es wie aus Eimern und wir stritten uns schon auf der Fahrt zum Hotel, weil ich mir den Urlaub gewünscht hatte und es nun regnete. Im Hotel angekommen, gab uns der Rezeptionist einen Gutschein für eine 10 Minuten Testmassage und da es kein Strandwetter war, nahmen wir dies sofort in Anspruch. In Bademänteln saßen wir in der Lobby des Wellnessbereichs. Als eine zierliche Masseurin kam und der Massagechef darauf verwies, das der erste jetzt gehen könnte, sprang mein Freund sofort auf. Wie sollte es anders sein. Er stand eben auf schöne Frauen, nur auf mich eben gerade nicht, weil ich so dick geworden war (meine Fettlogik: schlank sein=Liebe Wert sein).

Ich hing noch meinen Gedanken nach, als der nächste Masseur um die Ecke bog. Unsere Blicke trafen sich und ich war geflasht. Mein Herz begann zu flattern. Er bat mich mitzukommen und ich lief hinter ihm den Gang entlang und dachte nur: „Ohje, gleich muss ich meinen Bademantel ausziehen und stehe mit meinem Fettbauch und den furchigen Oberschenkeln vor ihm.“ Ich schämte mich mal wieder, wie in so vielen Situationen. Als ich meinen Bademantel am Türhaken aufhing, stand er so nah neben mir, das ich seinen Geruch wahrnahm….er roch so mega gut.

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Ich war blitzverliebt wie ein Teenager. Ich fühlte seine Massagegriffe die mir so gut taten und dachte an die nächsten Urlaubstage und das ich auf jeden Fall wieder kommen möchte. Mein Freund war auch zufrieden gewesen und so buchten wir ein Massagepaket inkl. Hamam. 2 Ganzkörpermassagen hatte ich also vor mir. Bei dem Gedanken im Hamam eingeschäumt zu werden, schämte ich mich so für meinen schrecklichen Körper. Meine Hüfte quoll über die Bikini Hose, eine Fettfalte quer über den Rücken, quetschte sich unter dem  berteil vor. Meine kurzen Beine wirkten wie Stampfer. Mein Selbstbewusstsein war am Boden, aber in meinem Bauch flogen die Schmetterlinge und freuten sich auf weitere prickelnde Begegnungen.

Meine „Fantsiemaschine“ lief auf Hochtouren und ich dachte, dass es nur ein schöner Traum bleiben wird. Der Masseur würde nicht ahnen was ich fühle, meinem Freund tat es nicht weh und ich hatte endlich wieder Herzklopfen.
Unter duftenden Schaumbergen begraben, lag ich am nächsten Tag auf einer heißen Steinbank, umgeben vom warmen Dunst und wurde von X-Man abgerubbelt, mit Wasser übergoßen und etwas durchgeknetet. Was für ein sinnliches Erlebnis. Wenn nicht gerade Seife in meinen Augen brannte, die ich ja eigentlich schließen sollte, klebten meine Blicke an ihm. Er trug nur ein Tuch um seine Hüften geknotet und ich sah, dass er auch etwas „Anfassspeck“ am Bauch hatte und seine Brust leicht schwabbelte. Er war mega schön, trotz Speck. Seit Jahren hatte ich in meinem Kopf dieses Bild, dass man nur schlank auch schön ist, dass man keine Ausstrahlung mehr hat mit ein paar extra kg. Und X-Man war so charismatisch und selbstbewusst und dabei so sexy aber auch süß.

Beim abtrocknen im Hamam kam es zur ersten Situation, die mir das Gefühl gab, das auch ich bei ihm etwas auslöste. Ich wollte mir schnell das Gesicht abtrocknen, während er meinen Rücken schrubbelte, da nahm er mir das Handtuch aus der Hand und sagte: „Das ist meine Aufgabe.“ Er stand gefühlte 3 cm entfernt von meinem Gesicht und tupfte es trocken. Dabei schauten wir uns in die Augen und ich spürte die wärme seines Körpers, sah seine schönen Hände und Wassertropfen auf seiner Haut. Oh man. Ich war so übelst verliebt. Ich hätte ihn am liebsten umarmt. Ich kam mir natürlich sofort wieder dämlich vor nach diesen Gedanken, sagte mir immer wieder das flirten wahrscheinlich zu seinem Beruf gehört und mit mir, bei meinem Aussehen, gar nicht ernst gemeint sein kann.
Außerdem hatte ich ja meinen Freund. Wir wollten auch 2013 heiraten. Das hatten wir mal „sehr romantisch“ gemeinsam beschlossen, weil wir ja lang genug zusammen waren.

Totales Gefühlschaos führte zu absoluter Appetitlosigkeit. Mein Magen war so nervös, das ich nichts weiter essen konnte als mal etwas Suppe oder Salat.
Der 2. Massagetermin stand an und ich war so mega aufgeregt und sehnte diese Begegnung herbei. X-Man zu begegnen war echt das Highlight meines Urlaubs dachte ich, der sonst voll verregnet war und bei meinem Freund in Kombination mit All inklusive eher zu einer Dauersaufveranstaltung wurde, weil „sonst ja nichts los war“. Eine Stunde Ganzkörpermassage lag vor mir und ich zerfloss förmlich. Intensive Blicke, prickelnde Haut und auf der Massagebank neben mir mein Freund. Als die Massage beendet war, zog ich meinen Bademantel an und musste nochmal zum Schrank gehen, um meine dort abgelegte Kette zu holen. Ich drehte mich um und mein Freund war nicht mehr im Raum, dafür stand X-Man hinter der offenen Flurtür und sah mich an. Ich folgte meinem plötzlichen Impuls und strömte zu ihm, umarmte und küsste ihn, mit all meinen aufgestauten Gefühlen und der Sehnsucht nach der wahren Liebe.

In diesem Moment war, im nachhinein betrachtet, mein neues Ich geboren. Am selben Abend holten mein Freund und ich unsere Eheringe vom türkischen Hoteljubellier, mit Namens Gravur und geplantem Hochzeitsdatum 13.08.2013. Innerlich war ich zerissen, was war ich für ein schlechter Mensch, hatte ich doch noch nie meinen Freund betrogen. Aber ich war auch glücklich diese Gefühle in mir zu tragen. Und dann wieder unglücklich, denn es blieb nur noch ein Urlaubstag und ich wusste nichts von diesem Mann, nicht mal seinen Namen.
Das realistische Ich in mir sagte:“ Trag X-Man als Erinnerung in deinem Herzen und sei froh das dein Freund deine Verwirrung nicht gemerkt hat. Es wird nie eine gemeinsame Zukunft geben! Ihr sprecht nicht mal die gleiche Sprache, habt andere Kulturen, er ist bald über 3000km entfernt von dir.“ Das emotionale Ich sagte: “ Das ist ein Zeichen, das Schicksal hat dir einen Menschen geschickt, der dir die Augen öffnen soll. Du bist nicht glücklich und wirst es auch nie werden, wenn dein Leben so weiter läuft.“

Unser letzter Urlaubstag war gekommen, ich schwam im Innenpool- draußen Regen, mein Freund war beim Bild Zeitung lesen eingeschlafen und lag auf einer Poolliege am Beckenrand. Meine Blicke suchten X-Man, aber ich sah ihn nicht durch das große Panoramafenster zum Wellnessbereich. Als ich vom schwimmen erschöpft, zu den Duschen gehen wollte, kam X-Man mir entgegen. Mein Herz machte Sprünge. Wie es mir geht fragte er. Ich sprudelte gleich los, dass ich nächste Nacht abreise. Er sagte: „Schade“. Dann nahm er meine Hand und legte sie auf seine Brust. Ich fühlte sein stark hämmerndes Herz und lächelte. Ja, er fühlt wie ich, das wusste ich jetzt und das musste reichen. Dann musste er auch schon weiter, anscheinend zum nächsten Kunden.

Am nachmittag war die letzte Massage. Der Gedanken das es unsere letzte Begegnung sein würde, quälte mich. In einem unbeobachteten Moment fragte er mich ob ich Facebook habe. Hatte ich aber aus Prinzip nicht. Er fragte weiter: „E-Mail?“ Und ich bejahte. Ich sah ihn die ganze Zeit an, beim massieren meiner Schulter hielt er meine Hand und ich hätte weinen können weil ich weg musste. Als ich am Ende der Massage mit Gesichtsmaske auf meiner Liege lag, verließ er den Raum ohne ein Wort. Ich war irritiert. Doch er kam nochmal hereingehuscht und legte einen Pappstreifen von einer Medikamentenschachtel neben mich auf die Liege: seine E-Mailadresse. 🙂

Das war der Startschuss zu einem neuen Leben. Ein halbes Jahr später trennte ich mich von meinem Freund. Er hatte mich mal wieder betrogen und ich hatte es diesmal direkt in seinem Handy gelesen, wie er sich mit der anderen verabredete und was er mit ihr machen wollte. Ein letztes klärendes Gespräch bestätigte mich nochmals in dieser Entscheidung. Er sagt mir: „Du bist jenseits von attraktiv. Du hast dich in den Jahren so gehen lassen. Das macht mich einfach nicht mehr an.“ Worte scharf wie ein Messer.

Ich wohnte vorrübergehend bei meinen Eltern und suchte mir dann eine eigene Wohnung. Ich fühlte mich befreit. Mit X-Man schrieb ich regelmäßig. Aber es war sehr schwer zu kommunizieren, da er kein Deutsch sprach. Wir schickten eher Fotos aus unserem Alltag und lernten uns so langsam kennen. Ich hatte endlich wieder Zeit mich auf mich zu besinnen. Mein Gewicht hatte sich bei 73kg eingepegelt und stieg nicht mehr an.

2015 im Mai war es dann so weit, wir heirateten, nachdem ich 4 weitere male bei ihm in der Türkei war. Alle hielten mich verrückt und glaubten nicht daran, dass diese Beziehung bestand haben könnte. Im August 2015 kam er dann nach Deutschland und wir nahmen alle Hürden, die es zu nehmen gab gemeinsam. Mein geringes Selbstbewusstsein machte ihm sehr zu schaffen. Immer wieder fühlte ich mich unsicher, wenn es um Kleidung ging, schämte mich wenn mich jemand neu kennen lernte und anguckte. Er gab mir nie Grund zur Eifersucht und trotzdem zweifelte ich immer wieder daran, ob ich ihm ausreichte. Als er dann drängelte endlich was zu tun und nicht nur rumzujammern, glaubte ich nicht mehr, dass es möglich wäre „meinen Stoffwechsel wieder in den Gang zu bringen“.3

Dann kam das Fettlogiken Buch genau im richtigen Moment als Amazon Vorschlag. Ich entdeckte mich so oft wieder in dem geschriebenen…und ich ging es an. Genau wie Nadja. Und mein Vorteil war, dass mein Weg viel kürzer sein würde. 3 mal Fitnesstudio pro Woche gehören jetzt in meinen Alltag wie Zähneputzen. Und auch mein Mann zieht mit. Wir ziehen immer gemeinsam an einem Strang, treiben uns gegenseitig an, laufen nebeneinander auf dem Laufband, gehen an die Geräte und freuen uns über aufgepumpte Muskeln nach dem Training. Auch unsere Ernährung ist anders. Wir versuchen so viel Protein wie möglich zu essen und trotzdem nicht auf Genuss zu verzichten. Mit scharfen türkischen Gewürzen wird alles etwas aufgemotzt und Proteinshakes sind auch mal dran, wenn keiner mehr Lust zu kochen hat. Samstag morgen mit leeren Magen trainieren zu gehen, um anschließend schön zu Brunchen, ist der perfekte Start ins Wochenende.4

Mein ganzes Denken hat sich umgewandelt. Nie hätte ich das für möglich gehalten. Unsere Beziehung ist so lebendig und voller Freude weil wir uns beide wohl fühlen und daher auch miteinander glücklich sind. Ich kriege mittlerweile viele Komplimente für meine Veränderung und setze mir immer mal kleine Belohnungen. Dinge die ich lange nicht tragen konnte, wie schöne Sommerkleider, sind jetzt wieder im Schrank zu finden. Auch meinen Haaren mal wieder einen Schnitt zu verpassen oder eine neue Brille, gehören zu meinem Wohlfühlprogramm. Mit Essen belohne ich mich nicht, denn ich esse was ich mag und wann ich mag. Meine Portionen sind automatisch viel kleiner geworden. Wir essen oft gemütlich bei Kerzenschein ohne Kalorien zu zählen und trotzdem macht die Waage keine Riesensprünge mehr nach oben. Ich bin rundum ausgeglichen und hab auch nicht mehr das Gefühl des Kontrollverlusts, wenn ich mich mal nicht wiegen kann. Zeitlich setze ich mich auch nicht unter Druck. Ich bin Normalgewichtig, natürlich geht da noch was, aber das drängelt nicht, da ich mit mir im reinen bin. Ich fühle mich schön und bin angekommen, bei dem Menschen der mich so liebt wie ich bin.

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17 Gedanken zu “Gastbeitrag: Wer mich dick nicht will….

  1. K

    Danke für diesen Beitrag. Es ist so wichtig, wie äußere Form und inneres fühlen zusammen hängen. Das Selbstvertrauen, was uns anregt, an uns zu arbeiten und in uns selbst zu investieren.

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  2. Gabi

    Ich erkenne mich in deiner Geschichte wieder, nur mit dem Unterschied, dass ich um einiges älter bin.
    Ich habe gerade Tränen in den Augen. Es ist schön, dass es immer einen Neuanfang geben kann, wenn wir ès nur wollen. Alles Glück der Welt wünsche ich dir für die Zukunft.

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  3. Danke, dass Du diese wunderschöne Geschichte mit uns geteilt hast.
    Eine Anmerkung hätte ich:
    „Rein rechnerisch betrachtet, sind es auf der Waage läppische 10kg.“
    Die Rechnung geht nicht ganz auf. Du hast die ca. 70-80 kg vergessen, die Du im Zeitraum Oktober 2012 bis April 2013 losgeworden bist. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Katrin

      Oh wie wahr! Das sind nicht zu unterschätzende 90 kg gewesen. 🙂
      Ich bin echt total froh darüber, dass es so viele liebe Kommentare gibt und ich mit meiner Geschichte berühren konnte, obwohl sie moralisch teilweise verwerflich ist.

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    1. libertador

      Eine gesunde Skepsis ist natürlich angebracht, insbesondere, wenn es um Geld für irgendwelche Familienangehörigen in vermeintlicher Not geht. Beziehungen über sehr verschiedene insb. ökonomische Möglichkeiten hinweg sind eine Herausforderung. Die unterschiedliche Rolle der Religion in der Gesellschaft ist auch tiefgreifend. Trotzdem ist die Seite nicht gerade unvoreingenommen und zum Teil einfach falsch. Zum Beispiel steht dort „Der “Arabische Frühling” wurde, wie von 1001 vorausgesagt, zum tiefsten Winter. Für die Menschen in Ägypten und Tunesien hat sich nichts geändert.“ Für Tuniesien ist das einfach falsch. Siehe z. B. https://freedomhouse.org/report/freedom-world/2017/tunisia#a1-pr.
      Die von Dir Seite sammelt halt Berichte genau einer Ausprägung, da ist natürlich klar, dass dabei kein ausgewogenes Bild herauskommt.

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    2. Katrin

      Hallo Martin,

      ich kenne diese Seite zu gut. Deshalb bin ich um so mehr glücklich, dass es bei mir nicht so läuft. Am Anfang habe ich auch sehr verunsichert diese Geschichten gelesen. Bei mir sind auch alle Klischees erfüllt, ein Typ der im Tourismus arbeitet, ich als ahnungslose Touristin, die noch nie vorher in der Türkei war….aber diese Bedenken, haben sich alle zerstreut in unseren 5 gemeinsamen Jahren. Die finanziellen Interessen, die dort leider viele Männer haben oder der Wunsch einen Aufenthaltstitel für Deutschland zu bekommen, sind nicht von der Hand zu weisen. Aber in unserem Fall ist das nicht so. Er wäre sonst längst weg und unser Konto leer. Ich habe auch hier viel Gegenwind in dieser Richtung erfahren, alle waren sehr besorgt. Das witzige ist, dass auch mein Mann in der Türkei von seinen Freunden, vor deutschen Frauen gewarnt wurde, weil die ihren Männern nur auf der Nase rumtanzen und sich gerne freizügig präsentieren usw….da muss jeder selbst auf sein Bauchgefühl hören.

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