Gastbeitrag: Binge Eating und Abnehmen

Gestern hat der User Sieben6 im Forum seine Geschichte über seinen Umgang mit Binge Eating, also einer Essstörung mit Essattacken, geteilt. Außerdem hat er mir erlaubt, diesen Bericht auch außerhalb des geschützten Forenbereiches als Gastbeitrag hier auf dem Blog zu posten:

Binge Eating und Abnehmen – kann das funktionieren? Ich habe für mich nach vielen frustranen Jahren endlich einen Weg gefunden.

Zu meiner Person: 55 Jahre alt, männlich, 188 cm groß und 79 kg schwer. Seit 35 Jahre leide ich an Binge Eating, diagnostiziert aber erst vor 3 Jahren. Meine Gewichtshistorie läßt sich in zwei Teile gliedern:

Teil I: 35 Jahre lang jährliche Ab- und Zunahmen bis zu 30 kg (dabei fast immer über 100 kg Körpergewicht geblieben)
Mit 20 haben die Fressattacken schleichend begonnen. Gewichtszunahmen konnte ich zunächst mit viel Sport und gelegentlichen Nullkalorientagen einigermaßen einfangen; das gelang mir dann aber mit der Zeit immer weniger, so dass ich dazu überging, immer kompliziertere Diäten und Pläne zu entwerfen. Kaum eine Diät, die ich nicht mitgenommen und ausprobiert hätte. Die Halbwertszeit der komplexen Pläne betrug aber meistens keine 24 Stunden; d.h. ich bin morgens aufgestanden mit einem detaillierten Plan und der Überzeugung es zu schaffen und abends ins Bett gegangenen mit dem deprimierenden Wissen, versagt zu haben. Das hat mich dennoch nicht davon abgehalten, es täglich aufs neue zu probieren – jahrzehntelang! Ich möchte nicht wissen, wie viele Tonnen an Papier für Tabellen und Unmengen an Zeit ich dafür sinnlos verbraucht habe. Leider nahmen mit der Zeit die Fressanfälle an Häufigkeit und Intensität weiter zu, was den Leidensdruck zusätzlich erhöhte. Als 2013 die Diagnose Binge Eating kam, beruhigte sich das permanente Auf und Ab etwas, da nun klar erschien, was mir fehlte. Aber weder die intensive Auseinandersetzung mit der Essstörung, noch die Hilfe medizinischer Fachliteratur bewirkten in der Folge eine nennenswerte Verbesserung.

Teil II: 2016 Abnahme auf 78 kg, dann 17 kg Zunahme, dann 2017 erneute 16 kg Abnahme
Anfang 2016 bin ich auf FLÜ gestoßen. Das Buch habe ich regelrecht verschlungen, auf fast jeder Seite ein Aha Erlebnis (Asche auf mein Haupt: als Mediziner wusste ich zwar über die ganzen ernährungsphysiologischen Zusammenhänge, war aber leider tief verblendet und glaubte an manche Diätmythen). Mit brachialer Gewalt habe ich mich im ersten Halbjahr 2016 auf 78 kg runter gehungert – jedoch völlig ohne Sinn und Verstand. Was aber dann nach Erreichen des lang ersehnten Traumgewichtes kam, war ein Fiasko: Täglich exorbitante Binge Eating Fressanfälle mit bis zu 9000 kcal (!), kompletter Kontrollverlust, nicht mehr fähig, irgendwie dagegen zu steuern. Als Konsequenz erfolgte in nur 4 Monaten (September bis Dezember 2016) eine Gewichtszunahme von 17 kg mit allen physischen und psychischen Probleme, die eine so fulminante Zunahme innerhalb kurzer Zeit mit sich bringt. Im Januar 2017 konnte ich erfolgreich den Resetknopf drücken und innerhalb 15 Wochen wieder 16 kg (nun FLÜ-konform) abnehmen. War’s das? Nein, denn ummittelbar nach der erneuten Abnahme gab es wieder einen kurzen Gewichtsanstieg, den ich aber dieses Mal schneller abfangen konnte. Geholfen hat mir dabei, was ich im Folgenden näher beschreibe.

Wie kann es passieren, dass man FLÜ liest, es genial findet und trotzdem anschließend einfach so massiv zunimmt? Dass das Ganze wider besseren Wissens erfolgt und keinerlei Stoppmechanismus greift? Wer mit Binge Eating leben muss, kennt nur zu gut das Gefühl des Fremdbestimmtseins und der fehlenden Kontrollmechanismen, der selbstgesetzten roten Linien, die permanent gerissen werden; der Unmengen an Kalorien, die man völlig planlos und meist heimlich zu sich nimmt; dem Wissen darüber, aber dennoch der Unfähigkeit, einfach nie rechtzeitig Halt sagen zu können.

Die Auseinandersetzung mit meinen Gewichtsproblemen war 35 Jahre lang schlicht und ergreifend mein Lebensinhalt, begleitenden mich von morgens bis abends. Die massiven Essstörungen mit all ihren Auswirkungen hielten mich im Griff und überlagerten alles andere (Familie, Beruf, Hobbys, etc.). Und dennoch: Tief im Inneren war ich überzeugt, irgendwann den Schalter zu finden, der mich von der Geisel befreien könnte. Und ich habe etwas gefunden: 1) Essstörung als Krankheit akzeptieren 2) bisherige Therapie von Binge Eating kritisch hinterfragen 3) Emotionen und Essen bewusst zulassen 4) Fressanfälle in Genuß umwandeln 5) Motivation und Willensstärke seperat betrachten 6) FLÜ konsequent umsetzen 7) loslassen vom täglichen Wiegen und Kalorienzählzwang.

Die Schalter im einzelnen
1) Es klingt trivial, ist es aber nicht: Zur Erkenntnis kommen und mir ehrlich eingestehen, dass mein Umgang mit Essen massiv gestört ist und einen hohen Krankheitswert mit dringendem Therapiebedarf hat, hat eine Weile gebraucht. Und dass die Ursache bei mir nicht irgendwo anderes zu suchen ist, sondern tatsächlich nur in der Essstörung selbst. Eine begleitende professionelle Psychotherapie hat mir dabei geholfen, obwohl dort nie fertige Lösungsansätze präsentiert, sondern immer nur Impulse und Denkanstöße gegeben wurden.

2) Der vielleicht wichtigste Schritt war, den Automatismus von Abnehmen-Hunger-Fressanfällen zu kappen. Wenn ich abnehmen will, muss ich ein Kaloriendefizit aufbauen – und der verursacht naturgemäß Hunger. Den muss ich lernen, auszuhalten. Je nach Defizithöhe ist dieser Hunger stärker oder schwächer, aber immer logisch und physiologisch erklärbar und eben nicht zwangsläufig Auslöser für Fressanfälle. Diese Verknüpfung von Hunger = Fressanfall = muss vermieden werden hat mich jahrelang vom sinnvollen Abnehmen abgehalten und regelmäßig in Depressionen gestürzt. Insofern bewerte ich manche Therapieempfehlungen von Binge Eating (Körpergewicht akzeptieren, Essstörungen zuerst behandeln, emotionales Essen vermeiden, abnehmen aussetzen, etc.) inzwischen kritisch und als nicht zielführend.

3) Etwas, was mich ebenfalls entscheidend nach vorne gebracht hat: den Mechanismus Emotionen führt zu Fressanfälle (= emotionales Essen = nicht erwünscht) umzudrehen in ein gezieltes Essen löst Emotionen aus (= Glücksgefühle = erwünscht). Essen muss Emotionen auslösen können. Das ist ein komplett konträrer Ansatz zu meiner bisherigen Vorgehensweise. Ähnliches gilt für Hunger bewußt zulassen; denn erst wenn ich Hunger spüre, kann ich mit dem Essen auch den Rückgang des Hungergefühls bewußt wahrnehmen und die damit verbundene Hormonfreisetzung als etwas sehr Positives erleben. Diese Gefühle, diese Genussfaktoren sind tatsächlich ziemlich alternativlos.

4) Binge Eating ist nicht wie eine Erkältung, die geheilt nach einiger Zeit wieder weg ist, sondern etwas, dass einen ein Leben lang begleitet. Fressanfälle sind ein wesentlicher Teil dabei und häufig ungeplant und unkontrolliert. Wieviel frustrane Energie habe ich jahrzehntelang dafür aufgewandt, Fressanfälle zu vermeiden und die Kontrolle zu behalten – ohne Erfolg. Was ist also die Alternative? Fressanfälle zulassen, auch das Ungeplante. Nur muss es sich auf Episoden beschränken, die nicht komplett ausufern (< 2.000 kcal zusätzlich), nicht zu häufig vorkommen ( < 1 x pro Woche), den Genuss dabei ganz bewußt in den Vordergrund stellen und am folgenden Tag wieder in einen normalen Essrhythmus übergehen. Hintergrund war die Erkenntniss, dass bei mir nur die ersten 10% eines Fressanfalles Genuß darstellten; der Rest war sinnloses und anarchisches Gestopfe, verbunden mit depressivem Frust. Diese Akzeptanz der Unvermeidbarkeit der Fressanfälle und die Einsicht, sie zu zulassen, wenn sie hochkommen, haben bei mir zu einem wesentlich entspannteren Umgang mit Fressattacken geführt. Heilung von Binge Eating heißt bei mir nicht nie wieder, sondern ich habe die Fressanfälle in Art, Dauer und Häufigkeit im Griff. Fressanfälle in Genußepisoden umwandeln, das ist mein Ziel.

4) Motivation und Willensstärke habe ich immer in einen Topf geworfen. Nun war ich über drei Jahrzehnte mit täglich neuen Plänen zwar ein Motivationsweltmeister, aber leider einer ohne genügend Willenskraft (kurze Halbwertszeit der Pläne). Eigentlich nicht verwunderlich, da die aufzubringende Energie für Willensstärke – im Gegensatz zur Motivation – nicht unendlich ist. Da ich früher immer zu vieles gleichzeitig ändern wollte, habe ich während der Abnehmphase vorübergehend alle Projekte gestoppt, die nicht unbedingt sein mussten. Erstaunlich, wie viel mehr Energie für das Einhalten meines Abnehmplanes so auf einmal zur Verfügung stand.

5) Nach dem zweiten Mal Lesen von FLÜ habe ich’s kapiert, insbesondere Nadjas Vergleich mit der Speisekammer hat mir enorm geholfen: Der adipöse Körper hat Grundnahrungsmittel wie Mehl, Reis, Zucker, Nudeln im Überfluss an Bord, nur frische Lebensmittel, wichtige Supplemente (Vitamine, Mineralien, Spurenelemente) und vor allem Proteine müssen täglich dazu gekauft werden. Das habe ich umgesetzt.

6) Der rote Faden in all meinen früheren Abnehmplänen war Kalorienzählen und Wiegen. Das ist grundsätzlich auch nicht verkehrt. Problematisch wird es aber, wenn dies regelmäßig nicht zum Ziel führt und immer wieder in die gleichen Frustrationen mündet. Da das aktuelle Tagesgewicht auch von wenig beeinflussbaren Faktoren wie Wassereinlagerung, Schlaf, Hormonhaushalt, Verdauungssituation, etc. abhängig ist, beschloss ich, mich vom Sklaven der Waage zu emanzipieren und meinen Abnahmeerfolg nicht am täglichen Wiegen fest zu machen. Gewogen wurde dann, wenn ich Lust hatte: mal täglich, mal zweitäglich, mal einmal pro Woche oder in noch größeren Abständen. Dabei gewöhnte ich mir an, immer nur den tiefsten Wert der Gewichtsabnahme zu dokumentieren und Zunahmen (die es natürlich auch gab!) nicht aufzuschreiben. In ähnlicher Weise bin ich an mein Kalorienzählen herangegangen. Jahrelang war es quasi gesetzt, eine tägliche Kalorienobergrenze zu definieren. Mit der fatalen Eigenschaft, dass beim Übertreten von nur einer Kalorie sehr schnell des Gefühl “ jetzt ist es eh egal …“ aufkam und beim Darunterliegen solange alle möglichen Sachen kopflos genascht wurden, bis ich eben die gesetzte Grenze auch wieder überschritten hatte und erneut in „jetzt ist es eh egal…“ mündete. Also, kein Abwiegen von Nahrung, kein Tracken der Kalorien, sondern einen fixen und unkomplizierten Nahrungsplan mit ca 1.000 kcal vorgeben, der so aussah:

Morgens: 250g Magerquark + FlavDrops = 170 kcal
Mittags: 250g Magerquark + FlavDrops = 170 kcal
Abends: Abwechselnd (Mo – So) Omlette, Pasta, Thunfischsteak, Gemüseauflauf, Rindersteak, Lizzateig mit Mozzarella, Putenbrust (etwas Gemüse dazu) = 500 kcal
Dazwischen: 5 x Cappuccino mit 1,5 % Milch = 160 kcal
Zusätzlich: Vitamine + Mineralien (Nutrilite Duplex 8 Tabletten täglich), Flohsamenschalen zur Regulierung der Verdauung, Wasser/Tee 3 l

Wichtig war mir, dass das Essen nicht irgendwie zusätzlich gestreckt oder aufgebläht werden musste, auch entschied ich mich bewusst gegen Proteinpulver – irgendwie habe ich da eine Abneigung. Harzerkäse, BeefJerky oder Hüttenkäse kamen dazu, wenn das Abendessen nicht aus ausreichenden Proteinquellen (Fisch oder Fleisch) bestand. Gemüsesticks oder gesunde Snacks waren nicht verboten, wollte ich aber vermeiden, was meist gelang. Das Abendessen wurde nicht abgewogen und berechnet, sondern pauschal mit 500 kcal bewertet. Damit lag ich sicher einige Male drüber, einige Male drunter. Wie auch immer: Geplant waren anfangs 1.300 kcal Defizit pro Tag, später dann entsprechend weniger. Im Schnitt hatte ich eine wöchentliche Abnahme von 1,2 kg. Passte.

Sport: War zwar wichtig (90 Tage Mark Lauren, 2 – 3 x 9 km Joggen pro Woche), wurde aber nicht in die Energiebilanz berücksichtigt und nur auf moderatem Level durchgeführt; auch habe ich mich nicht mit Schrittezählen, FiBit oder irgendwelchen anderen unbedingt zu erreichenden Zielen gequält, sondern lediglich darauf geachtet, mich überhaupt zu belasten. Überrascht hat mich, dass Ausdauertraining auf Sparflamme bei mir immer geht, Körpergewichts- und Kräftigungsübungen ohne Energie aber keinen Sinn machen, da hier schlicht keine ausreichende Power vorhanden war und die Qualität spürbar litt.

Verlauf

Die ersten 8 Wochen liefen erstaunlich problemlos ab. Es ist mir gelungen, all das, was sich bei mir in 35 Jahren Abnehmen einfach nicht bewährt hat, strikt zu unterlassen und meine Energie komplett auf einen einfachen Plan zu bündeln. Den konnte ich tatsächlich auch mit seinen 1.000 kcal/d durchhalten. Hunger hatte ich selten, Gelüste dagegen sehr wohl. Geholfen hat mir, dass ich mich jeden Abend auf ein Nahrungsmittel gefreut habe, dass nicht extra fett-, zucker- oder kalorienreduziert war (exzellent bekocht von meiner Frau!). Und dass mein täglicher Antriebsmotor nicht irgend ein bestimmtes Wiegeergebnis war oder das exakte Erreichen einer bis hinters Komma vorgegebenen Kalorienzahl, sondern abends die Zufriedenheit, meinen Plan eingehalten zu haben.

Plateaus auf der Waage traten auf und waren nervig. Da aber, wie erwähnt, die Einhaltung des Plans im Vordergrund stand und primär nicht eine bestimmte Gewichtsabnahme pro Zeit, konnte ich diese Phasen mit etwas Geduld überstehen – denn irgendwann kam der errechnete Gewichtsverlust immer. Geduld ist im Übrigen eine sehr häufig unterschätzte Voraussetzung bei der Abnahme, insbesondere wenn auch noch eine Essstörung vorliegt. Eigentlich logisch: Ich war es jahrzehntelang gewohnt, dass eine Befriedigung der Gelüste durch einen Fressanfall immer prompt und unmittelbar erfolgte (Minuten). Demgegenüber benötigt aber ein Lustgewinn aus der Abnahme (Spiegelbild, Waage, Kleiderpassform, Komplimente, Wohlgefühl, etc.) oft quälend lange (Tage bis Wochen). Dazu kommen die häufig unangenehmen Nebenwirkungen aus dem täglichen Kaloriendefizit: Frieren, Grippesymptomatik, fehlende Power, Hunger, ständiges Denken an Essen, etc.

Nach etwa 10 Wochen wurde es langsam mühsamer, d.h. ich musste mehr tun (Fokussierung auf den Plan), um am Ball zu bleiben. Die Gedanken kreisten verstärkt ums Essen und es war eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, wann sich ein Fressanfall nicht mehr vermeiden ließ. Und so kam es dann auch: Cheatepisoden, in denen ich mal kurz unkontrolliert alles wahllos in mich rein stopfte. Die folgenden Wochen waren dann chaotisch mit erneuter Gewichtszunahme: Restriktive Diättage wechselten sich mit heftigen Cheatepisoden ab. Was tun? Ich habe an drei Stellschrauben gedreht. Zum einen mich besonnen auf das, was ich oben erwähnt habe: Fressattacken als einen Teil meiner Krankheit zu akzeptieren; sie zu zulassen, sie aber auf kurze Episoden zu begrenzen und sich bewusst auf den Genuss zu konzentrieren. Das funktionierte überraschend gut. Die zweite Stellschraube bestand darin, zunächst nur an den Wochenenden, später schrittweise auch unter der Woche, reguläre Esstage einzubauen und die Kalorienzufuhr dabei auf ~2.200 kcal pro Tag zu erhöhen: keinen Quark mehr, sondern moderates Frühstück, Kaffe und Kuchen, mediterranes Abendessen. Das hat zwar ein paar Anläufe gebraucht, klappte dann aber ebenfalls überraschend problemlos. Die dritte Schraube bestand darin, einen gelassenen Umgang mit normalen Essen ohne striktes Kalorienkorsett zu üben. Das schreibt sich so einfach, tatsächlich ist/war es aber Schwerstarbeit. Wobei die Betonung auf Üben liegt und auch hier gilt: Geduld haben. Es ist ein Lernprozess, der Zeit benötigt, aber dann, wenn man dran bleibt, enorme Zufriedenheit bringt.

Noch etwas Interessantes konnte ich aus meiner Abnehmzeit beobachten: Wie unabdingbar für das körperliche Wohlempfinden langfristig ein ausgewogene Ernährung mit den drei Makronährstoffen Kohlenhydrate, Fette und Proteine tatsächlich ist. Der beeindruckende Hormonflush mit anschließenden Glücksgefühlen und sehr positiver Grundstimmung wird nur durch Kohlenhydrate ausgelöst- auch ein höherer Anteil an Proteinen vermag das nicht zu leisten, zumindest nicht bei mir. Und Fette sind wichtige Voraussetzungen für bestimmte Hormonproduktionen (z.B. Sexualhormone = Lust) und können nur sehr schwer durch die beiden anderen Nährstoffe ausgeglichen werden. Insofern müsste ich bei einer weiteren Abnahme (nicht geplant!) erst einmal eine Pause einlegen, bevor ich wieder mit dem Konzept der hohen Proteinzufuhr, bei reduzierter Kohlenhydrat- und Fettlast, weitermachen könnte.

Nach fast vier Jahrzehnten, in denen jede Nahrungsaufnahme mit negativen Gefühlen besetzt war (entweder war’s zu viel = so wird es nichts mit dem Abnehmen, oder es war zu wenig = warum stoppe ich? Ich habe Hunger) freue ich mich auf einen Umgang mit Essen, wo nicht alles sofort in Kaloriengehalt bewertet und in Gut und Böse kategorisiert wird. Das ist kein Selbstläufer, der einfach so von heute auf morgen funktionieren wird, gar keine Frage. Aber den Grundstein dazu habe ich mit meiner neu erlernten Abnehmstrategie gelegt und das stimmt mich einfach positiv und gibt mir Hoffnung, endlich auch die Fressanfälle nachhaltig in den Griff bekommen zu haben.

Ich habe nichts Geringeres als meinen Lebensmut (wieder) entdeckt.

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13 Gedanken zu “Gastbeitrag: Binge Eating und Abnehmen

  1. Mona

    Danke für den Text.

    Ich habe sogar ein neues Wort gelernt „frustran“. Ich kenn leider auch diese frustrane Energie, damit muss man ja auch irgendwie umgehen.

    Ich verstehe den Punkt 5) Motivation und Willensstärke nicht so ganz. (Im Text ist die Nummerierung kaputt, weil es zweimal den Punkt 4) gibt.) Ich weiß nicht, wie man das beides voneinander unterscheidet. Vielleicht mag mir das einer erklären. Ich habe mich damit schon oft beschäftigt, aber es ist mir nicht klar. Schüler und Studenten sagen oft „Mir fehlt die Motivation zum Lernen“, ist es dann nicht doch eher die Willensstärke?

    „Eigentlich nicht verwunderlich, da die aufzubringende Energie für Willensstärke – im Gegensatz zur Motivation – nicht unendlich ist.“
    Stimmt dieser Satz wirklich? Woran merkt man das? Wieso kann man unendlich Motivation oder nicht Willensstärke haben?

    Ich stelle wieder fest: Ich brauch auch jemanden, der mich Zuhause bekocht. Portionen im Restaurant kann man so schlecht einschätzen.

    Man hat Frieren und Grippesymptomatik, obwohl man auf alles achtet? Ich dachte immer, dass ich einfach zu doof bin alle wichtigen Stoffe unterzubringen. Wenn ich nicht drauf achte, esse ich extrem kohlenhydratlastig (Süßigkeiten), das heißt es geht bei mir nicht das beizubehalten (egal ob Abnahme oder nur so), ich muss sie senken und bewusst Proteine futtern, um auf halbwegs vernünftige Verhältnisse zu kommen. Mein Körper und die Zähne danken es mir, wenn ich mehr beobachte, was ich esse und ein wenig gezielter reguliere.

    Ich finde es auch hilfreich Fressanfälle zu akzeptieren, wenn sie passiert sind und währenddessen sich nicht auch noch nieder zu machen, sondern bewusst Genuss da rein bringen und aus der Zufriedenheit des Genusses die Energie finden, es nicht noch stärker ausufern zu lassen. Das fühlt sich zumindest nach mehr Kontrolle an.

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    1. Motivation ist, so meine ich, dass er es so meint, dass man immer wieder die Antriebskraft verspürt trotzdem weiter zu machen. Die kann durch neue Gadgets (Fitbit, neuer Plan, Fitnesstudiovertrag), aufrechterhalten werden (man mavht etwas „guter Dinge“). Willenskraft dagegen ist auf Situationen beschränkt, die eine Herausforderung darstellt. Wenn ich Heißhunger auf Schokotorte habe und es steht eine vor mir, bringt mir meine Motivation wenig – da braucht es Willenskraft. Man kann also Motivation als rollendes Auto betrachten und Willenskraft als die Kraft, die es braucht, um das Auto auch den Buckel hochzubekommen 😊

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    2. Maren

      Motivation ist das, was am Anfang steht, oft ein spontaner Impuls. Z.B. jemand fährt in irgendein Land in Urlaub, verliebt sich spontan in die Kultur und beschließt dann, die Sprache zu lernen.
      Willensstärke ist dann das, was man braucht, um 365 Tage lang Vokabeln und Grammatik zu trainieren, bis man wieder dorthin fährt 🙂

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  2. Galli Frey

    Ich leide zwar nicht an Binge Eating, aber ich hab mich oft wiedererkannt, wenn man zu schnell zu viel will und dann frustriert ist, weil es nicht klappt und die Geduld fehlt.
    Aufgrund einer Gendefekt (Fettstoffwechselstörung) erzählten mir zig Ärzte immer auf was ich alles verzichten sollte, damit ich abnehme. Dazu warich damals nicht bereit.
    Und dann las ich FLÜ und ich ging die Sache viel entspannter an. Noch nie hab ich es geschafft über ein Jahr durchzuhalten. Meist binich um Weihnachten gescheitert und konnte nicht wieder danach weitermachen.
    Das ist nu anders. Dazu muss sich das Verhältnis zu Essen im Kopf einfach ändern. Wie oben beschrieben, darf es dann kein „nur“ Gut oder „nur“ Böse geben.

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  3. Uhu

    Mich überzeugt der Text leider gar nicht. Der Autor schreibt, er hat „den Schalter gefunden“, ist aber eben erst fertig mit einer erneuten Abnahme und weiß ja noch gar nicht, wie es diesmal verlaufen wird…interessant wäre so ein Bericht nach 2, 3 Jahren, wo auch viele „Situationen“ bereits gemeistert wurden…
    Außerdem beschreibt er die „helfende“ Psychotherapie…die aber (wenn ich das richtig verstanden habe) erst im Januar dieses Jahres begann? Ist das quasi „den Schalter gefunden in 3 Monaten“? Eine „Quick-Therapie“?

    Was ich auch nicht verstehe: nun hat er „FLÜ“-konform abgenommen…was bedeutet „FLÜ-konform“? Als ob FLÜ den „Weg“ vorgibt, WIE man abnehmen soll…dabei tut das Buch das ja eben NICHT?

    Vielleicht kann ja der Autor in 2 Jahren mal berichten, wie es ihm weiterhin ergangen ist. DAS wäre glaub wirklich interessant…

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  4. Sieben6

    Wenn man seine Erfahrungen aufschreibt, gelingen leider nicht alle Formulierungen und manches erscheint auch missverständlich. Deswegen versuche ich mal ein paar Aspekte zu klären.

    Motivation kennt keine Grenzen. Ich kann jeden Tag aufstehen und sagen „heute packe ich es an“. Dies aber auch umzusetzen, der Wille dazu, das zu tun, das ist nicht grenzenlos, sondern, bei jedem zwar individuell, aber dennoch limitiert.

    FLÜ konform: Völlig korrekt, in ihrem Buch gibt Nadja explizit nichts vor. Für mich bedeutet aber FLÜ konform keine Angst vor dem JoJo Effekt, kaputten Stoffwechsel, Grundumsatzabsenkung, Kohlenhydrat- und Fettreduktion, etc. Schlicht alle Diätmythen weglassen und sich auf das Notwendige (ausreichend Proteine und Mineralien/Vitaminen) zu konzentrieren und den Mut zum Kalorien-Defizit zu haben.

    Psychotherapie habe ich nun seit zwei Jahren. Auch für den Therapeuten war es eine Lernphase, weil es immer wieder Rückschläge und schwierige Phasen gab.

    Die sogenannten Schalter zu finden war eine Entwicklung über 40 Jahre – keinesfalls eine Sache von Momenten.

    Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sagen kann „ich habe es geschafft“. Aber natürlich stimmt es, dass ich seriös erst in ein bis zwei Jahren das verlässlicher behaupten kann.

    Ganz allgemein: Ich will niemanden überzeugen! Ich habe unendlich lange unter meinen Essstörungen gelitten, nun einen Weg gefunden, damit umzugehen. Das teil ich gerne mit, weil sich vielleicht der eine oder andere darin wieder erkennt und Anregungen erhält – oder feststellt, so auf keinen Fall. Das ist auch völlig in Ordnung.

    Gefällt 5 Personen

  5. Ich leide auch an Binge Eating und empfinde es als verdammt schwer, die Fressanfälle in den Griff zu bekommen. Aktuell sind sie “kontrolliert“ am Wochenende, um überhaupt erstmal abzunehmen…Zum Glück hilft meine Therapeutin mir auch in diesem Ziel und und will mich nicht dazu bringen, mein Gewicht zu akzeptieren.

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  6. Katja

    Ich oute mich jetzt auch mal als jemand, dem es unheimlich schwer fällt, die Bremse zu finden, wenn ich mal mit dem Essen anfangen habe. Wenig zu essen und aufzuhören bevor ich absolut voll bin, ist für mich noch unbefriedigender als GAR nichts zu essen . So habe ich für mich rausgefunden, dass eine GROßE und kalorienreiche Mahlzeit für mich praktikabeler ist, als drei Mahlzeiten, die mich nur frustrieren, weil ich nicht „befriedigt“ wurde. Seit zwei Monaten habe ich mein Wunschgewicht und esse immer noch so. Inzwischen sind das ca. 2000 kcal. , die ich innerhalb von 2 Stunden genüsslich verdrücke (mittags). Abends verspüre ich keinen oder höchstens geringen Hunger und trainiere dann noch 30 bis 40 Minuten auf dem Crosstrainer. Interessant ist, dass ich morgens noch nie Hunger hatte (auch vorher nicht). Ersten zarten Hunger verspüre ich zwischen 10 und 12. Dann genieße ich meinen kontrolliertendiere Fressanfall und verputze Mengen, die Andere in Erstaunen versetzt. Vielleicht nicht 100% ideal bzw. gesund. Aber es funktioniert. Das ist entscheidend.

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  7. annesch

    Danke für Deinen Text, Sieben6! Das Problem mit vorhandener Motivation und ganz tollen Plänen „eine Sache in den Griff zu kriegen“, es dann aber nicht hinzukriegen, von der Willenskraft her, kenne ich nur zu gut, hauptsächlich aus dem Bereich Prokrastination.
    Was ich aus Deinem Text mitnehme, ist die Erkenntnis, dass ich mit meiner vorhandenen „Ausstattung“ arbeiten muss und mich nicht mithilfe eines Megaplans komplett neu erfinden kann. Das war mir schon ein bisschen klar geworden für bestimmte Gebiete. Aber jetzt habe ich sozusagen noch mal in der anderen Gedankenrichtung gedacht: OK, nicht mit Trial und Error in einem Gebiet so lange ausprobieren, bis ich zufällig bei einem System lande, dass meine Macken mit berücksichtigt. Sondern für einen Problembereich die Macken feststellen (möglichst neutral mir selbst gegenüber, ohne mich runterzumachen) und dann zu überlegen, wie ich diese Macken in den Plan einbauen kann, sie auffangen kann – vielleicht sogar auf einen Dreh komme, wie diese Macken für das Ziel, das ich anstrebe, besonders gut funktionieren.

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  8. Hat dies auf Semilocon rebloggt und kommentierte:
    Ich hab keine diagnostizierte Binge Eating Störung, aber zumindest oft ähnliche Fressattacken, die bei mir allerdings wahrscheinlich mit dem Autismus zusammenhängen (Essen als Vermittler von Sicherheit, orales Stimming).

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