Gastbeitrag: „Es ist Magersucht, nicht Mager-Logik oder Mager-sinnvoll“

Diesen Freitag hatte ich Post von der Kommentatorin Wolf im Postfach mit einem kurzen Gastbeitrag (der durch meine Fragen noch ein bisschen verlängert wurde). Ihr Beitrag zeigt nochmal, dass Fettlogiken nicht nur bei Übergewicht eine Rolle spielen, und welche Gemeinsamkeiten es zwischen beiden Seiten des ungesunden Gewichtsspektrums geben kann.

Vor kurzem las ich einen Artikel auf Fettlogik, in dem eine Person mit Bulimie erwähnt wurde. In den Kommentaren wurde angeregt diskutiert, und ich stellte fest: Ich bin ja nicht die einzige Person mit Essstörung, die hier mitliest.
(Vorab: ich möchte nicht behaupten, dass alle Betroffenen so denken wie ich. Ich schildere hier mein Empfinden – ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit.)

Nun mag der ein oder andere sich denken: was wollen die denn überwinden, die sind doch schon zu dünn. Hierzu mal ein paar Zitate aus Foren:

Bananen haben zuviel Fruchtzucker, sie machen fett.
Nicht essen nach 17 Uhr, im Schlaf wird alles sofort in die Fettzellen eingelagert.
Eine Mahlzeit von 400 Kalorien ist schlecht, bevorzuge vier Mahlzeiten à 100 Kalorien.
Iss nie etwas, was größer als eine Faust ist – sonst dehnt sich dein Magen aus, und du hast ab jetzt für immer mehr Hunger.
Apfelessig vorm Essen blockt die Fettaufnahme.
Cayennepfefferkapseln regen den Stoffwechsel an. Nimm sie, wenn du kurz vor der Ohnmacht bist.

Die Hälfte davon könnte so in einer Frauenzeitschrift stehen, oder?

Und die glauben das, die Magersüchtigen? Ja, sind die denn doof?
Nein. Ich wage zu behaupten, doof sind wir nicht. Die meisten von uns wissen auch, dass die oben genannten Sätze falsch sind. Aber dann denkt man sich „Ja, und wenn doch was dran ist? Und ich deswegen fett werde? Ich machs doch vorsichtshalber besser so, wie die Regeln sagen.“ Denn es ist Magersucht, nicht Mager-Logik oder Mager-sinnvoll. Es könnte ja sein, dass sich alle geirrt haben, und man doch sofort dick wird…

Wir wissen, wenn wir rechnerisch im Untergewicht sind. Wir kennen die Liste der Symptome. Haarausfall. Frieren im Hochsommer. Schmerzen beim Sitzen auf normalen Stühlen. Wir kennen die Symptome, manchmal haben wir sie, aber wir überzeugen uns: bei mir ist es nicht so schlimm. Mir geht’s okay. Mal schwindlig sein beim Aufstehen, passiert doch jeder Frau. Hat nichts mit dem Gewicht zu tun. Ich kenn doch online dutzende Frauen, die sind viel dünner und auch gesund.

Trockene Haut im Winter – hat doch jeder. Das kann man doch jetzt nicht auf Nährstoffmangel schieben. Und sowieso, ich hab doch keinen Nährstoffmangel, ich ess doch jeden Tag Obst, und Quark oder Joghurt. Mir fehlen doch keine Nährstoffe.

Ständig blaue Flecke? Tja, ich bin eben ungeschickt.

Der gepolsterte Stuhl im Büro tut beim Sitzen weh? Doofer Stuhl. Hat bestimmt nichts mit Mangel an Unterhautfettgewebe zu tun – wenn ich da hingreife, da ist doch eindeutig noch welches.

Man redet sich so heraus. Ungesund? Ich doch nicht. Dünn sein wollen doch alle. Und wir wissen doch, dass Übergewicht die Gelenke belastet und hohen Blutdruck macht. Da muss es doch meinen Gelenken und dem Herz perfekt gehen. Bis man nach zehn Minuten Joggen anhält, mit Atemnot und das Herz schlägt bis zum Hals. Und der Kardiologe nur mit den Schultern zuckt und keine Ursache findet (Ich hatte ihm wohlgemerkt einen BMI im unteren Normalbereich erzählt – gelogen. Und schon ploppt der Gedanke auf „der Arzt glaubt dir das Normalgewicht, also bist du auch nicht dünn“.) Und es wird bewusst, was man eigentlich immer gewusst hat: ich mache mich kaputt. Jeden Tag ein Stückchen. Ich muss hier raus.

Und darum lese ich den Fettlogik-Blog. Weil wir uns demselben Problem von einer anderen Seite aus annähern. Weil ich hier lerne, dass Nahrungsmittel nicht in gut und böse eingeteilt sind. Dass jedes Lebensmittel Teil einer Ernährung sein kann, ohne dass man sofort adipös wird, bloß weil man sowas gegessen hat. Weil ich meine eigenen Fettlogiken habe, die ich überwinden muss auf dem Weg zum normalen Leben in einem gesunden Körper.

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9 Gedanken zu “Gastbeitrag: „Es ist Magersucht, nicht Mager-Logik oder Mager-sinnvoll“

  1. sternenmond75

    Vielen lieben Dank für diesen Blickwinkel, der uns alle mal wieder die schwarz-weiß-Brille von der Nase fegt.

    Sicherlich gibt es noch siebenachthundertdrölfzig psychologische Aspekte zum Thema “Sucht“, aber gerade der Ausschnitt, den Du gewählt hast zeigt, dass “alternative“ Fakten mit Logik beleuchtet werden können. Wenn dann die eigene Einsicht dazu kommt: perfektes Match.

    Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg, dass Du Deinen Arzt in Sachen BMI nicht mehr belügen, Ausreden für blaue Flecken finden und bequeme Sitzmöbel suchen musst. Es ist wahnsinnig ehrlich und offen von Dir, uns Deine persönlichen Baustellen zu schildern. Es ist ein Schritt, sich selbst ein Stück mehr zu wertschätzen und zu lieben – ein Riesenschritt!

    Alles Liebe! Sternenmond75

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  2. Eiskristall

    Vielen Dank auch von meiner Seite und alles, alles Gute und viel Kraft für Deinen weiteren (Genesungs-)Weg.
    Aus eigener Erfahrung (bin selbst ehemals betroffen) möchte ich noch ergänzen, dass sich unter Magersüchtigen und sicher auch anderen Essgestörten gerade der Hungerstoffwechselmythos hartnäckig hält. Die Folge davon: Man hat panische Angst, von jedem bisschen zuviel sofort unkontrolliert zuzunehmen und das hält viele leider zusätzlich in der Erkrankung, nach dem Motto „mein Stoffwechsel ist schon so kaputt durch das Hungern, der bunkert alles über 800 kcal, also darf ich so oder so nicht mehr essen“. Also im Grunde die andere Seite der Medaille, unter denen Übergewichtige leiden („Diäten machen dick, also besser gar nicht erst damit anzufangen“).

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  3. Barbara

    Vielen Dank für Dein Vertrauen und Deine Offenheit. Ich kann Dir nur zustimmen – die „vermeintlichen“ Logiken machen es vielen Menschen schwer. Eigentlich spielt es keine Rolle, ob Über-, Unter- oder Normalgewichtig. Wir sollten alle von dem Buch und den Fakten wieder lernen einen entspannten und frohen Umgang mit Essen zu haben.

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  4. Kathi

    Auch ich wünsche dir viel Erfolg, weiterhin gegen jegliche Ernährungs- und Gesundheitsmythen anzukämpfen.
    Das ist für alle leider nicht leicht, aber sehr befreiend, wenn es zu klappen beginnt. Ich fahre z.B. eigentlich ein tägliches Defizit von 1000 kcal. Aber heute gab es einen Schokoriegel, Pizzabrötchen und Pizza (ich hab sogar noch 200 kcal Defizit). Ohne schlechtes Gewissen fühlt sich das auch nach dem Essen noch gut an und nicht nur wie früher dabei. Ich glaube, vor allem das schlechte Gewissen ist etwas, das sich Magersüchtige und (abnehmwillige) Übergewichtige teilen, von daher kann ich zumindest einige Denkfallen in der Richtung nachvollziehen. Ich habe dann aus dem schlechten Gefühl heraus noch mehr gegessen und du wahrscheinlich nichts mehr/ deutlich mehr Sport gemacht.
    Akzeptieren wir einfach, dass nicht immer alles nach Plan läuft, aber arbeiten wir weiterhin am Erreichen eines gesunden Gewichtes, egal aus welcher Richtung wir uns dem nähern.

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  5. lumpf

    1000 Dank für deine Worte, sie sprechen mir aus meiner „Mager-Logik“ Seele… Egal ob zuviel oder zu wenig, krank ist beides und die ganzen Regeln beherrschen uns doch irgendwie alle. Ich habe auf so vielen Wegen Bücher, Gruppen, Onlinechoachings versucht meine Kopfknoten zu lösen. Vor einer Woche habe ich aus purem Zufall das Buch gekauft (Zug hatte Verspätung und ich hab einfach in der Buchhandlung das nächstbeste gegriffen). Es fallen mir so die Schuppen von den Augen, klar, gesund ist noch was anderes, aber fange an licht am Ende des Tunnels zu sehen, für mich und meine Gedanken das erste Mal seit 30 jahren.

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