Gastbeirag: Den letzten Kilometer ruhig auslaufen

Ein bisschen zwischen Tür und Angel von unterwegs poste ich heute den Gastbeitrag von Ingo, 45, der seit Jahren begeisterter Läufer ist und seine Begeisterung für den Laufsport weitergeben will. Mehr von ihm gibt es auf seiner Webseite, aber hier erstmal seine Geschichte:

Im Jahr 2000 kam die Erkenntnis das erste Mal. Ich bin zu dick. Ich stellte mich auf die Waage und war entsetzt. Irgendwas deutlich über 140kg. Zu dem Zeitpunkt war ich 29, 196cm lang und unsportlich. Wer nachrechnet wird feststellen: BMI >37.

Eine Bekannte nahm seinerzeit mit WW gut ab und sah auch das erste Mal seit ich sie kannte schlank und gesund aus. Das wollte ich auch.

Die Überlegung, die Gewichtsabnahme mit Sport zu unterstützen kam mir früh. Ein Jahr zuvor brachte der damalige Außenminister Fischer sein Buch heraus: „Mein langer Lauf zu mir selbst“. Also ab in den Buchhandel und gekauft das Ding. Ich erkannte viele Parallelen und fing mit der Lauferei an. Erster Tag, erster Kilometer, 11 Minuten. Noch heute sage ich zu den Leuten, die mich nach meiner Geschichte fragen, dass manche das schneller zu Fuß gehen. Ich bin aber gelaufen. So ging es von da an weiter: 2 Tage laufen, 1 Tag Pause und wieder von vorne. Mit WW in Kombination mit Sport nahm ich sehr schnell sehr viel ab. Genau das, was ich wollte. Am Ende wog ich 93kg lief etwa 4 mal die Woche je 15km und war so fit, wie zu meiner Jugendzeit, als ich aktiver Handballer war.

Was hatte ich erreicht? Viel Gewicht war weg, viel Wissen über Ernährung war dazu gekommen, Gold-Mitglied bei WW und Läufer war ich. Punkt.

Einige Zeit später holten mich die alten Gewohnheiten wieder ein. Das Laufen wurde eingestellt, das Essen wurde mehr und das Gewicht ging natürlich wieder hoch. Zwischenzeitliche Versuche, wieder ins Laufen reinzukommen wurden im Keim erstickt. Ich konnte es einfach nicht mehr.

Über mehrere Jahre zogen sich immer wieder erfolgreiche Abnahmen gepaart mit Laufgeschichten hin. Im Ergebnis blieb festzuhalten: Es war immer nach nem knappen Jahr wieder vorbei. Dabei immer wieder erhebliche Abnahmen von bis zu 40kg. Im Jahr 2008 sogar ein Kuraufenthalt mit Ernährungsberatung. Danach überwiegend Kraftsport gepaart mit Nordic Walking und schließlich wieder Laufen.
2009 dann ein Rückschlag, zwei Bandscheibenvorfälle wurden diagnostiziert und mir wurde Laufverbot erteilt. Zitat meines Orthopäden: „Wenn sie Marathon laufen, dann sitzen sie im Rollstuhl.“

Nach der Kur mit einem tollen Ernährungsberater kam ich bewusst das erste Mal mit Fettlogiken zusammen. Es wurde mein Wohlfühlgewicht festgelegt. Das Gewicht, bei dem ich mich immer wieder einpendelte, wenn ich starke Abnahmen hinter mir hatte. 105-110kg. Und tatsächlich fand ich mich immer wieder da ein und hielt dieses Gewicht eine längere Zeit bevor der nächste Absturz kam. Also Absturz nach oben….

2012 dann mein bisher letzter großer Angriff. Ich wog 143kg und dachte so bei mir, wie mir das passieren konnte. OK, Sport ging ne Weile vorher nicht, an Laufen war nicht zu denken, aber 143kg?? Das musste ja wohl nicht sein. Eine Formula-Diät musste herhalten, ich begann wieder zu laufen und in einem Jahr waren gut 40kg weg. Ich wog 101kg. Mein niedrigstes Gewicht seit 2000. Ich wollte auf Teufel komm raus auf unter 100kg kommen, schaffte es aber nicht. War ja auch klar…mein Wohlfühlgewicht lag ja auch 4 kg drüber…. Auch mein Umfeld bedachte mich mit Fettlogik: „Du bist viel zu dünn…“ Hallo? Mit mittlerweile 193cm und 101kg war mein BMI immer noch im Bereich des Übergewichts zu finden. Aber gut, was solls. Ich war fit und wollte mein nächstes Ziel angreifen: Marathon.

In der ersten Marathonvorbereitung verlor ich nicht ein Gramm an Gewicht. Ja klar, wie denn auch….Du nimmst ja Muskelmasse zu….Is klar  Ich finishte mit 3:52h und war mega stolz auf mich. Im Jahr drauf, mit mittlerweile 105kg wollte ich es noch einmal wissen. Marathon unter 100kg. 2 Monate stellte ich mich unregelmäßig auf die Waage, es passierte ja eh nichts….ich finishte in 3:55h und war wieder stolz wie Bolle.

Allerdings wurden meine anfänglichen Laufleistungen nicht wirklich besser.
Das Gewicht ging einfach nicht runter. Naja, Du bist ja in Deinem Wohlfühlgewicht, da kann ja kaum was gehen und außerdem bist Du ja viel älter geworden, wie willst Du da denn noch vernünftig abnehmen? Vielleicht habe ich mir auch meinen Stoffwechsel kaputt gemacht in all den Jahren mit den Diäten…..Fettlogiken überall….

Es musste sich was ändern, nur was?

Ach komm, vegetarisch ist die Lösung! Man liest ja so viel davon. Allerdings habe ich nicht wirklich drauf geachtet, was ich da in mich reinstopfe….Hauptsache kein Fleisch. Makronährstoffe waren zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Thema. Ein Fehler! Kalorien war eh nie wirklich interessant. Ein Fehler! Ich verletzte mich häufiger in dieser Zeit, eine Achillessehnenverletzung verschaffte mir sogar eine 8-wöchige Laufpause. Ein Albtraum! Erwartungsgemäß nahm ich zu, war ja klar, ich machte ja keinen Sport mehr…..Wieder diese Fettlogiken….

Mein Marathonwunsch unter 100kg zu laufen rückte in weite Ferne. Den Marathon zu laufen war überhaupt in Frage gestellt. Letztlich stand ich an der Startlinie und lief in 4:03h ins Ziel. Dazu sei erwähnt, dass ich ab KM 30 richtig kämpfen musste, da mir einfach eine vernünftige Vorbereitung fehlte und auch zu viel Gewicht drauf war (wobei ich letzteres gerne ausblendete…).

Die Laufsaison 2016 war eine Katastrophe. Ich war nicht fit und wurde nicht fit und konnte einige Läufe, an denen ich sonst so gerne teilgenommen hatte, nicht machen. Ich nahm zu….langsam, aber stetig. Das passte mir nicht, aber ich konnte nix dagegen tun…..dachte ich.

Es sei erwähnt, dass ich im Nebenberuf als Lauftrainer tätig bin und dort Anfängern das Laufen beibringe und versuche, das Feuer der Begeisterung für den Laufsport zu wecken. Und das, wo mir mittlerweile einige T-Shirts gar nicht mehr passten…. Meine selbst erdachte Vorbildfigur ging so langsam den Bach runter. Es musste was passieren.

Am 1.1.17 (Ja, erstmal ein Vorsatz fürs neue Jahr) waren wir noch einmal lecker Essen (merkste selber….) und am 2.1. ging es dann los. Ich begann mit Intervallfasten nach 16:8, trat bei FB einer Gruppe bei und wurde auf das Buch „Fettlogik überwinden“ aufmerksam. Ab ins Geschäft und gekauft. Ich glaube, dass ich so maximal drei Tage benötigte.

Danach änderte sich vieles: Mir war klar, dass ich dieses Jahr unter 100kg Marathon laufen werde, ich legte mir ein neues Zielgewicht fest und ich weiß auch, dass ich das erreichen kann.

Mir war außerdem klar, dass ich mein Ziel schon viele Jahre früher hätte erreichen können. Mein vermeintlich großes Wissen über Ernährung, was ich mir in den 17 Jahren angeeignet hatte wurde zum großen Teil von Fettlogiken verdeckt. Im Nachhinein ein echtes Trauerspiel, lag ich doch während meiner Abnahmen instinktiv immer richtig.

Die Marathonvorbereitung 2017 ist in vollem Gang. Ich wog am 2.1. 115kg und habe heute 20kg in 9 Wochenn an Gewicht verloren und es geht weiter  Derzeit bringt mir das Laufen so viel Spaß wie schon lange nicht mehr.

Ich laufe ja häufiger mit Anfängern, sehr langsam, außerhalb meiner Komfortzone. Bisher tat mir immer wieder die Hüfte weh. Man versucht sich das zu erklären, woran kann es liegen? Eine Erklärung ist, dass mein Körper mit dieser Geschwindigkeit einfach nicht klar kommt und das mir deswegen dann alles weh tut. Heute…mit 20kg weniger mache ich Vorbereitungsläufe in für mich sehr langsamer Geschwindigkeit. Vorbereitungsläufe über 2:20h, 2:40. Mir tut nix weh. Einzig mein Gewicht hat sich geändert und ich bin wohl auch dort einer Fettlogik aufgesessen….

Auch die notwendigen langen Läufe, die ich für mich mache, also ohne die langsame Gruppe, entwickeln sich zu einer wahren Freude. So bin ich in der Lage am Ende immer eine Schippe drauf zu legen, bevor ich den letzten Kilometer ruhig auslaufe. Etwas, was ich in den Jahren zuvor nicht konnte, aber immer wollte.
Ich freue mich schon auf den Hamburg-Marathon, laufe ihn als sogenannter „Pace“-Läufer oder „Zielzeit“-Läufer für die Teilnehmer, die unter 5h finishen wollen. Das wird großartig und das auch noch unter 100kg. Ein Traum!

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11 Gedanken zu “Gastbeirag: Den letzten Kilometer ruhig auslaufen

  1. Dominic

    Hallo Zusammen

    Gibt es irgendwo eine Möglichkeit diesen Blog chronologisch von Anfang an durchzulesen? Ich hab es irgendwie nicht gefunden…. Keine Lust ewig bis zum ersten Eintrag durchzuscrollen 😀

    LG

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    1. Herr Ginsterbusch

      1. Das Blog.
      2. Richtig. Ein Blog ist chronologisch RÜCKWÄRTS geordnet. Also: Entweder bei Eintrag Nr. 1 anfangen oder es eben sein lassen (= Pech) 😉
      3. Wer schlau ist, guckt in die Adresszeile, tauscht die Seitennummern aus, und spart sich so viel Arbeit 😉

      cu, w0lf.

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    2. Anne

      Wow, der Herr Ginsterbusch ist ja ein echer Ausbund an Nettigkeit. Und Ahnung hat er auch nicht: Der Duden erlaubt sowohl DER als auch DAS Blog (http://www.duden.de/rechtschreibung/Blog).

      @Dominic: Die erste „Seite“ ist, soweit ich sehen kann, https://fettlogik.wordpress.com/2015/page/16/ – scroll ganz runter (ist nicht weit) und arbeite dich von da vor. 🙂

      Vielleicht kann Nadja ja irgendwo einen Link zum ersten Beitrag in der Seitenleiste anlegen? Würde sicher noch mehr Leute freuen, die gern chronologisch vorwärts ihre Entwicklung verfolgen möchten. 🙂

      Gefällt 3 Personen

  2. cratter13

    Find ich super deine Story! Riesen Respekt von meiner Seite, auch wenn ich selbst bereits weiter bin und um die 80kg aktuell stehe..auf 72 soll es noch gehen 🙂
    Ich bin ebenfalls gerne Läufer, aber eine Frage: Im Text steht, dass du in der Marathonvorbereitung knapp 4Std gebraucht hast. Für welche Strecke war das aber? Denn für den ganzen Marathon wäre das ja unglaublich gut gewesen, so gut bin ich nicht im entferntesten..

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    1. Moin! Ich habe erst jetzt Deine Frage gesehen 🙂 Meine Bestzeit ist 3:52h, die bin ich mit ü100kg gelaufen. Vielleicht ist es Jammern auf hohem Niveau, ich mache das aber tatsächlich an meinem Gewicht fest. Aktuell habe ich vor einer Woche meine HM-Zeit auf ein neues Niveau gesenkt. Meine PB ist nun 1:38:56h, bin mega stolz damit und habe sie von 2014 um knapp 4 min verbessert….

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