Gastbeitrag: Binge-Eating und Schwindelanfälle überwunden

Mitte November erhielt ich eine Mail mit dem Titel „Binge-Eating und Schwindelanfälle überwunden“, in der Annika ihre Geschichte erzählte. Heute freute ich mich dann erneut, denn sie hat ihre Geschichte nochmal in Form eines Gastbeitrages verfasst, so dass ich sie hier im Blog posten darf 🙂

Hallo zusammen,

(nur kurz vorweg – es handelt sich hier um meine eigenen Erfahrungen und Eindrücke und nicht um medizinische oder wissenschaftliche Fakten.)

Ich bin 26 Jahre alt und litt an der Binge Eating Störung.*

*(Definition laut wikipedia: […] eine Essstörung, bei der es zu periodischen Heißhungeranfällen (Fressanfällen) mit Verlust der bewussten Kontrolle über das Essverhalten kommt. Im Gegensatz zur Bulimie werden anschließend keine Gegenmaßnahmen unternommen, so dass längerfristig meist Übergewicht die Folge ist.[…])

Meine Geschichte

Seit meiner Pubertät bin ich mit dem Thema „Essstörungen“ konfrontiert.

Mit ca. 12 Jahren habe ich von einer Freundin erfahren, dass meine Mutter als junge Erwachsene an Bulimie erkrankt ist und in einer Klinik war. Ich habe mich 2 Jahre nicht getraut, sie darauf anzusprechen aber immer fleißig ihr Essverhalten beobachtet. Sie aß viel – ungewöhnlich viel und war rank und schlank. Ich konnte mir denken, dass sie noch immer krank war.

Nach 2 Jahren habe ich sie auf unsensible Art und Weise darauf angesprochen, doch sie hat es bis heute immer abgestritten. Mittlerweile trinkt sie, aber das ist eine andere, unschöne Geschichte.

Als ich 18 war, wurde meine kleine Schwester magersüchtig. Sie hungerte, bis sie aussah wie ein Skelett und es war einfach nur schrecklich, ihr dabei zuzusehen. Mittlerweile hat sie die Krankheit mithilfe einer stationären Therapie überwunden und es geht ihr sehr gut.

Währenddessen wurde ich immer dicker und dicker. Mein Höchstgewicht lag bei 96kg bei 1,78m Körpergröße. Ich wusste, dass ich aufgrund meines Essverhaltens zugenommen hatte. Mir war jede Kalorie bewusst und doch aß ich. Ich aß, bis mir der Bauch wehtat. Jeden Tag aufs Neue, um meinen inneren Schmerz zu betäuben.

Ich habe mich und mein Leben gehasst, war bestimmt auch zeitweise depressiv und habe mich im Kreislauf von Diäten, Voll-Fressen und essgestörten Familienmitgliedern gefangen gefühlt.

Wie hat mir FLÜ geholfen?

Ich habe immer gedacht, ich bin ein psychisches Wrack. Ich bin aufgewachsen in einer essgestörten Familie und daher ist es kein Wunder, dass ich nun auch an einer „Binge-Eating-Störung“ leide. Bei mir waren es also auch die „Gene“, die mich dick gemacht haben, aber halt nicht im „klassischen Sinn“.

Ich war fest davon überzeugt, dass ich erst mal meine psychischen Probleme behandeln muss und mir vorher sowieso nichts helfen wird, abzunehmen. Andererseits habe ich es jedes Mal aufs Neue probiert, habe jede x-beliebige Diät ausprobiert und bin jedes Mal mit dem fettlogischen Satz „…aber Morgen, da fang ich dann so richtig an!“ gescheitert.

Jedes. Verdammte. Mal.

Ich habe bis zum Lesen des Buches nicht verstanden, dass es Quatsch ist. Mir ist im wahrsten Sinne ein Licht aufgegangen.

Ich habe erst nach Lesen des Buches verstanden, dass ich mich mit der Denkweise, dass ich mit meinen psychischen Problemen sowieso nicht abnehmen kann, meine Selbstwirksamkeit zerstört habe. Ich habe einfach nicht dran geglaubt, dass ich es schaffen kann, obwohl ich es doch so sehr wollte. Ich dachte – wenn ich erst schlank bin – wird alles wieder gut.

Haltet mich bitte nicht für bescheuert, aber ich habe das Buch nun bereits ca. 6 Mal gelesen. Immer, wenn ich merke, dass meine Gedanken mal wieder in die falsche Richtung abdriften, fange ich an zu lesen und könnte jedes Mal weinen, da ich mich einfach darin wiederfinde.  Seitdem ich es das erste Mal gelesen habe, vor ca. 6 Monaten hatte ich keinen einzigen, unkontrollierten Essanfall mehr und habe auch keine Angst mehr davor. Wenn es mich überkommt und ich sehr große Lust auf Schokolade bekomme (PMS lässt grüßen), dann gibt es Tage, da nutze ich meine gesamten Tageskalorien für Süßigkeiten. Das ist bisher 4-5 Mal vorgekommen, und es ist so befreiend! Ich darf essen! Ich muss mir nichts mehr verbieten und gerade das löst in mir aus, dass ich gar nicht mehr so oft das Bedürfnis verspüre, zu essen.

Und sonst so?

Eine Folge meines gestörten Essverhaltens waren jahrelange Schwindelanfälle. Bis zu 10 Mal am Tag wurde mir plötzlich sehr schwindelig. Das Einzige, was mir half, um den Blutzucker wieder zu regulieren, war Zucker. Ich war aufgrund der Schwindelattacken eine Woche im Krankenhaus und wurde einmal durchgecheckt, aber alle Blutwerte waren normal. Meine Frage nach „Diabetes?“ wurde nur abgenickt- Diabetes war nämlich meine größte Befürchtung gewesen. Meine Frage, ob es an meinem Gewicht liegen könnte, wurde auch nicht ernst genommen – obwohl ich zu diesem Zeitpunkt beinahe adipös war (BMI = 29).

Erst nach FLÜ fing ich an, meine Proteinzufuhr zu erhöhen. Ich hatte einfach in den letzten Jahren sehr kohlenhydratreich gegessen, ohne dass es mir bewusst war.

Es ist unfassbar: nach 5 Jahren auf der Suche nach Ursachen, nach einer schmerzhaften Nasen-OP, die ich auf mich nahm (die mir mein HNO empfohlen hat, da ich schlecht Luft bekäme) habe ich von Nadja den simplen Tipp bekommen, mehr Eiweiß zu essen.

Wie sieht es heute aus?

Ich habe nun fast 22kg verloren und werde von Fitnesstrainern und Freunden als „schlank und fit“ bezeichnet. Das ist völlig irre. Ich? Schlank und fit?

Ich möchte noch gern 8 kg verlieren, damit einer baldigen Familienplanung nichts mehr im Wege steht.

Und die Fressanfälle?

Ich kann immer noch über den Hunger essen und es gibt seltene Momente, da würde ich schon gern mal wieder „die Kontrolle verlieren“.  Also es ist längst nicht alles gold, was glänzt. Aber es geht mir gut. Ich habe die Kontrolle über mein Leben zurück.

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15 Gedanken zu “Gastbeitrag: Binge-Eating und Schwindelanfälle überwunden

  1. Claudia Raffetseder

    Liebe Annika,
    danke für deinen Beitrag ☺

    Ich lese das Buch zum 1. Mal und weiß schon jetzt, dass es nicht das letzte Mal sein wird.

    Auch ich habe mir die letzten beiden Jahre gesagt, ich müsse erst meine Depression in den Griff bekommen, bevor ich mein Übergewicht in Angriff näme.
    Mittlerweile denke ich allerdings, dass das starke Übergewicht meine Stimmung zusätzlich negativ beeinflusst.

    Möge mir durch FLÜ auch ein Licht aufgehen 😊

    LG und weiterhin alles Gute
    Claudia

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  2. a_lexa

    Vielen Dank für das Teilen deiner Geschichte! Macht Mut.

    Ich hatte in meiner Jugend selbst mit Binge Eating Attacken zu tun. Alles ganz ganz furchtbar, ich bin so froh, dass ich das überwunden habe – und gleichzeitig ist ein Rückfall eine meiner größten Ängste. Aber ja, ich kann bestätigen, dass das Buch und die Informationen die darin vermittelt werden, sehr dabei helfen ruhiger/gelassener damit umzugehen. Außerdem hat sich mein Sättigungsgefühl geändert und ich habe alternative Strategien entwickelt – kognitiv teilweise anstrengend, aber es hilft (die wenigen Male, die ich überhaupt in die Situation komme stattdessen mehr Flüssigkeit in Form von Wasser/Tee einnehmen, damit der Bauch voll wird, oder raus gehen/aufs Fahrrad setzen/den Kopf durch Bewegung frei bekommen). Aber wir haben es selbst in der Hand 🙂 Und Kontrolle zu haben, zumindest immer zu einem gewissen Grad, ist das beste Gefühl überhaupt.

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  3. Ein sehr gut geschriebener Beitrag! Eine gute Freundin von mir sucht schon lange einen Weg mit ihrem Binge-Eating zurecht zu kommen. Ich werde ihr das Buch vielleicht mal empfehlen! Aber ich muss es mir erst mal selbst anschauen 🙂
    Ich finde es gar nicht bescheuert ein Buch so oft zu lesen – das ist auch nur eine Methode von vielen, eine Stütze, die das Leben etwas leichter macht!

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  4. Herr Ginsterbusch

    Randbemerkung: Könnten wir die Unterstreichungen stattdessen mit echten Überschriften (h1 – h6) oder fetter Formatierung ersetzen? Kaum zu glauben, aber: Im Internet sind Links idR. unterstrichen. Damit will ich auch die ganze Zeit auf „Links“ klicken, die keine sind. Das nervt 🙂

    cu, w0lf.

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    1. Barbarella

      Na dann ist das doch ne SUPER Gelegenheit sich hier bewußt zu werden, wie man mit Gewohnheiten umgeht und mal umzudenken … tut ja nicht nur beim Abnehmen gut, mit Gewohnheiten zu brechen sondern generell, mal öfters was anders zu machen oder zu denken.

      Ich für meinen Teil bin gar nicht auf die Unterstreichung angesprungen – viele Links haben doch auch einfach nur ne andere Farbe.

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  5. Mona

    Das sind auch genau die Stellen aus dem Buch bzw. diese hilfreichen Denkweisen, die mir auch so viel bedeuten. 🙂

    Du hast alles aufgezählt, was auch für mich an dem Buch so wichtig ist. Ich probiere das auch, es nochmal zu lesen. Normalerweise lese ich Bücher nicht zweimal, außer ich werde in dem Thema eines Buches geprüft/benotet.

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  6. meryemmuslima

    Danke für diesen Beitrag! Ich wurde durch FLÜ auch ermutigt, an mich selber zu glauben – oder man kann auch sagen, aller Ausreden beraubt. Ich habe chronische Depressionen, nehme seit 10 Jahren Medikamente, bin durch die Wechseljahre, alles „Gründe“ die mich am Abnehmen hinderten. Fressattacken hatte ich auch öfters, mit Bergen von Süßkram. Ob das schon eine Essstörung war, weiß ich nicht, das habe ich nie wirklich bei meinen Behandlern thematisiert. Aber das ist seit meiner Jugend in stressigen Zeiten vorgekommen, dass ich, heimlich, riesige Mengen Süßigkeiten quasi inhaliert habe. Mir hat erstens eine eiwweißreiche Ernährung und ein Zuckerentzug geholfen, überhaupt mal wieder ein Sättigungsgefühl zu verspüren. Und dann las ich FLÜ und mich hat vor allem das Kapitel über die gesundheitlichen Folgen erschreckt. Gerade auch was die Depression angeht – da war ich ja in einem regelrechten Teufelskreis. Ich habe 30 kg abgenommen und übe mich jetzt seit kurzer Zeit im Gewicht halten. Mit Süßigkeiten bin ich immer noch sparsam, hab aber meine „Ersatzdrogen“. Und das Buch habe ich auch schon bestimmt dreimal durch und als Hörbuch gehört und mehrfach verschenkt.

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  7. Katharina

    Das ist eine tolle Geschichte! Ich finde mich da tatsächlich auch wieder und erst beim Lesen ist mir klar geworden, dass das offensichtlich Binge Eating war, was ich da veranstaltet habe.
    Ich bin erst seit 2 Wochen im FLÜ Modus, bin fast 5kg los und freue mich weiter zu machen, aber die Angst irgendwann alles über den Haufen zu werfen wie sonst immer, bleibt. Warum, weiß ich nicht!
    Hörbuch?
    Wo kann ich das finden?

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    1. Ich hab das Hörbuch bei Audible erstanden, da hab ich ein Abo. Du kannst, wenn Du das nicht hast, eine Probemitgliedschaft für einen Monat abschließen, da kannst Du ein Hörburch kostenlos runterladen und dann wieder kündigen. Wo es das sonst noch gibt und zu welchem Preis weiß ich jetzt leider nicht.

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    2. Lena

      Hallo Katharina,

      ich habe auch ständig Angst, dass es wieder nur eine Phase ist und ich wieder alles über den Haufen werfe! Ich bin seit 2 Monaten dabei und habe ca.6-7 kg abgenommen. Zwischen drin war ich im Wellnessurlaub und habe zu viel gegessen 😉 war aber auch lecker! Danach die Tage habe ich meine Kalorien Zufuhr sehr reduziert. Dann war ja gerade Karneval und ich hab auch über die Strenge geschlagen.
      Aber ich habe kaum zugenommen, kein Jojo 😉 und ich bin wieder super reingekommen.
      Dieses Mal schaffen wir das 😉

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