Gastbeitrag: Meine gesundheitliche Entwicklung seit letztem Jahr.

Der heutige Gastbeitrag stammt von einem Forenmitglied….

bb

… dessen Forenbeiträge mir oft sehr vertraut erschienen. Daher überredete ich ihn, seine Beiträge etwas zu erweitern und als Gastbeitrag zu formulieren – auch wenn er im Gegensatz zu mir nicht ganz so zum Schwurbeln neigt („ich bin im Strafvollzug tätig, da muss der Bericht kurz und knackig sein“) 🙂

Ich war immer schon dick. Nach einigen erfolgreichen Abnahmen vielleicht nicht mehr ganz so dick.

Wenn ich abgenommen habe, hatte ich nicht das eigentliche Problem gelöst, dass ich einfach zu viel esse sondern habe mich mit vermehrten Sport mühsam runtergekämpft.

Ich habe mich nie zuvor mit dem Grundumsatz, mit Kalorienverbrauch beschäftigt. Es war wie Autofahren ohne Tacho.

Ich hatte ja auch mit meinem Übergewicht keine Probleme. Diabetes war kein Problem, ich habe regelmäßig Sport gemacht, konnte mein Hobby Sporttauchen weiter betreiben. Gut öfter mal einen neuen Tauchanzug weil der alte nicht mehr passte, irgendwann dann mal maßgefertigt weil ich außerhalb der Norm war. Ich bin als Tauchausbilder tätig und da kann man ja nicht unsportlich sein. Na gut ich bin kräftig aber ich kann noch alles machen was ich will. Na gut mit der kompletten Ausrüstung auf einem schwankenden Boot rumzulaufen fällt ja auch normalgewichtigen Tauchern schwer. Ich bin ein Meister im Verdrängen von Tatsachen. Und Tatsache war, dass man mir helfen musste damit ich tauchen gehen konnte.

Die meisten Versuche abzunehmen brachen schon nach wenigen Tagen in sich zusammen: Du bist schon über 40, du arbeitest im Schichtdienst. Du hast ja schließlich diagnostiziertes binge eating sndrom. Da muss man schon froh sein wenn man im Jahr nur 5 Kg zunimmt. Man kann sich sehr viel einreden warum etwas nicht funktioniert.

Dann Ende letzten Jahres hatte ich plötzlich gesundheitliche Probleme.
Es ging damit los dass ich mir das Knie bei einem Sturz verdreht habe. Zuerst konnte ich noch gehen, und plötzlich nicht mehr aufstehen. Die erste Diagnose war Meniskusriss, die sich aber nach einem MRT nicht bestätigt hatte. Also noch mal Glück gehabt.

Das Glück hielt aber nicht lange an. Das andere Knie, das vorgeschädigt war meldete sich mit ständigen Schmerzen, die mehr oder weniger erträglich waren.
Im März 2016 konnte ich dann fast nicht mehr in die Knie gehen. Ich wurde krank und war träge zuhause. Ich konnte keinen Sport mehr machen. Gleichzeitig bemerkte ich dass ich einen erhöhten Blutdruck habe. Meine Vorstellung dass ich trotz Übergewicht eigentlich in guten körperlichen Zustand befinde, war zunichte gemacht.

Im April wurde dann eine Arthroskopie gemacht. Dabei wurde der geschädigte Meniskus geglättet und mir eröffnet, dass ich mit dem geschädigten Knie leben muss und ich mich schon auf ein künstliches Kniegelenk freuen kann. Ob mit 50 oder mit 80 kann nur ich beeinflussen. Das war der Tritt in die Magengrube den ich gebraucht habe.

Ich war von dem Verlangen abzunehmen erfüllt. An die Wohnung gefesselt surfte ich im Internet, suchte nach Wegen, kaufte irgendwelche rezeptfreie Stoffwechselanreger. Die Sammlung an irgendwelchen Präparaten füllt einen Karton.

Und dann kam der Tag an dem ich auf Fettlogik überwinden stieß.
Was mich daran fesselte war, dass da jemand fast die gleiche Geschichte erlebt hatte, die gleichen Vorstellungen ( ich bin dick aber gesund)hatte und es geschafft hatte aus der Spirale auszubrechen.

Es gibt gar kein Grund warum ich nicht mit fast 50 nicht abnehmen kann. Warum soll man im Nachtdienst zunehmen. Es ist egal wann man ißt. Es ist irgendwie ganz einleuchtend, wenn weniger Kalorien gegessen werden als verbraucht werden, nimmt man ab.

Ich habe mit der Kalorienbuchhaltung Ende April 2016 mit einem Startgewicht von 159,7 kg angefangen. Im Dezember wog ich dann 110 kg.

Mein Leben hat sich grundlegend geändert. 4 bis 5 Mal die Woche Sport bei dem ich auch mal ans Limit gehe, ich suche in vielen Bereichen neue Herausforderungen. Andererseits bin ich auch gelassener und stressresistenter.
Mein Wunschgewicht liegt zwischen 90 und 95 kg. Ich weiß nicht wie lange es dauert um dieses Ziel zu erreichen. Manchmal denke ich es wäre vielleicht gut dieses Ideal nicht zu erreichen damit ich mich weiter zusammen reißen muss. Vielleicht ein wenig die fernöstliche Einstellung die in vielen Kampfkünsten gelehrt wird: Perfektion kann nie erreicht werden, man muss aber sein Leben lang danach streben dies zu erreichen.

Ich frage mich oft warum habe ich jetzt die Kurve gekriegt, was war der Auslöser?
Ich achte mehr darauf was ich esse, ich bevorzuge kalorienärmere Varianten, zum Beispiel fettarmer Feta, esse viel weniger Brot, mehr Salat.
Ich habe mich jahrelang nicht getraut mich auf die Waage zu stellen, ähnlich einem Kaufsüchtigen, der total verschuldetet ist, der sich nicht traut, sich seinen Kontostand anzuschauen. Wenn man ein Problem nicht sieht kann man es gut tot schweigen.
Erst als ich mich gezwungen habe mich in bestimmten Abständen zu wiegen habe ich mich mit dem Problem befasst. Ich habe zuerst mal eine Achtsamkeit entwickelt. Aus dieser heraus entstand auch das Interesse mich mit dem Energiewert meiner Nahrungsaufnahme zu befassen. Parallel dazu entstand auch das Bedürfnis die aufgenommene Energie wieder los zu werden.

Mit jeder Veränderung die ich an mir festgestellt habe, hat sich auch das Körperbewußtsein verändert. Ich bin sehr stolz auf meinen Körper, ich denke ich bin auch eitel geworden. Auf der anderen Seite bin ich auch kritischer geworden. Da geht noch was.

Ich stelle auch fest dass ich beim Sport vor allem beim Ausdauertraining in einen regelrechten Flow komme, die Vorstufe zu einem rauschartigen Zustand. Ich denke manchmal dass ich schon sportsüchtig bin. Das ist eine Entwicklung die vor einem Jahr unvorstellbar gewesen wäre. Ich bin im Strafvollzug tätig und bin jetzt fit genug als Mitglied im Atemschutz. Sportlich habe ich mittlerweile auch höhere Ziele- Im Hallenbad möchte ich 75 m Strecke tauchen können und nehme auch sonst gerne Herausforderungen an

Solche Momente geben mir die Motivation weiter zu machen und auch mal Durchhänger, die mich früher aus der Bahn geworfen hätten durch zu stehen. Es ist aber nicht nur dass ich sehr viel mehr Sport mache.
Ich kleide mich auch figurbetonter, moderner.
Meine Körperhaltung ist aufrechter als früher, ich strahle Selbstbewusstsein aus, ich bin auch schlagfertig geworden.

Mein Blutdruck hat sich normalisiert, mein Puls lieg bei ca. 60 Schlägen. Ich habe seit April zweimal ein Belastungs- EKG machen lassen und beides Mal war waren die Ärzte zufrieden. Ich habe auch 2 Blutuntersuchungen machen lassen jedes Mal im guten Normbereich.

Meine Lebenseinstellung hat sich geändert. Ich versuche gelassener zu bleiben, mich nicht aufzuregen, wenn etwas nicht so funktioniert wie es soll. Egal ob ich beim Wiegen unerklärlicherweise 2 kg mehr wiege oder ein Gefangener meine Anweisung nicht befolgen will. Wenn ich mich verrückt mache kostet es bloß Kraft und die brauche ich um mein Ziel zu erreichen.

Besonders freut es mich dass meine Frau die am Anfang sehr skeptisch meine Gewichtsabnahme betrachtet hat durch mich angesteckt wurde und auch schon über 20 kg verloren hat und auch mindestens 3 Mal die Woche ins Fitnesstudio geht. Lustig fand ich dass sie meinte meinen Weg mit Kalorien zählen ist genussfeindlich und ließ sich auch nicht davon abbringen. Aber einen Ernährungsplan umzusetzen ist für sie in Ordnung. Das ist doch das Schöne dabei. Jeder hat seinen Weg und das ist gut so.

So jetzt ist es an der Zeit den Seelenstriptease zu beenden. Ich wünsche euch dass ihr eure Ziele erreicht die ihr euch vorgenommen habt und dass ihr am Ende des Weges das findet das ihr euch erhofft.

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8 Gedanken zu “Gastbeitrag: Meine gesundheitliche Entwicklung seit letztem Jahr.

  1. „[…] dass ich mit dem geschädigten Knie leben muss und ich mich schon auf ein künstliches Kniegelenk freuen kann. Ob mit 50 oder mit 80 kann nur ich beeinflussen. Das war der Tritt in die Magengrube den ich gebraucht habe.“

    Das weist nochmal daraufhin, wie viel realer die Vorstellung von verlorenen gesunden(!) Lebensjahren gegenüber einfach nur verlorenen Lebensjahren ist.

    Toller Erfolg, weiter so!

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  2. Solche Beiträge machen Mut. Ich freue mich davon noch mehr lesen zu dürfen. Ich habe Anfang Dezember angefangen. Und merke seit ca. 2 Wochen Veränderungen, wenn ich gewisse Dinge esse, so liegt mir das goldene M plötzlich im Magen, wenn ich plötzlich mehr esse als normal wird mir umgehend schlecht… Ich bin also auf dem richtigen Weg. 😀

    Alles Liebe und frohes Neues Jahr.

    Rea

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  3. Shark

    Ich glaube der Vorwurf „genussfeindlich“ zu sein, ist in unserer hedonistischen Welt schon fast so schlimm, wie fremdenfeindlich oder frauenfeindlich zu sein.
    Was wäre denn so tragisch daran, wenn man mal tatsächlich auf etwas verzichtet und zwar ohne damit irgendwo anderswo (z.B. im gesundheitlichen Bereich) etwas dazu zu gewinnen?

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    1. Maren

      Ich finde es vor allem bemerkenswert, dass die Leute beim Thema Essen immer so schnell mit „genussfeindlich“ ankommen, während das bei anderen Konsumbereichen gar nicht so verbreitet ist. Hast du schon mal gehört, dass jemand als genussfeindlich bezeichnet wird, weil er lieber eine kleinere Wohnung mietet um Geld zu sparen? Oder weil er einen sparsamen Urlaub macht? Oder bei Kleidung auf ökologische Produktion achtet oder so was? Da haben eigentlich sehr viele Leute Verständnis, wenn man das rational erklärt. Aber wenn es um Essen geht, heißt es sofort entweder „Besessenheit/Essstörung“ oder „Genussfeindlichkeit“. Ich habe noch nie gehört, dass jemandem eine „Geldstörung“ unterstellt wurde, weil er wöchentlich aufs Konto guckt oder eine Haushaltsbuch-Software benutzt. Eher im Gegenteil, wenn jemand achtlos mit dem Geld ist, wird schnell ermahnt und getadelt. Mach das gleiche mit Kalorien / Nährwerten, sofort bist du als magersüchtig abgestempelt.

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  4. Baerbalu

    Danke für eure tollen Rückmeldungen.
    Zu dem Kommentar von Shark möchte ich gerne sagen,dass ich jetzt besser geniesen kann. So nach dem Motto: Wenn man für etwas sparen muss geniesst man es mehr

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  5. Zwiebelfisch

    Total super, freut mich sehr für dich! Ich hab einen ähnlichen Weg zurückgelegt, es ist wirklich krass, wie man sich mit der Zeit verändert 🙂

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