Gastbeitrag: Das hätte ich auch gerne! (2. Teil)

Ende Juli hatte Mark einen Gastbeitrag darüber verfasst, wie er mit seiner chronischen Darmerkrankung umgeht, die immer wieder zu Phasen ungewollter Abnahmen geführt hatte. Die Angst vor unkontrolliertem Abmagern hatte dazu geführt, dass er sich (zu viele) Reserven angelegt hatte, die sich zunehmend als Belastung erwiesen. Nach dem Lesen von Fettlogik hatte er entschieden, sich seiner Angst zu stellen und dieses mal bewusst Gewicht zu reduzieren. Zum Zeitpunkt seines Beitrags stand er darüber hinaus kurz vor einer größeren Operation. Hier schreibt er, wie es ihm seither erging:

Beim letzten Mal war ich kurz vor der Operation zur Rückverlegung des Stomas und sehr optimistisch. Und wie sieht es jetzt fast vier Monate später tatsächlich aus? Nun, auch als ein Mensch der sehr lange manisch depressiv war muss ich sagen, sehr gut.

Das ich mich erst jetzt melde liegt daran das es zwischendurch einige Komplikationen gab, die alles in die Länge gezogen haben. Ich möchte nun schildern wie diese Monate gelaufen sind und auch was ich in dieser Zeit noch über die Auswirkung von Gewicht und das Verhältnis von Ärzten dazu gelernt habe.

Im Krankenhaus teilten mir die Ärzte bei den Vorgesprächen mit, das es eine Abänderung gab. Die Rückverlegung sollte nun nicht mehr in einer Operation stattfinden. Die Vorhandenen Endstücke des Dickdarms lagen an einer Stelle wo der Chirurg nur schwer herankommt und daher nur schwer eine saubere Naht setzen kann. Die Gefahr das der Darm undicht wird, wenn der Darm kurz nach der Operation wieder belastet wird, war daher unverhältnismäßig groß. Dazu kam das mein Darmmaterial durch die Vorerkrankung bereits beschädigt war, was die Operation zusätzlich erschwert und etwas das mich aufhorchen ließ. Der Chefarzt erwähnte es in einem Halbsatz, direkt darauf angesprochen wurde ich leider nicht. Männer neigen stärker als Frauen dazu Fettgewebe im Darm abzulagern, was eine Wundheilung weiter erschwert und Entzündungen fördert. Ich war sehr, sehr froh zu diesem Zeitpunkt bereits fast sechzehn Kilo abgenommen zu haben!

Die neue Operation sah vor den Dickdarm wieder zusammen zu nähen, ihn aber an anderer Stelle vom Dünndarm abzutrennen und einen neuen Stoma zu legen. Dieser Stoma führte direkt vom Dünndarm ab und somit war der Dickdarm von der Verdauung völlig losgelöst und konnte in Ruhe heilen. Die Operation verlief erfolgreich und die Heilung trotz einiger Komplikationen mit erheblich weniger Schmerzen als das letzte Mal.

Anschließend wurde ich nach Hause entlassen und musste drei Monate warten. Dann war der Darm genug verheilt um die nächste Operation wagen zu können. Abermals frisch operiert musste ich mich beim Sport weiter zurückhalten, die durch Operationen erzwungenen Sportausfälle haben mich dieses Jahr eindeutig am meisten genervt!, konnte mein Gewicht aber trotzdem auf 74 Kilo reduzieren. Damit befand ich mich bei einer Körpergröße von 182 cm und einem Alter von 35 weit im normalen Bereich des BMI, aber ein Kneifen in die Hüfte zeigte deutlich das da noch immer Fett war.

Bei den neuen Aufnahmegesprächen im Krankenhaus erfuhr ich ein paar sehr interessante Dinge. Zum einen wurde mir gesagt das man mit einem Stoma nicht mehr als zehn Kilo zu oder abnehmen darf. Da ich mit zwei unterschiedlichen Stomas jeweils mehr als zehn Kilo abgenommen habe gehe ich mal davon aus das es sich dabei um einen Schätzwert handelt. Der Grund für dieses Verbot ist nachvollziehbar. Der neue Darmausgang wird in einer bestimmten Länge an der Bauchdecke festgenäht, nimmt man jetzt zu wird der Darm mit der wachsenden Bauchdecke in die Länge gezogen, nimmt man ab sticht er aus der Bauchdecke heraus. Letzteres habe ich teilweise kennen gelernt, die Stomabeutel haben zum Ende hin immer schlechter gehalten, aber da ich da immer kurz vor der Operation war habe ich das nicht allzu ernst genommen. Mich haben an dieser Information zwei Sachen erschreckt. Erstens, kein Arzt hat mich nach der Operation darauf hingewiesen. Sicherlich hätte ich mich in das Thema besser einlesen können und es dann erfahren. Aber solche Informationen hätte ich doch sehr gerne direkt erfahren. Zweitens, wenn der Stoma dauerhaft gewesen wäre, hätte ich mit ihm die Möglichkeit verloren mein Gewicht selbst zu bestimmen. Wenn ich zu dem Zeitpunkt groß übergewichtig gewesen wäre, hätte ich dieses dauerhaft beibehalten müssen, falls `Anpassungsoperationen´ nicht doch möglich sind. Der Gedanke zu wissen das man ein ungesundes Gewicht hat und nicht abnehmen darf und einfach auf die Gesundheitsschäden warten zu müssen, den finde ich wirklich beängstigend.

Meine Gewichtsreduktion ist den Ärzten aufgefallen und sie waren regelrecht begeistert. Die Chirurgin hat mir vorgeschwärmt wie viel einfacher dies ihre Arbeit machen würde und wie viel es den Heilprozess beschleunigen könnte. Eine dünnere Bauchdecke erleichtert den Eingriff unter ihr erheblich und die Fettreduktion im Darm macht das Nähen auch erheblich problemloser. Auch der Narkosearzt konnte dadurch die richtige Dosis leichter errechnen. Freut mich das ich helfen konnte. Aber eine Frage hätte ich dazu. Warum hat man mir das nicht im Vorfeld gesagt? Wenn bekannt ist, dass der Patient in ein paar Monaten operiert werden muss und das Gewicht solch großen Einfluss hat, warum spricht man den Patienten nicht behutsam darauf an? Es liegt ja Eindeutig im Interesse aller Beteiligten.

Auch diese Operation verlief erfolgreich. Anschließend habe ich mehrere Tage im Krankenhaus gelegen ohne etwas zu Essen oder intravenöse Nahrung zu erhalten. Der Darm musste sich halt erholen und die Ärzte machen sich keine Sorgen wenn ein Patient ein paar Tage nichts isst. Nach einiger Zeit traten zwei Tage lang starke Schmerzkoliken auf, die ich wirklich niemanden wünsche. Ich erwähne sie nur, da wegen ihnen eine weitere Komplikation fast unbemerkt blieb. In meiner Bauchhöhle hatte sich eine Eiterblase gebildet und vermehrte sich eifrig. Die dadurch ausgelösten Schmerzen konnte ich bei den Koliken wirklich nicht mehr mitbekommen…

Der Verdacht der Flüssigkeit im Bauch konnte im Ultraschall bestätigt werden. Die Flüssigkeit selbst wurde identifiziert indem man eine Nadel durch die Bauchdecke stach und den Eiter absaugte. Was hat das in einem Blog in dem es um Gewicht geht zu suchen? Nun, ich wog zu dem Zeitpunkt ca. 72 Kilo und die Ärzte konnten auf dem Ultraschall zwar die Nähte auf dem Darm sehen, hatten aber trotzdem Schwierigkeiten die Flüssigkeit genau zu lokalisieren und sich anzusehen. Auch eine Punktur, das Absaugen der Flüssigkeit mit Hilfe einer Spritze, wäre ohne ein gutes Bild im Ultraschall wohl kaum möglich gewesen. Und natürlich ist es auch leichter die Spritze an den richtigen Punkt zu bringen wenn sie nicht durch eine dickere Fettschicht muss. Die erste Überlegung der Ärzte in meinem Fall war auch mich aufzuschneiden und alles rauszuholen. Glücklicherweise hat der Chefarzt eingegriffen und es verhindert. Ich wurde zweimal punktiert damit aller Eiter herausgeholt werden konnte und mit Antibiotika behandelt. Jetzt ist die Entzündung völlig abgeklungen. Ohne Operation.

Warum ich auf diesen Punkten so herumreite ist hoffentlich nachvollziehbar. Zu meiner schwersten Zeit wog ich 97,7 Kilo, aktuell 72. Der Gewichtsunterschied erscheint also nicht so gravierend. Trotzdem hatte er auf die Operationen und die erfolgten Behandlungen einen gewaltigen Einfluss. Ich weiß natürlich nicht wie es gelaufen wäre wenn ich ohne Abnahme die letzte Operation hätte machen lassen. Aber die Wahrscheinlichkeit das ich so glimpflich davon gekommen wäre ist wohl nicht so groß. Wenn die Ärzte beim Ultraschall kein gutes Bild bekommen hätten wäre eine Behandlung mit Punktur und Antibiotika wohl nicht möglich gewesen und ich hätte über Weihnachten im Krankenhaus gelegen.

Ich habe nie Fatshaming erleben müssen, darüber bin ich sehr froh. Aber wenn Ärzte sich nicht mehr trauen ihre Patienten darauf anzusprechen welche positiven Effekte eine Gewichtsreduktion auf die bevorstehende Operation hätte. Und das finde ich sehr bedenklich. Jemand wegen seines Gewichts zu beleidigen oder zu diskriminieren ist furchtbar, aber wenn Ärzte Angst haben das Thema Gewicht anzusprechen läuft auch etwas grundsätzliches schief…

Ich bin jetzt so gesund wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.

In der Zukunft muss ich noch stärker darauf achten was ich esse und darauf achten nicht in Dauerstress zu geraten, aber ich glaube das werde ich schaffen.

Und dann habe ich eine gute Chance auch gesund zu bleiben.

Nächstes Jahr werde ich einen Sportlertest machen, die einzige Möglichkeit eine anständige Körpermaßeanalyse von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen, um festzustellen wie viel Fett ich noch abnehmen oder vielmehr Muskelmasse ich mindestens zunehmen muss.

Die Depressionen haben sich seit dem letzten Artikel wie erwartet verhalten. Es gab genau einen Tag wo sie wieder auf flackerten, aber auch an diesem Tag wusste ich schon das es morgen wieder vorbei wäre. Das ist auszuhalten und nicht ansatzweise damit zu vergleichen wie ich früher darunter gelitten habe.

Und ansonsten?

Ich freue mich auf Silvester.

Seit vielen Jahren werde ich mal wieder Raketen und Böller in die Luft jagen.

Mit ihnen will ich mir selbst ein Symbol setzen um mit dunklen Erinnerungen abzuschließen und ein neues Jahr begrüßen.

Ein neues Jahr das für mich tatsächlich den Start in ein neues Leben bedeutet.

Ich freue mich sehr darauf es und seine Möglichkeiten zu erkunden.

4 Gedanken zu “Gastbeitrag: Das hätte ich auch gerne! (2. Teil)

  1. Anni

    An den lieben Gastbeitragenden an dieser Stelle einfach mal einen „Herzlichen Glückwunsch“ zum neuen Lebensabschnitt. Zur Abnahme haben dir garantiert schon einige gratuliert.
    Ich habe eine gute Freundin mit derselben Krankheit und habe bisher ihre beiden Operationen hin zum Stoma mitbekommen. Leider wird sie nie eine Rückverlegung bekommen, da selbst das Endstück Dickdarm zu starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen (Entzündungen) geführt hat.

    Hab ein wundervolles Silvester und genieße dein nun beginnendes Jahr.

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  2. Kari

    Gratulation zu Deiner Gewichtsabnahme und auch dazu, dass Du Deiner Krankheit so wirkungsvoll die Stirn geboten hast. Es erfüllt mich immer wieder mit Bewunderung, wenn ich auf diesem Blog lesen kann, wie sehr man sich gegen Krankheit und drohende Invalidität wehren kann., durch Gewichtsabnahme und durch insgesamt gesündere Lebensweise.
    Mein gleichaltriges Umfeld ( ich gehöre zu den Leuten im Alter Ü-Fünfzig) jammert unisono über Blutdruck, Prädiabetes, erhöhte Blutfettwerte u.s.w., aber nicht einer schafft es, dauerhaft abzunehmen, Sport zu treiben oder sich auch nur minimal gesünder zu ernähren!
    Ich habe FLÜ bereits drei mal verschenkt und unzählige Male empfohlen aber nur in einem Fall wurde daraus mehr als nur lauwarme Vorsätze.
    Jeder so, wie er mag, aber das Gejammere mag ich nicht mehr hören. Im Schnell-Das-Thema-Wechseln bin ich daher jetzt Vollprofi!
    Daher muss ich jetzt unbedingt das dickste Lob aussprechen: Hut ab vor dieser Leistung!
    Weiterhin viel Glück bei Deiner Gesundung und vlt. höre ich ja mal wieder, wie es mit Dir weiter geht.
    Gruß von Kari

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  3. Madsaly

    Danke für deinen Beitrag .
    Gesundheit ist das höchste Gut was wir haben. Allein das zu schätzen, ist Gold wert!
    Ich wünsche Dir das Beste!
    Ganz viel Glück, bei allem was das Leben bereithält und vor allem bewahre Deinen (Selbst)Heiler in Dir.

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  4. BineSinGluten

    Ein gesundes und glückliches neues Jahr wünsch ich dir –
    alles Gute und weiterhin viel Erfolg.

    Auch ich habe eine Darmerkrankung und mir geht es jetzt wesentlich besser.
    Merkst du eine Verbesserung deiner Gesundheit, wenn du Zucker und Weißmehlprodukte meidest?

    Viele Grüße 😉

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