Gastbeitrag: FETTLOGIK – CHAOSLOGIK – LEBENSLOGIK: Was man alles so überwinden kann…

Eben schickte mir Fandorin (40 Jahre) einen Gastbeitrag, den er bereits seit Monaten in sich hatte – und den ich als Mit-ADS-lerin nur allzu sehr verstehe (auch wenn ich als Überkompensiererin in der Minimalistenecke stehe). Seine Kurzzusammenfassung: „Lehrer, der seit er denken kann, immer zu viel gleichzeitig wollte und im Zuge der Abnahme überraschend Fähigkeiten zur allegemeinen Lebensstrukturierung entwickelt hat. Das Projekt „Abnahme“ hat ihm geholfen, Strategien zum Kampf gegen andere Lebensdämonen (ADHS, Depression, Chaos) zu entwickeln.“:

OUVERTÜRE

Ich bin ein strukturfreier Chaot, der sich für tausend Sachen interessiert, tausend Sachen anfängt, sich darin verzettelt, alles ein bisschen macht, irgendwie alles ein bisschen kann, nichts richtig, dann irgendwann die Lust daran verliert und wo er geht und steht, Verwirrung stiftet. Ich bin unfähig, Ordnung zu halten, es fällt mir schwer, mich von Sachen zu trennen, alles kann man später noch brauchen und irgendwann, wenn ich Zeit habe, bring ich mal richtig Grund in mein Leben. Leider geht das nie, weil ich ständig mit etwas anderem befasst bin.

Ja, denkste, am Arsch!

Wahrscheinlich habe ich ab einem gewissen Punkt daran geglaubt/mich damit abgefunden, dass ich nun einmal ein zutiefst desorganisierter Mensch bin, der ab und an, wenn er denn muss, zu überraschenden Höchstleistungen auflaufen kann, und zwar in der letzten Minute. Mit bewährten Selbstbetrugsstrategien habe ich mir das so zurechtgerückt und meine Rolle als „mehr oder weniger liebenswerter Chaot“ umgedeutet. Und da ich allermeist darauf geachtet habe, Deadlines wirklich einzuhalten, haben Kollegen und Co. gelernt: er ist zwar etwas wild im Denken, aber wenn es drauf ankommt, verlässlich.

(Die aufgebrachte Menge: „Sag mal, das ist zwar ausgesprochen bedauernswert, aber was hat das denn mit Übergewicht und blödsinnsfreien Abnehmstrategien zu tun? Was geht uns das an?

ICH: „Wartet, wartet, ich komm gleich drauf!“)

All die Nächte mit Kaffee, den ein, zwei, drei Stunden Schlaf…dem Starren auf das jeweilige Projekt. Die Stunden, Tage, Wochen, Monate Lebenszeit, die nicht einfach fröhlich unproduktiv und entspannt waren, wie man vielleicht hätte denken können, sondern im Gegenteil komplett unter Strom. Mit Hochdruck pulsiert das Blut in den Wangen, das Herz rast vor sich hin, jede Minute ein Gefühl des „gleich scheiterst du“. So schwebte mein Leben vor mir, wie üblich gleichzeitig gehetzt, verzweifelt, mit dem festen Bewusstsein, mit Sicherheit wieder etwas übersehen zu haben, ein wirres Mosaik aus lauter wichtigen Bestandteilen und einem kleinen Caption, das besagte „In diesem Moment machte F., ohne es zu wissen, einen folgenschweren Fehler“, mit all diesen kleinen Eisen im Feuer, die nicht geschmiedet werden und all diesen Anfängen, die nirgendwohin führen…irgendwie tat sich plötzlich eine sehr tiefe Trauer auf. Bleibt das so? Wars das jetzt?

Dann irgendwann die Büßerstunde der tiefen Demut. Blindwütige Anschaffung von Notizbüchlein, Heftern, Mäppchen…eine Art Ablasshandel zu Ehren des heiligen Staples, auf dass er mich von mir selbst erlösen möge. Aufgabe. Und wieder schließen sich die Wogen des Chaos über deinem Kopf.

Achja…weil ich verdammt gern esse und koche, habe ich auch noch 30 kg zuviel gewogen, mit alarmierenden Blutwerten, jämmerlicher Ausdauer, bösen Rückenschmerzen und viel, viel Traurigkeit über den eigenen erschütternden körperlichen Zustand.

ABNEHMEN UND SPORT

Ich habe also nie gedacht, nicht abnehmen zu können, sondern dieses Projekt befand sich hinter einer Art Milchglasscheibe in einem Raum voller „Sollte ich irgendwann einmal machen“-Monster. Wie die ganzen anderen Sachen, die sich so angesammelt hatten.

Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, warum ich eines Morgens einfach beschloss, wirklich eine ganze Menge Kilos zu verlieren und meine vorhandene, aber wie üblich eher zurückhaltend genutzte Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio zwecks Muskelaufbau zu reaktivieren. Irgendwie war das alles nie so das Wahre. Ein, zweimal die Woche hin, irgendwelche Eisen bewegen…wieder weggehen und sich sagen, ja, liebes Gewissen, ich hab ja was getan. Und nun Mahlzeit.

Und irgendwann nervte das und ich sagte mir – ich will abnehmen und stärker werden und mehr Ausdauer entwickeln.

Eine einfache Internetsuche brachte mich unmittelbar auf eine bekannte Bodybuilding-Seite, was mich zunächst einmal wunderte, da ich weder mit diesem Sport noch dieser Szene irgendetwas zu tun gehabt hatte. Dann dachte ich so bei mir „…naja…so ein Bodybuilder pflegt ja wenig Fett und viele Muskeln zu haben, die scheinen also doch nicht ganz unbeleckt zu sein…hör doch einfach mal zu“. Nicht auf eine der sogenannten „Abnehmseiten“ gestoßen zu sein, hat sich im Nachhinein als ein großes Glück erwiesen.

Zwei Sachen sollten also die nächsten paar Monate bestimmen: viermal Training in der Woche, dazu regelmäßige längere Läufe und – das wichtigste – eine eisenharte Unterwerfung unter einen strikten Ernährungsplan.

ICH: „Das klingt irgendwie ätzend und genussarm!

AUCH ICH: „Versuchs doch mal! Das kannst du doch eh bleibenlassen, wie all die anderen Sachen auch!

Als begeisterter Koch, der sich am liebsten durch die ganze Welt und ihre Spezialitäten essen würde, war es zumindest kein Problem, immer frisch zu kochen. Eigentlich musste ich mich plötzlich um nichts kümmern. Weniger Arbeit bei der Nahrungsauswahl und die Entscheidung, auf dem Weg von der Arbeit noch eine Stunde an den Eisen zu sitzen war mir auch abgenommen worden. Die Tage bekamen automatisch eine ungewohnte Struktur, die nur wenig Mitdenken erforderte. Das erste Mal überhaupt setzte ich mich mit Nährwerten und Brennwerten systematisch auseinander. Als die ersten Kilos verschwanden und als gleichzeitig der Muskelanteil langsam mess- und sichtbar nach oben ging, stand – und hier standen die Sterne gut – die Veröffentlichung von FLÜ an; ich hatte den Blog bereits längere Zeit verfolgt und so begann ich, mich mit den Mechanismen noch etwas tiefgehender zu beschäftigen.

HEUREKA

Das Fett machte also tatsächlich die Biege. Wunderbar – es geht und ich habe zumindest einen kleinen Teil meines Lebens unter Kontrolle. Ist ja gar nicht so schwer! Ich saß also wieder einmal in meinem überquellenden Arbeitszimmer, einer Zettelmessiehölle, die mich jede Sekunde daran erinnerte, dass hier etwas massiv nicht stimmte und ich nie, nie, niemals von Herzen produktiv sein könnte. Und plötzlich, als ich unglücklich auf die absurden Papierberge und die armseligen Versuche, etwas System hineinzubringen, die schon in ihrem Anfangsmoment zum Scheitern verurteilt waren starrte, hatte ich so eine Art Heureka-Moment, im Sinne von „warum bin ich da noch nicht eher drauf gekommen?!

Was wäre denn, wenn man die gedankliche Offenheit und das unsinnsfreie Denken, auf das FLÜ einem Lust gemacht hat, auch auf andere problematische Lebensbereiche übertragen könnte? Die Fundiertheit und Klugheit des Buches, das viele irrationale Gespensterchen mit der unerbittlichen Kraft der Vernunft vertrieben hat, auch für Anderes nutzbar machen?

Je länger ich also über Überwindungsmöglichkeiten nachdachte und auch online darüber mit anderen philosophierte, desto stärker zeichnete sich ab, dass die Dysfunktionalität meines Körpers möglicherweise nur ein Teilsymptom einer größeren Problemlage war. Denn die Denkfiguren, die sich plötzlich hinsichtlich meiner Physis und im Verhältnis zum Sport herausbildeten, fanden ein recht spannendes Echo.

DER LIEBENSWERTE CHAOT

Was hat denn mein Chaoten-Ich so erfahren?

Die Mechanismen aller Seiten sind exakt gleich.

Man ist Ziel von Belustigung, Beschimpfung, Verharmlosung und (besonders giftig): Schönfärberei. All diese Sprüchlein im Sinne von „ein Genie beherrscht das Chaos“, „leerer Schreibtisch, leerer Kopf“, oft garniert mit Schwarzweißfotos eines gewissen zauseligen Nobelpreisträgers, von dessen Abbildung sich die Hersteller solcher Idiotien ein wenig Credibility erhoffen. Dazu werden das Chaos und die Strukturlosigkeit als integraler Bestandteil der Persönlichkeit wahrgenommen – und vielleicht auch nicht ganz zu Unrecht. Nicht der „lustige Dicke“, sondern der „liebenswerte Chaot“.

Die Welt kam mir bis dahin wie ein reißender Strom vor. Oder eine Vorratskammer, in der alles ist und man weiß nicht, wo anzufangen wäre. Das Gehirn schlägt ständig Haken, die Gedanken hüpfen wie ein Flummi von A nach B. Energie ist zwar da – aber es kommt nichts rechtes dabei heraus. Die Welt ist schön und interessant, ich will alles machen, alles interessiert mich – aber mein umfassendes Interesse an allem lähmt mich.

Das war irgendwie schon immer so.

Ich male und zeichne zum Beispiel gerne. Aber eigentlich nur Skizzen. Ich bin ein ganz passabler klassischer Pianist, aber für die richtig geilen Sachen (böserer Beethoven, Chopin, Liszt) reicht es nicht, weil das lange, konzentrierte Arbeit bedeutet. Ich wäre gern ein guter Schreiner, kaufe mir alle Werkzeuge und mache dann irgendwie nichts…ich habe 1000 Ideen für alles Mögliche – aber verwirkliche sie nicht. Bin in der Lage, mir zwei Dutzend Bücher aus der Stadtbücherei auszuleihen, sie alle gleichzeitig lesen zu wollen, dies dann doch nur ansatzweise zu tun und hinterher schmerzhafte Mengen an Mahngebühren zahlen zu müssen.

Als Kind, so erinnere ich mich, habe ich aus Unglück über meine Situation alle paar Wochen oder Monate einen Koller gekriegt und beschworen, ab sofort ganz anders zu werden. Ich hatte mir, laut den Erinnerungsberichten meiner Eltern, mit ca. 9 Jahren für diesen Zustand tiefen Unglücks und den möglichen Ausweg das Wort „Charakterreform“ zurechtgelegt. Das ging nie gut. Würde ich heute einen weinenden Neunjährigen sehen, der fest davon überzeugt ist, seinen Charakter reformieren zu müssen, würde ich wahrscheinlich Hilfe holen. Aber so war ich halt – auch als Kind – eben nur „Dr. Schussel, unser Dussel“…trotz Einserabitur und Studienabschluss mit Auszeichnung.

DAS CHAOS-ICH

So vergehen also Jahre, in denen sich der Lebensweg anfühlt, als würde man einen Kometenschweif aus begonnenen Dingen, Plunder, Kleinkram, wichtigen Zetteln, übersehenen und abgeschriebenen Geldbeträgen hinter sich herziehen. Nichts ist unter Kontrolle. Das Schiff sinkt und man verwendet große Teile seiner Energie darauf, mit einem Eimerchen das Wasser herauszuschöpfen. Das Leben bleibt skizzenhaft und unfertig und das vorherrschende Gefühl ist das einer bleiernen Machtlosigkeit. Und es kostet bares Geld!

Und dann bin ich auch noch dick geworden (BMI 30)

Es ist die Hölle und hat mich geradewegs in eine schwere Depression geführt – die Antidepressiva führten dazu, dass ich gar nichts mehr gespürt habe, mich für nichts mehr interessiert habe, der Restantrieb auch noch gekillt worden ist und Zunahme stand sogar im Beipackzettel.

Und nun an die Fraktion, die mantrahaft „Akzeptanz“ predigt:

„Acceptance“ wäre für mich immer einer Ergebung oder Unterwerfung gleichgekommen, die mich möglicherweise einige Weile selbst hätte täuschen können. Meine „Chaos Acceptance“ hätte bedeutet: wäre ich nicht rechtzeitig auf einen kleinen, aber mächtigen Hebel gestoßen, hätte ich irgendwann aufgehört zu schwimmen, hätte ich aufgegeben und den Zustand, in dem sich mein Alltag befunden hat, hingenommen. Mit Folgen. Mit den Folgen, irgendwann auf ein Leben zurückzublicken, das immer noch von Reue, über das, was ich nicht geschafft und gemacht habe, geprägt gewesen wäre. Und es tut weh – das Gefühl, aus reinen Organisations- und Konzentrationsgründen nie für das, was ich wirklich will, Zeit zu haben. Und da eine ganze Reihe von Todesfällen in der nächsten Umgebung erschreckenderweise noch einmal die Begrenztheit der ganzen Anlegenheit namens Leben bezeugt haben, bekam diese Perspektive noch einmal eine sehr schmerzhafte Schattierung.

Wie vielleicht aus diesen Gedanken hervorgeht, habe ich unter den diversen Schieflagen meines Lebens massiv darunter gelitten und vermutlich Jahre verloren, die ich sinnvoller hätte füllen können. Das Schlimmste ist das manifeste Gefühl, ständig hinter den eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben – mit ein Auslöser depressiver Episoden. Irgendwann in einen Zustand innerer Ruhe und inneren Gleichgewichtes zu geraten, der mir eine zufriedene Existenz ermöglichen würde – das war für mich wahrscheinlich so ein Gedanke wie für manche „Ich kann gar nicht schlank sein – unmöglich…So wird das Leben zu einem reinen Zustand im Konjunktiv. Was könnte ich nur alles machen…und lernen…und schaffen…und bereisen…wenn, ja, wenn.

ADHS, SCANNER, HYPERSENSIBILITÄT UND SO WEITER

Ich bin jetzt etwas weiter und stelle mir ab und an Fragen. Wahrscheinlich, das muss man wohl festhalten, bin ich ein klassischer Fall von ADHS im Erwachsenenalter. Hinzu kommen diverse Ängste – dass sich Dinge ändern, dass Dinge verschwinden, dass man mich für blöde halten könnte. Erfrischend war auch hier Nadjas Kapitel: „Erst die Ursache finden, dann kann man abnehmen“. Nein! Erst die Dinge ändern und hinterher vielleicht als Dreingabe darüber nachdenken, was eigentlich los war. Ich sehe nun – ich bin nicht allein. Meine Persönlichkeit ist nicht einmal so ungeheuer selten und es gibt Möglichkeiten, daraus etwas zu machen.

Und jetzt bin ich 40. Habe einen Beruf (obwohl ich immer weiß, dass ich nicht alles machen kann, was ich hätte machen wollen), eine Familie und mich und meinen etwas zu wilden Kopf einigermaßen unter Kontrolle. Ich will mich eigentlich gar nicht reformieren. Aber ich will wachsen. So, wie es das „Stoffwechselwunder“ nicht gibt, gibt es auch hier nicht den „ganz großen Befreiungsschlag“ (auch wenn ich mich manchmal dabei ertappt habe, dass ich mir gewünscht habe, all der Plunder würde einfach mal verbrennen). Ich tue Dinge in einer von mir selbst vorgegebenen Ordnung. Das neue Leben verlangt nun einmal etwas Disziplin. Aber – das kann Spaß machen. Es muss nicht alles weg. Ich bin OK. Ich bin zum Beispiel kein Minimalist. Wenn Leute sich auf Zenhabits und Minimalistenblogs darüber austauschen, wie geil es ist, außer drei Büchern und ein paar mundgehobelten Ebenholzkunstwerken nichts zu haben, was sich nicht innerhalb von drei Minuten in einen Koffer verfrachten ließe, finde ich das zwar bewundernswert, aber das ist nicht meins.

Ich mag es, wenn mein Kind sich aufgeregt durch meine CD- und Büchermassen wühlt, Inspirationen von den hundert Bildern empfängt und selbst schöpferisch wirkt. Ich mag gewisse Dinge einfach um mich haben. Sie sind keine Tsunami-Welle, die einen verschlingt. Ich mag es auch, mich irrsinnig für etwas zu begeistern und erstmal etwas anzufangen. Das gehört zu mir. Es ist aber die Kanalisation, die diesen inneren Zustand erst Blüten tragen lässt. So, wie niemand, der nicht zunehmen will, keinen Kuchen mehr essen darf, kann ich diese Mannigfaltigkeit in meinem Leben bewahren. Notwendig ist lediglich ein anderer, neuer Zugang dazu.

Ab und zu passiert es…es ist etwas zu tun, ich beschließe, stattdessen die Bücher alphabetisch zu sortieren und hänge dann bei der Auswahl der passenden Musik fest, wonach ich mich erst einmal über die Biographie interessanter unbekannter byzantinischer Komponisten informieren muss. Und ja, ich treibe mich damit bisweilen selbst in den Wahnsinn. Aber es geschieht kaum noch. Mittlerweile kann ich diesem Teil meines Charakters zuzwinkern und ihm Ghettofaust geben – ist schon OK, aber ich hab hier gerade etwas zu tun. Inwieweit die körperliche Trägheit und die kognitive Rastlosigkeit sich bedingt haben, mag ich gar nicht genau analysieren…sondern versuche, die Zeit besser zu nutzen. Das Ordnen und Ausmisten SÄMTLICHER Dokumente aus den letzten 25 Jahren meines Erwachsenenlebens, manche wichtig, manche Wichtigkeit nur vortäuschend, war dann eben doch keine Lebensaufgabe, wie ich gefühlt hatte, sondern hat etwas über vier Stunden gedauert – so lange wie ein gemütlicher Marathon. Und gerade eben habe ich wieder eine Kiste mit Ordnungssystemen, irrwitzig praktischen Heftern und unbrauchbaren Mäppchen entsorgt – Zeugen hilfloser Versuche, auf der Kommandobrücke einigermaßen klar Schiff zu machen.

Bin ich also glücklich, weil ich abgenommen haben? Klares JA, aber nicht im Sinne von Sternenstaub, der plötzlich golden durch mein Leben gepustet wird. Ja, weil die Möglichkeit, abzunehmen mir gezeigt hat: wenig ist unverhandelbar. Ja, weil ich dem Leben endlich klargemacht habe, wer am Steuer sitzt. Glück bedeutet für mich wahrscheinlich: Freiheit, Autonomie und Eigenverantwortung. Zeit und Raum dafür zu haben, was ich wirklich tun will – und dies letztendlich auch zu tun. So, wie kaum jemand schicksalhaft dick sein muss, muss ich kein Chaot sein. Man kann immer etwas tun. Und an seinem Glück arbeiten. Für diese Lektion bin ich Nadja unendlich dankbar.

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30 Gedanken zu “Gastbeitrag: FETTLOGIK – CHAOSLOGIK – LEBENSLOGIK: Was man alles so überwinden kann…

  1. Du schreibst mir aus der Seele, Fandorin! Ich liebe deine malerischen Rezepte, und für diese Offenbarung bewundere ich dich umso mehr.
    Das Chaos regiert mein Leben von klein auf, ADHS wurde im Studium diagnostiziert. Trotzdem bin ich immer irgendwie durchgekommen, habe die horrenden Mahngebühren gezahlt und mein Leben vor sich hin tuckern lassen. Zeitweise habe ich ebenfalls Depressionen gehabt und in sozialen Situationen falle ich immer durchs Raster.
    Doch seit Fettlogik hat sich schleichend etwas verändert. Ich habe gemerkt, dass ich Dinge schaffen kann, obwohl ich nicht perfekt darin bin. Und seitdem habe ich angefangen, Stück für Stück mein Leben zu sortieren und Dinge „auf die Reihe“ zu bekommen. Was für eine Erleichterung 🙂 Danke Nadja!

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  2. Jo

    Der Beitrag liest sich, als wenn ich ihn geschrieben hätte! Nur wie hast du das geschafft? Ich kämpfe noch mit meinen tausend Baustellen, weshalb ich nur für zwei Tage pro Woche die Zeit finde zum Sport zu gehen und auch dann nur unter Zeitdruck und halbherzig, weshalb nichts wirklich funktioniert…
    Ich wäre für jeden Tipp dankbar, denn auf Dauer ist das nicht erträglich, weder für mich noch für meine Mitmenschen…

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  3. Kari

    Oha! Da hat jemand mein Leben beschrieben.
    Ich bin gerade sehr froh über die Entdeckung, dass ich nicht alleine im Meer der Anforderungen immer kurz vorm Schiffbruch stehe.
    Und Respekt für Deine Leistung, dem Chaos-Sturm die Stirn zu bieten und dann auch noch Land zu sehen.
    Das macht mir Mut.
    Das mit dem Gewicht klappt ja bei mir auch schon.
    Vielleicht sollte ich tatsächlich mal meinen Schreibtisch….
    Jedenfalls vielen Dank für deine Offenheit und den wirklich toll geschriebenen Beitrag.
    Herzliche Grüße von Kari

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  4. Schöner Beitrag, danke dafür.

    Macht mir eigentlich bewusst, dass ich das ganze ähnlich, aber andersherum angegangen bin, und vielleicht weniger bewusst.

    Bei mir kam der AHA-Moment zuerst in die Finanzen. Nach etlichen Jahren so dahin wurschteln mit den immer mal wieder auftretenden Fallen wie irgendwelchen mehrere hundert oder gar tausend Euro schweren Nachzahlungen von KiTa-Gebühren bin ich irgendwann über YNAB gestolpert. Das ist jetzt nicht das Allheilmittel, hat mir aber geholfen, Klarheit über unsere Finanzen zu bekommen. Irgendwann habe ich tatsächlich den Marathon des Unterlagensortierens auch hinbekommen. Und nun gehe ich das Gewicht an.

    Ich bräuchte noch Hilfe beim Zeitmanagment, denn Sport kriege ich in meinen Alltag nicht rein, bisher. Mit drei Kindern, einer erkrankten Ehefrau, eine Vollzeitob und anderen Interessen ist das halt schwierig bisher.

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  5. Miriam

    Von mir auch vielen Dank für den Beitrag. Hat dazu beigetragen, dass ich mal über mich selbst nachgedacht habe.
    Ich wusste nicht, dass meine Art der Lebensführung eine Auflistung der Symptome von ADS ist. 😦 Aber das erklärt vieles. Musste gerade intensiv googeln. Alle Menschen mit ADS in meinem Umfeld sind ganz anders als ich – aber ich bin die mit dem Schlüssel irgendwo, spiele 5 Instrumente, davon keins wirklich gut und weiß nichts mit mir anzufangen, wenn niemand anderes mir sagt, was ich zu tun habe (notfalls funktioniert das über Zeitdruck. Deswegen habe ich immer Zeitdruck. Immer.).
    Auf meiner Haben-Liste steht seit dem Beginn mit Sport, dass ich abends schon meine Sachen für den nächsten Tag packen muss und das hilft mir, noch einiges mehr zu strukturieren… Danke für den neuen Denkansatz.

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  6. Angie

    Vielen Dank für deine Gedanken! Ich bin auch anders herum an die Sache gegangen. Zuerst Haushalt und Papiere und dann kam die Erkenntnis, dass ich auch mein Übergewicht angehen kann. Das verdanke ich drei „Damen“ (Kondo, Flylady und Nadja) und ihren Blogs.

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  7. DieGabsi

    Herzlichen Dank für den mehr als gelungenen Gastbeitrag!

    Mir ging es ähnlich wie beim ersten Lesen des Kaptiels zum Thema skinny fat in FLÜ: so ganz wohl habe ich mich dabei nicht gefühlt, legte doch dein Beitrag den Finger in eigene Wunden, die ich bisher erfolgreich verdrängen konnte. Eigentlich war ich auf eine entspannte Kurzlektüre eingestellt, aber dann habe ich mich doch in nicht gerade wenigen Passagen wiedererkannt.

    Auf die Idee, im Zuge der Abnahme auch andere nicht ganz saubere Ecken auf ähnliche Art und Weise in meinem Leben aufzuräumen, bin ich bisher nicht gekommen, aber vielleicht war das der nötige Anstoß, das jetzt anzugehen.

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  8. sternenmond75

    Ein sehr, sehr persönlicher Beitrag – danke, dass Du uns daran teilhaben lässt.

    ADHS? Ja, kenne ich 😉 (bisher allerdings immer in der “mit H“ oder Mischtypvariante), ist seit 2 Jahren offizielles störrisches Familienmitglied und mit meiner sonst 5-köpfigen-Familie allesamt verwandt 😉 (Genetik ist was feines).
    Komorbide Störungen wie z.B. Depression werden da ja mal “gern“ mitgenommen, weil sonst könnte es ja mal unkompliziert werden. Das richtige Antidepressiva ist im Zweifelsfall mit der try-and-error-Methode zu finden, ein fachkundiger Arzt hierbei elementar, um auch die Kombi mit ADHS richtig zu bedienen.

    Großartig aber, dass Dir FLÜ in mehreren Lebensbereichen soviel Antrieb gegeben hat. Da scheint der richtige Synapsenspalt freigespült worden sein und/oder der Hyperfokus Dauerschleifen zu drehen. Oder hilft Dir begleitend Medikation ? However: Daumen hoch!

    4 Stunden für 25 Jahre Papierkram/Ablage finde ich aber auch unter Optimalbedingungen Warp-Antriebs-übertreffend. Wahnsinn! Das schaffe ich schneller nur mit Benzin und Feuerzeug 😀

    Die Stapelsumsatzantreiberei und die “Ergebnisse? Aber bitte nur mit schön viel Stress&Druck“-Technik sind mir allerdings auch bestens bekannt.

    Jedenfalls freut es mich sehr, dass Du Dich jetzt im Wohlfühlbereich auf so vielen Ebenen befindest!

    Und Du siehst: Dein Beitrag zum Stichwort ADHS/ADS hilft, dass damit immer normaler umgegangen wird.

    Allen nicht offiziell Diagnostizierten rate ich aber dringend auf Selbstdiagnosen mit Doktor Google zu verzichten (ja, ich weiß, es ist verlockend, kann Indiz sein, muss aber nicht). Entweder als “Eigenart“ hinnehmen oder bei Leistungsdruck/großer Neugier ärztlich abchecken lassen. Das ist wahrlich keine 08/15 & 10-Fragen Checkliste, sondern ein aufwendiger Prozess. Zudem gibt es auch hier einen Regenbogen von Ausprägungsgraden und nochmal interessante Unterschiede zw. Frauen und Männer – sehr, sehr umfangreiches, spannendes Thema.

    Ich wünsche Dir und allen, die Dein Beitrag auch so angesprochen hat von Herzen alles Gute und viel Kraft.

    Liebe Grüße
    Sternenmond

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  9. Ach, herrlich! Man spürt aus jeder Zeile, dass du Lebensenergie hast!

    Bei mir war Abnehmen auch nur das Ende eines großen Fadenknäuls an dem ich gezogen habe.
    Meine Wohnung, in die ich manchmal niemanden reinlassen mochte/konnte, die Arbeitsberge und Deadlines, immer nur von einer zur anderen, das schlechte, schlechte Gewissen, die Stapel und die SCHAM.

    Die ist jetzt weg. Ich rede drüber. So wie du in diesem Artikel. Und in den Kommentaren bekennen sich viele dazu, dass sie es kennen.

    Warum fühlte ich mich früher so einsam damit? Ich dachte ich bin der einzige „vernünftige“ Mensch, der „nichts“ auf die Reihe kriegt. Klar, wusste ich, dass es drogensüchtige ohne Bleibe und verkrachte Existenzen gibt, aber ich als respektables Mitglied der Gesellschaft, versuchte immer die Fassade zu wahren.

    Inzwischen scheibe ich ganz herrlich wahre/naive Briefe zu den verspäteten Einzahlungen, sage dem Arzt ich habe das (inzwischen abgelaufene) Rezept nicht eingelöst und bitte um ein neues etc. Eigentlich reagieren alle positiv. Es tut so gut einfach ehrlich und unbeschwert zu sein.

    Das geht natürlich auch, weil ich jetzt einen gewissen Grund schon drin habe. Es kann spontan Besuch zu mir kommen! \o/ Ich kann endlich noch viel mehr leben und erleben. \o/

    Es ist wunderbar!

    Es geht voran.

    liebe Grüße an alle MitstreiterInnen. Schön zu wissen, dass ich nicht allein bin.

    Gefällt 2 Personen

  10. Melanie Geyermann

    Das ist der beste Gastbeitrag ever und ich habe ihn gefesselt bis zum Schluss gelesen! Einfach Hammer! Eine ähnliche Erfahrung habe ich mit meinem Geld gemacht und es ist wirklich so, dass es sich auf andere Lebensbereiche über trägt! Ich werde mir das dank deiner Inspiration nun genauer ansehen! Wer schon immer auch Geld wie kcal ausgegeben hat und sich immer wundert, wo das Minus auf dem Konto herkommt…es ist genau das gleiche Prinzip.Unsere Wahrnehmung vera. … uns und so ist es eine völlig neue Lebenserfahrung, auch für Geld ein APP zu benutzen und jede Ausgabe wirklich festzuhalten… Ich sage nur…eine Welt des staunend tut sich auf… P.S. du bist ein begnadeter Schreiber!!! Brillant! Jetzt würde mich nur noch interessieren, ob du dich auch einem Medikamentösen Selbstversuch hingegeben hast, oder diese brillante Art zu schreiben aus dir so raus sprudelte! Mit jedem Wort konnte ich dich blind verstehen und doch mich jetzt noch mal aus einer anderen Perspektive wahrnehmen… Danke!!!!

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  11. Jetzt habe ich wahrhaftig eine Träne zerdrückt, gratuliere dir!
    Schon beim ersten Satz sprichst du mir aus der Seele; obwohl ich jetzt, mit 57, eine offizielle Diagnose für adultes ADS habe, hat es doch Jahrzehnte gedauert, bis ich endlich verstand, was bei mir so anders lief. Zum Glück verstehen die Jüngeren das ganz einfach, da kann ich bloss sagen, ich bin ein Nerd (oder eine Nerdin?). Die 20+ Jahre Clinch mit meiner Mutter würden mir heute wohl erspart, obwohl, sie würde das wohl auch heute noch als faule Ausrede betiteln …
    Danke für deinen Beitrag, ich habe jedes einzelne Wort genossen 🙂

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  12. Susanne

    Hach, so viele Brüder und Schwestern im Geiste – was für eine Erleichterung! Und was für eine brillante Idee, die Prinzipien von FLÜ auf andere Lebens- und Problembereiche zu transponieren!!! Danke!!!!

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  13. Pingback: Willkommen, 2017!*seufz* | Oben der Himmel, unten die Erde .. und in der Mitte: Barbarella

  14. Interessant, exzellent geschrieben und teilweise super witzig! 😀
    Schreibst Du beruflich oder bist Du nur ein Naturtalent?
    Danke für den Seelenstriptease, Fandorin!

    (Kurz inhaltlich: Ich denke auch, das ganze Leben ist mit falschen Logiken gepflastert.)

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