SZ lesen ist ein Gesundheitsrisiko

Wieder wurde mir ein Artikel zugeschickt, dieses Mal aus der SZ. Mein erster Gedanke war „Ich kann doch jetzt nicht jeden Tag irgendwelche Medienartikel kommentieren!“, aber der Blick in den Artikel hat mich so geärgert, dass ich nicht anders konnte.

Vor zwei Tagen titelte die SZ: „Jojo-Effekt nach Diät ist ein Gesundheitsrisiko“ und auf den ersten Blick wirkt der Artikel recht überzeugend, weswegen die polemisch erscheinende Überschrift „SZ lesen ist ein Gesundheitsrisiko“ nicht nur eine provokante Abwandlung des Ursprungstitels darstellt sondern von mir tatsächlich so gemeint ist. Artikel dieser Art, die von tausenden gelesen und für bare Münze genommen werden, wirken sich tatsächlich direkt negativ aus.

Zunächst einmal wird dargestellt, dass Diäten ja eigentlich ohnehin nicht funktionieren:

Menschen, die abnehmen wollen, bringt das auf Dauer wenig. Ihnen wird zwar das Portemonnaie erleichtert, das Gewicht kehrt hingegen fast immer wieder zurück. Der Jojo-Effekt schlägt zu. „In der Regel haben die Menschen die verlorenen Kilos bald wieder drauf“, stellen die Schweizer Ernährungswissenschaftler Abdul Dulloo und Jean-Pierre Montani von der Universität Fribourg lakonisch fest. „Nach spätestens einem Jahr hat man ein bis zwei Drittel des ursprünglich verlorenen Gewichts wieder auf den Rippen, nach fünf Jahren den Rest.“ Ein Drittel der Menschen, die doch eigentlich abnehmen wollten, trifft es besonders schwer: Sie wiegen hinterher sogar mehr als zu Beginn ihrer Diätbemühungen.

Zur Erfolgsquote von Diäten habe ich ein Kapitel in Fettlogik verfasst, in dem ich auch darstelle, wie schwierig es ist, hierzu konkrete Daten zu finden. Oft beziehen sich Studienergebnisse auf medizinische Programme, welche aber nicht ohne weiteres verallgemeinerbar sind, da sich natürlich tendenziell eher „schwerere Fälle“ an so ein Programm wenden. Ich verglich das damit, dass man die Wirksamkeit allgemeiner Lernhilfeprogramme anhand von Programmen für Kinder mit z.B. Legasthenie ermitteln will, die bereits im Vorfeld schlechtere Bedingungen haben und am Ende evtl. sogar trotz Hilfe schlechter abschneiden als andere Kinder. Mögliches Ergebnis: Lernhilfe schadet. Das wäre natürlich Unsinn.

Eine Studie (McGuire, 1999), die sich auf die komplette Bevölkerung bezieht, kam zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte der Menschen, die gezielt abgenommen haben, dieses Gewicht zum Befragungszeitraum seit über einem Jahr halten konnten. Ein Viertel hielt es sogar seit über 5 Jahren. Deutlich ermutigendere Zahlen also.

Dass Menschen nach einer Diät gar mehr wiegen als zuvor ist nun auch nicht besonders überraschend oder, wie zwischen den Zeilen suggeriert, Folge der Diät. Es ist ja nicht so, dass sich bevorzugt ausschließlich schlanke Menschen in Diäten stürzen, sondern meist wird im Vorfeld einer Diät ein gewisser Trend nach oben bestanden haben, mit dessen Ergebnis man dann irgendwann nicht mehr zufrieden war und den man per Diät umkehren möchte. Wird die Diät dann beendet und „wieder wie vorher“ weitergemacht, setzt selbstverständlich auch wieder der Trend nach oben ein und ggf. dann auch über das Gewicht hinaus, an dem man mit der Diät zuvor gestartet hat. Das ist nun nicht unbedingt überraschend. Dass es nur ein Drittel betriff ist schon eher eine Überraschung.

Doch dieser Einstieg ist bei weitem nicht das Schlimmste an dem Artikel. Denn was folgt ist eine krasse Falschdarstellung von Studienergebnissen.

Im Artikel der SZ steht (Fettmarkierung von mir):

Forscher der Brown University zeigen an mehr als 150 000 Frauen, dass jene, die ihr verlorenes Gewicht wieder dazugewonnen haben, ein deutlich höheres Risiko für Infarkt und andere Herzleiden aufweisen als Frauen, deren Gewicht stabil geblieben ist. Die Gefahr für plötzlichen Herztod ist sogar um das Dreifache erhöht. Beunruhigend an den neuen Daten ist, dass auch Normalgewichtige, die abnehmen wollen, den erhöhten Risiken ausgesetzt sind.

In dem Artikel, auf den sich die SZ bezieht, und den sie auch im Text verlinkt steht jedoch:

Researchers classified self-reported weight history from 158,063 post-menopausal women into four categories: stable weight, steady gain, maintained weight loss, and weight cycling. During a follow-up of 11.4 years, they found:

  • Women considered “normal-weight” at the start of the study who lost and regained weight had about three and a half times higher risk for sudden cardiac death than women whose weight remained stable.
  • Weight cycling in the normal-weight women was also associated with a 66 percent increased risk for coronary heart disease deaths.
  • No increase in either type of death occurred among overweight or obese women reporting weight cycling.
  • Similarly, no increase in death occurred among women who reported that they gained weight but did not lose it or, in the opposite scenario, that they lost weight without gaining it back.

Tatsächlich ist es also so, dass sich das angesprochene Risiko von Gewichtsschwankungen ausschließlich auf normalgewichtige Frauen bezieht und explizit nicht auf Frauen, die übergewichtig oder adipös sind.

Die SZ schreibt allerdings das genaue Gegenteil und lässt es erscheinen, als sei das ein generelles Risiko, das auch Normalgewichtige betrifft. Das ist eine extreme Falschdarstellung. Ich bin mir nicht sicher, ob das mangelndes Textverständnis ist oder bewusste Manipulation, denn so komplex ist diese Zusammenfassung nicht.

Weiterhin verschweigt die SZ auch die von den Autoren der Studie selbst formulierten Einschränkungen:

The study has several limitations. First, the study was observational, therefore it could only show association and not a cause and effect relationship. In addition, the study relied on self-reports, which could be inaccurate. Since sudden cardiac death occurred relatively infrequently, the cases that did occur could have resulted from chance. Finally, the study included only older women.

“More research is needed before any recommendations can be made for clinical care regarding the risks of weight cycling, since these results apply only to postmenopausal women and not to younger-aged women or men,” Rasla said.

Es wird also von den Autoren selbst gesagt, dass es sich um eine reine Beobachtungsstudie handelt, welche keine Aussagen über Ursache und Wirkung machen kann und explizit nicht verwendet werden soll um medizinische Empfehlungen auszusprechen.

Und tatsächlich sind wir hier auch an einem zentralen Punkt. In Fettlogik habe ich ein extra Kapitel für die Aussage, dass Jojo-Diäten gesundheitsschädlich sind. Ich zitiere daraus mal einen kurzen Abschnitt:

Eine sehr große Langzeitstudie von Stevens et al. (2012) untersuchte ebenfalls die Frage, ob Jojo-Diäten die Lebenszeit verkürzen. Sie gelangten zu dem Resultat, dass Studien, die ein erhöhtes Sterberisiko fanden, nicht zwischen gezieltem Abnehmen und unfreiwilligem Gewichtsverlust unterschieden. In Folge vieler lebensgefährlicher Erkrankungen wie Krebs, Schlaganfall oder Diabetes nehmen Menschen oft massiv an Gewicht ab, sodass Studien, die diesen Faktor nicht kontrollieren, zu dem Ergebnis kommen, dass Gewichtsschwankungen mit Sterberisiko zusammenhängen. Tatsächlich verursacht jedoch die Erkrankung sowohl die Gewichtsschwankung als auch den Tod. Das ist keinesfalls vergleichbar mit gesunden Personen, die sich bewusst entscheiden, ihr Gewicht zu reduzieren. In ihrer Studie kontrollierten die Forscher diese Faktoren und fanden heraus, dass bis zu vier Gewichtsabnahmen in der Vergangenheit mit einem verringerten Sterberisiko einhergingen, über vier Gewichtsabnahmen jedoch keinen weiteren Einfluss auf das Sterberisiko hatten. Schädlich war das Abnehmen also in keinem Fall.

Nun handelt es sich bei der Studie auf die die SZ sich bezieht, offenbar exakt um so eine Beobachtungsstudie, die nicht zwischen gezielter und unabsichtlicher Zu- und Abnahme unterscheidet.

Dass sich das erhöhte Sterberisiko nur auf Frauen mit Normalgewicht bezieht, ist ein recht klarer Hinweis darauf, dass die Ergebnisse aufgrund eben jener Problematik zustande kamen. Entgegen der typischen Unkenrufe über Magerwahn und ständig diätende Frauen, ist die Wahrnehmung von Übergewicht stark zurückgegangen und Menschen schätzen sich insgesamt als wesentlich schlanker ein, als sie tatsächlich sind. Auch der Wunsch Abzunehmen ist insgesamt zurückgegangen. Dazu beispielhaft zwei Ausschnitte aus Fettlogik aus den jeweiligen Kapiteln:

Die New York Times verweist 2012 auf eine Studie, in der 3662 Männer und Frauen ihre Körperform bestimmen sollten. Normalgewichtige lagen dabei zu 80 Prozent richtig (aber eine nicht geringe Zahl klassifizierte sich irrtümlich als untergewichtig), wohingegen 56 Prozent der Übergewichtigen normalgewichtig zu sein meinten. Drei Viertel der Adipösen fanden sich lediglich leicht übergewichtig. Diese Ergebnisse seien bemerkenswert ähnlich in unterschiedlichen Studien ausgefallen […]
Während in einer Umfrage von 1967 über 90 Prozent der Übergewichtigen im Jahr davor etwas getan hatten, um ihr Gewicht zu reduzieren, waren es in einer Umfrage aus 2010 nur knapp die Hälfte der Befragten.

Wenn also Normalgewichtige abnehmen ist die Wahrscheinlichkeit, in einem Land, in dem über 70% der Bevölkerung übergewichtig ist (bei älteren Menschen ist diese Quote sogar noch höher) und sich Menschen eher zu dünn wahrnehmen, relativ hoch, dass dies nicht das Ergebnis einer gezielten Diät ist sondern krankheitsbedingt. Natürlich mag es auch normalgewichtige ältere Frauen geben, die eine Diät machen, aber ältere Frauen, die ohnehin bereits zu einer schlanken Minderheit gehören sind nun nicht unbedingt die klassischen „Opfer des Diätenwahns“, wo man bei minderjährigen Mädchen evtl. noch sagen könnte, dass hier ein großer Wunsch vorhanden ist, ins besonders niedrige Normal- oder sogar Untergewicht zu kommen.

Als ältere normalgewichtige Frau ab- und wieder zuzunehmen kann also mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Ergebnis einer gravierenden Erkrankung und anschließendem Versuch, das ungewollte abmagern wieder zu kompensieren, darstellen.

Darüber hinaus gilt dies, wie gesagt, nicht für Menschen mit Übergewicht. Selbst in der Studie steht explizit:

Evidence indicates that being overweight in midlife increases the risk of dying from two types of heart disease.

Während dies von der SZ verharmlosend – und falsch – so dargestellt wird:

Als Freifahrtschein, ungebremst zuzunehmen, sollen diese Erkenntnisse jedoch nicht verstanden werden. Leichtes bis mittleres Übergewicht ist zwar medizinisch unbedenklich, mit starker Fettleibigkeit drohen aber diverse Leiden.

Dass leichtes und mittleres Übergewicht nicht gesundheitsschädlich ist, ist ebenfalls umfassend widerlegt. In Fettlogik gibt es dazu ebenfalls ein längeres Kapitel, welches genau diesen Mythos behandelt, und auch eine neue und bisher umfassendste Studie zur Lebenserwartung kommt zu dem Schluss, dass bereits leichtes Übergewicht die Lebenszeit verkürzt.

In ihrem kurzen Artikel schafft es die SZ also allgemein mehrere nachweislich falsche Fakten anzubringen und darüber hinaus die Studie, auf die sie sich beziehen in drastischer Weise falsch und in explizitem Widerspruch zu dem, was die Forscher selbst schreiben, darzustellen.

34 Gedanken zu “SZ lesen ist ein Gesundheitsrisiko

  1. Pingback: 92,1kg und der gute Ruthe – abspeckblog

  2. SnuSnu

    Schickst du das eigentlich dann auch der SZ? (Und in anderen Fällen auch den anderen Zeitungen)
    Derartige Lügen sind doch so krass, da reicht es doch eigentlich nicht auf dem eigenen Blog zu meckern, man sollte die zuständigen Personen zur Rede stellen. Versteh nicht warum das alles in Ordnung ist solche Unwahrheiten zu verbreiten, die sind damit nicht besser als die ganzen fake news auf Facebook.

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    1. Barbarella

      Unwahrheiten zu verbreiten ist anscheinend einfach normal im Medienbereich.

      Hätte ich früher nicht gedacht, doch ich hab manchmal über meine eigene Arbeit schon Dinge in der Zeitung gelesen, die schlicht und ergreifend sowas von grundlegend falsch waren. Meiner Meinung nach liegt es einfach daran, dass die Journalisten, die das schreiben NULL AHNUNG von der Sache an sich haben.

      Seit ich weiß, was über meine Arbeit in der Zeitung stand, sehe ich allem in der Zeitung geschriebenen sehr skeptisch gegenüber. Wenn es den gleichen Wahrheitsgehalt hat, was in anderen Bereichen verzapft wird, braucht man nichts mehr lesen.

      … nur nur weil hier „Zeitung“ steht, soll das nciht heißen, dass in anderen Medien mehr Wahrheit gibt!

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  3. Georgios

    Den SZ Artikel hab ich vor etwa 2 Stunden gelesen und sofort an dich gedacht, prompt nimmst du Stellung dazu – vielen Dank!🙂

    Frage mich bei so Artikeln immer, was wohl in den Köpfen der Autoren vor sich geht. Zum einen wird geschrieben, das Adipositas wirklich schlimm ist (es drohen diverse Leiden), auf der anderen Seite ist Abnehmen per se hoffnungslos und schädlich.

    Toll. Und jetzt?

    Selbst wenn man mal unterstellt, dass diese Art von Umgang mit Übergewicht und Diäten aus einer falsch verstandenen „Rücksichtsnahme“ entsteht, dann wäre es ja trotzdem ein misslungener Artikel, weil ich – wäre ich noch betroffen (danke nochmal für dein Buch!) – danach ziemlich niedergeschlagen, hilflos und verzweifelt wäre.

    Was im übrigen zu noch mehr unkontrolliertem Essen führt. Aber hier brauch ich das ja niemandem erzählen.

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    1. Hmm, also ich fürchte, dass in den Köpfen der Autoren nicht sonderlich viel passiert. Sicher, man steht in dem Beruf sehr unter Zeitdruck, und hat oftmals nicht die Zeit, sich wissenschaftliche Studien aufmerksam durchzulesen und kritisch nachzuvollziehen. Da wiederkäut man dann in der Eile das, was man woanders irgendwie mal aufgeschnappt hat, und das sind dann meistens Klischees und falsch verstandene Halbwahrheiten bis kompletter Quatsch.

      Allerdings soll das keine Entschuldigung sein, denn schließlich sollte man meinen, dass man als Redakteur ja auch seinen eigenen Grips mal einschalten kann und man für den Beruf außerdem eine gewisse Neugier mitbringen sollte, Dinge auch mal zu hinterfragen. Es ist ja zum Beispiel schlichtweg nicht logisch, dass Übergewicht gesünder sein soll als „Normal“gewicht, dann wäre es ja kein Übergewicht.

      Aber die Kollegen von der SZ habe ich eh gefressen, seit diesem unsäglichen Nachruf auf den Schauspieler, der ALF gespielt hat und kleinwüchsig war. *grummel* So eine Ansammlung an Beleidigungen, Herabsetzungen, arrogantem, schmierigem, ignorantem Stilblütengewäsch ist mir selten untergekommen.

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    2. jutta

      „Toll. Und jetzt?“

      Genau das frage ich mich immer, wenn Studien veröffentlicht werden, nach denen glückliche Menschen länger leben. (So eine Studie erwähnt Bartens in dem von foobar verlinkten Vortrag.) Wenn ich traurig bin, weil ein lieber Mensch gestorben ist oder weil ich den Job verloren oder eine Prüfung verhaut habe oder aus Liebeskummer oder weil das Wetter seit Tagen grau und grauslich ist, dann baut es mich doch sofort enorm auf, wenn ich lese, dass ich früher sterben werde! ;->

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  4. Mona

    Ich bin schon beim ersten Zitat hängen geblieben:
    „Ihnen wird zwar das Portemonnaie erleichtert, das Gewicht kehrt hingegen fast immer wieder zurück.“
    Es fängt doch kein Mensch, der abnehmen will, direkt in solchen Bezahl-Konzepten an, oder? Außerdem spart man Geld, wenn man von seinem Essen weniger isst, da die frühere Mahlzeit dann plötzlich für zwei Mahlzeiten ausreicht. Man braucht dann halt nur ab und zu neue Kleidung.

    Ist das eigentlich so ein reiner online-Aktikel von der SZ oder kam er wirklich auch als Zeitung? Ich stelle mir vor, dass jemand, der für die online-SZ schreibt, jemand ganz anderes ist als der für die „echte“ SZ. Weiß jemand, wie es bei denen wirklich ist? Vielleicht dürfen/sollen Praktikanten online schreiben und sonst nicht?
    öööööööööööööööhhhm, ich hab gerade nachgeschaut. Das hat ein promovierter Mediziner geschrieben? Aus welchem Grund macht er das?

    Was ist das denn für ein seltsames Bild? Kissen als Bauch und Muffin, Donuts und Pommes als Haufen vor sich. Vielleicht soll das Kunst sein.
    http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medizin-formfrage-1.3100117

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    1. Frau Frosch

      Die Sache mit dem Portemonnaie ist mir auch sofort sauer aufgestoßen; kaum jemand, den ich kenne, wendet sich nach dem ersten Aufkommen des Abnehmwunsches einem Bezahlkonzept zu oder kauft Almased o. Ä. in Massen… Vielleicht bezieht sich der Autor auf das ach so unverzichtbare Fitnesscenter, das Viele als Hilfe zum Abnehmen nutzen oder er liefert einfach eine schöne, bequeme Ausrede für Faule:“Ach, ich würde ja so gerne abnehmen, aber das ist ja so teuer!“
      Ich hab allerdings auch nur gedacht „Huh? Wenn ich weniger esse, kauf ich doch auch weniger Essen…“

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    2. War da nicht vor gar nicht all zu langer Zeit dieses Ärzteblatt-Papier, dass nur ein chirurgischer Eingriff wirklich hilft? Keine Ahnung, ob das zusammenhängt, aber wenn das die von den Medizinern aktuell postulierte Meinung ist, dann schreiben die halt in einem anderen Medium, dass Abnehmen (ohne OP) gar nicht funktioniert und sogar schlimmer ist, als übergewichtig zu bleiben. Keine Ahnung, honi soit qui mal y pense.

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  5. Katrin

    Und genau solche Artikel und „wissenschaftlich belegte Fakten“ sind der Grund dafür, daß ich mich jahrelang meinem Übergewicht hilflos ausgeliefert gefühlt habe und tatsächlich davon überzeugt war, daß ich nichts machen kann außer zu hoffen, daß es nicht noch schlimmer wird. Gaah.

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  6. Pia Lustig

    Liebe erzaehlmirnix, bitte unbedingt als Leserbrief einschicken – jetzt hast du dir ja eh schon die Arbeit gemacht🙂 Einfach auf den Namen des promovierten Mediziners (sic!) Werner Bartens klicken. Die Antwort wäre doch interessant. Liebe Grüße Pia

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  7. Alex

    Der Artikel macht momentan in mehreren „Qualitätsmedien“ die Runde. Ich habe den Schwachfug irgendwo anders entdeckt (die SZ hat sich wegen Adblocker bei mir erledigt). Heutzutage werden die meisten Artikel leider nur noch voneinander abgeschrieben. Papier ist geduldig, die Tastatur sowieso.
    Ich hätte noch etwas: http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/magenverkleinerung-wird-in-deutschland-zu-wenig-operiert-a-1120922.html – für den Fall, dass Dir das Arbeitsmaterial ausgeht…

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  8. Da hat die SZ aber ein dickes Ei gelegt. Ich habe dann mal zum Spaß quer gelesen in deren „Abnehm-Literatur“, und eigentlich hat das alles Hand und Fuß. Scheint ein einmaliger Fehltritt gewesen zu sein…

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  9. jutta

    Fünf Punkte, die mir aufgefallen sind:
    1. „Embargoed until 10:45 a.m. CT/ 11:45 a.m. ET, Tuesday, Nov. 15, 2016“ steht in dem verlinkten englischsprachigen Text. Der SZ Artikel wurde „15. November 2016, 18:47 Uhr“
    online gestellt. Der Autor hat also mit großer Wahrscheinlichkeit nur die Presseaussendung gelesen, denn die Vortragsausschnitte und Kommentare wurden erst nach Ablauf des Embargos online gestellt und die eigentliche Studie wird vielleicht in einigen Wochen oder Monaten veröffentlicht.
    2. Der englische Pressetext ist mit „Yo-Yo dieting dangerous even if you’re not overweight“ überschrieben, obwohl aus dem Text hervorgeht, dass es lt. Studienergebnis *nur* normalgewichtigen Teilnehmerinnen durch die Schwankungen ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen hatten. Der SZ-Autor macht den gleichen Fehler.
    3. Aus der Zusammenfassung der Studie geht nicht hervor, in welchem Schwankungsbereich sich das „weight cycling“ der bei Studienbeginn normalgewichtigen Frauen abgespielt hat. Haben sie erst einige kg abgenommen, sind also ins Untergewicht gerutscht und haben dann wieder zugenommen, bis sie auf Normalgewicht waren (und das wiederholt) oder haben sie erst einige kg zugenommen und dann Diät gehalten, um wieder das Normalgewicht zu erreichen?
    4. Die Empfehlungen im letzten Absatz des Pressetexts zur Studie (auf Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker achten, Bewegung machen, gesünder essen, Normalgewicht halten und nicht rauchen) werden im SZ-Artikel unterschlagen.
    5. In der Studie ging es explizit um postmenopausale *Frauen*. Ein erhöhtes Risiko wurde bei *normalgewichtigen* Frauen mit Gewichtsschwankungen festgestellt. Bartens wählt als Beispiel fü den Jojo-Feffekt einen 1,75 m großen *Mann*, der zwischen 98 und 84 kg pendelt. Das entspricht einem BMI von 32 (schwer übergewichtig) und 27,4 (übergewichtig) und schreibt dazu, dass dieser Mann seinem Organismus mehr zumutet, als wenn er bei seinen 98 kg bliebe. Die Aussage der Studie, dass bei übergewichtigen postmenopausalen Frauen die Gewichtsschwankungen kein zusätzliches Risiko bewirkten, ignoriert er also und ob das Studienergebnis überhaupt auf Männer übertragbar ist, diskutiert er ebenfalls nicht.

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  10. Verehrte Interessierte,
    STELLUNGNAHME VON DR. WERNER BARTENS/SZ
    Vielen Dank für Ihr Interesse an der SZ und an meinen Beiträgen. Zur hier geäußerten Kritik, die ich als unseriös und unfair empfinde, möchte ich Stellung nehmen:

    – Leider haben Diäten auf Dauer wenig Erfolg. Wer versucht abzunehmen, hat das verlorene Gewicht bald wieder drauf. Manchmal dauert es nur Wochen oder Monate, manchmal wenige Jahre. Das ist bedauerlich, aber leider in zahlreichen Fachartikeln belegt sowie durch die Erfahrung zahlreicher Ärzte in Klinik und Praxis beglaubigt. Diese gesicherte Erkenntnis mit Hinweis auf eine 17 Jahre alte Studie (McGuire 1999) entkräften zu wollen, ist nicht seriös. Zudem bezieht sich die Studie von 1999 nicht „auf die komplette Bevölkerung“. Das ist eine PR-Behauptung, die hier unkritisch übernommen wird. Vielmehr wurden in der (in einem mäßigen Fachjournal erschienenen Studie) nur 500 (!) Menschen telefonisch (!) befragt, ob sie irgendwann in ihrem Leben mehr als 10% abgenommen hätten. Nur 228 der Teilnehmer waren übergewichtig, sodass die Teilgruppen, von denen die Autoren berichten, so klein sind, dass dies kaum noch einer seriösen wissenschaftlichen Methodik entspricht.
    – Zu behaupten, dass es „nicht besonders überraschend“ ist, wenn Menschen nach einer Diät mehr wiegen als vorher, nimmt Menschen, die abnehmen wollen, nicht ernst. Wenn es so selbstverständlich ist, dass man hinterher mehr wiegt, wieso sollte man dann überhaupt eine Diät beginnen wollen?!?
    – Die Studienergebnisse habe ich nicht falsch dargestellt. In die Untersuchung wurden nicht 500 Teilnehmer einbezogen, sondern mehr als 158.000 Frauen. Bei Normalgewichtigen war das Risiko für plötzlichen Herztod um mehr als das Dreifache erhöht. Dieser Aspekt ist neu, in zahlreichen anderen wissenschaftlichen Fachbeiträgen wurde bisher hauptsächlich von erhöhten Risiken geschrieben, wenn Übergewichtige abnehmen und wieder zunehmen. Deshalb habe ich die potenzielle Bedrohung AUCH für Normalgewichtige betont.
    – Dass Studienautoren im Diskussionsabschnitt ihrer Artikel die Stärken und Schwächen ihrer Arbeit abwägen, gehört zum Standard in guten Fachbeiträgen. Wer gelegentlich gute wissenschaftliche Beiträge liest, weiß das. Es ist geradezu verpflichtend, dies zu diskutieren („several limitations“) – ebenso wie die abschließende Formel, „more research is needed“ oder „further studies are necessary“. Zu weiterer Forschung anzuregen, gehört zum guten Ton.
    – Wer schwer krank ist und unfreiwillig abnimmt, unterliegt nicht dem Jojo-Effekt, weil das Gewicht eben nicht wieder dazu kommt, sondern die Erkrankung so auszehrend ist. Das ist hier nicht gemeint und es ist unseriös, das zu vermischen. Es geht ausschließlich um die hinlänglich belegten Risiken durch Gewichtsschwankungen nach unten – und nach oben.
    – Es ist heikel, die Behauptung einfach zu übernehmen, wonach mehr als 70% der Bevölkerung übergewichtig seien. Die Zahlen liegen für Deutschland bei etwa 67 Prozent. Dieser hohe Anteil kommt aber nur zustande, weil die Grenzwerte sehr industriefreundlich stark gesenkt wurden. Ein 1,80 m großer Mann gilt nach den aktuellen BMI-Regeln bereits mit 83 Kilo als übergewichtig. Dass Grenzwerte immer weiter gesenkt werden (Stichwort: Medikalisierung), zeigt sich auch bei den Themen Blutdruck und Cholesterin. Auf diese Weise werden Menschen krank geredet und krank gemacht, deshalb sollte man diese Einteilung nicht unkritisch übernehmen.
    – Es ist in Dutzenden großen Studien, die seit 2007 in hochrangigen Fachjournalen erschienen sind, gezeigt worden, dass Menschen mit einem BMI zwischen 26 und 28 (und damit leichtem bis mittlerem Übergewicht) am längsten leben und am wenigsten krank werden. Diese Studien mit Millionen Teilnehmern haben in den USA und anschließend für die meisten Länder Europas gezeigt: Ein bisschen rund ist gesund. Dies wurde besonders von Katherine Flegal, einer berühmten Epidemiologin aus den USA, und Ingrid Mühlhauser, Gesundheitswissenschaftlerin in HH und Vorsitzende des Netzwerks EBM, immer wieder eindrucksvoll belegt und zwar auch mit der ebenso einfachen wie bestechend klaren Fragestellung: Wer wird mit welchem Gewicht wie alt und wie oft krank? Dies kann man redlicherweise nicht negieren und einfach vom Tisch wischen!

    ALLGEMEIN: Als Arzt und Dr. med. habe ich an Unikliniken und lange in der Forschung gearbeitet. Mit dem Aufkommen der evidenzbasierten Medizin (EBM) in Deutschland habe ich Bücher zu diesem Thema herausgegeben und mich in populären Büchern mit Gewicht, Diäten und Ernährung beschäftigt. Seit mehr als 20 Jahren beschäftige ich mich medizinisch und journalistisch mit Themen rund um die Gesundheit und warne vor den Auswüchsen unwissenschaftlicher oder rein profitorientierter Medizin. Dabei versuche ich sorgsam, die besten wissenschaftlichen Belege und hochrangige Fachartikel zu gewichten und Spekulation und Unsinn zu verwerfen. Wer einen Einblick bekommen möchte, findet den hier:
    http://www.werner-bartens.de
    Mit einseitigen Fakten, selektiv herausgesuchten Fachartikeln und Unterstellungen diese sorgfältige Arbeit diskreditieren zu wollen und mit Medienschelte zuzustimmen, ohne sich selbst ein differenziertes Bild zu machen, halte ich in Zeiten, in denen der Populismus überall Zulauf hat, nicht nur für unseriös, sondern auch für bedenklich.

    Dr. med. Werner Bartens, Leitender Redakteur, Süddeutsche Zeitung

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    1. Lieber Herr Dr. Bartens, vielen Dank für Ihre Stellungnahme.

      Ich bin gerade auf dem Sprung, daher nur zwei kurze Anmerkungen:

      Zu behaupten, dass es „nicht besonders überraschend“ ist, wenn Menschen nach einer Diät mehr wiegen als vorher, nimmt Menschen, die abnehmen wollen, nicht ernst. Wenn es so selbstverständlich ist, dass man hinterher mehr wiegt, wieso sollte man dann überhaupt eine Diät beginnen wollen?!?

      Möchten Sie sich den entsprechenden Abschnitt evtl. nochmal durchlesen? Ich bin sicher, Sie stellen dann fest, dass Ihre Frage nicht zu der darin enthaltenen Aussage passt.

      Dies wurde besonders von Katherine Flegal, einer berühmten Epidemiologin aus den USA, und Ingrid Mühlhauser, Gesundheitswissenschaftlerin in HH und Vorsitzende des Netzwerks EBM, immer wieder eindrucksvoll belegt und zwar auch mit der ebenso einfachen wie bestechend klaren Fragestellung: Wer wird mit welchem Gewicht wie alt und wie oft krank? Dies kann man redlicherweise nicht negieren und einfach vom Tisch wischen!

      Ihnen ist sicher bekannt, dass Frau Flegals Studie unter großer Kritik steht, da sie Rauchen und chronische Krankheiten nicht kontrolliert, was zu einer Verzerrung führt. Zahlreiche andere Studien, darunter auch die im Text dazu verlinkte, kommen bei der Kontrolle dieser Faktoren zu dem Ergebnis, dass „Normalgewicht“ mit den geringsten Risiken behaftet ist.

      Ich würde mich daher freuen, wenn Sie einen Beleg dafür liefern würden, dass der Konsens der wissenschaftlichen und medizinischen Community über die BMI-Grenzwerte falsch ist, denn so klingt Ihre Aussage:

      Es ist heikel, die Behauptung einfach zu übernehmen, wonach mehr als 70% der Bevölkerung übergewichtig seien. Die Zahlen liegen für Deutschland bei etwa 67 Prozent. Dieser hohe Anteil kommt aber nur zustande, weil die Grenzwerte sehr industriefreundlich stark gesenkt wurden.

      nach eben jenem Populismus, welchen Sie kritisieren.

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    2. Nun noch die Antwort auf diesen Teil:

      Die Studienergebnisse habe ich nicht falsch dargestellt. In die Untersuchung wurden nicht 500 Teilnehmer einbezogen, sondern mehr als 158.000 Frauen. Bei Normalgewichtigen war das Risiko für plötzlichen Herztod um mehr als das Dreifache erhöht. Dieser Aspekt ist neu, in zahlreichen anderen wissenschaftlichen Fachbeiträgen wurde bisher hauptsächlich von erhöhten Risiken geschrieben, wenn Übergewichtige abnehmen und wieder zunehmen. Deshalb habe ich die potenzielle Bedrohung AUCH für Normalgewichtige betont.

      Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand, der sein Geld mit dem Verfassen von Texten verdient, nicht die inhaltliche Aussage seines eigenen Artikels versteht. Aber wenn Sie dies im Artikel schreiben:

      Forscher der Brown University zeigen an mehr als 150 000 Frauen, dass jene, die ihr verlorenes Gewicht wieder dazugewonnen haben, ein deutlich höheres Risiko für Infarkt und andere Herzleiden aufweisen als Frauen, deren Gewicht stabil geblieben ist. Die Gefahr für plötzlichen Herztod ist sogar um das Dreifache erhöht. Beunruhigend an den neuen Daten ist, dass auch Normalgewichtige, die abnehmen wollen, den erhöhten Risiken ausgesetzt sind.

      Dann beziehen Sie sich ganz explizit auf diese eine Studie. Wenn in der Studie selbst jedoch steht, dass das Risiko ausschließlich für normalgewichtige Frauen besteht und NICHT für übergewichtige oder adipöse Frauen, dann IST es eine Falschdarstellung, was Sie schreiben, denn Sie suggerieren ein generelles Risiko.

      In Ihrem Text ist nicht die Rede von irgendwelchen „zahlreichen anderen wissenschaftlichen Fachbeiträgen“, welche ein Risiko für Übergewichtige gefunden haben wollen (wenn Sie sich auf diese Studien beziehen, wäre es fair, diese ebenfalls anzugeben). Nur Teilergebnisse (Normalgewichtige haben ein höheres Risiko) zu zitieren und widersprechende Ergebnisse (Übergewichtige und Adipöse haben kein höheres Risiko) einfach wegzulassen entspricht nicht den journalistischen oder wissenschaftlichen Standards und erneut: Wenn Sie Populismus kritisieren, sollten Sie sich nicht selbst derartiger Mittel bedienen.

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    3. Hallo Herr Bartens,

      schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben, zu reagieren. Schade, dass Sie die Kritik an Ihrer Darstellung unseriös und unfair empfinden, aber wenn wir die Gefühlchen mal beiseite lassen, könnten wir uns auf Fakten konzentrieren:

      (1) (a) Sie postulieren, es wäre eine „gesicherte Erkenntnis“, dass Diäten – so stellen Sie es zumindest dar – nicht funktionieren und (quasi) _jeder_ das Gewicht nach fünf Jahren wieder „drauf“ hätte. Also kurz, dass Diäten nicht funktionieren. (b) Sie behaupten, es wäre nicht seriös, dies mit einer einzigen Studie aus dem Jahr 1999 zu widerlegen.

      ad b: Da Sie eine absolute Aussage machen (Diäten funktionieren nicht), reicht *ein einziges* Gegenbeispiel, um Ihre Hypothese zu falsifizieren. Sie kennen vielleicht Poppers „Alle Schwäne sind weiß“? Nadja präsentiert Ihnen – anhand der Studie – den schwarzen Schwan. Der wird auch nicht davon weniger schwarz, wenn Sie Hunderte Studien finden, die nur weiße Schwäne beobachtet haben. Wissenschaft ist auch keine demokratische Veranstaltung, bei der die Mehrheit irgendeine Rolle spielt. Tatsachen spielen eine Rolle.

      (2) Sie kritisieren (a) die Qualität des Journals, (b) die Fallzahl und (c) die Art der Befragung.

      Wie oben erwähnt reicht streng genommen ein einziger Fall. Dass Leute in diesem Bereich befragt statt beobachtet werden ist üblich und geschah auch bei der von Ihnen vorgestellten Studie, sodass das kein wirkliches Argument ist. Die Qualität des Journals ist vollkommen egal und vorgeschoben; ein Argument wird nicht besser oder schlechter, ob es auf der Titelseite der SZ oder an einer Toilettentür steht.

      (3) Sie behaupten, Sie hätten die Studienergebnisse korrekt dargestellt. Sie behaupten, eines dieser Studienergebnisse wäre, dass Ab- und Zunehmen für normalgewichtige Personen mit einem erhöhten Herzkrankheitsrisiko einhergeht. Dies ist eines der Ergebnisse, das die Forscher als Erkenntnis vorgeben. Was nicht korrekt ist, ist, dass dies eine Bedrohung „auch“ für Normalgewichtige sei. Die Autoren stellen den Jojo-Herzinfarkt nämlich ganz explizit *nur* bei Normalgewichtigen fest. Für Übergewichtige ist dieser Effekt nicht festzustellen, was Sie großzügig verschweigen, was jetzt ich als sehr unseriös und gegenüber Übergewichtigen, die abnehmen wollen, als unfaire Panikmache empfinde.

      (4) Dass Limitationen am Ende eines Artikels üblich sind, wissen wir. Nun handelt es sich hierbei aber leider nicht um einen Fachbeitrag, sondern um eine reine Pressemitteilung zu einer Poster-Präsentation mit genau 37 Wörtern Inhalt (inklusive Überschrift). Zudem ist es _nicht_ üblich, als Limitation anzugeben, dass die Studienergebnisse auch *sämtlich* Zufall sein könnten – wäre es eine publizierte Studie, könnten wir jetzt über Konfidenzintervalle reden; so hingegen kann ich nur vermuten, dass diese „Studie“ nichtmal ein mittelmäßiges Journal drucken würde. Wenn die Ergebnisse Zufall nicht ausschließen (innerhalb eines Konfidenzintervalls, was wir nicht kennen, von dem wir aber ausgehen müssen, dass es zu breit ist; sonst würden die das ja nicht so schreiben), ist auch Ihr Satz „Forscher zeigen anhand von 150.000 Frauen“ nur Augenwischerei mit großen Zahlen, da die Forscher eigentlich *gar nichts* zeigen, was nicht auch reiner Zufall sein könnte.

      (5) Zur Flegal-Studie sollten Sie eigentlich wissen, dass man nicht zu jeder gefundenen Korrelation als Belohnung eine Kausalität geschenkt bekommt. Nun können Sie natürlich behaupten, dass das längere Leben am BMI 26-28 liegt, wenn Sie sich nicht blöd dabei vorkommen, eine monokausale Erklärung für längeres Leben für sinnvoll zu halten. Die Kritik von Nadja, dass andere Faktoren nicht berücksichtigt wurden – zum Beispiel Rauchen, von dem klar ist, dass es *auch unter Berücksichtigung anderer Faktoren* gesundheitsschädlich ist, hat allein damit Berechtigung – und wischt keineswegs Ihre Korrelation vom Tisch, sie meldet nur (begründete) Zweifel an der Korrektheit der (Ihrer und Flegals) Kausalitätshypothese an.

      (6) Zur tatsächlichen Klärung wären Studien notwendig, die mehrere Faktoren berücksichtigen, was nicht passieren wird, solange sich jeder Journalist auf jede halbgare und in sich verwirrende (warum betrifft der Jojo-Herzinfarkt nur normalgewichtige, aber keine dicken Frauen?) Pressemeldung zu einer nichtmal publizierten Studie stürzt, als gäbe es Freibier und zweifelhafte Studienergebnisse als das neue Evangelium verkündet.

      Punkt 6 ist übrigens der zentrale, den ich Ihnen als Journalist vorwerfen würde; den restlichen Mist haben weitestgehend die Autoren verbrochen. Als Arzt und Forscher hingegen sollten Ihnen die anderen genannten Kritikpunkte von alleine aufgefallen sein.

      Eigentlich sollte es auch in Ihrem Interesse sein, unseriöse und halbgare Studien als solche darzustellen, wenn Sie _für_ evidenzbasierte Medizin plädieren. Ebenso sollte es in Ihrem Interesse sein, Ihre Artikel nicht auf Basis von Pressemitteilungen zu irgendeinem NGO-Kongress zu schreiben, sondern, wie Sie behaupten, auf Basis der „besten wissenschaftlichen Belege und hochrangige[r] Fachartikel“. Das ist hier *nicht* passiert, und dann auch ganz und gar nicht sorgfältig.

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    4. Mike

      Sehr geehrter Herr Dr. Bartens.

      ich bin stark verwundert, dass sie immer noch auf die Flegal-Studie Bezug nehmen, da in der Zwischenzeit (2016) eine große Studie in The Lancet erschienen ist
      http://www.thelancet.com/pdfs/journals/lancet/PIIS0140-6736(16)30175-1.pdf
      Der Ruf dieser sehr bekannten Zeitschrift steht wohl nicht zur Debatte (Impact Factor 45)
      Hierbei wird auch die Problematik behandelt, die bei Flegal et al unter den Tisch gefallen ist. (Chronisch Kranke und Raucher).
      Die Flegal Studie gehört nicht nur deswegen sehr kritisch hinterfragt! Das ist nebenbei bemerkt auch ein Anspruch an Wissenschaftsjournalismus.

      Ich bin gleichfalls sehr verwundert, dass sie den Industriemythos vertreten, dass nämlich der BMI-Grenzwert wg der Industrie gesenkt wurde. Wie aus obiger Publikation (mit insgesamt über 10 Mio Einzelfällen aus aller Welt) hervorgeht, ist die Gesamtmortalität korrigiert auf Rauchen, chronische Erkrankungen und Tod innert 5 Jahren bei einem BMI zwischen 20 und 25 am niedrigsten.
      Insofern entspricht die WHO-Empfehlung dem Stand der Forschung!
      Ihre Aussagen dazu sind sehr plakativ und polemisch. Dass sie zugleich die Polemik in anderen Artikeln kritisieren, hinterlässt einen faden Beigeschmack.

      Klarerweise kann man sagen, dass Diäten nicht funktionieren, denn viele schaffen es nicht auf den ersten/zweiten/dritten/wasweissichwievielten Anlauf. Das ist bei der Aufgabe von anderem, gesundheitsschädlichen Verhalten nicht anders. Aber würden sie bei einem Alkoholiker, Drogenabhängigen oder Raucher nicht raten, es trotzdem immer wieder zu versuchen, vieleicht mit anderen Mitteln und Wegen…
      Stattdessen wird mit dem Ausspruch, „Diäten funktionieren nicht“ und „Da wird eh alles wieder draufkommen“ etc pp. der Abnehmwillige stark demotiviert, und führt zur selbsterfüllenden Prophezeihung!
      Dies stößt bei mir auf erhebliches Unverständnis! Es sind halt die Sätze, die ich von (m)einem Arzt eigentlich nicht hören möchte!

      Ich habe übrigens jetzt extra für sie vor, 5 Jahre lang mein Gewicht zu halten, nachdem ich 45 Kilos abgenommen habe.🙂.

      mit freundlichen Grüßen
      Michael Kling

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    5. jutta

      „Dieser hohe Anteil [an Übergewichtigen] kommt aber nur zustande, weil die Grenzwerte sehr industriefreundlich stark gesenkt wurden. Ein 1,80 m großer Mann gilt nach den aktuellen BMI-Regeln bereits mit 83 Kilo als übergewichtig.“

      Bevor der BMI populär wurde, galt die „Broca-Formel“. Danach wäre das Normalgewicht für einen 1,80 m großen Mann 80 kg (Körpergröße in cm minus 100), er wäre also schon mit 81 Kilo übergewichtig. Für Frauen gilt (galt) nach der Broca-Formel Körpergröße minus 100 minus 10 % = Normalgewicht und Körpergröße minus 100 minus 20 % = Idealgewicht. Mit 164 cm lag mein Idealgewicht damals bei 51,2 kg, das Normalgewicht bei 57,6. Nach der BMI-Formel liegt das Normalgewicht bei 164 cm (für junge Frauen) zwischen 51,1 und 64,6 kg. Der obere Normalbereich nach BMI hätte seinerzeit (1960/70er Jahre) als Übergewicht gegolten.

      Mich würde aber was anderes interessieren, vielleicht kennt ja jemand eine Studie oder Statistik dazu. Wenn ich auf der Straße, in der U-Bahn, in Supermärkten und Lokalen um mich blicke, dann sehe ich einen gewissen (über die Jahre steigenden) Anteil an sehr dicken Personen – von sehr jung (Kindesalter) bis älter (so um die 50-60). Aber ich sehe keine sehr dicken alten Personen (70, 80, 90 Jahre). Alte Menschen, die ich sehe, sind großteils zwischen normalgewichtig und etwas mollig, aber nicht richtig dick. Da ich eher nicht glaube, dass alle früher Adipösen mit 60, 65 plötzlich gesundheitsbewusst, sportlich und eitel werden und zig Kilos abnehmen, habe ich vorläufig 2 Begründungsansätze für die Beobachtung: entweder sind die massiv Übergewichtigen mit zunehmendem Alter kaum mehr mobil und können daher nicht auf die Straße gehen (es gibt sie also, aber ich sehe sie nicht) oder sie werden nicht alt, weil sie vorher gestorben sind. Die mir bekannten Statistiken fassen 60+ oder 65+ in eine Gruppe zusammen. Daraus kann man also nicht entnehmen, wie sich das Gewicht jenseits von ca. 60 Jahren entwickelt.

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      1. Ich habe ein paar sehr dicke sehr alte (zwischen 80-90) Verwandte. Du hast aber mit deiner Vermutung völlig recht, die gehen einfach kaum oder gar nicht mehr vor die Tür. Die meisten sehr dicken alten Menschen, die ich kenne, haben auch einen relativ schlanken (bzw. nicht ganz so dicken) mobilen Partner, der alles für sie besorgt.

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  11. Dazu kommt: Es ist vollkommen klar, dass die Erfahrung der Ärzte sagt „das Gewicht kommt eh bald wieder“. Aus dem einfachen Grund, dass die Leute, die auf Dauer stabil abgenommen haben, *nicht* *wiederkommen*.

    Gegenbeispiele gibt es zuhauf. Nicht zuletzt wage ich sehr zu bezweifeln, dass Frau Hermann sich in den nächsten paar Jahren wieder 80 Kilo anfuttern wird.

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  12. GelberRucksack

    Der Bartens hat überhaupt nicht VERSTANDEN, warum nach einer Diät das Gewicht wieder hochgeht, wenn bzw. weil man wieder wie vorher isst. Kann man nicht ernstnehmen, den Mann.

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  13. Pingback: Könnes kämpft gegen die Fakten – Fettlogik überwinden.

  14. Sehr geehrter Herr Dr. Bartens,

    angesichts der überwältigenden Argumente, die bereits genannt wurden, meinen Sie da nicht auch, dass Sie hier Ihren Irrtum einsehen sollten und geloben sollten, es in Zukunft besser zu machen? Das wäre tatsächlich mal sehr wissenschaftlich von Ihnen und daher auch empfehlenswert. Zudem würde es sehr für Sie und Ihren Charakter sprechen und Ihnen die Glaubwürdigkeit zurückgeben.

    Ist nur so eine Idee. (Es ist keine Schande, sich geirrt zu haben, aber auf widerlegten Meinungen zu beharren, schon.)

    Liebe Grüße
    Michael Oelmann

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