„böse Zungen“

Anfang des Monats schrieb Anna einen Gastbeitrag, in dem sie erzählte, wie es ihr als jemand, der mit Untergewicht kämpft, geht. Sie schrieb:

„Überhaupt scheint es ok zu sein Menschen mit ein paar Kilo zu wenig, Erkrankungen zu unterstellen. Und das ist dann sogar nett, weil es ja gegen den Model-Magerwahnsinn geht. Aussagen wie „Frauen mit Oberschenkel-gap sind eklig, die müssen sich ja halb zu tode gehungert haben“ zu sagen ist gesellschaftlich total in Ordnung. […] Was mich aber dennoch verletzt ist als magersüchtig oder eklig bezeichnet zu werden. Das sagt dir vielleicht keiner direkt ins Gesicht (auch wenn das auch schon vorgekommen ist), aber indirekt bekommt man es oft mit. Ich persönlich denke, das jeder selbst über seinen Körper entscheiden dürfen sollte und es doch wirklich nicht nötig ist da so eine Gesellschafts-Jury einzuführen. Ich verstehe, dass einen dieser Mager-Model-Trend nervt. Die meisten Menschen mit einem BMI unter 19 sehen aber auch nicht aus wie ein Model und sind genauso wenig immun gegen Beleidigungen, wie jemand mit einem BMI über 25.“

Heute stieß ich auf der gmx-Startseite auf ein gutes Beispiel dafür. Ein Foto der vermutlich deutlich untergewichtigen Tara Reid wurde auf diese wenig freundliche Art präsentiert:

tara

„… war als griechische Göttin verkleidet, doch böse Zungen würden behaupten, die Schauspielerin sei als Skelett gekommen. Dieser Magerauftritt ist echt zum Gruseln. Der Körper klapperdürr, plus die hervorstehenden Knochen – da möchte man dem Star glatt zurufen: „Bitte was anziehen!“…“

Das ist schon Bodyshaming in Reinform, und ich denke nicht, dass ein großes Magazin wie gmx sich trauen würde, das bei Übergewicht auf diese Art zu bringen. Dort ist man mittlerweile ja eher auf das passiv-aggressive Bodyshaming umgestiegen, indem man etwa achthundert mal betont, wie unglaublich mutig es doch ist, sich mit einer solchen Figur sowas zu trauen.

Man hätte bei einer adipösen Schauspielerin wohl eher einen Text gewählt wie:

„… war als griechische Göttin verkleidet und stellte ihre üppigen Kurven selbstbewusst zur Schau. Damit setzt sie ein Zeichen gegen den Magerwahn in Hollywood und zeigt, dass auch Frauen mit mehr als Kleidergröße 34 sich nicht verstecken müssen.“

Erinnert mich übrigens an ein Comic („Antikomplimente“) aus Mitte 2013, in dem ich das umgesetzt habe:

antikomplimente1

 

17 Gedanken zu “„böse Zungen“

  1. Ich kenne das gut. Ich hatte mit 3 kleinen Kindern vom Stress extrem abgenommen und war noch 50 Kilo bei 1.73 Grösse. In den Ferien in Frankreich probierte ich verzweifelt Bikinis an, welche mit dem nicht mehr wirklich existenten Busen nicht lächerlich aussehen würden. Die beiden Verkäuferinnen frozelten böse über mich und meine fehlende Brüste. Sie wussten nicht, dass ich sie verstand, jedes Wort, verletzt hat es damals enorm.
    Mit jetzt 13 Kilo mehr hab ich mehr als genug Busen und werde auch nicht mehr schräg angesehen.

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  2. Annonyma

    Oh ja, dieses falsche „Hach, du siehst so krank aus!“ – was nie kommt, wenn es einem wirklich dreckig geht und es einem anzusehen ist, sondern immer nur aufs Körpergewicht bezogen kommt – hängt mir auch zum Hals raus.
    Oder solche Sticheleien wie „Wie, du willst kein Stück Kuchen? Dabei könntest DU das wirklich vertragen.“

    Na ja, wenigstens keine Sprüche zum fehlenden Busen, denn solch‘ einen hatte ich auch nicht mit 20 kg Übergewicht. *g*

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  3. sarugani

    Das bekloppte ist, wenn Tara Reid jetzt 5 kg zunähme, würde an gleicher Stelle entsetzt spekuliert, wie sehr sie sich gehen lässt und warum und wie das mit ihrer Karriere zusammenhängt…

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  4. Pia Lustig

    Danke für den Beitrag! Ich versuche ein wenig zu verstehen, warum die Reaktionen auf Gewichts“extreme“ an beiden Enden der Skalen unterschiedlich ausfallen.

    a) Die Mehrheit der Gesellschaft ist bereits übergewichtig, natürlich will es sich GMX mit dieser Kundschaft nicht verscherzen. Klar, geschenkt.

    b) Kann es sein, dass es auch damit zusammen hängt, dass Magersucht, die zu einem Untergewicht führt, ja tatsächlich eine akut lebensbedrohliche Erkrankung ist und dass das auch mittlerweile ein Allgemeinwissen in der Gesellschaft ist? Während zwar auch starkes Übergewicht/Adipositas zu gesundheitlichen Problemen führt, der Prozess aber länger dauert und die Ursache-Folge-Wirkung der gesundheitlichen Einschränkungen eben nicht so eindeutig ist wie bei starkem Untergewicht?

    c) Übergewicht wird ja häufig mit negativen Charaktereigenschaften assoziiert: faul, bequem, disziplinlos. Schlankheit ist aus meiner Sicht dagegen schon noch mit positiven Charaktereigenschaften besetzt: hat ein Bewusstsein für gesunde Ernährung, nicht maßlos, macht irgendwas richtig (okay, das sind jetzt weniger Charaktereigenschaften … vielleicht auch eine Aussage) Wenn jetzt jemand sehr untergewichtig ist, dann ist das sozusagen eine Radikalisierung von eigentlich positiven Eigenschaften, hier übertreibt es jemand einfach.

    Vergleiche auch mit anderem „Wahn“: Putzwahn (vs. Schmutzwahn?!), Liebeswahn (vs. Hasswahn?!), Genderwahn (vs. Maskulinwahn?!). Darüber kann man eben leichter witzeln.

    Das mal meine unsortierten Gedanken, vielleicht kann mir jemand zu etwas mehr Klarheit verhelfen.

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    1. Zu deinem Punkt b): Mag schon sein, dass Magersucht in der Gesellschaft als gefährlicher wahrgenommen wird. Aber in dem Artikel geht es ja nicht darum, über diese Gefahren aufzuklären, es wird ausschließlich über den Körper einer Frau schlecht gemacht, die vermutlich nicht mal magersüchtig ist.

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      1. Pia Lustig

        Das ist mir schon klar, dass hier nicht aufgeklärt werden soll. Aber vielleicht ist es einfach akzeptierter vor dem Hintergrund einer realen Gefahr, die eine echte Magersucht, die von einem dazu befähigten Arzt diagnostiziert wurde, sich über DIESEN optischen „Grenzbereich“ lustig zu machen.

        Ja, ich weiß, das meine Gedanken ein wenig wirr sind, ich bekomme die auch nicht sortiert.

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      2. Es werden immer Witze über Randgruppen gemacht: Untergewichtige, Homosexuelle, Vegetarier.
        Adipöse Menschen sind die einzigen, die nicht (mehr) (öffentlich) betroffen sind. Wahrscheinlich weil sie keine Randgruppe mehr sind, sonder Mainstream.

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  5. Alex

    Geht zwar um was ganz anderes, passt trotzdem- besonders der Schluss ab 6:28: http://www.zeit.de/video/2016-10/5181135340001/carolin-emcke-die-schamlosigkeit-ist-neu
    Tara Reid ist seit mindestens zehn Jahren von den einschlägigen Gazetten für vogelfrei erklärt worden: Alkoholismus, Magersucht und mehrere völlig missglückte Beauty-OPs haben zu ihrem Aussehen geführt. Gibt’s nix Neueres als solche alten Kamellen? Brangelinas Scheidung? ‚Trashians Eigenraub? Wer verfasst sowas und wer liest sowas?

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    1. Wie im Text schon steht, ist die Frau offenbar untergewichtig. Wenn das deiner Ansicht nach rechtfertigt, sie zu beschimpfen, weil das „Sorge“ ausdrückt, ist es entsprechend auch okay, Übergewichtige zu beschimpfen? Ist ja bloß aus „Sorge“, nicht wahr?

      Kann es sein, dass du nicht verstanden hast, dass es hier nicht darum geht, ob jemand Unter- oder Übergewichtig ist, sondern darum, dass es nicht in Ordnung ist, Leute deshalb abzuwerten und zu beleidigen?

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  6. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie überhaupt untergewichtig ist. Sie ist schlanker als ich, aber ich habe einen BMI von 20,7 und einen KFA von 20%…ich dürfte aber noch 7 kg abnehmen und wäre trotzdem normalgewichtig (18,5er-Grenze). Auch sind meine Trainingspartnerinnen z.T. ähnlich gebaut wie Fr. Reid und nicht untergewichtig.
    Man muss sehr vorsichtig sein mit Äußerungen wie „stark untergewichtig“…meiner Meinung nach verschätzt man sich da leicht.

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    1. Na ja, da du offenbar eine recht gut ausgeprägte Muskulatur hast, kann es durchaus sein, dass der BMI nicht mehr zu 100% auf dich passt und du bei BMI 18,5 schon einen nicht mehr ganz so gesunden Fettanteil hast. Der BMI ist ja letztlich ein Durchschnittsmaß und gerade in den Grenzbereichen nicht mehr vollkommen trennscharf.

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      1. V_S_S

        „Na ja, da du offenbar eine recht gut ausgeprägte Muskulatur hast, kann es durchaus sein, dass der BMI nicht mehr zu 100% auf dich passt und du bei BMI 18,5 schon einen nicht mehr ganz so gesunden Fettanteil hast“

        Wie ist das gemeint?

        Ich habe einen BMI von 19,irgendwas und einen KfA von 17,irgendwas und sehe auch nicht gleich untergewichtig aus deshalb oder habe einen zu niedrigen Körperfettanteil. Also ich wüßte nicht, warum auf Simone Wesp oder mich der BMI nicht mehr 100%ig passen sollte. Ich bin auch keine Bodybuilderin, sondern bin einfach zierlich/“jungenhaft“ gebaut ohne typisch weibliche Rundungen – wie es immer so schön heißt. … Sport mache ich unregelmäßig und habe eine chronische Schilddrüsenerkrankung (Hashimoto mit Neigung zur Schilddrüsenunterfunktion), daher bin ich alles andere als ein Leistungssportler, sondern ziemlich durchschnittlich trainiert und mal mehr, mal weniger fit.

        Was ich dagegen gut kenne ist, dass ich leichter geschätzt werde als ich bin. Wer mich dann gleich mal deutlich leichter schätzt, für den bin ich dann vom BMI her (nach dessen geschätzten Werten) untergewichtig. Aber nur wegen solcher Fehleinschätzungen bin ich de facto nun mal nicht untergewichtig. Zumal mich Menschen mit ähnlicher Statur eher richtig einschätzen vom Gewicht her. Ich kann umgekehrt bei anderen das Gewicht auch schlecht schätzen und würde nur aufgrund meiner Schätzung nie mit solchen Behauptungen anfangen. Schon gar nicht in die Richtung, dass jemand essgestört wäre, was ja auch starke psychische Komponenten hat statt nur ein körperliches Merkmal ist. Deshalb sollte man sich eher noch viel mehr damit zurück halten zu behaupten, jemand wäre „stark untergewichtig“ wenn man dessen Gewicht und Körpergröße nicht kennt und es nicht gerade Extremfälle sind.

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      2. Mona

        Ich dachte „stark untergewichtig“ ist schon dieses Extrem, was man dann durchs Anschauen auch erkennt als nicht so ganz gut für den Menschen. Dass es eine Essstörung ist würde ich dann aber auch nicht behaupten, weil es ja alles sein kann, also andere Krankheiten, die einen auszehren oder andere besondere Umstände.

        Welche Unterteilung von Untergewicht gibt es denn? Interessiert es Ärzte überhaupt wie stark man Untergewicht hat? Oder schauen die dann nur auf die Symptome und den Fettanteil und wenn alles größtenteils funktioniert und man nicht gerade stirbt, dann ist alles ok?
        Da interessiert mich, wie Ärzte Menschen behandeln (im Sinne von: wie verhält sich ein Arzt, was sagt der so zu einem), die sie zum ersten mal sehen und behaupten schon ihr Leben lang dürr gewesen zu sein. (Es gibt ja genug Menschen, die wirklich noch nie in ihrem Leben Normalgewicht hatten, weil sie immer zu leicht waren.)

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