„Du musst ja nicht alles auf einmal essen!“

In letzter Zeit hatte ich in Sachen Gewicht nicht viele Erfolgserlebnisse zu vermelden – es sei denn man zählt das nunmehr über zweijährige Verweilen im Normalgewicht dazu. Aber zugegeben, während ich in Fettlogik noch davon schrieb, mir neue Ziele zu setzen und irgendwie weiter zu kommen (Muskelaufbau und Kram) sorgte der Stress der letzten Monate dafür, dass „so bleiben, wie es ist“ zum Erfolgsziel wurde.

Und ja, ganz ehrlich, wenn ich in den letzten Monaten sah, wie viele Fettlogik-Leser, die mich per Mail mit regelmäßigen Updates versorgten oder im Forum schrieben, voller Tatendrang allmählich an mir vorbeizogen, sich von Übergewicht zu Sixpack arbeiteten oder mit zig Klimmzügen glänzten und ihre selbstgesetzten Ziele erreichten hat mich das bei aller Mitfreude manchmal auch ein kliiiiitzekleines bisschen deprimiert.

Das soll euch jetzt bitte nicht abhalten, mir eure Geschichten zu schicken, im Gegenteil! undine1Ich denke, ihr versteht, was ich meine. Man „lernt sich kennen“ zu einem Zeitpunkt, wenn jemand am Anfang steht, noch nicht so recht weiß, wohin das alles führt und sagt „Boah, was du erreicht hast wünsche ich mir auch!“ … und irgendwann, Monate später, flattern Fotos ins Postfach von diesen superfitten, durchtrainierten Leuten (ich bin mal so frei, Undines Foto von ihrem Gastbeitrag zur Illustration zu verwenden ;)) und ich denke mir „Shit, was die erreicht haben, will ich auch … und hey, ich hatte mal Vorsprung!“ … während ich seit Anfang des Jahres an der Obergrenze meines Zielbereichs laviere und gerade mal knapp Arsch über Latte komme. Ich hatte sogar mal Momente, in denen ich mich virtuell Selbst-Ohrfeigen musste, wenn Frauen mit meiner Körpergröße ihren Zielbereich von unter 63 kg erreichten … REICHEN DENEN ETWA KEINE 65kg??? BMI 21 IST JA WOHL SCHLANK GENUG!!!! 😀

Jaja, von diesen Krabbenkorb-Impulsen kann ich mich auch nicht freisprechen, auch wenn dann nach einer Sekunde das rationale Denken wieder anspringt und ich mich ehrlich mitfreue, Anteil daran zu haben, dass jemand sein Wohlfühlgewicht erreicht. Diese ersten Impulse zeigen einfach, dass ich momentan selbst nicht so ganz zufrieden mit mir bin, ganz im Gegensatz zu letztem Jahr, als ich regelmäßig Krafttraining machte und mich maximal wohl fühlte in meinem Körper – schon faszinierend, wie schnell man sich an etwas gewöhnt und nur noch Unterschiede zum vorherigen Zustand wahrnimmt. Im Vergleich zu immobilen 150 kg bin ich mit meinen 65-67 kg und dem regelmäßigen Ausdauersport superfit. Im Vergleich zu den 64-66 kg mit regelmäßigem Kraftsport vor einem Jahr fühle ich mich jetzt unfit.

Ist insgesamt überhaupt kein Drama, denn ich hatte ja bereits gesagt, dass ich zur Zeit meine Energie etwas einteilen muss und die Arbeit an meinem Körper eben gerade keine Priorität hat. Wenn ich einige andere Dinge, wie Hausverkauf und Umzug, abgeschlossen habe, bleibt auch wieder mehr Energie für solche Projekte. Ich finde es eher faszinierend, wie ich bei mir selbst nun einige der Reaktionen beobachten kann, die mich beim Abnehmen so gestört haben – wie etwa diese „Was? Willst du etwa schlanker werden als ICH?“-Gedanken.

Da wichtige ist wohl, sie nicht dem Gegenüber vor die Füße zu werfen („Also jetzt reicht es aber mit dem Abnehmen, oder?“, „Findest du BMI 21 etwa FETT?“ …) sondern sich zu fragen, was die Gedanken mit einem selbst zu tun haben. Bei mir ganz klar ein Hinweis darauf, dass ich gerade nicht 100%ig zufrieden mit der Situation bin – und das auch okay ist. Es muss nicht immer jeder Lebensbereich 100%ig perfekt sein (–> Wenn man mit dem Lebensbereich gewissermaßen in der Öffentlichkeit steht und viel damit in Berührung kommt ist es allerdings hilfreich, wenn man damit zufrieden ist 😀 )

Langer Rede kurzer Sinn, rein Körperlich halte ich mich seit einigen Monaten im „ganz okay“-Bereich und vermisse ein wenig die Freude, die es bringt, wenn man Fortschritte feststellt.

Dennoch gab es in letzter Zeit einen für mich großen Erfolg, nämlich das hier:

schublade

Ja, ihr seht richtig: Es ist (m)eine Süßigkeitenschublade. Sie existiert seit zwei Wochen, und einige Bewohner sind sogar seit ihrer Gründung darin. Für mich ist das ein riesiger persönlicher Erfolg.

Was für die meisten Leute so selbstverständlich ist, dass es nichtmal erwähnenswert ist, war für mich absolut unmöglich: (Süßigkeiten)Vorräte im Haus haben. Seit ich alleine lebe hatte ich das nicht, weil die „Vorräte“ eben einfach nicht überlebt haben. Ein großer Konfliktpunkt mit meiner Familie, die mir immer wieder Bergeweise Naschkram geschenkt haben mit dem – für mich wie Hohn klingenden – Spruch „Wo ist das Problem? Du musst ja nicht alles auf einmal essen.“ Haha.

Mein Mann musste sich notgedrungen daran gewöhnen, Süßkram immer bei Bedarf zu kaufen, weil er sich nicht darauf verlassen konnte, dass am nächsten Tag noch etwas da war. In den letzten Jahren hieß das für mich, dass ich oft wirklich lecker aussehende Dinge im Laden lassen musste, weil eine 500g-Vorratspackung einfach nicht ging.

In den letzten Wochen merkte ich da plötzlich Veränderungen und als immer öfter Schokoladenpackungen angebrochen zurückgelegt wurden und manchmal mehrere Tage hielten, war ich soweit, das Experiment zu wagen.

Ihr hättet mich beim Einkaufen sehen sollen 😀 Bisher musste ich immer im Kopf überschlagen, ob ich dieses oder jenes Stück mitnehmen konnte und ob es ins Tagesbudget passt. Hmmm, die Lebkuchen sehen lecker aus, aber eine 300g-Packung? Nope, selbst wenn ich mit meinem Mann teile passt das nicht mehr zum Rest des Tagesplans … Mist. Also lieber die kleine Packung weniger toller Kekse.

(PS: Es gibt immer die Leute, die sich in so Momenten furchtbar geil vorkommen, weil SIE mit sowas lächerlichem ja GAR KEINE Probleme haben und entsprechend die viel tolleren Menschen sind. Ja, kein Thema, ich verstehe jeden, der sich beim Lesen gerade denkt „Äh krass, gut dass ich mir über sowas noch nie Gedanken machen muste.“ aber es gibt immer dieses eine – sorry – Arschloch, das sich dann in den Kommentaren darüber auslassen muss. Jeder hat mit irgendwas Probleme, das irgend ein anderer mit Links meistert. Aber was wirklich lächerlich ist ist, wenn man sich darüber profilieren muss, in einem Bereich „normal“ zu sein, in dem irgend ein anderer ein spezielles Problem hat. – Der Scheiß regt mich schon seit Jahren auf, daher musste der kleine Zwischeneinwurf gerade sein.)

Wie auch immer, es war ein ziemlich toller Moment, mal „ganz normal“ einzukaufen und Dinge, die lecker aussahen, in den Wagen zu legen – muss ja nicht alles auf einmal essen 😉

Dass das jetzt gute zwei Wochen schon funktioniert macht mich ziemlich stolz. Es zeigt, dass sich ganz langsam jahrzehnte-alte, festgefahrene Muster verändern. Das ist toll. Keine so auffällige Veränderung wie 85 kg abzunehmen, aber für mich mindestens ebenso bedeutsam.

Und falls ihr ebenfalls Erfolge habt, über die ihr euch freut – erzählt mir gerne davon. Ich freue mich nämlich trotz gelegentlicher kleinen Krabbenkorb-Zwickereien über jeden einzelnen davon mit! 🙂

86 Gedanken zu “„Du musst ja nicht alles auf einmal essen!“

  1. Maddi

    Ich liebe diesen Beitrag und könnte innerlich einfach nur hurra schreien.
    Es tut so verdammt gut, solche ehrlichen und offenen, selbstkritischen Worte von jemandem zu hören, der doch irgendwie ein Vorbild für einen ist, sich so viel besser mit den ganzen Abnehm- und Ernährungsthemen auskennt, und dabei trotzdem so herrlich normal ist und selbst auch so seine Problemchen hat.
    Echt mal, diese radikal-humoristische Sichtweise von sich selbst hat mich fasziniert und etwas ganz wichtiges für mich selbst lernen lassen, nämlich dass wir alle nicht perfekt sind, alle Fehler machen. Und dass das auch nicht schlimm ist – solange wir erkennen dass es ein Fehler ist und uns nicht selbst verarschen.
    Das hat mir beim Abnehmen irre geholfen und mich auch von dieser dämlich-nervigen Selbstheuchelei und Ausredenerfinderei befreit. Wenn ich heut mal wieder vorm Kühls hrank steh und mich dabei ertappe wie ich ne Ausrede such warum ich jetzt unbedingt sofort noch dieses Joghurt brauche, dann lehnt sich mein ich cool zurück und sagt zum Schweinehund: komm lass mal die Ausrede. Wenn du meinst, gönn dir. Aber hey, du weißt was die Waage dazu sagen wird. Denn DIE kannst du nicht verarschen. Und dem Dchweinehund klappt die Kinnlade runter und er sagt: scheiße man. Du bist so verdammt uncool geworden! So ein Spielverderber! Und er zieht beleidigt von dannen.
    Dies klappt inzwischen ca zu 70% ganz gut. Wo es definitiv nicht klappt, weil sich meine Selbstkontrolle da bereits nur beim Gedanken daran sofort alle Kleider vom Leib reißt und neckisch den Schweinehund lockt, ist Süßkram. Den Tag über in der Arbeit? Kein Problem. Ich laufe souverän Slalom um alle Fressteller, selbst wenn meine Lieblingsschmankerl drauf liegen. In Ausnahmesituationen (mal Popcorn im Kino, Stück Kuchen bei den Eltern…): kein Problem.
    Zuhause: forget it. Ich vernichte alles. Und wenn am nachsten Tag nicht auch genug Vorrat da ist, dann istaber was los. Ich kann mich mit Substitutionsgütern befüllen wie ich mag – befriedigen tut mich dann nur Schoki. Ich kann mich nicht behertschen und bin sowas von übellaunig, das hält man im Kopf nicht aus. Ein Zuckerentzug (der sich bei mir schlimmer äußert als jeder Nikotinentzug, da gehts mir echt fies) dauert bei mir 4 bis 5 Tage. Danach ist die Lust auf Schoki nicht mehr so wild und ich bin auch ohne Schokolade happy.
    Drum war die logische Konsequenz: kein Süßkram mehr.
    Das ziehe ich seit inzwischen knapp 5 Monaten durch. (-22kg by the way). Neulich hab ich bei meinen Eltern ein bisschen Schoki genascht (leeecker). Wohl wissend, dass ich davon jetz wieder 4 bis 5 Tage Entzug werde leiden müssen, aber für den Anlass nahm ich das in Kauf. Und siehe da: es waren nur noch knapp 2 Tage! Und der Entzug fühlte sich lang nicht mehr so schlimm an.
    Als ich das realisierte, hab ich fadt geheult vor Freude. Denn womöglich wird es ja irgendwann vielleicht echt so sein, dass ich wieder ein normales Verhältnis zu Schokolade werde haben können ohne total auszurasten. Wäre das toll.
    Ich HABE übrigens eine Packung Kinderriegel zur Notfall-Kontrolle da. Die Packung ist zu. Das soll sie auch bleiben. Ich hab sie geschenkt bekommen und naja. Jetzt ist sie mein Experiment. Seit 3 Monaten unangetastet. Aber mut einer Fressschublade ginge das nicht gut, das weiß ich. Ich traue mich auch nicht,die Kinderschokolade zu öffnen. Oder irgendeine andere Süßigkeit in meiner Wohnung zu essen. Die Angst vor Fressattacke und Rückfall ist einfach zu groß.
    Aber: ich beobachte ein Schrittchen in die richtige Richtung und das find ich toll.

    Und ich freu mich für Nicole und jeden anderen, der es echt schafft, eine Fresss-Schublade zu besitzen. Hut ab!!!

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  2. Steffi

    Auch von mir: Glückwunsch zur neuen Fähigkeit!

    Was ich noch ergänzen möchte: ich bin der Überzeugung, dass „nicht aufhören können“ per se nicht nur bei adipösen Menschen, bzw. formals krankhaft Übergewichtigen vorkommt.
    Von mir selbst und auch von anderen, ebenfalls noch nie übergewichtig gewesenen Menschen weiß ich, dass die das auch können!

    Bei mir ist das z.B. stark tagesform-abhängig. Hab ich viel Stress, greife ich lieber mal zu Süßigkeiten oder auch einfach bei Langeweile.
    Auch ich schaffe heute immer noch Riesenberge zu verdrücken. Wenn es was ganz besonders Leckeres ist, schaffe ich es niemals, mir das einzuteilen. 500 gr-Brot Marzipan? Kein Problem. Packung Toffifee.. eingeatmet. Tafel Trauben-Nuss-Schoki? Festkörperverdunstet.

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  3. Ich finde, das „Halten“ ist eine riesen große Sache und etwas, das gar nicht so selbstverständlich ist. Als ich vor ca. 10 Monaten mit der Abnahme begonnen habe, habe ich sehr oft alle 5kg eine 6-8 wöchtige Haltephase eingelegt, weil ich das mental einfach nötig hatte. Und ich habe in diesen Haltephasen immer so viel experimentiert: Was mag mein Körper, was hält er aus, was ist meine Kaloriengrenze etc. pp. In der Zeit erfahre ich einfach am Meisten über meinen Körper und erhoffe mir dadurch, dass ich so meine Zukunft zum ersten Mal gewichtsstabil halten kann!

    Das mit der vorrätigen Schokolade verstehe ich so gut. Ich hatte damals auch nie Ruhe, bevor nicht alles von mir „vernichtet“ (gegessen) worden ist. Ich habe da jetzt schon eine bessere Selbstkontrolle. Dennoch kostet mich ein Diättag immer noch mehr Energie, wenn ich weiß, da ist etwas Leckeres im Schrank als ohne. Also verstaue ich alles nach wie vor im Auto meines Mannes. Aber irgendwann bin ich sicherlich auch so weit wie du und kann so „Kram“ Zuhause aushalten. 😀

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