Schwere[s]Los – Wie die DAK einen dicken Strohmann anzündet

Mein letzter Blogartikel zur DAK-Studie Schwere[s]Los wurde auf der DAK-Facebookseite mit einer Bitte um Stellungnahme gepostet. Die DAK hat sich inzwischen auch tatsächlich geäußert, und ich dachte, das sei ganz interessant:

Liebe [Userin], vielen Dank für den Hinweis auf diesen Beitrag. Uns beeindruckt, dass sich die Autorin so intensiv mit unserem XXL-Report auseinandersetzt. Gleichzeitig bedauern wir natürlich, dass ihre Interpretation der Studienergebnisse und der Aussagen unserer Aufklärungskampagne von unserer in einigen Punkten abweicht. Wir möchten noch einmal bekräftigen, dass die Ergebnisse unserer Befragung und die Aktion „Schwere(s)los“ dafür sensibilisieren sollen, dass Adipositas eine Erkrankung mit verschiedenen Ursachen ist und dementsprechend unterschiedlich behandelt werden muss, dass Betroffene oft unter Schmähungen und Ausgrenzungen leiden, was sie zusätzlich zu ihrer Erkrankung belastet und behindert, und dass Erkrankte oft auf Hilfe angewiesen sind. Exemplarisch möchten wir aus dem Blogbeitrag die Aussage herausgreifen, unsere Veröffentlichungen erweckten den Eindruck, Ernährung und Übergewicht stünden in keinem Zusammenhang. Diese Interpretation teilen wir nicht, und sie läge auch sicher nicht in unserer Absicht. Vielmehr vertreten wir in allen Informationsangeboten zu diesem Thema die Auffassung, dass gesunde Ernährung und Bewegung die Basis dafür sind, um die schädlichen Auswirkungen von Übergewicht und Adipositas zu vermeiden oder zu bekämpfen. Bitte werfen Sie dazu gerne einen Blick auf unsere entsprechenden Informations- und Hilfsangebote auf unserer Website, zum Beispiel unter https://www.dak.de/…/Dauerhaft_abnehmen-1076970.html. Für weitere Fragen stehen wir Ihnen selbstverständlich gern zur Verfügung. Viele Grüße von Olli aus dem Facebook-Team der DAK-Gesundheit

Mich beeindruckt, dass sich die DAK so intensiv mit meinem Blogartikel auseinandersetzt. Gleichzeitig bedauere ich natürlich, dass ihre Interpretation des Artikels und die Aussagen des Blogposts in einigen Punkten abweicht.

Nein, ernsthaft, liebe DAK, ich finde es toll, dass ihr gelesen und geantwortet habt, aber wenn ihr schon exemplarisch eine Aussage herausgreifen wollt, dann doch bitte eine, die ich tatsächlich gemacht habe.

Wenn ich folgende Aussagen tätige:

  • Irgendwie stellt die DAK also direkte Ursachen – nämlich Energieaufnahme und Energieverbrauch – kommentarlos und gleichwertig in eine Reihe mit indirekten Ursachen wie Gene, Stress oder Schlaf und erweckt damit beim Laien den Eindruck, dass „die Gene“ irgendwie genauso viel Einfluss haben auf das Gewicht wie das Essverhalten.
  • Man bekommt das Gefühl, die Aufklärungskampagne will um jeden Preis den Zusammenhang zwischen Essen und Körpergewicht kleinreden und Übergewicht als ein Schicksal darstellen, auf das der Kranke keinen Einfluss hat.

Dann bedeutet das nicht:

unsere Veröffentlichungen erweckten den Eindruck, Ernährung und Übergewicht stünden in keinem Zusammenhang.

Ich verstehe, dass es einfacher ist, einen Strohmann abzubrennen, aber mich hätte wesentlich mehr interessiert, was ihr zu den suggestiven Fragen der Studie sagt und zu dem Fotoprojekt mit den Schlanken, das exakt jene Diskriminierung reproduziert, die die Studie doch bekämpfen möchte.

 

Den Link in eurem Beitrag habe ich mir angesehen und hätte da ebenfalls noch einige Fragen:

Was einst das Überleben sicherte, führt heute zu ernsthaften Erkrankungen. Von Bluthochdruck, Gicht, Gelenkbeschwerden und Herzerkrankungen sind Übergewichtige viel häufiger betroffen als normalgewichtige Menschen. Verschiedene Wissenschaftler stellten fest, dass diese Erkrankungen ohne Medikamente zurückgehen, sobald die Betroffenen dauerhaft abnehmen. Vor allem der Bluthochdruck normalisiert sich mit jedem verlorenen Kilo. Deshalb: Bitte nicht aufgeben, nur weil das Idealgewicht unerreichbar ist!

Warum ist das Idealgewicht unerreichtbar?

Dauerhaft Abnehmen ohne Diät – Bewegung ist das A und O
Ohne Bewegung geht es nicht.

Warum geht es nicht ohne Bewegung? Wenn ich an einem inaktiven Tag 1800 kcal verbrauche und nur 1000 kcal esse – nehme ich dann nicht ab? Wie hat es meine bettlägerige Großmutter nach ihrem Schlaganfall geschafft, von starker Adipositas auf Normalgewicht abzunehmen? Und wie habe ich von 150 kg auf 105 kg abgenommen als ich dank kaputtem Knie immobil war?

Wer dauerhaft abnehmen ohne strikte Diät möchte, beschäftigt sich gedanklich vor allem mit einem: mit dem Essen. Wer dabei auch noch Kalorien zählt, kann wahrscheinlich an gar nichts anderes mehr denken als ans Essen. Ganz klar, dass früher oder später nicht nur der kleine, sondern der ganz große Heißhunger kommt.

Das ist also „wahrscheinlich“ so, findet ihr? Und es ist „ganz klar“ dass dann der ganz große Heißhunger kommt? Wie kommt es dann, dass Studien zum Thema Selbstbeobachtung übereinstimmend zeigen, dass das hilfreich ist? (Studie, Studie, Studie: „Research has demonstrated a consistent relationship between dietary self-monitoring and success in losing weight and maintaining weight loss“)

Wer nach einer Diät wieder so viel isst wie vorher, hat schnell alle Pfunde wieder drauf, eventuell sogar mehr. Wichtig ist es, sich langfristige Abnehmziele zu setzen. Das heißt: Achten Sie auf eine langsame Reduktion und entmutigen Sie sich nicht selbst, indem Sie Ihre Ziele zu hoch setzen.

Wenn entmutigen schlecht ist, warum tut ihr es dann ständig?

17 Gedanken zu “Schwere[s]Los – Wie die DAK einen dicken Strohmann anzündet

  1. kork

    Ich fand noch dieses Zitat der DAK-website im Zusammenhang mit der
    „Studie“:
    „….Der Arbeitgeber entscheidet schlussendlich, dass es ein geringeres Risiko ist, den Normalgewichtigen einzustellen. So wird ein Stereotyp, das zunächst nur im Kopf des Arbeitgebers verankert war, zur Diskriminierung des Adipösen.“

    Was denn nun? Ist Adipositat eine „ernstzunehmende Krankheit“ oder nur ein Stereotyp im Kopf?
    Dass jemand jemanden nicht einstellen möchte, der offensichtlich ernsthaft krank ist, kann man ihm ja wohl kaum zum Vorwurf machen.

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  2. Ich schätze, die DAK möchte die Leute einfach da abfangen, wo sie stehen. Nämlich bei ‚ich schaff das nicht!‘. Die DAK ist ein UNTERNEHMEN. Ein Shitstorm wegen angeblichen Fatshamings, nur deshalb, weil harte Worte (Fakten) verwendet wurden, und die können einpacken. Wir haben 2016 und ‚triggered‘ ist ein Anwärter auf das Unwort des Jahres. Immerhin hat sich die DAK tatsächlich mit Deinem ausführlichen Posting befasst! Verstanden haben die Mitarbeiter allerdings offenkundlich ziemlich wenig davon.

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  3. Warumdennnicht?

    „dass gesunde Ernährung und Bewegung die Basis dafür sind, um die schädlichen Auswirkungen von Übergewicht und Adipositas zu vermeiden oder zu bekämpfen.“

    Hab ich hier einen Denkfehler? Durch gesunde Ernährung und Bewegung kann man doch das Übergewicht und die Adipositas an sich bekämpfen und nicht die ’schädlichen Auswirkungen‘ während die Ursache unberührt bleibt, oder?

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  4. Doro-T

    Ehrlich gesagt finde ich die Antwort der DAK ziemlich oberflächlich. „Wir antworten mal etwas allgemein unverfängliches, dann ist hoffentlich Ruhe und keiner kann uns einen Vorwurf machen, wir würden unsere Follower nicht ernst nehmen. P.s.: wir sind toll.“ scheint hier das Motto gewesen zu sein.
    Mehr wird da auch nicht kommen. Die werden sich hinter irgendwelchen Studien und Ärzten verstecken.

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  5. kork

    Oh, ich bin mir sicher, der facebook-Verantwortliche hat die DAKeigene Studie nur ueberflogen und kennt sich allgemein nicht so wirklich mit dem Thema aus.
    Der hat sich wahrscheinlich gedacht:
    Nett zu Dicken sein – wie kann man das falsch finden? Und Abnehmprogramme mit Sport und Ernæhrungsberatung… bieten wir doch alles an! Was will die Frau eigentlich?

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  6. Bravo! Mich beeindrucken Deine klaren, strukturierten und verständlichen Ausführungen zum Thema. Dieser und der, der Anlass für diesen war, besonders.

    Deiner Kritik, und der von „Warumdennnicht“ an diesem Satz:

    dass gesunde Ernährung und Bewegung die Basis dafür sind, um die schädlichen Auswirkungen von Übergewicht und Adipositas zu vermeiden oder zu bekämpfen.

    möchte ich noch zugesellen, dass man Übergewicht und Adipositas auch mit einer recht einseitigen Ernährung beikommt, man muss einfach die Kalorien reduzieren. Ich ernähre mich hauptsächlich von Fleisch, Käse und Eiskreme – wenig Obst und wenig Gemüse und habe dieses Jahr 24 kg abgenommen.
    Ausgewogene Ernährung sollte man erst mal klar definieren.
    Diese mag auch für andere Gesundheitsaspekte wichtig sein – mit Übergewicht und Adipositas hat sie aber nichts zu tun.

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  7. Nicolas

    „Dauerhaft Abnehmen ohne Diät – Bewegung ist das A und O
    Ohne Bewegung geht es nicht.“

    Genau solche Aussagen haben mir mit einer Muskelerkrankung – Duchenne Muskeldystrophie – den Mut zum Abnehmen genommen. Ich dachte immer, ich könnte gar nicht abnehmen. da ich keinen Sport machen kann.

    Aber jetzt habe ich bei einer Körpergröße von 127 cm und einem Ausgangsgewicht von 50 kg schon 8 kg abgenommen. Dadurch konnte ich sogar Verbesserungen bei meinem fortschreitenden Krankheitsverlauf erreichen, ich kann jetzt Brot und Kuchen wieder selbst zum Mund führen – hoffentlich esse ich dadurch jetzt nicht wieder zuviel.

    Vielen Dank für dein Buch, das mir wieder Mut zum Abnehmen gemacht hat.

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    1. Das ist beeindruckend. Hast du mit Kalorienzählen gearbeitet? Falls ja würde mich unheimlich interessieren, wie dein Kalorienbedarf und dein Defizit aussahen und wie du das konkret umgesetzt hast. Auch die körperlichen Veränderungen bei fast 20% Reduktion des Gesamtgewichts und den Einfluss auf den Krankheitsverlauf würden mich interessieren – bei einer fortschreitenden Krankheit wieder eine Verbesserung des Zustands zu schaffen ist ein unglaublicher Erfolg, der Mut macht.

      Falls du evtl. Lust hast, das als Gastbeitrag näher zu erzählen, ich würde mich freuen und ich denke, auch die übrigen Leser (meine Mailadresse: erzaehlmiralles@gmx.de)

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  8. Ich finde die DAK-Studie auch reichlich absurd und stimme den Statements von Nadja dazu voll zu.

    Was aber das „ohne Bewegung geht es nicht“ angeht, könnte man der DAK zu Gute halten, dass es ihr nicht ums Abnehmen aus ästhetischen Gründen geht, sondern als KK eben ums Abnemen wegen GESUNDHEIT. Und dafür ist Bewegung/Muskelaufbau offenbar tatsächlich unverzichtbar – wie ja auch Nadja in den Parts über „Skinny Fat“ schreibt.

    Hier ein Zitat aus dem interessanten SPIEGEL-Artikel „Ära des Faultiers“
    (bei Blendle/kostenpflichtig)

    Zitat:

    „Es kommt weniger auf das Gewicht an, sondern auf die Zusammensetzung des Körpers. Das hat die Gruppe um die Ärztin Preethi Srikanthan an der University of California herausgefunden. Von 6451 Menschen mit Herz-Kreislaufbeschwerden lebten jene besonders lang, deren Muskeln am kräftigsten waren, ganz gleich, ob sie viel Speck auf den Hüften hatten oder nicht. Die Probanden mit spärlicher Muskulatur dagegen hatten eine höhere Sterblichkeit, auch wenn sie schön schlank waren.“

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  9. Hannelore

    Die nette Dame bei der Ernährungsberatung meint, dass der Wunsch abzunehmen ein Milliardengeschäft ist. Demzufolge kann die Industrie und damit auch die Pharmaindustrie und vielleicht auch die Krankenkassen kein Interesse haben, dass die Menschen durch Abnehmen eben mal so locker auch ein paar Krankheiten loswerden. Das ist ja geschäftsschädigend.

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  10. Marianne

    Ja natürlich sind die Kalorien, die zu viel gegessen werden, verantwortlich für das Übergewicht… Aber mich interessiert zusätzlich, was denn hinter dem „Zuviel-Essen“ steckt!
    Wenn es nur essen ist, ok! Dann klappt es mit Kalorien zählen und Disziplin und mensch nimmt ab…
    Wenn aber Traumatisierungen und psychische Probleme die Ursache und der Treibstoff fürs „Zuviel-Essen“ sind, dann braucht es für eine anhaltende und erfolgreiche Gewichtsabnahme und ein Halten des Gewichtes eine Behandlung und Heilung der Traumatisierungen und psychischen Probleme!
    Vergleich: Bei einer Magersucht würde auch niemand behaupten, dass einfach mehr essen als Problemlösung reicht!

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  11. @Marianne: Denk mal umgekehrt!
    Egal was dahinter steckt – ohne Reduktion der Kalorienaufnahme geht es nicht.

    Sicher – wenn etwas anderes dahinter steckt, dann könnte sich dieses andere als widerständig erweisen und eine Ursachenforschung und Behandlung sinnvoll sein – aber machen die Betroffenen das, oder ist es nur eine Ausrede um nichts zu tun?

    Bei Süchtigen findet in der Tat oft eine Suchtverlagerung statt. Man beendet den Heroinkonsum und benutzt stattdessen Alkohol, zum Beispiel – das wäre natürlich wenig hilfreich. Ein Argument weiter Heroin zu nehmen ist es nicht.

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