Gastbeitrag: Der „Ahnen-Faktor“ beim Abnehmen

Ich freue mich ja immer, wenn ich Experten für einen Gastbeitrag gewinnen csm_Teuschel_sw_c1f3c54921kann. Als ich neulich auf ein Interview mit dem Psychotherapeuten- und Bloggerkollegen Dr. Peter Teuschel stieß, in dem er über sein neustes Buch „Der Ahnen-Faktor“ sprach, fragte ich ihn daher spontan, ob er seine interessanten Erkenntnisse über Epigenetik hier vorstellen würde. Dr. Teuschels Schwerpunkt liegt bei den Themen Mobbing und Familie, aber in seinem Beitrag wird klar, dass der Ahnen-Faktor durchaus sehr relevant für die Themen Körpergewicht und Abnehmen – und damit auch das Thema Fettlogik – sind:

 

Es soll ja durchaus beliebt sein, beim Ausbleiben schneller Erfolge bei der geplanten Gewichtsreduktion den Blick über die eigene Verwandtschaft schweifen zu lassen. Je mehr Adipöse man da erblickt, um so eher kann man sich mit der Formel „Aha! Liegt also an den Genen!“ beruhigen. Denn wenn man „ohnehin nichts machen kann“, dann kann man ja so weiter machen wie bisher, wenn jegliches Bemühen um eine Reduktion des BMI „von den Genen“ böswillig vereitelt wird.

Dass das so nicht stimmt, wissen natürlich alle aufmerksamen Fettlogik-Leser.
Aber wie ist das nun mit der genetischen Veranlagung? So ganz von der Hand zu weisen ist es vielleicht ja doch nicht (denn wo kämen denn sonst die ganzen adipösen Verwandten her?).

Seit einigen Jahren blicken wir bei diesen biologischen Themen mehr und mehr durch. Und da tun sich ganz unglaubliche Dinge auf. Die genetische „Grundausstattung“ ist bekanntlich in unserer DNA festgeschrieben und dass diese unverwechselbar und individuell ist, weiß jeder, der zumindest gelegentlich einen Krimi liest oder „Tatort“ schaut. Und nachdem die DNA quasi unveränderbar und praktisch für alle Vorgänge in unserem Körper verantwortlich ist (schließlich ist auf ihr die Produktion aller Proteine festgeschrieben, auch der Enzyme für den Stoffwechsel), könnte man schon auf den Gedanken kommen, dass die in der DNA gespeicherten Erbfaktoren uns im Griff haben. Auch adipositastechnisch gesehen.

ahnen

Mit der zunehmenden Bedeutung einer biologischen Disziplin namens „Epigenetik“ wird das aber alles ziemlich aufgemischt. Man hat nämlich herausgefunden, dass an unserer DNA kleine „Schalter“ angebracht sind, die manchen Genen einen „Maulkorb“ verpassen und andere „von der Leine lassen“. Und das Beste an dieser Geschichte: Die Schalter sind veränderbar und passen sich im Laufe unseres Lebens unseren Erfahrungen an. Diese Veränderungen der „epigenetischen Regulierung“ unserer DNA werden übrigens auch weitervererbt.

Das betrifft natürlich nicht nur unsere Ernährung. Ich selbst habe beruflich mehr mit anderen Themen zu tun wie Familientabus, Traumata, Schuld- und Schamkomplexen, die auf die gleiche Weise von Generation zu Generation weitergereicht werden. Aber weil dies der Fettlogik-Blog ist, steht in diesem Beitrag eben die Ernährung im Mittelpunkt.

Dass die epigenetische Prägung ziemlich verzwickt sein kann, zeigt eine Studie aus Schweden. Die Forscher wollten wissen, inwieweit die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten der Väter und Großväter einen Einfluss auf die Gesundheit ihrer Nachkommen haben. Insbesondere wurde die Ernährungssituation der Großväter im Alter zwischen acht und zwölf Jahren untersucht. Man konnte in etwa rekonstruieren, welche Nahrungsmittel damals zur Verfügung standen und so Rückschlüsse auf die Ernährungslage ziehen. Das Ergebnis ist verblüffend: Hatte der Großvater nur das Nötigste zum Essen, lebten seine Enkel länger und hatten seltener Diabetes und Herzerkrankungen. Waren dagegen die Ernten gut und die Großväter wurden als Kinder mit üppigerer Nahrung versorgt, so starben die Enkel früher und hatten mehr Stoffwechselerkrankungen.

Was bedeutet das? Ganz einfach: Die Ernährungsweise unserer Großväter hat Einfluss auf unsere Gesundheit und Lebensdauer. Und das ist doch ein echter Hammer. Aber heißt das dann nicht, dass alles nur noch schlimmer ist als gedacht? Wenn schon die Butter, die der Opa sich zu viel aufs Brot gestrichen hat, meine Lebenserwartung beeinflusst, dann bin ich doch nur noch Spielball dieses „Ahnen-Faktors“, oder nicht?

Eben nicht. Die Essgewohnheiten der Großväter betätigten eben diese Schalter auf der DNA, von denen ich gesprochen habe. Dadurch wurde der Stoffwechsel in eine bestimmte Richtung dirigiert. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass die Kinder und die Enkel diese „Programmierung“ geerbt haben. Aber, wie ebenfalls bereits erwähnt, ist das alles reversibel. Man kann es umprogrammieren. Um im Bild zu bleiben: Mit einem schlemmenden Großvater habe ich es vielleicht etwas schwerer, weil die falschen Schalter auf meiner DNA aktiviert sind. Aber wenn ich es schaffe, diese Schalter wieder umzulegen und dafür andere zu drücken, kann ich meine DNA von dieser Programmierung befreien. Und das geht über Verhaltensänderung und Erfahrung, dies wieder unter anderem über das Ablegen von Fettlogik.

Mag sein, dass es „ungerecht“ ist, wenn ich mich mehr plagen muss, weil meine Verwandtschaft sich die falschen Essgewohnheiten angeeignet hat, sei es nun durch familiäre Traditionen, Erziehung („der Teller muss leergegessen werden“), das Durchstehen schwerer Zeiten („ich esse alles auf, was zur Verfügung steht, wer weiß, wann ich wieder etwas bekomme“) und mir das Ganze über diese vertrackte epigenetische Programmierung der DNA weitergereicht hat. Aber bitte, was ist im Leben schon gerecht?

Was man bei diesem Thema auch ganz offen ansprechen muss, ist die Verantwortung für die eigenen Nachkommen, die sich aus diesen neuen Erkenntnissen ableitet. Wir vererben unser schlechtes Essverhalten und unsere daraus resultierende Erkrankungswahrscheinlichkeit weiter. Dasselbe tun wir aber auch mit einem (gegenüber unseren adipösen Verwandten) gebesserten Essverhalten und der daraus resultierenden besseren Gesundheit und längeren Lebenserwartung.

Die Erkenntnisse der Epigenetik sind also kein Grund zur Resignation in Essensdingen, sondern das genaue Gegenteil: Wir sind eben nicht nur das Produkt unserer Gene. Wir haben viel mehr in der eigenen Hand als bisher gedacht. Wir müssen es nur tun.

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25 Gedanken zu “Gastbeitrag: Der „Ahnen-Faktor“ beim Abnehmen

  1. Sabine

    Hallo!

    Das Thema ist wirklich ein sehr interessantes. Was mir nicht ganz klar ist: wann legt sich der „Schalter“ wieder um, wenn man sein Verhalten geändert hat und gibt es Unterschiede bei verschiedenen Änderungen, z. B. Essensumstellung, Nichtrauchen, Zuckerkonsum?

    VG
    Sabine

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  2. Thomas Franz

    Irgendwie hört sich dieser Ahnenfaktor mit irgendwie an- und ausknipsbaren Genen für mich etwas esotherisch an.

    Ich tendiere eher zu der Behauptung, dass vielen Dicke in der Verwandschaft etwas mit
    a) der Verfügung von Nahrung (zumindest in früheren Jahrzehnten)
    b) und Essensgewohnheiten bzw. sozialen Gewohnheiten (gibt es auf der Geburtstagsfeier von jeder der 10 Tanten Buttercremetorte, bei der von allen kräftig zugelangt wird, während Onkel Horst draußen schonmal den Grill für die 3 Würste und 2 Steaks pro Person anfeuert)

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    1. Nina

      Hallo Thomas, mag sein, dass es sich für dich „esotherisch“ anhört, aber es ist tatsächlich Gegenstand der aktuellsten seriösen Forschung. Es gibt da ein Phänomen namens „DNA-Methylierung“, dass genau dieses von Nadja beschriebene an und ausknipsen bewirkt, und eben auch veränderlich, sowie vererbbar ist.

      zB:
      http://advances.nutrition.org/content/5/1/71.short

      Dieser Artikel gibt beim raschen überfliegen den Hinweis, dass sich die Methylierungsmuster schon nach einem halben Jahr „umprogrammieren“ lassen:
      http://journals.plos.org/plosgenetics/article?id=10.1371/journal.pgen.1003572

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      1. Thomas Franz

        Ich gehe einfach mal davon aus, dass es diese Schalter wirklich gibt und dass sie so funktionieren, wie behauptet (was schon ein großer Vertrauensvorschuss ist).

        Dann frage ich mich aber, wie ein Schalter, welcher sich innerhalb von 6 Monaten umlegen lässt, nicht nur Auswirkung auf den Betroffenen sondern sogar noch auf die Enkel haben sollte. Mal ganz davon abgesehen, dass der Opa nur zu weniger als 1/4 zum Enkel beiträgt und im Regelfall etwa 50 Jahre älter ist und sich in den letzten 50 Jahren das Leben SEHR stark geändert hat (weniger als 1/4 wg. der mitochondrialen DNS für die „Kraftwerke“ der Zellen, die nur mütterlicherseits weitergegeben wird). Und die Wissenschaftlichkeit der „Methode“ zur Feststellung, ob der Opa geschlemmt oder gefastet hat, sei auch mal dahingestellt (heutzutage neigen eher die ärmeren Bevölkerungsschichten dank Fastfood und Co. zu Fettleibigkeit).

        Wenn man nicht gerade mit Testgruppen, die in die Millionen gehen, gearbeitet hat, dürfte der Effekt durch die DNS-Schalter so stark verwässert und durch andere Effekte (wie Lebensgewohnheiten) überlagert sein, dass jegliche Beobachtung auch durch statistisches Rauschen / Zufälle erklärbar sein sollte.

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    1. Thomas Franz

      aber nicht vergessen – das funktioniert nur vor der Zeugung der eigenen Kinder. Idealer Weise, wenn Du selber noch ein Kind bist (wenn ich das Studienzitat aus obigem Artikel richtig verstanden habe)…

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      1. Ich habe es so verstanden, dass man den Schalter auch später noch umlegen kann. Klar, es muss vor der Geburt der eigenen Kinder passieren, damit sie die „richtige“ Programmierung bekommen. Und dann wiederum beeinflusst eine schlanke und aktive Kindheit meiner Kinder auch die Programmierung, die sie dann an ihre Kinder weitergeben etc.

        Und ganz vielleicht bin ich ja auch noch nicht fertig mit dem Kinderwunsch und möchte für ein weiteres Kind die gleichen guten Bedingungen schaffen wie für die ersten beiden Kinder (da war ich nämlich noch schlank).

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  3. Christine

    Entgegen des Mainstreams in den Medien, die diese Schalter offenbar in Beton zementieren wollen… Ein kurzer und dennoch guter Beitrag!
    Ich habe immer an den Medienweißheiten gezweifelt, die da lauteten: Trauma erlitten, Familie über Generationen gebrandmarkt.
    Wäre das so, wären wir mittlerweile alle Traumaopfer.

    Gibt es bereits Hinweise darauf, wie schnell diese Schalter umprogrammierbar sind?

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  4. Marius

    „Die Essgewohnheiten der Großväter betätigten eben diese Schalter auf der DNA, von denen ich gesprochen habe. Dadurch wurde der Stoffwechsel in eine bestimmte Richtung dirigiert.“

    Na, wenn da nicht ein Hauch Fettlogik versteckt ist – da ist er also wieder, der sagenumwobene Stoffwechsel … 🙂

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  5. Pingback: Fettlogik und Resonanzboden: Zwei Gastartikel › Schräglage

  6. Georgios

    Der Beitrag ist interessant, aber irgendwie fehlt mir „der Punkt“:

    Was genau wird denn nun vererbt, was einem das Abnehmen erschwert? Inwiefern ist da Abnehmen mit anderen „Schalterpositionen“ schwerer, was konkret läuft da ernährungsphysiologisch anders im Körper als „normal“?

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  7. Gerhard

    Dr. Peter Teuschel hat im Prinzip recht. Doch bleibt die Frage, was genau „die Schalter“ umlegen kann. Wie schaffen wir das explizi?.
    Ich denke, nur bestimmte Herangehensweisen werden das schaffen“ und nicht einfach nur „andere“ Verhaltensweisen. Das wäre zu einfach.

    Die frohe Botschaft ist also „Wir sind nicht Opfer“!. Die negative ( wenn man so will): Man muß an den Kniff rankommen.

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  8. Also, ist es berechtigt ein bißchen zu jammern über das „schwere“ genetische Erbe? Aber man darf sich nicht einfach auf dem Speck der Ahnen ausruhen und muss sich halt anstrengen, das für sich auszugleichen und den Schalter wieder umzulegen? 😉

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  9. Irenicus

    Hmm es mag ja sein, dass das der aktuelle Stand der Forschung ist. Aber ich habe auf Anhieb folgende Fragen an die Studien die da gemacht wurden:

    1. Lebensgewohnheiten (Traumata, Ernährung etc.) werden vielleicht gar nicht vererbt sondern anerzogen (bzw. halt gefühlsmäßig übertragen). Konnte das nachweislich ausgeschlossen werden?
    2. Habe ich ein großes Problem mit Großvater zu Enkel: Der Enkel erbt ja von 4 Großeltern. also hat ein einzelner Großvater maximal noch 25 Prozent Einfluss. Und zwischendurch spielen die Angewohnheiten der eltern doch eine viel größere Rolle. Warum nimmt man nciht diese??? Gibt ja wohl genug Gegenden, in denen in der letzten generation noch massivst Nahrungsmangel geherrscht hat, und jetzt nicht mehr.

    Ich kann mir allerdings vorstellen, dass man bestimmte Gene „aus bzw. anschalten“ kann, und dafür andere (de-)aktiviert. Es gibt genug scheinbar nutzlose Gene. Und solche die im Verlaufe der Pubertät oder ähnlichen Umstellungen zum Tragen kommen.

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    1. cat-stage

      @Irenicus

      zu 1. (und auch 2.) folgendes:
      in Versuchen mit Mäusen wurde festgestellt, dass es nichts mit der Erziehung zu tun hat.
      Wenn Mäuse in stress-hungerphasen schwanger geworden sind, verhalten sich weniger „mütterlich“ gegenüber ihrem Nachwuchs und bekommen sehr misstrauische und ängstliche Mäusebabys. Dieser Nachwuchs verhält sich seinem Nachwuchs gegenüber genauso unliebevoll (Vererbung über mehrere Generationen).
      Jetzt sollte in einem Experiment festgestellt werden, ob dieses Verhalten mit der (epi)Genetik oder der Erziehung zusammenhängt, also wurden die Mäusebabys einer „Stressmutter“ und einer normalen Mutter vertauscht. Das Ergebnis des Versuches war, dass sich die Mäuse, die zwar von einer guten Mutter großgezogen wurden, aber genetisch mit der „Stressmutter“ verwandt sind, dennoch ängstlich wurden und sich auch ihrem Nachwuchs gegenüber als weniger kontaktfreudige und liebevolle Mutter verhalten.
      Ein anderes Experiment, mit gleichem Ergebnis:
      http://www.spektrum.de/news/epigenetik-maeusekinder-erben-erfahrungen-der-grosseltern-spektrum-de/1215397
      zu 2. wurde auch schon in einigen Experimenten belegt, dass die Vererbung „über zwei/drei Ecken/Generationen“ viel ausgeprägter ist, als die direkte. Woher genau das kommt, weiß ich jetzt leider nicht mehr auf Anhieb. Und klar ist die Chance nur bei 1/4. Warum das ganze trotzdem dominanter ist, ich weiß es nicht.
      Wobei mein Stand der Dinge eigentlich war, dass die Kinder, deren Eltern (bzw nur die Mutter, versteht sich) während bestimmten Schwangerschaftswochen Nahrungsmangel hatten, eher zu den „alles was du isst, wird gespeichert“ Menschen gehören und solche, deren Mutter keinen Mangel hatte, eher zu erhöhter Schilddrüsenaktivität neigen. Aber das ist dann ja auch wieder der direkte Weg bzw. hat weniger mit Vererbung zu tun, sondern mit dem, was im Mutterleib vor der Geburt passiert oder eben nicht passiert.

      Selbes gilt auch für psychische Krankheiten. Du „vererbst“ die Depression oder Suchkrankheiten nicht. Du vererbst die begünstigte Disposition, d.h. du bist einfach anfälliger für diese Krankheiten. Deswegen treten in Familien öfters gehäuft psychologische Krankheiten auf.
      Genauso wie bei Erwachsenen, die als Kinder stark misshandelt wurden. Es gibt nicht wenige Fälle, in denen die Adoptivfamilie ein Segen war, und trotzdem starke psychische Probleme aufgetreten sind. Deswegen ist sofortige psychologische Betreuung auch so wichtig – der Schalter für „Trauma“ legt sich nicht sofort um, das dauert etwas, aber es sollte umbedingt vermieden werden.

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      1. Irenicus

        „n Versuchen mit Mäusen wurde festgestellt, dass es nichts mit der Erziehung zu tun hat.
        Wenn Mäuse in stress-hungerphasen schwanger geworden sind, verhalten sich weniger „mütterlich“ gegenüber ihrem Nachwuchs und bekommen sehr misstrauische und ängstliche Mäusebabys. Dieser Nachwuchs verhält sich seinem Nachwuchs gegenüber genauso unliebevoll (Vererbung über mehrere Generationen).“

        Das ist vielleicht nichts was man landläufig unter „Erziehung“ versteht aber vererbt muss es deswegen noch lange nicht sein. Es könnte auch einfach ins Unterbewusstsein der Kindgeneration „eingebrannt“ sein. Und dann einfach nach und nach als Verhaltensmuster weitergegeben werden. Ich sehe nicht, dass Gene dabei eine Rolle spielen MÜSSEN.
        Die andere Frage wäre ja auch, warum dass andersrum scheinbar nicht funktioniert. Also warum Ruhe und Hungerfreiheit, eben nicht das liebevollere Leben in der nächsten Generation auslösen.

        „Genauso wie bei Erwachsenen, die als Kinder stark misshandelt wurden. Es gibt nicht wenige Fälle, in denen die Adoptivfamilie ein Segen war, und trotzdem starke psychische Probleme aufgetreten sind. “
        Natürlich ist es keineswegs ausgeschlossen, dass da Vererbung eine Rolle spielt. Ich gehe sogar sehr davon aus, dass es bestimmte Gene gibt, die eine psychologische Erkrankung begünstigen.
        Aber genauso wenig ist ausgeschlossen, dass die Traumen bereits vor der Adoptivfamilie bestanden bzw. noch ein weiteres durch das Wegreißen aus der Familie dazugekommen ist.

        Und selbst wenn sichergestellt ist, dass bestimmte Krankheiten bzw. Krankheitsdispositionen vererbt werden, heißt das natürlich noch lange nicht, dass Vererbung auch auf Ernährungsgewohnheiten bzw. das Gewicht Einfluss hat. Der kausale Zusammenhang ist da einfach nicht gegeben.

        Aber selbst wenn es so wäre, wäre es natürlich nur noch wichtiger, dass entsprechend „vorbelastete“ Personen noch disziplinierter bzw. kontrollierter essen. Genau wie ich als Enkel eines Alkoholikers ganz genau darauf achte, nicht zu viel Alkohol zu trinken.

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      2. Mona

        „Die andere Frage wäre ja auch, warum dass andersrum scheinbar nicht funktioniert. Also warum Ruhe und Hungerfreiheit, eben nicht das liebevollere Leben in der nächsten Generation auslösen.“

        Es gibt wohl eine relativ aktuelle Studie, dass es mit Ruhe/tollen Umgebung/gute Erlebnisse wirklich funktioniert Ängstlichkeit aus einer Maus (oder ähnlich) wieder herauszunehmen. Mir fällt gerade nicht ein, wo ich das gelesen oder gehört habe.

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      3. Thomas Franz

        womit dann aber wiederum die erste Studie wiederlegt wäre, dass „Erziehung“ bzw. die eigenen Lebensumstände in der Kindheit keinen Rolle spielen und Hungermäuseenkel immer ängstlich sind.

        Abgsehen davon behaupte ich mal, dass so eine Maus und ihre soziale Gesellschaft wesentlich einfacher gestrickt sind, wie die von Menschen, so dass ein etwaiger Effekt bei Menschen durch sozikulturelle Einflüsse wesentlich geringer (bis hin zu statistisch völlig irrelevant) sein dürften.

        PS: eine Probantengruppe von ca. 230 Leuten in der schwedischen Studie finde ich nicht gerade repräsentativ. Vor allem in Anbetracht der ganzen Annahmen, mit denen dort auf die vermutliche Ernährungssituation des Opas geschlossen wurde (z.B. Anzahl der Geschwister und Position in der Geschwisterreihenfolge)

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      4. cat-stage

        „Abgsehen davon behaupte ich mal, dass so eine Maus und ihre soziale Gesellschaft wesentlich einfacher gestrickt sind, ..“

        ja, eins zu eins kann man das sicher nicht übertragen, aber interessant ist es schon. Ähnliche Prozesse laufen eben auch in uns ab, wenn vielleicht durch soziale Strukturen und konstruierte Normen wie Moralen auf einer komplexeren Ebene.

        „Ich sehe nicht, dass Gene dabei eine Rolle spielen MÜSSEN.“

        dass das erste Experiment mit Genetik zu tun hatte, wurde insofern geprüft, als dass die genetisch unterschiedlich aktiven Gene herausgefunden wurden. Die Genetik ansich ändert sich ja nicht, sondern nur das Aktivitätsmuster durch die unterschiedliche Methylierung oder Demethylierung. Wie genau diese markiert werden, weiß ich allerdings nicht.
        Und inwiefern das der anderen Studie widerspricht, weiß ich auch nicht. Dafür müsste ich beide mal raussuchen und vergleichen, aber ich denke, das ganze ist einfach etwas komplizierter als „wenn a, dann b“.
        Also ja, bis wir verstehen, wie genau das ganze funktioniert und welche Faktoren beeinflussend wirken und wie die Methylierung wieder demethyliert werden kann, wird es vermutlich noch etwas dauern.

        „Und selbst wenn sichergestellt ist, dass bestimmte Krankheiten bzw. Krankheitsdispositionen vererbt werden, heißt das natürlich noch lange nicht, dass Vererbung auch auf Ernährungsgewohnheiten bzw. das Gewicht Einfluss hat. Der kausale Zusammenhang ist da einfach nicht gegeben.“
        Ne, das nicht, aber wenn du, theoretisch, eine Disposition zu Suchtverhalten hast (was ja durhcaus eine Krankheit werden kann), ist die Chance, im Gegensatz zu jemandem ohne diese Disposition, diese Suchtanfälligkeit mit Essen zu befriedigen, eben erhöht. Und damit ist auch das Risiko für Übergewicht erhöht. Das muss noch nichts heißen, das ist einfach nur stochastische Wahrscheinlichkeitsrechnung.

        Aber inwiefern andersrum von Statistik auf statistische Wahscheinlichkeit geschlossen werden kann… Ob es sich letztendlich um Kausalität oder Korrelation handelt, kann man ohne entsprechende weitere Studien einfach nicht sagen. Und ja, 230 Leute sind wirklich keine besonders große Kontrollgruppe, und in der Statistik wurde ja auch, was die „Ausgangsdaten“, nämlich die Ernährung, betrifft, einfach nach historischen Daten geschätzt.

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  10. Hallo,

    wahrlich sehr interessantes Thema!

    Möchte euch mal folgende „Geschichte“ erzählen und würde mich freuen, wenn mir das jmd einordnen könnte:

    Sportliche junge Frau (niemand in der Familie ist übermäßig dick, alle relativ normal), damals DDR Bürgerin, bekommt Ende der 70er Jahre ein zunächst ebenfalls normal gewichtiges Kind.

    Nur sehr kurze Zeit danach (etwa 8 Wochen nach Geburt) bringen es die Umstände mit sich, dass das Kind bei den Großeltern (väterlicherseits) landet, und von da an dort aufwächst.

    Die Frau trennt sich nämlich vom Kindsvater, lernt einen neuen Mann kennen, der Westdeutscher ist, und ca 2,5 Jahre später darf sie auch ausreisen.

    Folglich hat sie ab da bis zum Mauerfall keinerlei Kontakt mehr zum Kind, und auch nach der Wiedervereinigung besteht zwar regelmäßig Kontakt, meist sieht man sich drei, viermal pro Jahr, oft macht das Kind während der Sommerferien eine Woche Urlaub bei ihr, aber keinesfalls ist der Kontakt intensiv und regelmäßig genug, als dass man von prägendem Vorleben von Essgewohnheiten sprechen könnte.

    Die Frau war irgendwie während der Jahre immer dicker geworden, obwohl sie sportlich immer aktiv und tatsächlich richtig fit war (zb waren sie und ihr Mann regelmäßig im Urlaub auf Radtouren quer durch Deutschland mit 80-120km Strecke pro Tag in großen Gruppen unterwegs, beide waren begeisterte Bergsteiger usw…), aber trotz allem wog sie Anfang der 90er um die 130kg, und keine Diät konnte daran langfristig irgend etwas ändern.

    Das Kind seinerseits war während seiner ersten Lebensjahre aufgrund ständiger schwerer Kinderkrankheiten zuerst extrem dünn und „litt“ an quasi chronischer Appetitlosigkeit, aber da man es damals in der DDR scheinbar einfach nicht besser wusste, wurden Kinder ja überall permanent zum (Auf)Essen gezwungen, auf Anraten der Kinderärzte zuhause genauso wie im Kindergarten, wo das ja bisweilen perfide Züge annahm (man musste sitzen bleiben, bis man den Teller leer gegessen hatte, ggf eben auch über Stunden, während die anderen Kinder draußen fröhlich spielen durften…), und irgendwann war die natürliche Barriere, nur so viel (bzw eben wenig) zu essen, wie das Kind tatsächlich auch Energiebedarf hatte, zerstört, so dass sich dann natürlich irgendwann alles ins Gegenteil verkehrte und das Kind zum Pummelchen wurde (allerdings weit davon entfernt, richtig dick zu sein).

    Das allerdings passte der Oma, die selbst immer sehr schlank und vor allem extrem auf Äußerlichkeiten bedacht war, nun auch nicht, und so wurde das Kind noch vor seiner Einschulung schon auf seine erste Diät gesetzt, natürlich verbunden mit permanenten Warnungen und mahnenden Worten, wie wenig wert man als Erwachsener mal sein wird, wenn man nicht schlank ist und gut aussieht…, die typischen Schädigungen, unter denen man oft ein Leben lang leidet, weil man nie wirkliches Selbstwertgefühl und Zufriedenheit mit dem eigenen Körper erlangen kann.

    Das Kind kämpft folglich ab der Pubertät auch aus eigener Überzeugung verzweifelt gegen jedes Kilo, das Gewicht schwankt immer wieder, anfangs tendiert das Essverhalten mehr in Richtung Magersucht, weil das nunmehr junge Mädchen vor lauter Angst, wieder zuzunehmen, lieber gleich gar nicht mehr isst, später dann wegen anderer pubertärer Krisen nimmt sie wieder sehr zu, ein ewiges Hin und Her eben… Mit 18 wiegt sie erstmals über 100kg und muss Kleidergröße 50 tragen, mit 21 schafft sie es zum letzten Mal, richtig extrem abzuhungern und wiegt 55kg, das hält sich bei 65-75kg noch ca 2, 3 Jahre, aber nach einigen traumatischen Schicksalsschlägen mit psychisch schwerwiegenden Folgeerkrankungen hat sie nie wieder die Kraft zu kämpfen (sich nicht umzubringen, ist bereits mehr als genug Kampf) und so steigt das Gewicht kontinuierlich an (mit 26 sind es ca 106kg, mit 28 schon 115 und mit 35 ist sie schließlich bei 145kg angekommen).

    Heute ist sie nun ein optisches Abziehbild ihrer leiblichen Mutter, welche ebenfalls nach wie vor ihr Gewicht von etwa 130-140kg hält, aber beide Lebensgeschichten weisen diesbezüglich ansonsten keinerlei Parallelen auf.

    Die Mutter litt nie unter einer derartigen psychischen Fehlprägung, erkrankte auch nie psychisch und ist bis heute trotz des Gewichts erstaunlich gesund (von Knieproblemen mal abgesehen), sie hat einen normalen Blutdruck, keine erhöhten Blutfettwerte, keine Diabetes, keine Herzbeschwerden usw, sie ist wirklich fit und immernoch auch sportlich aktiv (mit 59 Jahren).

    Das Kind hat Sport übrigens immer gehasst, hat sich nie gern sportlich betätigt und Gewichtsabnahme auch immer allein durch Hungern realisiert, ohne zusätzliche sportliche Aktivitäten.

    Als sie als 15 Jährige im Sommer wieder mal eine Woche Urlaub bei ihrer leiblichen Mutter machte und sie zusammen spontan etwas Rad fahren wollten, konnte das Kind schon nach wenigen Kilometern mit der Mutter und ihrem Mann nicht mehr mithalten und wäre wegen totaler Überanstrengung fast zusammengebrochen – zu diesem Zeitpunkt war das Kind schlank und gesund, die leibliche Mutter hingegen wog mindestens 125kg und war 22 Jahre älter…., bei anderen Aktivitäten wie gemeinsamem Urlaub in den Alpen bot sich stets das gleiche Bild, wenn’s langhin bergauf ging oder auch beim Ski Langlaufen…

    Mal zusammengefasst:

    beide sind völlig unabhängig voneinander und trotz komplett verschiedener Lebenswege gewichtstechnisch und auch körperlich optisch genau gleich, prägende Einflüsse (Übernahme der Ernährungsgewohnheiten) während der Kindheit sind definitiv auszuschließen, und trotzdem ist es, wie es ist?!

    Meiner Meinung nach ist diese Geschichte ein krasses Beispiel dafür, dass die genetische Veranlagung eben doch extremen Einfluss nimmt, zumindest, wenn vllt sehr viele ungünstige Dispositionen irgendwie zusammenkommen, denn klar ist heute ja auch, dass es nicht das eine „Fett-Gen“ gibt, sondern innerhalb eines genetischen Codes mehrere tausend Gene daran beteiligt sein können, dass eine Person ist, wie sie ist…

    Ich möchte hier weder sagen, dass die im obigen Blogpost erörterten Erkenntnisse falsch sind, noch, dass man gegen die Gene immer machtlos ist – eine Wertung liegt mir fern, ich glaube nur, dass man eben auch nicht immer davon ausgehen kann, dass jeder Mensch es immer in der Hand hat, seine genetische Veranlagung ausnahmslos verändern zu können, ich glaube, das ist ebenso zu einfach gedacht wie das Gegenteil, wenn man sich automatisch auf schlechten Genen ausruht…

    Bin auf Meinungen gespannt 🙂

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    1. Mona

      Ich kann mir nicht vorstellen, dass die beschriebene Geschichte etwas mit Genen zu tun hat, außer dass beide halt Grund hatten mehr zu essen als vorher und dadurch sich noch ähneln.

      Bei der Mutter würde ich vermuten, dass sie so sehr ihren Mann liebt und er sie, dass sie sich immer das Essen genau teilen und dadurch sie zunimmt, weil ein Mann meistens größer (braucht mehr Kalorien, vor allem, wenn beide Sport machen) als seine Frau ist. Oder sie hat einfach verstärkten Appetit durch den Sport oder wer weiß was alles in einem Leben passiert.

      Beim Kind klingt es auch logisch, dass es dann schwer hatte, weil es aufessen musste (Schreck durch frühere Krankheit), aber die Großmutter Wert auf Äußeres gelegt hat. Kinder/Jugendliche schauen das nicht so durch, was wirklich wichtig für sie ist, wenn von Außen widersprechende Ansprüche kommen, schätze ich. Der einfachste Weg ist entweder aufhören zu essen oder immer weiter essen, ein Mittelding ist schwieriger, weil man dann keinem es recht machen kann.

      Eventuell haben die das immer weiter so gemacht und denken jetzt, dass es etwas mit den Genen zu tun hat, weil sie sich ja immer mal wieder gesehen haben und sich verbundener fühlen, wenn sie die gleiche extreme Körperform (über 130 kg) haben und es deswegen so belassen haben (bestimmt nicht bewusst), um eine deutliche Gemeinsamkeit zu haben.

      Das ist meine Spekulation, kann ja auch alles komplett anders sein als ich es mir vorstelle.

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