Wie Fettlogiken entstehen

Seit ein paar Tagen gibt es also das Fettlogik-Forum und obwohl ich kein Forentyp bin und anfangs sagte, dass ich gerade keinen Kopf für so ein Projekt habe, erwische ich mich dabei, ständig reinzulinsen. 🙂

Eine spannende Unterhaltung zum Hungerstoffwechsel wurde eröffnet, und mir wurde die Erlaubnis erteilt, es anonymisiert hier aufzugreifen (ihr müsst also keine Angst haben, dass ich ungefragt irgendwas, was ihr im Forum schreibt, hier zitiere – ich frage vorher)

Im Eingangspost wurde von einer Userin nach Erfahrungen mit dem Hungerstoffwechsel (also der „scheinbare Hungerstoffwechsel“) gefragt und sie beschrieb eine Erfahrung, die sie damals zu der Annahme gebracht hatte, es gäbe einen Hungermodus:

„Habt ihr sowas auch erlebt und hat euch das in eurem Glauben bestärkt? Ich leider ja. Beim Wandern war ich oft wochenlang jeweils gut 6-12 Stunden am Tag unterwegs und habe dabei natürlich abgenommen, obwohl ich mir während dieser Zeit immer vornahm, einmal im Leben NICHT auf meine Ernährung zu achten und zu essen, was ich will. Trotzdem habe ich bei jeder Wandertour im Schnitt mindestens 1kg die Woche verloren.
Wieder zuhause habe ich dann die ersten Tage alles gegessen, was man in Spanien schwer kriegt: eine ordentliche Pizza, Nudeln mit Sahnesoße etc. Gleichzeitig habe ich mich die ersten Tage so gut wie gar nicht bewegt, um mich nach den langen Strapazen auszuruhen.
Folge: Ich nahm weiter ab, und das nicht zu knapp. Ganze 2-3kg nach zwei bis drei Tagen war es nach meiner längsten Tour. Für mich war klar: Durch meine hohe Nahrungszufuhr auf dem Jakobsweg bei gleichzeitiger stundenlanger täglicher Bewegung ist mein kaputter Stoffwechsel endlich repariert – und auch nach Ende der Tour noch total im Turbo! Das hat mich immer sehr glücklich gemacht (aber irgendwann ging die Waage wieder nach oben und ich hatte das Gewicht nach ein paar Monaten fast komplett wieder drauf).“

In den Antworten äußerte jemand eine Theorie, die ich an dieser Stelle aufdröseln wollte. Die Antwort ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel für Fettlogiken: Sie klingt absolut sinnvoll und nachvollziehbar und enthält auch ein Körnchen Wahrheit:

„Ich würde sagen, dass du auch deine Muskeln verstärkt hast. Muskeln verbrauchen mehr Energie als Fett. Irgendwann waren deine Muskeln wieder so wie vor der Wanderung, weil du sie ja nicht mehr gefordert hast. Damit hat sich auch dein Energieverbrauch wieder verringert. Wir reden also vom Grundumsatz, der bei Sportlern per se höher ist…“

Klingt total schlüssig, auf den ersten Blick, oder? Dazu enthält sie folgende, völlig korrekte Fakten:

  • Aktivität sorgt für Muskelaufbau
  • Muskeln verbrauchen mehr Energie als Fett
  • Inaktivität sorgt für Muskelabbau
  • Weniger Muskelmasse bedeutet einen geringeren (Grund)Energiebedarf
  • Der Grundumsatz von Sportlern ist höher als der von gleich großen, gleich schweren inaktiven Geschlechtsgenossen

Letztlich also eine scheinbar vollkommen korrekte Erklärung. Und dennoch falsch. Hier im Einzelnen aufgeschlüsselt, warum:

  • Zunächst mal fällt Wandern eher unter Ausdauersport als unter Kraftsport. Es wird also eher das Herz-Kreislaufsystem gestärkt und weniger stark Muskelmasse aufgebaut. Doch selbst wenn wir von Muskelwachstum ausgehen und annehmen, die Userin hat in den ~4 Wochen Wanderschaft Muskulatur zugelegt: Für eine Frau liegt ein realistischer Muskelaufbau bei ungefähr 500g Muskelmasse pro Monat. Greifen wir spaßeshalber enom hoch und sagen, die Userin hat als bisher inaktive Person im Wanderurlaub wirklich extrem an Muskelmasse aufgebaut und einen schon recht unrealistisch hohen Wert von ~1kg Muskelmasse erreicht.
  • Ein Kilo Muskelmasse erhöht ganz grob geschätzt den Ruhebedarf um ca. 30 kcal/Tag

Diese ~30 kcal Mehrverbrauch pro Tag würden über einen Monat gerechnet, bei gleichbleibender Energiezufuhr einen Unterschied von etwa 900 kcal ergeben. 1 kg Körperfett entspricht ca. 7000 kcal. Über einen Monat gerechnet würde die Veränderung im Gewicht damit weniger als 200 g betragen. Auf keinen Fall würde das 2-3kg in wenigen Tagen ergeben.

Die Userin aus dem Ursprungsbeitrag hat die Erklärung übrigens selbst gegeben:

„Warum ich während dem Wandern abnahm ist ja eigentlich klar: Wenn man den ganzen Tag auf den Beinen ist, ist auch für eine kleine Frau ein 1000kcal-Defizit am Tag locker machbar, selbst wenn man ansonsten nicht auf die Ernährung achtet. Die Gewichtsabnahme nach Ende der Tour war etwas kniffliger, aber auch hier sind wieder mal Wassereinlagerungen die Antwort. Die Hitze, die ungewohnte Anstrengung ohne Ruhetage, der Proteinmangel – alles total logisch. Bei meiner ersten Tour nach „Fettlogik“ ist mir dann auch zum ersten Mal bewusst aufgefallen, wie viel Wasser bei mir schon nach einem Tag am Bauch saß. Damit war das Phänomen vollständig erklärt.“

Sie hatte also durch eine Kombination aus Hitze, Proteinmangel und ungewohnter Aktivität massive Wassereinlagerungen. Nachdem die Anstrengung vorbei war, das Protein wieder aufgefüllt wurde, die Muskelverletzungen heilen konnten und das Wetter kühler war, lösten sich die Wassereinlagerungen recht schnell auf und mehrere Liter Wasser wurden ausgeschwemmt.

Was nun noch dazu kommt ist, dass die Wassereinlagerungen durch die Muskelbeanspruchung (kleine Miniverletzungen in der Muskulatur sorgen für Schwellungen) auch dazu führen können, dass die Muskulatur sich innerhalb weniger Tage „praller“ anfühlt und der Umfang wächst.

Jemand, der also dieses Phänomen erlebt, und dann die obige Erklärung „Muskelwachstum“ hört, wird vermutlich sogar ein gewisses Aha-Erlebnis haben und denken „Stimmt, meine Muskeln sind sogar spürbar größer geworden!“

Am Ende ist auf die Art sozusagen die perfekte Fettlogik entstanden:

  • Die grundsätzlichen Fakten sind durchaus wahr und knüpfen an Allgemeinwissen an oder sind durch google leicht zu bestätigen. Es wirkt in keiner Weise fragwürdig auf den Laien, wenn man bei „sportliche Aktivität“ auf „Muskelaufbau“ und von „Muskelaufbau“ auf „höherer Energieverbrauch“ schließt.
  • Die Erklärung ist schlüssig und nachvollziehbar
  • Die Erklärung deckt sich mit dem subjektiven Empfinden („Muskeln fühlen sich sogar größer an“)

Und wie klassische Fettlogiken sind die Grundannahmen nicht direkt falsch, ihre Wirkung wird lediglich drastisch überschätzt (ähnlich wie z.B. beim „Hungermodus“ oder der Schilddrüse) weil die konkreten Zahlen meist nicht bekannt sind. Ich hatte dazu auch schon einmal ein Comic erstellt:

stoffw

8 Gedanken zu “Wie Fettlogiken entstehen

  1. Litschi

    Gibt noch einen weiteren Faktor, warum Wasser eingelagert wird: Schlafmangel, Stress und Ausdauersport fördern die Produktion von Cortisol und ein erhöhter Cortisolspiegel führt zu Wassereinlagerungen. Sobald wieder mehr geschlafen wird, der Stress der Wanderung abfällt, werden auch die Wassereinlagerungen wieder ausgeschieden.

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  2. Oliver K

    Eine Frage: Immer wieder werden hier (auf dieser Seite) „Wassereinlagerungen“ genannt, die mehrere Kilo Koerpergewicht betragen koennen. Mir (persoenlich) ist dieses Phaenomen vollkommen unbekannt: Ich gehe schon jeden Tag auf die Wage, und bemuehe mich auch um Praezision — und die Schwankungen sind sehr gering. Wenn ich zugenommen habe in der Vergangenheit, dann langsam und konstant, und bei Abnahme ebenso. Habe niemals das Auf-und-Ab beobachtet, dass anscheinend vielen hier sehr bekannt ist.

    Allgemeine Bemerkung: Das hier betrachtete Phaenomen ist meines Erachtens ein ganz fundamentales Problem von allen allgemeinen Diskussionen, die man zur Zeit weltweit findet: Es wird immer rhetorisch argumentiert, eigentlich nie werden die genaueren Zusammenhaenge betrachtet. Diese sind immer kompliziert — und wir *muessen* uns auf diese einlassen, fast niemand aber tut es. In der Politik und sonstwo.

    Man kann diese Diskussionsform auch als dogmatisch bezeichnen: Der konkrete Zusammenhang wird gewissermassen verallgemeinert, wird zu einem „Philosophem“, und dann wird auf dieser allgemeinen Ebene diskutiert. Haefig wohl (immer?) bekommt dies dann eine moralische Komponente.

    Ist doch wohl eine permanentes unterschwelliges Thema auf dieser Seite, dass eine „maschinelle“ Sichtweise des Koerpers angemessen und befreiend ist, waehrend die „Fettlogiken“ immer auch einen moralischen Diskurs fuehren.

    Angeblich ist ja unser Zeitalter das der permanenten Berechnungen, ohne Intuition, Bauchgefuehl etc. — in Wirklichkeit aber leben wir im Zeitalter des reinen Bauchgefuehl, und vielleicht *nirgendwo* wird heute auf allgemeiner Stufe irgendwo gerechnet (weder im Bundestag, noch in einer groesseren Firma — alles Phantasiezahlen).

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  3. Sehr schön aufgeklärt 🙂 Das kenne ich aus meinem Bekanntenkreis. Ich spiele aktiv Fussball und höre immer wieder, das viele der Meinung sind, das man durch Fussballspielen dicke und muskulöse Beine bekommt. Aber wie du schon gesagt hast, zählt Wandern oder eben Fussball eher zum Ausdauersport (und nicht zum Kraftsport). Wer täglich 20 km wandert oder regelmäßig läuft, der baut nicht automatisch Muskelmasse an den Beinen auf. Es sind ganz andere Reize die dort gesetzt werden.

    LG, Tobias

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    1. Irenicus

      @Tobias
      „[zählt] Wandern oder eben Fussball eher zum Ausdauersport“
      Auf Wandern trifft das sicherlich zu. Auf Fussball eher nicht.
      Fussball besteht aus völlig unregelmäßigen Muskel-Belastungen durch Antritte, Sprints und Ballbehandlung. Eine gewisse Grundausdauer ist sicherlich nötig bzw. hilfreich. Aber es ist kein Ausdauersport wie Ski-Langlauf oder Marathon. Deswegen trainiert man ja auch keinen Dauerlauf (zumindestens wenn man halbwegs Ahnung von moderner Trainingsgestaltung hat) sondern macht Steigerungsläufe, Kurzsprints und viele andere Kraftübungen. Und eigentlich alles mit Ball. Nicht nur um die Technik zu verbessern, sondern weil das eben auch die Muskeln trainiert die man wirklich braucht.
      Da selbst die Spitzensportler in 90 Minuten (+Pause) gerade mal 13-15km laufen, zeigt auch dass es eben nicht darum geht ausdauernd und gleichmäßig zu laufen. Ein Marathonläufer schafft in der gleichen zeit 25-30km.

      Und durch Fussball trainiert man natürlich Waden- und Oberschenkelmuskulatur. Davon werden die Beine aber nicht gleich dick wie Baumstämme.

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      1. Mona

        Das ist doch eher Kraftausdauer und kein Krafttraining. Alles was man mehr als 10 mal macht ist doch Kraftausdauer, falls man es mit Gewichten oder mit viel Kraft macht, wie abbremsen oder Sprint.
        Beispiel Fahrrad: Da werden die Beine auch stark von, aber es ist an sich kein Krafttraining, weil man die Kraftausdauer braucht, außer man fährt immer nur Strecken, die 2 Minuten dauern.

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  4. Pingback: Stichwort Gewicht und Bodyshaming | Bellyscience

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