Gastbeitrag: Lobby wider Willen? Die verstrahlten Erfolge der Fat Acceptance

n4Der heutige Gastbeitrag, oder besser Gast-Rant, stammt von „@Nenzija alias @mpertinenzija alias @ZhirkShruti alias Nadine E. Pirat, Metaller, Forentroll, Gamer. Abgebrochenes Informatikstudium. War zu shice in Physik. Schreibt privat und beruflich Kram und bastelt anderer Leute Bücher. Spielt auch mal Herausgeber. Schraubt ab und an Websites zusammen. Arbeitete früher mal beim PEN. Stümperte als Presseschnepfe für die Piratenpartei rum. Kocht gern, isst gern. Mag Krähen.“ – ich habe die Selbstbeschreibung einfach mal übernommen, denn es ist die beste Vorbereitung auf das, was kommt. Ich hoffe, ihr habt mit dem Beitrag so viel Spaß, wie ich ihn hatte 😀

 

Wenn man im näheren oder weiteren Umfeld von „Fettlogik überwinden“
rumgooglet, stolpert man schnell über Vertreter der sogenannten „Fat
Acceptance“, die dieses und ähnliche Bücher als willkommenen Aufhänger
betrachten, um im Quadrat auszuticken, weil es vermeintlich ihren
Grundsätzen zuwiderläuft. Die Fat Acceptance verfolgt das an sich
ehrenwerte Ziel, Übergewichtige zu ermutigen und zu bestätigen (aka zu
empowern) sich in und mit ihrem Körper wohlzufühlen.

Aufgrund meiner eigenen, unguten Erfahrungen mit dem, was Fat
Acceptance-Aktivisten üblicherweise als „Fatshaming“ bezeichnen, finde
ich mich, wenn auch unwillig, mit diesen Leuten in einem Boot wieder.
Denn wie Nadja schon in ihrem eigenen Beitrag [Dickenklischees können
weg] betonte, wartet niemand darauf, dass sich ungefragt Ausrufe des
Bedauerns, Zustandsanalysen, Problemgespräche, Ratschläge, Sprüche,
Spott und Häme über einen ergießen – und schon gleich dreimal nicht,
wenn man dick ist. Und die abschätzigen, peinlich berührten oder einfach
nur aufdringlichen Blicke, die sowieso für jede Person reserviert sind,
die da draußen irgendwie aus der Norm (was immer das sein soll) fällt,
kann man auch steckenlassen.

Ich kenn das gut: Ich war ein dickes Kind und später eine dicke
Erwachsene. Nicht morbid adipös, aber adipös und für einige
Gesundheitsprobleme, die erwiesenermaßen mit Übergewicht korrelieren,
reichte das allemal. Wie ich dazu kam? Trostschokolade,
Mitbringselgummibärchen, Körperkontaktersatztorte, Sabotagekekse und das
Talent von Großmüttern, Tanten und sonstigen Anverwandten bergeweise
Butter, Sahne, Käse und Öl in dennoch leicht schmeckenden und vorzüglich
verdaulichen Gerichten unterzubringen formten, nein, beulten diesen
Körper. Einigen Teilen der Verwandtschaft waren meine mit der Zeit
ziemlich deutlich sichtbaren Gewichtsprobleme komplett wumpe: Sie
fütterten mich viel zu gerne, unter anderem, um andere Teile der
Verwandtschaft damit zu sabotieren, die sich wiederum in (vergeblichen)
Erziehungsmaßnahmen unter Anwendung modernster Fettlogiken übten.

Das beschränkte sich keineswegs nur auf spitze Bemerkungen, die mir als
Beilage zu den nichtsdestotrotz üppigen, vor Butter und Öl triefenden
Hauptmahlzeiten aufgetischt wurden. Man zählte mir auch sonst gerne die
Bissen in den Mund, verweigerte schon mal mit Verweis auf mein Gewicht
bestimmte Lebensmittel: „Bananen machen dick! Iss einen Apfel!“ und
versteckte auf rührend ungeschickte Weise die Süßigkeiten vor mir.

Oder man begrüßte mich mit: „Du bist doch schon wieder dicker geworden!
So kriegst Du nie einen Mann!“ Doch die bei weitem übelste Masche war,
mir Menschen, die dicker waren als ich, als Schreckgespenster
vorzuführen: „Willst Du irgendwann so aussehen wie $PERSON? Dann mach
nur so weiter!“ Auch jene um mein Wohlergehen besorgte Person, die mir
Labberklamotten mit folgender Begründung einredete und kaufte: „Wer so
dick ist wie Du, sollte zumindest nicht wie eine Presswurst rumlaufen!“,
ist meiner ewigen Dankbarkeit gewiß. Danke für diesen Hau. Nicht.

Übergewichtige kamen in meiner Welt auch sonst schlecht weg. In Film,
Funk, Fernsehen, Büchern, Zeitschriften, kurz in den Medien waren sie
tragische Loserhelden, besonders fiese Antagonistenloser, vollpfostende
Belustigungsloser, herumlosernde Heldensidekicks, designierte
Gewichtsloser oder einfach nur Loser. Gewinnen konnten die Typen nur,
wenn ihre Erschaffer pfundweise Moralin in ihre Geschichten einbauten
oder die Figuren am Ende der Geschichte abspeckten (Biggest Loser).
Übergewichtige Menschen scheinen darüber hinaus oft eingebaute
Zielscheiben zu haben, was ich aufgrund meiner vielfältigen
Mobbingerlebnisse – in meinen Rollen als Opfer, Zuschauer, Mitläufer,
aber auch Täter – durchaus bestätigen kann. Diese Erlebnisse formten
meine vier „Grundsätze“:

1. Ich bin dick und sehe scheiße aus.

2. Jede Bemerkung à la „Fette Sau“ meint mich mit.

3. Mein Aussehen ist eine Zumutung, besser mal nicht auffallen.

4. JEDER, der jemandem wie mir ein Kompliment macht, LÜGT. IMMER.

Den daraus folgenden Zustand könnte man selbstgebautes Schneckenhaus
nennen. Darin verkriecht man sich, wenn jemand die richtigen Knöpfe
drückt oder eine Bemerkung macht. Wobei Bemerkungen im Gegenwert einer
stählerne Abrissbirne, die in ein Gebäude aus Pappmaché, Balken und
Leinwand kracht, gemeint sind. Deshalb hege ich für die Beweggründe der
Fat Acceptance durchaus aufrichtige Sympathien. Irgendwo geht es denen
ja immerhin noch drum, dass für Übergewichtige der durchaus vorhandene
seelische Druck rausgenommen wird, was tatsächlich einiges erleichtern
könnte. Könnte.

Ein unangenehmer, nicht wegzukriegender Beigeschmack blieb bei alledem
dennoch und der verstärkte sich während der Lektüre von „Fettlogik
überwinden“ ganz erheblich. „HEAS“, also „Health at Every Size“, ist
meiner Meinung nach kompletter, überheblicher, gefährlicher Bullshit.
Jeder, der den nicht nur gefühlsmäßigen Unterschied zwischen einem
übergewichtigen und einem schlanken Körper aus eigener Erfahrung kennt,
weiß, was ich meine. Das Benennen von Gesundheitsrisiken als
„fatshamend“ zu brandmarken ist Anmaßung und Verdrängungsleistung
zugleich, und offenbart eine geradezu irrsinnige Denke: „Wenn wir die
bösen Fakten nur lange genug leugnen, gehen sie ja vielleicht weg. Und
damit sie schneller weggehen, müssen wir nur ganz viel aggro zu den
fatshamenden Wichsern sein, die uns Gesuundheitsrisiken einreden wollen,
und uns währenddessen ganz fest die Ohren zuhalten.“

Irgendwo haben sie ja recht: Abnehmen sollte man in erster Linie nicht,
weil es irgendein Schönheitsideal, irgendwelcher Fummelkram von der
Stange, verkackte Frauenzeitschriften, dahergelaufene Idioten in der
Familie, in der Peergroup, auf der Strasse, auf Twitter oder in einer
Kommentarspalte von einem verlangen. Egal, wie besorgt sie tun. Und dann
haben sie wieder unrecht: Man sollte eine Gewichtsreduktion in Erwägung
ziehen, weil diese einen Zugewinn an Gesundheit, Lebensqualität und
Lebenszeit bedeuten kann. Ja, Lebenszeit! Doch die Fat
Acceptance-Bewegung mauert da grundsätzlich. Irgendwann später, wenn die
Dicken nicht kollektiv mehr unter Druck sind, können sie ja abnehmen.
Also erlebe ich das nicht mehr, oder wie? Und dieses Herumspielen mit
anderer Leute Lebenszeit nehme ich der Fat Acceptance ÜBEL. Denn dabei
verzeichnet sie Erfolge, die man so mancher politischen Bewegung kaum
zutrauen würde. Und letztlich ist sie ja auch eine politische Bewegung,
wenn auch wider Willen, indem sie auch Unbeteiligte mit am Problem zu
beteiligen wünscht. Sie macht ein Problem Anderer Leute zu einem Problem
Aller Leute. Also Politik.

Und das geht so: Erst baut man sich „safe spaces“ (etwa Internetforen
oder Selbsthilfegruppen), füllt diese mit Gleichgesinnten, bestärkt sich
gegenseitig in seinen Ansichten, erarbeitet Positionen, gründet
Aktionsgruppen, streut seine Ansichten unters Volk, indem man sich in
Abnehmgruppen oder Adipositas-Selbsthilfegruppen, hust, positiv
einbringt, hust, und knüpft Kontakte zu ähnlich gestrickten
Interessengruppen, Journalisten, Politikern und anderen Superspreadern.
Und wenn irgendein Depp ohne Manieren gegen die Fat Acceptance
anbelfert, wird zurückberserkert, am liebsten im Pulk, ein Flamewar
initiiert und ein Riesenfaß aufgemacht. Oder ein Politiker angegangen,
doch verdammt nochmal was zu tun. Und plötzlich ist man Lobbyprinzessin.

Das wirkt zutiefst organisiert und homogen? Ist es nullkommagarnicht. In
Zeiten einer auf Massen-Domino-Effekt, „Klick mich!“ und kurzen
Aufmerksamkeitsspannen getrimmten Social-Media-Aufreger-Gesellschaft
wirkt so einiges organisierter und homogener als es in Wirklichkeit ist.
Und die übergewichtige, unsportliche und insgesamt bequeme
Durchschnittsbevölkerung ist durchaus offen für eine Politik, die an den
Symptomen rumdoktert, aber die Ursachen von Problemen nicht beseitigt.
Wie so oft.

Und wie in anderen politischen Bewegungen kristallisieren sich
irgendwann mehrheitsfähige Positionen und die dazugehörigen Einpeitscher
heraus, die „Whips“ (ein Schelm, der Miracle dabei denkt, hrhr). Der
Begriff stammt aus dem britisch-US-amerikanischen Parlamentarismus und
trifft: „Whips“ sorgen dafür, dass Abgeordnete bei knappen politischen
Abstimmung nicht nur anwesend sind, sondern auch im Sinne der
Parteilinie abstimmen. „Whips“ haben das Sanktionsrecht und machen
knallhart davon Gebrauch – bis hin zum Parteiausschluss.

Praktisch jedes geschlossene Weltbild funktioniert so. Man trimmt „seine
Leute“ auf Linie, ekelt alle, die eine differenzierte oder gar
abweichende Position vertreten, raus, igelt sich ein und wartet auf den
politischen Dammbruch. Der ist jetzt da: Als erste traditionelle
Volkspartei ist die SPD offen fettakzeptant. Auf ihrem ordentlichen
Bundesparteitag im Dezember wurde die Annahme des Positionspapiers
[Keine Chance für Fat Shaming – Es den Dicken leichter machen] beschlossen, Zitat:

„Es ist daher längst an der Zeit sich von der Vorstellung, dass nur eine
bestimmte Art von Körpern schön und gesund sein kann, zu verabschieden.“

Hä? Schön ist aber schon noch mal was anderes als gesund, ne?

[Wir fordern daher] dass die Einteilung der WHO
(Weltgesundheitsorganisation), welcher BMI-Bereich über- und
untergewichtig ist, revidiert und realen Gegebenheiten angepasst wird.

WTF? Okayyy … Fordern kann man ja viel, aber was muß man geraucht
haben, um die durchaus realen Gegebenheiten auf DIESE Weise zu bewerten?
Wenn es nach der SPD geht, liegt die Realität aka das Übergewicht im
Auge des Betrachters, sind gesundheitliche Risiken und Grenzwerte bloße
Begriffe, die von einer Regierungspartei in einem Positionspapier
beliebig um- oder wegdefiniert werden können. Und Gewichtskontrolle hält
Frauen bekanntlich nur von den wichtigen Dingen des Lebens fern
– so fasst Hannah Beitzer in der in der SPD-nahen Süddeutschen Zeitung
ein Buch der US-Vorzeigefeministin Laurie Penny zusammen:

„[…] Die britische Journalistin berichtet in ihrem Buch „Meat Market –
Female Flesh and Capitalism“ von ihrer eigenen Essstörung, die ihr
Interesse an Politik, Literatur und Musik schwinden ließ, weil sie nur
noch über Essen sprach, an Essen dachte. Vor so einer Frau müsse niemand
Angst haben – denn statt der Revolution beschäftige sie ein möglichst
geringer Kalorienverbrauch […]“

Die meisten Frauen hätten aber gar keine Essstörung, so Beitzer weiter,
sondern würden von der kapitalistischen Verwertungslogik unterdrückt,
welche sie zum Humankapital degradiere und dem Zwang unterwerfe, groß,
schlank und sportlich zu sein, um gute Jobs ergattern zu können (siehe
SPD-Positionspapier, Absatz 4) und alle, die davon abwichen und so das
Idealverwertbarkeitspotential der humanen Rohstoffe empfindlich störten,
zu bestrafen. Sie beendet den Artikel mit dem Fazit, dass echte Freiheit
so nicht aussähe.

Wie sieht echte Freiheit aus? Ist das, was die Fat Acceptance-Akteure
und die SPD da propagieren, echte Freiheit, echtes Empowerment? Mal zur
Erinnerung: Empowerment hat mit dem Erlangen von (Handlungs)Freiheit,
Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit zu tun. Frei ist man, wenn
es einem selbst überlassen ist, Informationen zu bewerten und eigene
Entscheidungen zu treffen. Freiheit ist, wenn man sein selbstgebautes
Schneckenhaus da lassen kann, wo es hingehört: in die Grabbelkiste für
seelische Krücken und antrainierte Fehlhaltungen.

Doch was würde denn passieren, wenn Grenzwerte wie der Body Mass Index
durch die Einwirkung von Lobbygruppen oder durch sie beeinflusste
Regierungsparteien quasi von oben herab umdefiniert würden, damit sie
deren Begriff von „Realität“ entsprächen? Wäre das ein Zugewinn an
Freiheit? Oder wäre das nur die parteipolitisch verordnete
Beruhigungspille für Dicke, die nichts daran ändert, dass man trotzdem
noch übergewichtig oder gar adipös ist, mit allen psychischen und
gesundheitlichen Konsequenzen? Und währenddessen rutschen
normalgewichtige Menschen unvermittelt ins „krankhafte Untergewicht“ und
werden stigmatisiert? Tolle Wurst, liebe Fat Acceptance und liebe SPD!
Wirklich!

Und wie hätte ich mir das als arglose Dicke in letzter Konsequenz
vorzustellen? „Tja sorry, Frau E., es ist wohl Diabetes Typ 2 und Ihr
Kreuz ist wohl auch hinüber. Und das, obwohl Ihr BMI mit 31 noch im
liebreizenden Bereich liegt. Hier sind Ihre Insulin-Tabletten und
versuchen Sie halt, sich damit einzurichten. Und nehmen Sie ja nicht ab,
damit würden Sie ja doch nur in den fatshamenden Gewichtsbereich rutschen.“

Ich bin mittlerweile im fatshamenden Gewichtsbereich, weil ich
„Fettlogik überwinden“ gelesen habe. Mehrmals. Trotz anfänglicher
Zweifel, aufgrund verinnerlichter Fettlogiken. Allen voran kam „Ich bin
halt so gebaut“ (Wurde mir wirklich eingeredet.) und gleich hinterher
„Wenn man sich auf Gewicht X runterhungert, muss man hinterher SEIN
LEBEN LANG um dieses Gewicht KÄMPFEN! SALATBLÄTTER ZÄHLEN! HUNGERN! KALT
DUSCHEN! FRÜHSPORT! VERKNIFFENHEIT! NIE WIEDER SÜSSKRAM!“ Uuuuurgh…
Ausführliche Infos dazu gibt es in meinem Blogstöckchen vom letzten
September.

n1

Nadja war so nett, mir die Zweifel zu nehmen. Das kann sie gut. Es
folgte ein angenehmes Gefühl der Leichtigkeit, das sich bis heute
erhalten hat. Die Art des Abnehmens stand mir frei, die Höhe des
Defizits konnte ich ebenso wählen, wie die Art der sportlichen
Aktivitäten und den Zeitraum der Abnahme. Gelegentliches Fressen war
drin, gelegentliches Saufen war drin, gelegentliches Fressen und Saufen
und mich am Arsch lecken lassen auch und ich habe bis heute nicht das
Gefühl, mich in irgendeiner Form einzuschränken. Und hin und wieder
dusche ich kalt. Brrr.

n3

Und es hat geklappt: Von anfänglichen 97 Kilogramm sind ca. 25 Kilogramm
runter, ich wiege jetzt zwischen 72 und 74 kg, je nach Wasserstand,
Hormonstatus und Esslust. Das Ende der Fahnenstange dürfte so langsam
erreicht sein, da mein Körper ohne großartiges Krafttraining
(Pilateskurs 1x wöchentlich, ein paar Eigengewichtsübungen, etwas Yoga,
ab und an Radfahren und Spazierengehen) einigermaßen gut bemuskelt und
mittlerweile doch recht schlank ist. An Arsch und Beinen sitzt noch das
meiste Fett, aber irgendwas ist ja immer. Da ich aber neuerdings zwei
Abnehmpartner habe, werde ich wohl noch solidarisch mit Kalorien zählen,
sporteln sowieso und dann mal sehen, ob das Gute noch besser wird, denn
wie es gewichts- und sportmäßig mit mir weitergeht, liegt komplett in
meinem Ermessen. Und wird nicht von jener kleinen Realitätsverzerrung
dominiert, in der Fat Acceptance und SPD offensichtlich leben. Zum Glück. ^^

Dadurch kann ich auch das neue (und für mich erstaunliche)
Hungerhaken-Geunke (Hungerhaken? Ich?) besser wegblenden als die
Bemerkungen zu meinem Übergewicht früher. Weil ich mich meinem Körper
nicht mehr so ausgeliefert fühle (es sei denn, er blutet, bunkert Wasser
oder kreislaufkollapst, der Arsch). Dazu kommt: Um wirklich ein
„Hungerhaken“ zu werden, esse ich viel zu gerne und gerne auch mal
zuviel. Allerdings habe ich festgestellt, dass es mir tierischen Spaß
macht, im Rahmen meiner selbstgesteckten Kalorien- und Nährstoffvorgaben
neue Zutaten auszutesten und daraus eigene Kochrezepte zu stricken. Sind
keine Wunderrezepte, eher Abwandlungen von Bewährtem, aber da ich es
derzeit für den einen Abnehmpartner auch auf fddb veröffentliche, sollte
ich den Kram vielleicht auch mal kochen, fotografieren und verbloggen.
Demnächst, versprochen.

Auch sonst hat sich das eine oder andere geändert – oder ist gleich
geblieben: Ich hab seit September endlich wieder einen Job, in dem ich
mich absolut wohlfühle. Ich bin wider Erwarten kein
rüschenkleidchentragendes Weibchen geworden, stehe immer noch auf
martialische Klamotten und habe meine frühere Vorliebe für extrem kurze
Haarschnitte wiederentdeckt. Also renne ich fast nur noch ungeschminkt,
in schwarzen T-Shirts, groben Schuhen und mit 7-mm-Schnitt rum. Weil ich
es kann. Hurra! Ich bin selbstsicherer geworden und all das fühlt sich
für mich grade verdammt großartig an. Das ist geil, das ist Freiheit,
das ist echtes Empowerment und: Danke, Nadja!!!

n2

Selbstsicherheit ist jedoch KEIN automatisches Nebenprodukt einer
Gewichtsreduktion und ich werde den Teufel tun, Menschen, die mit ihrem
Leben und ihrem Körper im Reinen sind, zur Gewichtsveränderung hin
missionieren zu wollen. Umso fassungsloser machen mich die teils doch
recht rüpelhaften Versuche der Fat Acceptancler, Leute runterzuziehen,
die sich für’s Kalorienzählen entscheiden oder, Gott behüte, wagen UNTER
ihrem GRUNDUMSATZ zu essen. Die Anwürfe, das Gebelfer, die Panikmache,
das Geunke, das Runterziehen, das Kleinmachen und Bevormunden
unterscheidet sich in fast nichts von dem, was mein Umfeld mir, dem
dicken Kind und der dicken Erwachsenen, angedeihen ließ: Alles nur mit
den allerbesten Absichten und so abgeschmackt, dass es raucht.

Und sobald die Gestalten mit ihren sektenartigen Argumentationen,
Fettlogiken, Trotzreaktionen, Gewüte und Flamewars nicht mehr
durchkommen, plärrt es sich leicht nach höherer Autorität, sollen es die
Politik, der Staat richten. Und damit wären wir halt wieder bei der SPD,
die sich wohl den Goodwill einer Lobbygruppe sichern will, die einem –
so suggeriert es der deutsche Durchschnitts-BMI – möglicherweise große
Wählergruppen ins Netz treibt. Nur zur Erinnerung: Die SPD ist eine von
vielen Parteien, die vor nicht allzu langer Zeit noch Zucker und Fett
besteuern wollten, in den Jammerchor über immer dicker werdende Kinder
mit einstimmten und sich dabei verlässlich auf Studien und Statistiken
der WHO beriefen. Diese Partei greift nun Grenzwerte der WHO an, die
gesicherter Forschungsstand sind und deshalb als verbindlich gelten können.

Hallo?! Hallooo, SPD??! Irgendjemand zuhause??! Ist Euch eigentlich
bewusst, was Ihr da für einen krassen Shice mit Grenzwerten treibt? Ja,
der BMI ist ein verfickter Grenzwert! Eine durch Studien und Statistiken
zigfach bestätigter Rechengröße, die das Körpergewicht ins Verhältnis
zur Körpergröße setzt, ergo ein Grenzwert für Über- und Untergewicht!
Das hat mal überhaupt nix mit Schönheit zu tun, Ihr Schwätzer!

Aber es gibt doch statistische Ausreisser! Natürlich gibt es die!
Natürlich haben irgendwelche Leute eine angeheiratete Schwippschwägerin
dritten Grades in der buckligen Verwandtschaft, die jeden Tag drei
Sahnetorten geschafft und mit 180kg ihren Hundertsten gefeiert hat! Aber
solche Familien haben auch angeheiratete Groß-Cousins vierten Grades,
die mit 98 noch jeden Abend drei Packungen auf Lunge gequarzt, ansonsten
noch wie die Löcher gesoffen haben und keinen Tag unter Tage gefehlt
haben! Im Uranbergbau!

Ich will mir gar nicht ausmalen, wie schrill die SPD schreien würde,
wenn irgendeine andere politische Partei die derzeitigen Grenzwerte für
Radioaktivität „realen Gegebenheiten anpassen“ wollen würde, weil es
längst an der Zeit sei, „sich von der Vorstellung zu zu verabschieden,
dass nur bestimmte Arten von Strahlenbelastung schön und gesund sein
können.“ („Mein angemieteter Ururgrossvater dritten Grades aus der
Seitenlinie zur linken Hand hatte ein Ferienhaus in Sichtweite der
Nevada Test Site und war nie einen Tag krank! Kein Shice!“)

Vielleicht sollte mal jemand „Plutonium Acceptance“ fordern und die
„HEAD“-Bewegung ausrufen. „Health At every Dose!“ sei das Motto!
Verstrahlt, ach was, Hauptsache lustig! Denn schließlich reagiert jeder
Mensch ganz individuell auf Strahlenbelastung und nur weil manche Leute
Krebs oder Strahlenkrankheit kriegen, hat das ja nix zu heißen, ne?

48 Gedanken zu “Gastbeitrag: Lobby wider Willen? Die verstrahlten Erfolge der Fat Acceptance

  1. silke

    Das geilste: „Körperkontaktersatztorte“ 😛 Hehehehe…

    Beim Lesen hab ich grad einen Entschluss gefasst:
    Alle die mein Leben lang an meiner Figur rumgemeckert, mich seit jüngster Kindheit (obwohl ich damals nicht übergewichtig war) seelisch zutiefst verletzt haben und es bis Heute tun (die von der Autorin so nett bezeichneten dahergelaufenen Idioten von Familienmitgliedern), ALLE die mir ihre scheiss Fettlogiken aufgesetzt haben wie viel zu kleine hässliche Hüte, alle Die sollen sich nicht wagen mir zukünftig irgendwelche weiteren beschissenen RatSCHLÄGE zu erteilen.

    Auch wenn Ich vor lauter Schlankheit bei einem Sturm drohe wegzufliegen, sollen Sie ihren Mund halten…

    Die werden ganz klar gesagt bekommen das Sie sich JETZT für immer zurückhalten dürfen.
    Ich werde mich umdrehen und gehen.

    Auch das Lob brauch ich nicht… können sie alles behalten.

    Und das hat nix mit Fettacceptance zu tun – aber eines sehe ich nach wie vor so:

    Jeder Mensch will geliebt und von anderen akzeptiert werden. Egal ob klein oder gross – dick oder dünn…
    Und niemand hat das Recht anderen das Leben zur Hölle zu machen!

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    1. nenzija

      Es gibt selbst bei „idiotischen“ Verwandten gewisse Abstufungen: Solche, die sich dann ehrlich freuen, weil das, was sie sich für die betreffende Person wirklich gewünscht haben, weil es sie wirklich gestört hat, doch noch in Erfüllung gegangen ist.

      Und dann gibt es noch andere, die sich bei einem sichtbaren Erfolg (egal was) auf das nächste Defizit verlagern, weil sie womöglich gar nicht imstande sind, außerhalb dieser Schiene zu denken.

      Am besten ging es mir, als ich merkte, dass ich mich zwar über das ehrliche Lob und die Freude gefreut hab, aber auch, dass ich nicht darauf angewiesen bin.

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  2. Pingback: Donnerstag, 91,3 kg « Intervallfasten 5 : 2 Diät Tagebucheintragungen

  3. Mona

    „Oder man begrüßte mich mit: „Du bist doch schon wieder dicker geworden!
    So kriegst Du nie einen Mann!“ Doch die bei weitem übelste Masche war,
    mir Menschen, die dicker waren als ich, als Schreckgespenster
    vorzuführen: „Willst Du irgendwann so aussehen wie $PERSON? Dann mach
    nur so weiter!“ Auch jene um mein Wohlergehen besorgte Person, die mir
    Labberklamotten mit folgender Begründung einredete und kaufte: „Wer so
    dick ist wie Du, sollte zumindest nicht wie eine Presswurst rumlaufen!“,
    ist meiner ewigen Dankbarkeit gewiß. Danke für diesen Hau. Nicht.“

    Oh man, ich kenn diese ganzen Sprüche auch viel zu gut. Bei mir bezog es sich dann auch noch auf meine Intelligenz, Kleiderwahl, Schmuckwahl, eigentlich auf jedes Verhalten und insbesondere auf alles, was mich individuell macht und mir besonders wichtig war. Egal was und wie ich es gemacht habe, alles war falsch, ich war das scheiß-Kind, alle anderen Kinder der Welt sind ja viel besser in allem.

    Ich fühle mich seit letztem Jahr auch viel freier in allem. Es hat vielleicht ein bisschen mit meinem Gewicht zu tun, aber größtenteils nicht, weil ich als Kind und Jugendliche immer schlank war und trotzdem mich extrem fremdbestimmt fühlte und mich niemals wehren durfte.

    Eine Kritik: Ich finde die alte Brille hübscher auf den Fotos als die neue. Über Geschmack lässt sich so gut streiten. 😉

    Deine 4 Grundsätze galten für mich auch immer. Ich müsste beim ersten das dick streichen, weil ich nur das hässlich im Vordergrund hatte. Beim zweiten müsste ich es mit „dumme Kuh“ ersetzen. (Auch wenn man objektiv gesehen viel kann und gute Noten schreibt, zweifelt man irgendwann, wenn man ständig dumm genannt wird, insbesondere als Kind.)

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    1. nenzija

      „Egal was und wie ich es gemacht habe, alles war falsch, ich war das scheiß-Kind, alle anderen Kinder der Welt sind ja viel besser in allem.“

      Ja. Das und Sprüche à la: „Ja, wenn Du nur XYZ tun würdest, dann wäre alles gut, aber Du tust ja eh nicht dergleichen.“ Nicht immer, nicht von allen. Zugute halten muss ich allen Beteiligten, dass einige von ihnen verflucht jung waren (Ich bin das erste Kind meines Vaters) und die Gesamtsituation, in der sich alle befanden, die meisten Leute einfach überfordert hätte. Aus Gründen.

      „Ich finde die alte Brille hübscher auf den Fotos als die neue. Über Geschmack lässt sich so gut streiten.“

      Ich trage beide. ^^ Sie haben die selbe Stärke und ich habe sie vor ein paar Jahren gleichzeitig machen lassen. Die mit dem Kunststoffgestell trage ich zugegebenermaßen seltener als die schmalere, und grundsätzlich nicht, wenn ich arbeiten bin. Nicht, weil sie weniger hübsch wäre, aber wenn ich müde bin oder einen schlechten Tag habe, wirke ich mit dem Ding auf der Nase durchaus bedrohlich, während die andere schlechte Stimmung tatsächlich noch ein bisschen kaschiert.

      „Auch wenn man objektiv gesehen viel kann und gute Noten schreibt, zweifelt man irgendwann, wenn man ständig dumm genannt wird, insbesondere als Kind.“

      Bei mir lauteten die Koseworte „siebengescheit“, „neunmalklug“, „altklug“, „vorlaut“. Sobald ich lesen konnte, las ich fast alles, was mir in die Finger fiel, außer es war langweilig und das war nicht okay, weil es mich ihrer Meinung nach davon abhielt, wie „normale Kinder“ rauszugehen und mir die Lunge aus dem Leib zu toben. ^^

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  4. Ich finde das verschenkte Potential der Fat Acceptance-Bewegung so schlimm – es ist so wichtig, Menschen zu ermutigen, dass sie sich für ihren Körper nicht schämen müssen (mehrer Personen, die jahrelang nicht im Schwimmbad waren, hab ich erst überzeugen müssen, dass es okay ist, seinen dicken Körper in Badekleidung zu zeigen, bevor wir eine tolle Zeit im Schwimmbad hatten); zu überzeugen, dass „schön“ nicht an eine Konfektionsgröße gebunden ist und auch ein nicht ganz gesunder Körper schön sein kann, dass es auch okay ist, wenn man (momentan oder auf Dauer) nicht abnehmen _möchte_ … und dann kommen die Leute mit dem „Health at every size“-Mist um die Ecke und machen die tollen Grundlagen zunichte und sich unglaubwürdig und ihre Anliegen lächerlich. Ach Mann …

    Ebenso ist es wichtig, gegen tatsächliche Diskriminierung übergewichtiger Menschen vorzugehen (z.B. teils bei der Jobsuche) und gegen Mobbing und Abwertung – aber doch nicht, indem man Risiken wegdefiniert. Geänderte BMI-Grenzen machen keinem Dicken das Leben leichter …

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  5. Geiler Artikel und schöne Bilder (ich habe auf deinem Blog gerade gelesen, dass du Jahrgang 76 bist?! Dafuuuuq?!?!) 🙂

    Inzwischen kriege ich nur noch Aggressionen, wenn ich über die FA-Bewegung stolpere. Dabei geht es mir da so wie du: Ich habe viele saublöde Sprüche in meiner Kindheit und Jugend mitbekommen und kann das Anliegen „Wir sind gegen Fatshaming und für Empowerment“ eigentlich voll unterstützen.

    Aber der Rest!!! MIr ist klar, dass Dicksein bei vielen ein sensibles Thema ist, aber es kann doch nicht sein, dass ich als eher kontroverse Feministin bei X Themen hart anecke und mir viele das trotzdem verzeihen, aber ausgerechnet beim Thema Abnehmen plötzlich einen Shitstorm an den Hals kriege, bei dem nicht nur dicke FA-Aktivistinnen mir massenhaft Dinge in den Mund legten, die ich nie gesagt habe, sondern auch DÜNNE Aktivistinnen auf mich eindroschen, weil ich es WAGE, so sein zu wollen wie sie!!!

    Was ist das bitte für ein Verständnis von weiblicher „Power“, wenn diese Menschen massenhaft Leute wegblocken, nur weil die es wagen, das Wort „Diät“ auszusprechen, und sogar Triggerwarnungen dafür fordern, weil ein Text über Abnehmen „traumatisieren“ könnte -während gleichzeitig Leute zusammen geschrieen werden, wenn sie den winzigen Lapsus begehen, „Idiot“, „irre“ oder „autistisch“ zu sagen, weil das ja soooo arg ableistisch ist?!

    Ich habe in den letzten Monaten gelernt, dass die FA-Bewegung die ableistischste Sprache überhaupt verwendet, indem sie nämlich Begriffe munter umdeutet, die für extremste psychische Belastungen gedacht sind (Krieg, Vergewaltigung, Entführung, Geiselnahme), das aber gleichzeitig niemanden stört, denn „Fatshaming“ ist auf dem Diskriminierungsranking inzwischen einsame Spitze. Es gibt praktisch NICHTS schlimmeres auf der Welt!

    Gefällt 1 Person

    1. „Was ist das bitte für ein Verständnis von weiblicher „Power“, wenn diese Menschen massenhaft Leute wegblocken, nur weil die es wagen, das Wort „Diät“ auszusprechen, und sogar Triggerwarnungen dafür fordern, weil ein Text über Abnehmen „traumatisieren“ könnte -während gleichzeitig Leute zusammen geschrieen werden, wenn sie den winzigen Lapsus begehen, „Idiot“, „irre“ oder „autistisch“ zu sagen, weil das ja soooo arg ableistisch ist?!“

      Das finde ich in sich durchaus konsistent. Worte sind böse, also wird die Welt besser, wenn man böse Worte abschafft…

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      1. Du verstehst nicht. Es ist viel ableistischer, etwas als „traumatisch“ zu bezeichnen, was es nicht ist, und psychologische Fachbegriffe wie „Trigger“ zu nutzen, wenn es einfach nur um „Da fühle ich mich mies dabei“ geht. Man kann nicht Belanglosigkeiten unfassbaren Ableismus unterstellen und dann bei SOWAS total lax sein, nur um das Bild aufrecht zu erhalten, dass es die Dicken am schwersten haben.

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    2. nenzija

      Du bist heute die zweite Person, die ihr persönliches Dafuuuuq-Erlebnis damit hat, dass ich fast vierzig bin. 😉

      Wenn ich hundertprozentig ehrlich bin, dann hat mich das Thema Abnehmen ab einem gewissen Zeitpunkt auch deshalb so sehr aufgeregt und frustriert, weil ich tief in mir drin ganz genau wusste, dass ich diejenige bin, die dahingehend eigentlich das Heft in der Hand halten sollte. Nur ist zu diesem Thema mittlerweile soviel Material draußen und vieles davon so krass widersprüchlich, dass man sich mit Vorliebe an die Sachen krallt, die der eigenen Bequemlichkeit am meisten entgegenkommen. Und – das sollte man ebenfalls nicht unterschätzen – der Bequemlichkeit des näheren Umfelds. Alles andere blendet man aus. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich es zwanzig oder dreißig Kilo später wirklich noch über mich gebracht hätte, abzunehmen.

      Das erhöht wiederum mein Verständnis für die FA: Sobald man sich aber ganz fest eingeredet hat, dass sich bestimmte Dinge ohnehin nie ändern werden, einfach, weil man den Gedanken an eine Änderung bereits aufgegeben hat, regt jede Information, die etwas anderes durchblicken lässt, natürlich fürchterlich auf. Ulkigerweise ist das ein Stress, der durch Hoffnung erzeugt wird. Hoffnung, es doch nochmal rumreißen zu können, doch ein Sieger sein zu können, selbst wenn es nur der Sieg über den eigenen Schweinehund ist oder aber über diejenigen, die einen irgendwann als „Fette Sau“ bezeichnet haben oder was sie halt sonst so von sich geben. In dieser Gefühlsmelange spielt auch durchaus die Angst mit, auf halbem Wege zu scheitern und dann sitzt man erst recht im Dreck. Zudem ist Scheitern verpönt, das mag man nicht, das soll man ja nicht, alles soll bitteschön perfekt sein und wenn es das nicht ist, was hat das ganze dann für einen Sinn?

      Und Empowerment kann zurückbeißen. Wenn ich als Aktivistin für was auch immer jemanden so halb aus dem Dreck ziehe, ist das sehr nett von mir und ich kann mir gut vorkommen. Doch was passiert, wenn ich deren Probleme wirklich löse? IMHO zweierlei:

      a) Ich reduziere die Anzahl der zu Empowernden und muß mir möglicherweise irgendwelche neuen Probleme suchen, bei denen ich zeigen kann, was für eine tolle Aktivistin ich bin.

      b) Wiee, die armen Würstchen sind mit einem Mal auf Augenhöhe und gucken gar nicht mehr zu mir hoch? WTF? Am Ende bilden die sich ein, sie wüßten, könnten oder seien besser als ich und iiich hab nix mehr, woran mein Ego hochziehen kann? Neeee!

      Therapeuten, Lehrer und generell Leute, die Menschen heranbilden, aufbauen, bestärken lernen vermutlich irgendwo in ihrer Ausbildung oder im Laufe ihres Berufslebens, dass der Patient oder der Schüler irgendwann die Hilfestellung und demzufolge ihre Person nicht mehr benötigt oder sogar stärker wird als sie selbst. („Some Kind of Monster“ ist ein geiler Film zu dem Thema, guck Dir den mal an.)

      Aber hat eine FA-Aktivistin, die da nur rumspringt, weil sie aufgrund eines eigenen Problems (egal wie das aussieht) da unterwegs ist, wirklich die Power, Menschen, die sie sich einmal gekrallt hat, letztlich auch wieder loszulassen? Natürlich sind nicht alle so, aber bei den besonders aggressiven und verbissenen Exemplaren liefert das möglicherweise eine annähernd stimmige Erklärung: Sie haben keine Power und obendrein Angst vor dem Verlust ihres ohnehin wackligen Status.

      Was die Sprachfeinheiten angeht: Betroffene nervt es tierisch, wenn irgendein gefühlskaltes Arschloch in der bunten, aber auch weniger bunten Presse unter „autistisch“ läuft oder irgendwas, das einfach nur scheiße ist, unbedingt als „behindert“ bezeichnet werden muß, weil sich der Schreiberling wie Jackass persönlich fühlen möchte. Dass Betroffene fast auf täglicher Basis ausflippen, auch weil es ihnen zugetragen wird oder weil es auf Twitter oder Facebook halt schneller an sie rankommt, ist nachvollziehbar. Ich kann es verstehen, auch wenn ich denke, dass manchmal einfach auch sehr schnell überreagiert wird.

      Und die aus den Grenzbereichen umgewidmeten Begriffe (und Triggerwarnungen) sind auch nachvollziehbar: Man ist der Auffassung, dass die Menschheit zunehmend abstumpft und zuvielen Einflüssen ausgesetzt ist, die man zu übertönen wünscht. Also denken einige, dass der Sprachgebrauch und die Mittel, die nötig sind, um diesem abgestumpften Publikum das Anliegen eindringlich genug zu vermitteln, entsprechend aufgemotzt werden muß, so á la „Pimp my Language“. Und wenn man alledem noch eine Triggerwarnung vorschaltet, werden sie es GARANTIERT lesen. Das ist zumindest mein Verdacht.

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    3. „Aber der Rest!!! MIr ist klar, dass Dicksein bei vielen ein sensibles Thema ist, aber es kann doch nicht sein, dass ich als eher kontroverse Feministin bei X Themen hart anecke und mir viele das trotzdem verzeihen, aber ausgerechnet beim Thema Abnehmen plötzlich einen Shitstorm an den Hals kriege, bei dem nicht nur dicke FA-Aktivistinnen mir massenhaft Dinge in den Mund legten, die ich nie gesagt habe, sondern auch DÜNNE Aktivistinnen auf mich eindroschen, weil ich es WAGE, so sein zu wollen wie sie!!!“

      Das ist doch nur konsequent. Die Welt wird, wie Björn richtig anführt, durch Sprache geschaffen und es geht bei allem geschaffenen um Macht. Macht wird hier ausgeübt, indem bestimmte Körper als Gesund oder schön dargestellt werden, andere aber nicht.

      Aus der feministischen Theorie, wie sie sie auch bei Geschlecht, Rasse etc anwenden, folgt daher, dass jeder, der Druck ausübt, dass man eine Körperform haben soll oder einem Schönheitsideal entsprechen soll, diesen zustand fördert und festschreibt und den bestehenden Machtverhältnissen zuarbeitet.

      Solange man nicht diese sehr simple Theorie an sich angreift wird man auch im Bereich Fat Acceptance keine Änderung hinbekommen.

      Es braucht also eine umfassende Kritik der intersektionalen Privilegientheorien. (Also in gewisser Weise einen Antifeminismus)

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  6. Bitzeli

    Ich spinne den Lobby-Gedanken mal weiter (ich mag ja Verschwörungstheorien):
    die Fat Acceptance-Bewegung könnte doch von der Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie initiiert sein…

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    1. Also, wenn ich in der Nahrungsmittelindustrie wäre, und in vielen Parlamenten ernsthaft darüber diskutiert wird, Fett und Zucker extra zu besteuern, hielte ich es für eine vertretbare Betriebsausgabe, irgendeiner Fatacceptance-Aktivistin einen Kasten Cola mit extra viel Zucker zuzuschicken. Ehrlicherweise würde ich meinen PR-Typen feuern, wenn der das nicht zumindest unauffällig unterstützt. Leute, die Lebensmittel aus politischen Gründen kaufen (oder nicht) glauben ja an den Quark. Vernünfigen Menschen ist das doch egal – ich zB mochte True Fruits Smoothies auch schon, bevor ich wusste, dass die von sexistischen Rassisten hergestellt werden.

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  7. Ahoi! Ja, da merkt man die alte Piratin, erst denken, dann den Mund aufmachen, kritisch sein und nicht alles glauben. Vielen Dank für diesen Artikel, ich habe herzhaft gelacht. Du hast so genau beobachtet und es so schonungslos rüber gebracht, dafür ein großes Danke von mir.

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    1. Michael Mendelsohn

      … und natürlich expandiert das Blog meinen Link sofort, so dass mein Nachsatz keinen Sinn mehr macht und außerdem die Kommentarabteilung gesprengt wird. Tut mir leid, war keine Absicht. :-/

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      1. Ich mag den Comic sehr, weil ich das absolut nachempfinde. Es gibt diese Tage, Momente, in denen ich mich wirklich gut fühle und es „gar nicht so schlecht“ aussieht im Spiegel. Doch ich sitze den ganzen Tag im Büro und immer, wenn ich an mir heruntersehe, ist das einzige, worauf meine Augen fokussieren, die Fettrolle, die über den Hosenbund quillt und die zweite Rolle in der Hose selbst. Wenn ich laufe – in den „richtigen“ Klamotten – finde ich mich toll. Doch im Hintergrund bleibt der Gedanke, dass das alles nur fake ist. Ich weiß, unter den Hüllen bleibt die überschüssige Haut, das Gewabbel am Bauch und im Brustbereich. Ich frage mich, ob sich das jemals ändern wird.

        Zum Artikel an sich: Sehr gut geschrieben, habe ich gern gelesen und ich kann dem nur absolut zustimmen. (Übrigens bin ich auch überrascht, dass du knapp 40 bist, wirklich super Aussehen!)

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  8. Mike

    Hallo Nadine
    Großartiger Rant, dem man deutlich anmerkt, dass er mit Herzblut geschrieben wurde.
    Ich erlaube mir, die Ausdrücke „Beulten meinen Körper“ sowie „Hat 3 Päckchen am tag geraucht, gesoffen wie ein Loch und hat keinen Tag auf Arbeit gefehlt. Untertage. Im Uranbergbau!…“ und natürlich die „Plutonium acceptance“ schamlos zu klauen 🙂

    Deine Bilder sind auch intressant, man merkt, was man alleine durch die Körperhaltung für einen unterschiedlichen Eindruck hinterlassen kann.

    Das Vorgehen der SPD folgt meiner böswilligen Meinung nach einem perfiden Plan: Man propagiert Fat acceptance im Sinne von „Fresst, was und wieviel ihr wollt“ und kurbelt so die Wirtschaft in beiderlei Bedeutung an, gleichzeitig erhöht man die Staatseinnahmen durch Abgaben auf „Ungesundes“. Der „Gesunde“ Ersatz ist eh teurer und bringt damit auch mehr Steuereinnahmen durch die Umsatzsteuer.
    Zugleich werden die Rentenkassen entlastet, weil die Leute früher sterben, Krankenkassen sind eh wurscht, da die Gesundheitsausgaben beliebig kürzbar sind. Bei der Kostensenkung im Gesundheitswesen hilft Verdi ja auch begeistert mit… (Die Leute, die im Gesundheitssystem tatsächlich arbeiten, werden von der Politik anscheinend für hirnlose Zombies gehalten, die irgendwo billig unter der Brücke oder auf dem Friedhof leben und sich von durch Autos plattgefahrenen Tieren ernähren…)

    LG
    Mike

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  9. Wolfgang

    ich habe eigentlich nur darauf gewartet das die Welt umgebaut wird. Ist ja einfacher ein neues gesund zu definieren und ein paar Pillen einzuwerfen. Übrigens werden fette Männer natürlich nicht fatgeshamed. Die sind halt nur dick und hässlich. Wenn Männer sich Buchstaben auf den Bauch malen und mit Bodylove aufgemalt ihre Wampen hüpfen lassen finden das sogar dicke Frauen hässlich.
    Glücklicherweise kann man seine Welt für sich allein auch umdeuten. Mit 20 Kilo weniger ist es geradezu beschwingt leicht. Mit noch 25 Kilo weniger werde ich mich mal mit 45 Kilo Fett fotografieren. Mal sehen ob ich den Fatstorm überlebe.
    ps. liebe Nadine der Slang ist mit neuem Bewusstsein auch überflüssig oder?

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  10. Tina

    „gelegentliches Saufen“
    jährlich sterben in Deutschland an die 80000 Menschen an den Folgen von Alkohol.

    Wenn man den Lobbyismus von Fat Acceptance kritisiert, dann aber bitte auch andere ungesunde Lebensstile, für die es noch viel mehr Werbung und Lobbyismus gibt.

    Das mit den Verwandten und dem ungesunden Essen und dem Stopfen von Kindern mit gleichzeitigen Vorwürfen fällt mir aber auch in meinem Umfeld auf.

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    1. nenzija

      Das „Ja aber, Alkohol!“-Zeigefingerchen. Na schön.

      Mal davon abgesehen, dass ich vielleicht ein- bis zweimal im Monat überhaupt irgendwas „saufe“ und das „Saufen“ sich dann in zwei, drei Bier XOR zwei, drei Glas Wein XOR etwas Baileys XOR einem bis drei White Russians erschöpft und es mir eigentlich komplett wumpe sein müßte, was irgendein anonymer Kommentator unter einem Beitrag, in dem es nicht um Alkohol ging, über mein Trinkverhalten denkt, will ich mal einen Blick auf die Alkohol-Toten-Zahlen und die dazugehörige Lobby werfen:

      70-80.000 Leute sterben jedes Jahr an ihrem Alkoholkonsum. Sagt kenn-dein-limit.info – nur um noch hinzuzufügen, dass das meist noch mit dem Risikofaktor Rauchen verknüpft sei. Die Süddeutsche Zeitung kam 2014 zu dem Schluss, dass es pro Jahr irgendwo zwischen 15-80.000 Alkoholtote sein müßten, je nachdem, wie man die Todesfälle anhand ihrer Ursache aufschlüsselt. Das statistische Bundesamt sagt, dass es ca. 15.000 Tote sind, die Uni Greifswald sagt fast 80.000.

      Einig sind sich aber alle darin, dass Alkohol ungesund und deshalb mit Vorsicht zu genießen ist. Und genau deshalb genieße ich Alkohol mit Vorsicht.

      Selbst diejenigen, zu deren Geschäft es gehört, Alkohol als das geilste Molekül aller Zeiten anzupreisen, räumen ein, dass man sich besser nicht komplett wegschießt oder den Spiegel stetig erhalten sollte, sondern haben auf ihren Websites mittlerweile sehr prominent so seltsame Rubriken wie „Genuss“ und „Verantwortung“. Da verbreiten sie dann so erstaunliche Einsichten wie: „Eigenverantwortung und Risikokompetenz sind die zentralen Aspekte für einen verantwortungsvollen Umgang mit alkoholhaltigen Getränken.“ oder „Geniessen bedeutet Maß zu halten und zu wissen, was man genießt.“

      Irgendwer wird jetzt wieder sein Fingerchen heben (Ja, ich kenne Euch gut.) und sagen, „Diese Lobbyverbände fressen doch Kreide, um ihren Shice verkauft zu kriegen und ihre Klientel zu schützen!!!11elf“ Ja, diese Lobbyverbände fressen sogar tonnenweise Kreide, um ihren Shice weiterhin verkauft zu kriegen und ihre Klientel zu schützen, ebenso wie die Tabakverbände, Fleischindustrieverbände, Automobilverbände und auch alle anderen Lobbyverbände, die einem irgendwas verkaufen wollen, was gesundheitsschädlich ist.

      Keiner dieser Verbände behauptet allerdings platt, dass man die Grenzwerte dafür, was gesundheitlich zuträglich ist, im Sinne ihrer Klientel verändern müsste. (Zumindest ich finde keinen, lasse mich aber gern vom Gegenteil überzeugen, hätte dann aber gerne Belege.) Früher konnten Lobbyisten sowas vielleicht sogar noch platt behaupten, weil Zustimmung und Rückhalt in der Bevölkerung noch vorhanden war. Mittlerweile hat sich auch diese, unter anderem durch ein stärker vorhandenes Gesundheitsbewusstsein, ziemlich gedreht.

      Während also Leute, die zuviel Alkohol und Tabak konsumieren, zuviel billiges Fleisch essen oder spritfressende Autos fahren, so langsam ein Image kriegen, das man gemeinhin mit „Unterschicht“ umschreibt, und ihre Lobbyverbände panisch versuchen, mit Begriffen wie „Risikokompetenz“, „Genuss in Maßen“ und „Verantwortungsgefühl“ ein wertiges Image zu erzeugen, um nicht vollends als „asi“ abgestempelt zu werden, verlangt die Fat Acceptance sowas wie die gesamtgesellschaftliche Erklärung, dass ihre Klientel

      a) allerhöchstens mittelbar für ihre Situation verantwortlich ist,

      b) voll töfte und schön ist und eigentlich nix an sich zu ändern braucht,

      c) eigentlich viel gesünder lebt als dünne Menschen und

      d) deshalb nicht von Gesundheitsrisiken implizierendem Zahlenkram der WHO genervt gehört.

      Vertreter der oben genannten Lobbyverbände (ich wiederhole: Alkohol, Tabak, Fleisch und luftverpestende Spritfresser) würden vermutlich ihre Seele und die ihrer Kinder an den Teufel verkaufen, um sowas so unverblümt fordern und damit dann auch noch in einem Positionspapier einer derzeitigen Regierungspartei landen zu können.

      Und somit zu Dir, Tina:

      „Durch nichts belegter Bullshit“ ist noch der netteste Ausdruck, mit dem ich mich auf „Wenn man den Lobbyismus von Fat Acceptance kritisiert, dann aber bitte auch andere ungesunde Lebensstile, für die es noch viel mehr Werbung und Lobbyismus gibt.“ zu antworten imstande sehe.

      Gefällt 1 Person

  11. ossi

    Hallo Nadine, so trifft man sich wieder! Wir kennen uns aus dem Internet und ich hab mal in deiner Küche Cupcakes gegessen als ich schwanger war…

    Witzig dass du – wie ich – bei der Fettlogik gelandet bist. Bei mir sind auch 30 Kilo runter, 10 gehen noch …

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      1. nenzija

        Du wirst lachen: Auf Twitter, aber auch nur noch selten. Ich lese oft hier bei Nadja mit und hab mich in dem Forum, das sie erst neulich aufgemacht haben, auch gleich angemeldet. Womöglich tauchen ja noch ein paar AVler auf. ^^

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  12. Großartig. Tränen gelacht – man liest es kommt von Herzen. Das berühmte „Du musst nicht abnehmen“ habe ich zum Glück nicht in der Verwandschaft und im näheren Umfeld, die Leute sagen eher „Nimm ab, das ist Gesund!“

    Natürlich gibt es Leute, die meinen 30kg Übergewicht sind voll OK – aber dank dieses Blogeintrages habe ich jetzt noch mehr Munition um meinen Salat und das Glas Wasser zu verteidigen. Hihihi.

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  13. Pingback: „Ich will mein Aussehen verbessern“ als schlechter Grund für das Abnehmen | Alles Evolution

  14. Wiesler

    Liebe Nenzija,
    das ist ein sehr interessanter Beitrag,vielen Dank. Das Verhalten der Fat Acceptance Leute ist ziemlich hinterhältig. Beim Lesen hatte ich mehrmals das Gefühl, dass dieser Mechanismus, den Du beschreibst, auch in anderen Poltikbereichen bzw. Themen angewendet wird.
    1. Greife ein Problem auf.
    2. Behaupte, im Namen aller, die das Problem betrifft zu sprechen und biete Scheinlösung an
    3. Attackiere alle, die die Scheinlösung als solche brandmarken als Unmenschen.
    4. Bei Anstieg des Leidensdrucks der Betroffenen: verlange mehr Geld für die Lobbygruppe (Mehr desselben-Taktik gemäß Watzlawick).

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  15. Pingback: Gastbeitrag: Hengameh, der Sommer und die Körperpolitik – Fettlogik überwinden.

  16. Pingback: Stichwort Gewicht und Bodyshaming | Bellyscience

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