Der beste Ernährungsberater.

Ich lese häufiger Diskussionen darüber, wer es denn nun am besten weiß, wie das Abnehmen funktioniert. Ein dicker Ernährungsberater? Nee, also nee, wenn der es selbst nicht im Griff hat, wie soll er es anderen zeigen? Ein schlanker Ernährungsberater? Tzö, wie soll der wissen, wie es ist, wenn man dick ist? Ein Sportler? Hat doch keinen Plan, wie schwer es ist, als Übergewichtiger.

Mein Senf dazu? In erster Linie würde ich sagen, der mit dem Fachwissen. Also der, der keine Fettlogiken verbreitet.

Davor, Mythen aufzusitzen ist niemand gefeit. Ein „Naturschlanker“ oder auch jemand, der viel abgenommen hat, kann weit mehr Fettlogiken glauben als ein Übergewichtiger. Wenn jemand zufällig mit einer besonderen Ernährungsform und irgendwelchen magischen Stoffwechselkuren ein Kaloriendefizit erreicht hat und in der Folge davon überzeugt ist, dass nur diese Magie, nicht aber das simple Kaloriendefizit die Ursache für sein Schlanksein ist, macht das denjenigen nicht zum guten Berater für andere, für die genau diese Magie vielleicht gerade nicht passt.

Ein Berater, der eine Pauschallösung für alle parat hat (LowCarb! Intermittierendes Fasten! High Carb Vegan! Rohkost! Fettarm! …) disqualifiziert sich damit aus meiner Sicht schon im Vorfeld. Das ist ähnlich wie mit der Psychotherapie, wo es auch nicht darum geht (gehen sollte), den Patienten auf „den richtigen Weg“ zu bringen, sondern vielmehr, ihm dabei zu helfen, herauszufinden, welcher Weg für ihn der richtige ist. Ein Ernährungsberater muss aus meiner Sicht bereit sein, dem Klienten auch dabei zu helfen, einen Ernährungsplan zu basteln, der für ihn selbst nicht passen würde. Natürlich gibt es gewisse Eckpfeiler, wie ausreichende Nährstoffzufuhr oder sinnvolle Bewegung (lies: den Klienten darauf aufmerksam machen, wenn er z.B. zu viel trainiert und durch Übertraining eher gegenteilige Effekte erzielt).

Ich halte daher wenig von Standardprogrammen, obwohl es sicher immer genug Leute gibt, für die so ein vorgefertigtes Programm gut passt. Während es aber auf der anderen Seite eben immer genug Leute gibt, die bei so einem Standardprogramm hinten über fallen. Man macht ja auch kein Schuhgeschäft „für alle“ auf und bietet dann nur Schuhe in Größe 40 an.

Wenn ein Ernährungsberater bereit ist, von seinen persönlichen Erfahrungen zu abstrahieren und auf die individellen Bedürfnisse des Klienten einzughen, ist das aus meiner Sicht die wichtigste Voraussetzung. Und hierbei kann jemand mit 200kg hilfreicher sein als jemand, der von 150 auf 65kg abgenommen hat, nun aber der Ansicht ist, jeder müsse das auf genau die Art tun, wie es bei ihm geklappt hat.

Andererseits, und hier kommt das Aber … Es gibt tatsächlich Erfahrungen, die in unterschiedlichen Fitness- und Gewichtsklassen sehr, sehr unterschiedlich sind. Als jemand, der fast jede dieser Gewichtsklassen schon durch hat, kann ich das aus erster Hand bestätigen. Und hier könnte es tatsächlich Verständnisprobleme oder so eine Art „kulturelle Differenzen“ geben. Als Beispiel:

Mit extrem hohem Gewicht abzunehmen unterscheidet sich stark davon, die letzten paar Kilos loszuwerden. Mit 150kg war mein Verbrauch enorm hoch und ich nahm pro Monat ohne Sport, rein über Kaloriendefizit gut und gerne ~10kg ab. Wenn jemand mit extrem hohem Gewicht langsam abnimmt, also ca. 1kg im Monat, dann bedeutet das noch immer, dass derjenige deutlich mehr isst als eine normalgewichtige Person. Und trotzdem dabei abnimmt. Eine 150kg Person, die dann unreflektiert ihre Ernährungstipps an eine halb so schwere Person weitergibt, wird dieser vermutlich wenig helfen, denn von genau der gleichen Diät würde die halb so schwere Person zu– und nicht abnehmen.

Ähnlich ist es oft, wenn eine fitte, schlanke Person eine sehr stark Übergewichtige berät und dabei in Sachen Sport und Ernährung von sich selbst ausgeht. Jetzt, wo ich 65kg wiege und viel Sport mache, merke ich direkt, dass ich genug essen muss, um leistungsfähig zu sein. Ich kann ein höheres Kaloriendefizit erzielen, wenn ich ordentlich esse und ordentlich Sport mache, als wenn ich kaum esse und zu schlapp bin, mich zu bewegen. Das gilt aber wiederum nicht für sehr schwergewichtige Menschen, die eher keine zwei Stunden Joggen gehen (klar, es gibt wie immer Ausnahmen) und wesentlich leichter über ein großes Kaloriendefizit als über Sport abnehmen.

Hier unterscheiden sich im Schnitt die Lebensrealitäten stark, und das muss klar sein. Es ist sicher von Vorteil, wenn man alles schonmal erlebt hat, aber es ist auch nicht zwingend nötig. Zumal wir auch hier nur von Durchschnittswerten ausgehen und sich am Ende ebensogut die supersportliche 150kg-Person und die extrem schlappe 65kg Person gegenüber stehen können.

Der beste Ernährungsberater ist daher aus meiner Sicht der, der erstmal sehr, sehr viel fragt und nicht direkt anfängt, zu erklären. Der beste Ernährungsberater zückt nicht nach fünf Minuten einen Ernährungsplan sondern nutzt die ersten Stunden, um den Klienten umfassend kennenzulernen und dessen Bedürfnisse einzuschätzen, um so einen individuellen Plan zu erstellen. Der beste Ernährungsberater ist aus meiner Sicht wie ein Architekt, der die Grundlagen des Sinnvollen und Machbaren kennt und den Klienten darauf aufmerksam macht, wenn eine Designidee instabil ist oder technisch nicht umsetzbar, aber der sich dennoch bemüht, die Vorstellungen des Kunden zu verwirklichen. Denn letztlich muss der Kunde sich mit dem Entwurf wohl fühlen und damit leben, nicht der Berater.

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12 Gedanken zu “Der beste Ernährungsberater.

  1. Hotte

    Ich suche bevorzugt Rat bei Erfahrenen.
    Das reine Fachwissen mag für viele der Einstieg sein; für mich ist es eher im Nachhinein die Bestätigung, warum ich auf diesem Wege erfolgreich war.

    Zum Thema „Intuitives Essen“ wüsste ich jetzt zB nicht, wo ich nachlesen könnte.
    Für mich habe ich jedoch herausgefunden:
    Der Appetit sagt mir, was ich essen soll.
    Der Hunger sagt, wann ich essen soll.
    Und mein Sättigungsgefühl sagt mir, wann ich genug gegessen habe.

    Ob das bei anderen auch so ist, kann ich nur vermuten.

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    1. Intuitives Essen klappt bei mir hinten und vorne nicht, weil ich über 20 Jahre meinen Körper dazu erzogen habe, das falsche und viel zu viel davon zu essen und auch zu wollen: Wenn ich so esse, wie ich Lust habe, gibt es gewaltige Mengen und dazu haufenweise Süßkram. Ich bin da auch allgemein sehr skeptisch, weil ich stark bezweifle, dass der Körper eine „natürliche“ Fähigkeit hat, mit modernen, hochenergetischen Lebensmitteln entsprechend intuitiv umzugehen. Wenn es bei dir geklappt hat, Glückwunsch, wünschte, das würde bei mir auch klappen, aber das ist wohl eine eher individuelle Sache.

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    2. hibiscus68

      Zum Thema „intuitives Essen“ gibt’s aber schon Bücher. Eines mit genau diesem Namen und McKenna beschäftigt sich auch damit. Dessen Buch mit CD hat zwar einen furchtbar reißerischen Titel, hat mir aber schon gut weitergeholfen.

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  2. Bettina

    Der letzte Absatz gefällt mir sehr, sehr gut. Einem Ernährungsberater mit dieser Einstellung würde ich sofort vertrauen. Möchtest Du nicht neben der Autorenkarriere noch eine als Berater starten? Du vereinst schließlich Erfahrung mit Fachwissen und der Sicht beider Welten.

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  3. Ergänzend könnte man hinzufügen: Der beste Ernährungsberater sorgt dafür, dass man sich selbst die wesentlichen Fragen stellt. Dass man selbst erkennt, warum man zugenommen hat und was man ändern muss um diesen Prozess umzukehren. Und natürlich: Der beste Ernährungsberater zeigt einem die unsichtbaren Stolpersteine die man sich selbst in den Weg gelegt hat 😉

    In diesem Sinne kann ich sagen, du und dein Baby „Fettlogik“ waren für mich die bestmöglichen Ernährungsberater – wenn du eine Praxis (Ernährungsberatung & Verhaltenstherapie) würde ich dich sofort weiterempfehlen 🙂

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  4. Denrck

    Ich denke wenn es um Sport geht macht man gern den Fehler falsche Vergleiche zu ziehen. Du schreibst ein 150kg Mensch rennt keine 2 Stunden. Das stimmt zwar, aber das muss er auch nicht, um den selben Kalorienverbrauch zu erreichen, also die selbe Leistung zu erbringen. In einem abnehmforum haben wir unsere Sportleistung mal in Kalorien ausgedrückt. Und dann sind 7 km langsames Joggen mit 120kg eben mehr Leistung als die doppelte Strecke mit 60 kg. Das gleiche mit Kraft. Da vergleicht man gerne die Anzahl an Liegestütze ohne zu beachten dass die schwerere Person auch mehr zu drücken hat.

    Das sind auch wichtige Einzelheiten die viele nicht berücksichtigen, wenn sie einem Ratschläge erteilen.

    Im übrigen habe ich mit reinen achten auf Kalorienbilanz mein Gewicht nur zwei Jahre auf “niedrigem“ Niveau (110 kg) halten können und bin nun wieder zurück beim alten Plus etwas, trotz guter Ernährung. Ich habe zwar den Sport unterbrechen müssen, hatte mich aber bemüht die Kalorien daran anzupassen. War wohl nix.

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    1. Echt, diese Sachen werden nicht berücksichtigt? Persönlich habe ich das Gefühl, der Energieverbrauch Dickerer wird massiv überbewertet (gestützt durch Studien, denen zufolge Übergewichtige dazu tendieren, ihre Sportkalorien um 50% zu überschätzen).

      Ich dachte immer, ich hätte wunder-was verbraucht während meiner paar Minuten Ausdauersport, die ich mit 150kg eben so schaffte. Das ist allerdings wirklich ein absolut geringfügiger Wert im Vergleich zu dem, was ich jetzt mit 65kg schaffe, weil ich wesentlich länger und intensiver Sport mache. Klar verbraucht es mehr Energie, 150kg von A nach B zu wuppen, aber ich hae mich persönlich damals absolut auf dieser Idee (dass das irre viel ist) ausgeruht.

      Klar gibt es Dicke, die immense Leistung vollbringen und dann in ein paar Stunden großer Aktivität massiv was verbrauchen, aber realistisch betrachtet, welchen Ausdauersport treiben die meisten Dicken? Den, bei dem das Gewicht so gut es geht kompensiert wird: Radfahren und Schwimmen oder Kraftsport. Und das ist auch sinnvoll, denn so sehr mögen es die Gelenke eben nicht, wenn die volen 150kg auch noch in Hüft- und Springbewegungen auf sie drücken.

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