Gen-Schalter macht dick. Oder?

Vor einigen Tagen wurde eine Genstudie mit Mäusen zum Thema Übergewicht veröffentlicht. Die Studie schaffte es in diverse Medien, darunter etwa heise:

Umgelegter Gen-Schalter macht dick

oder die WELT:

Ein genetischer Schalter macht Menschen dick

Heise schreibt in ihrem Artikel:

„Obwohl diese Mäusezwillinge von ihren Eltern ein identisches Erbgut mit auf den Weg bekommen hatten und genau die gleiche Menge an Nahrung bekamen, wurden einige übergewichtig und andere nicht.“

und die Welt schreibt:

„Wenn man Zwillingsmäuse mit identischem Erbgut, die nur eine Kopie des Gens Trim28 besitzen, mit den genau gleichen Kalorienmengen füttert, dann werden manche dick, andere bleiben dünn.“

Beide Aussagen klingen, als hätten dicke und dünne Mäuse exakt dieselbe Kalorienmenge aufgenommen und seien dennoch unterschiedlich schwer davon geworden.

Aufmerksam gemacht wurde ich als erstes per Mail:

„folgender Artikel ärgert mich gerade:

http://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article151680292/Ein-genetischer-Schalter-macht-Menschen-dick.html

Habe die Studie gelesen. Aus dem Addendum (unter pdfs):

„All mice were maintained under controlled temperature (22⁰C) and on a
12hr light, 12hr dark schedule (light on 6:00-18:00). Food and water
were available ad libitum unless otherwise stated.

D.h. alle Mäuse konnten soviel fressen wie sie wollten. Die
Nahrungsmenge wurde weder beschränkt noch gemessen.
Und die Frage, „ob wir Kalorien effizient verbrennen“, wird in der
Studie gar nicht behandelt, jedenfalls habe ich nichts dazu gefunden.“

Ich las die Studie daraufhin ebenfalls und hatte auch den Eindruck, den der Leser in der Mail hatte. Also schrieb ich einen der beteiligten Wissenschaftler an, schickte die beiden oben genannten Artikelzitate und fragte nach, wie die Kalorienaufnahme nun genau aussah. Leider erhielt ich bisher noch keine Antwort.

Dafür erhielt ich erneut eine Mail von dem Leser, der einen befreundeten Biologen gebeten hatte, sich die Studie anzusehen. Mit freundlicher Genehmigung hier dessen Einschätzung:

„in der Studie wurde die Nahrungsaufnahme der Mäuse nicht individuell kontrolliert (das ist schon fast sündhaft schlecht). Und auch wichtige Kontrollen mit über-/unterernährten Mäusen fehlen, um die Hypothese „Maus frisst zu viel -> Gen wird aktiviert – > Fett wird eingelagert“ zu entkräften. Auf den ersten Blick scheint nicht klar zu sein, was Ursache, was Wirkung ist. Zu Kalorienmengen steht da auch nix. Wichtig wäre auch eine Baseline gewesen: alle Mäuse werden mit kontrolliert gleicher Futtermenge versorgt und dann einer Stoffwechselmessung unterzogen, um individuelle Unterschiede bei Normalbedingungen zu finden. Dann wird eine Gruppe dick gefüttert, die andere nicht und dann schaut man, wer a) fett wird und wer b) das betreffende Gen exprimiert. Ich finde auch die Aussage schick, die eine Mausgruppe sei im Schnitt 1-2% länger gewesen – ein nicht signifikanter Unterschied (oder habe ich irgend einen tollen p-Wert übersehen?)

Mein Fazit nach dem Drüberlesen: der wichtigeste Parameter wurde nicht kontrolliert.“

Der Ernährungsepidemiologe Dr. Gunter Kuhnle, dem ich die Studie und Artikel ebenfalls schickte, verweist nochmal auf bisherige Forschungen:

„Eines der bekanntesten „Adipositas-Gene“ – FTO – beeinflußt grob gesagt den Appetit und damit die Nahrungsaufnahme. Bei einer strengen Kontrolle der Nahrungsaufnahme wäre daher der Einfluß des Gens sehr klein.“

Mein Zweitkorrektor und wissenschaftlicher Berater drückt es etwas deutlicher aus:

„Die Studie sagt durchaus, dass es Mäuse gibt, die sich fettfressen, und Mäuse gibt, die das nicht machen. Was man, wenn man ein Statistikbuch zum Hexensabbat opfert, auf ein Gen schieben kann.“

Möglicherweise sind ja unter den Lesern hier Leute, die sich vertieft mit Genetik auskennen und ebenfalls einen Blick in die Studie werfen wollen, um ihre Einschätzung mitzuteilen.

Wenn – wie es den Anschein hat –  die Kalorienaufnahme nicht kontrolliert wurde, ist das ein Beispiel dafür, wie sinnverzerrt die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen schließlich in den Medien präsentiert werden. Insbesondere, wenn das Fazit wie bei Heise lautet:

„Für Menschen, die unter Übergewicht leiden, heißt dass, dass sie sich fragen müssen, ob sie ihren Zustand auch dann problematisieren sollten, wenn er abgesehen vom Minderheitsein keine schweren Probleme mit sich bringt – zum Beispiel in Sachen Gesundheit: In den letzten Jahren zeigten Studien, dass übergewichtige Personen nicht nur eine höhere Lebenserwartung haben als untergewichtige, sondern auch als normalgewichtige. […] Auch bei Linkshändern, die man seit geraumer Zeit nicht mehr als Problem begreift, spielt die Epigenetik wahrscheinlich eine wichtige Rolle.“

Zu der „Übergewicht ist gesund!“-Aussage habe ich nun schon mehrfach geschrieben, warum diese falsch ist. Aber Übergewicht zu einem Phänomen wie Händigkeit zu erklären ist wieder einmal eine komplett neue (Fett)logik.

Ich werde gelegentlich gefragt, warum ich so lange an Fettlogiken glaubte, obwohl ich doch viel zu Übergewicht las. Genau solche Artikel sind der Grund, denn es genügt eben nicht, die Zusammenfassung der Medien zu lesen, nein, man muss den Originalartkel lesen und dort noch nach dem Kleingedruckten suchen, wenn man nicht mit einem komplett verzerrten Ergebnis aus der Sache herausgehen will.

21 Gedanken zu “Gen-Schalter macht dick. Oder?

  1. Echte Überraschung, dass sich auch die nächste „XYZ macht dick“ Panik wieder in Luft auflöst – nachdem wieder haufenweise „Journalisten“ den Leuten eingeredet haben, dass sie ja eh nicht abnehmen können, weil sie quasi selbst ohne Nahrung dick werden. *seufz*

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  2. Mean(th)ing

    Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn die Mäuse die Gesetze der Physik hätten brechen können. Was mir zusätzlich noch fehlt ist der Beobachtungszeitraum. Gab es freies Fressen für 2 Wochen, 1 Monat oder noch länger? Und gab es außer dem Fressen sonst noch Stimuli, oder war es „ich fress aus Langeweile“ (Bin mir nahezu 100% sicher, dass es DAS Gen definitiv beim Menschen gibt -.-)? Insgesamt kann man also Ursache und Wirkung der „Studien“ergebnisse nicht definitiv benennen – außer: Ursache: die Forscher vergessen, die wichtigsten Parameter festzulegen. Wirkung: Studie nutzlos.

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  3. Es sagt doch wieder das, dass ich nicht selbst dafür verantwortlich bin, dass ich übergewichtig bin. Ich hab halt ein so ausgeprägtes Adipositas-Gen. Und deshalb brauche ich mich auch gar nicht mit meinen Nährwerten und mit den Mengen die ich esse beschäftigen, denn ich werde nie schlanker werden oder sein. Ich hole mir jetzt gleich und sofort den Strick und hänge mich auf.

    Ich bin in den letzten Monaten sehr gut damit gefahren, dass ich mit dem Kalorienzählen begonnen habe, dass ich bis 900kcal zu mir nehmen (meistens Büroarbeit). Bisher habe ich 17 Kilo verabschieden können.
    Radfahren am Ergometer ist wieder möglich geworden und Muskeltraining hat mich weiter nach vorne gebracht (Knieprobleme, OP).
    Zu manchen Zeiten spüre ich, wie der Körper kämpft weil er die Fettreserven verwenden und aufbrauchen soll. Gerade jetzt ist wieder so eine Zeit, wo ich das „Hergeben des Bauchfett“ so deutlich spüre.

    Mich haben deine Posts und dein Buch weitergebracht.

    Liebe Grüße
    Barbara

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  4. nessii

    „Ist der Schalter erst einmal betätigt, so ist das Körpergewicht lebenslang vorgegeben“, so Andrew Pospisilik.

    Der Satz stört mich am meisten. Was ist dann bei den Leuten, die erfolgreich abgenommen haben? Schalter kaputt?

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    1. maSu

      Die haben einen Schalter-Schalter. Ist der einmal betätigt, ist das neue Gewicht für immer vorgegeben. Bis der Schalter-Schalter-Schalter betätigt wird. Aber für den gibt es dann den Schalter-Schalter-Schalter-Schalter.

      Und so weiter.

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      1. lomi

        „Schalter kaputt?“

        Tja, frühindustrielles Schaltungs-Verständnis, diese Forscher. Vielleicht sind ja mehrere Gen-Schalter so verkoppelt, dass sich die Schaltvorgänge wechselseitig beeinflussen und gegenseitig aufheben ^^

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      2. Lomi

        oh, Entschuldigung!
        Nun, ich kenne jetzt die wahre Ursache:
        Frauen werden dick, weil Männer sie dazu zwingen, damit sie ihnen das Ideal des SChlankseins entgegenhalten können, um die Frauen durch Beschämung kleinzuhalten.

        ^^

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  5. Katrin

    Der Heise-Artikel ist wirklich mehr als übel. Linkshändigkeit und Übergewicht gleichzusetzen find ich ja schon schlimm genug (gegen mein Übergewicht kann ich leicht was tun, seit ich keine tausend Fettlogiken mehr im Hirn hab, aber als ausgeprägter Linkshänder wär ein Haupthandwechsel für mich mehr als Quälerei). Aber die Oberhärte ist ja wohl der Vorschlag, einfach das aktuelle Übergewicht zum neuen Normalgewicht zu erklären… WAAAS???
    „Das wäre für Bartens, der nicht nur Mediziner, sondern auch Historiker ist, auch deshalb angemessen, weil er mit seiner diachronischen Sichtweise darauf hinweist, dass nicht nur Körperformen, sondern auch Verhaltens- und Gesundheitsvorstellungen Modetrends unterliegen, die keine Erkenntnisgrundlage haben – man denke nur daran, wie sehr sich das Ideal des weiblichen Körpers von der Belle Époque bis in die späten 1960er Jahre verändert hat.“ – dazu sag ich nur: Klar, weil das Einschnüren in Korsetts ab der frühen Jugend auch total gesund war, und eine supergute Idee. Oder das Herbeiführen weißer Gesichtshaut mit wunderbaren Mixturen aus Bleiweiß und Quecksilber. Ja prima. Da wäre „fett ist das neue schlank“ genau der passende Hirnfurz für die Reihe.

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    1. Das Argument „vor 100 Jahren fand man total ungesunde Sachen schön“ ist echt hahnebüchen. Was gesundheitlich gut ist, unterliegt eben keinen Modetrends, maximal der Evolution, aber ansonsten lernen wir nur neues dazu, was gesund ist. Das ist kein Modetrend. Außerdem geht es hier ja nicht darum, das aktuell „gesunde“ als Modetrend zu akzeptieren, sondern eben das aktuell bereits als „ungesund“ bewiesene.

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    1. maSu

      Ich habe bei welt.de auf den Fehler aufmerksam gemacht und um Richtigstellung gebeten.

      Folge: Kommentar wurde entfernt.

      Ich habe es nochmal probiert und sanfter formuliert. Ich bin gespannt. Angeblich sind kritische Kommentare ja gewünscht…. …..

      ….wer’s glaubt…

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  6. Litschi

    *seufz* Es hab mal den Berufsstand des Wissenschaftsjournalisten. Eigentlich sollte dieser genau über eine Ausbildung verfügen, die im ermöglicht wissenschaftliche Studien entsprechend vereinfacht für die breite Masse wiederzugeben. Irgendwie ist aber im Informationszeitalter, in dem jede Information so schnell als Möglich ins Netz gestellt werden muss, dieser Berufsstand untergegangen und stattdessen geben die Schreiberlinge nur noch ausgeschmückte Pressemeldungen von sich, welche gut klingen und sich toll verkaufen lassen.

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  7. Also ich werde wirklich von „nichts essen“ dick.
    Ich werde auch von „nichts trinken“ blau…
    und vor allem vom „nicht-vögeln“ schwanger…
    ach Moment, das war jemand Anderes… 😀

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  8. Sarja

    Ich möchte mal eine Lanze für die Journalisten brechen: es gibt natürlich auch gut bezahlte, aber viele arbeiten freiberuflich und schlecht bezahlt mit immensem Zeitdruck, so dass für gute Recherchen kaum Zeit bleibt. Redaktionen werden zusammengelegt oder gleich ganz wegrationalisiert, alles muss immer schneller werden, die Zeitungen selber verlieren Abonnenten/Käufer und für Online-Medien möchte niemand bezahlen. Ja, dabei bleibt sauberer, gut recherchierter Journalismus, gerade bei den „Randthemen „Gesellschaft“, „Wissenschaft“ uä auf der Strecke. Das ist nicht schön und sollte auch nicht sein, es ist aber in gewisser Weise hausgemacht. Die meisten Leute zahlen eben für Netflix, nicht für eine Zeitung.

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