Übergewichtige werden stigmatisiert – von der Taz.

Die Taz hat sich in einem Artikel zur Stigmatisierung und Diskriminierung Übergewichtiger versucht und aus meiner Sicht ist sie dabei in jeglicher, aber auch wirklich jeglicher Hinsicht gescheitert.

Wie die meisten wissen, war ich etwa zehn Jahre sehr der Fatacceptance zugewandt. In den letzten Jahren habe ich nun einiges davon hinterfragt und viele Ansichten geändert. Der Taz-Artikel hat aber aus meiner Sicht das Potenzial, beide „Seiten“ zu verärgern, was ja durchaus eine Leistung ist.

Zunächst mal: Das Symbolbild. Ernsthaft?! In einem Artikel über das Stigma, dem Übergewichtige ausgesetzt sind, nutzt die Taz ein Bild eines übergewichtigen Mannes, der ein Hemd trägt, das mindestens 2 Nummern zu klein ist, dessen Knöpfe vom Bauch fast gesprengt werden und dessen Gürtel schon vom Anblick weh tut? Knapp daneben ist auch vorbei. Die Einleitung:

„Nimm doch endlich ab!“ Dies mag lediglich ein gut gemeinter Ratschlag an übergewichtige Zeitgenossen sein, in Wirklichkeit kann dies bereits als Diskriminierung gewertet werden.

Dieser kontextlose Satz mag also guter Rat oder Diskriminierung oder beides sein. Leider wird nicht erwähnt, von wem er kommt und in welchem Kontext er geäußert wird. Der Befehlston wirkt jedenfalls so oder so sehr unangemessen um noch als „Guter Rat“ durchzugehen. Aber warum ist er denn nun aus Sicht der Taz diskriminierend?

Denn der Rat impliziert, dass Abnehmen ganz einfach sei, dass es Dickleibigen bloß an der nötigen Disziplin mangele.

Nein, das tut er nicht. „Hör doch endlich auf Heroin zu nehmen!“ impliziert ja auch nicht, dass Heroinentzug ein Spaziergang ist. „Endlich“ ist schließlich kein Synonym für „einfach“, aber offenbar reicht es, wenn die Bedeutung sich im Kopf der Autorin so abspielt.

Doch diese Vorurteile haben immense Auswirkungen auf das Leben mit zu vielen Pfunden: Betroffene werden ausgegrenzt, abgewertet, beschimpft, gemobbt. Eine Studie der Universität Leipzig mit 3.000 Teilnehmern hat kürzlich belegt, dass fast jeder zweite Adipöse auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt diskriminiert wird, bei Menschen mit leichtem Übergewicht waren es immerhin noch 6 Prozent.

Die fragliche Studie ist wohl diese hier, die von der Uni Leipzig verlinkt wird. Die Ergebnisse klingen dort aber minimal anders:

Während bei Übergewicht nur 5,6 Prozent der 3.000 Befragten von Diskriminierung berichten, sind es bei leichter bis mittlerer Adipositas zehn bis 18 Prozent, bei schwerer Adipositas fast 40 Prozent. Die Zahlen beruhen auf den Selbstauskünften der Erhebungsteilnehmer auf die Frage, ob sie schon einmal Benachteiligung aufgrund ihres Körpergewichts erlebt haben.

Die Taz ersetzt also „morbid adipös“ mit „adipös“ und die „38%“ werden zu „fast jeder zweite“. Da die meisten Adipösen leicht (15%) oder mittelgradig (4%) adipös sind und lediglich 1,5% wirklich morbid adipös sind, sind die 10-18% also wesentlich realistischer und das ist weit entfernt von „fast jeder zweite“. Darüber hinaus ist „die Frage, ob sie schon einmal Benachteiligung aufgrund ihres Körpergewichts erlebt haben“ keineswegs Zeichen dafür, dass das regelmäßig oder oft der Fall sein muss.

Der Alltag für Menschen, die nicht dem schlanken Ideal entsprechen, ist mittlerweile ein Spießrutenlauf, er ist purer psychosozialer Stress aufgrund der ständigen Sticheleien und Tuscheleien.

Also von den leicht Übergewichtigen, die auch nicht „dem schlanken Ideal entsprechen“ und mittlerweile zum deutschen Durchschnitt gehören, haben 94% verneint, schon einmal diskriminiert worden zu sei. Und immerhin 60% der morbid adipösen, also derjenigen in der dicksten Adipositaskategorie, verneinen ebenfalls. Klingt jetzt für mich nicht nach Spießrutenlauf und ständigen Sticheleien.

Auch interessant:

Einige Forscher wie Ann McPherson-Sanchez von der University of Puerto Rico sind etwa der Meinung, dass die Etablierung des Idealgewichts in den 1970er Jahren zur Übergewichtsepidemie geführt habe.

Ach so. George Capron hat 1859 in seiner Leitlinie für Hausärzte da eine andere Ansicht vertreten:

Fettsein wird üblicherweise verursacht durch einen hohen Lebensstandard und Gebrauch von Alkohol. Der Arbeiter und der Aktive werden selten fett. Menschen mit einfachem Leben, die alle Annehmlichkeiten des Lebens genießen können, ohne sich anstrengen oder schuften zu müssen, sind sehr anfällig dafür, korpulent zu werden.

Fast so, als sei Übergewicht schon immer eher eine Folge der Luxusgesellschaft der Reichen und Adligen gewesen, ganz ohne Schlankheitswahn.

Und jetzt noch was schönes:

Gerade bei einem Abnehmprogramm ist jedoch der Glaube an die eigenen Fähigkeiten wichtig – „Selbstwirksamkeit“ heißt dies im Fachjargon.

Selbstwirksamkeit ist wichtig. Aber ach übrigens, ein paar Zeilen vorher:

Übergewicht ist eben nicht leicht unter Kontrolle zu bringen, nur einer von 10 Abnehmwilligen schafft eine dauerhafte Gewichtsabnahme.

Hier wäre eine Quelle nett gewesen, denn die Zahlen, die ich gefunden habe, sind größtenteils erheblich positiver. Inwieweit hilft es der Selbstwirksamkeit Abnehmwilliger, wenn man ihnen die schlechtestmögliche Erfolgsquote vor Augen führt, obwohl ihre Chancen real wesentlich besser sind? Oder…

So weiß man, dass die Gene bis zu 80 Prozent bei der Entstehung mitspielen, genauso wie nur schwer zu beeinflussende Umweltfaktoren, etwa der Wohnort, die Bildung der Eltern, die kulturelle Verwurzelung

Hätte es geholfen, dazu zu erwähnen, dass Gene und Wohnort nicht „von selbst“ dick machen, oder klangen die 80% einfach zu nett um zu erklären, dass Abnehmen ja eh fast unmöglich ist und 90% scheitern?

Doch sind dies nur Tropfen auf den heißen Stein, solange sich das gesellschaftliche Klima nicht ändert. Und das ist bestimmt vom Gesundheitswahn, vom „Healthismus“. So üben Krankenkassen und Versicherungen Druck aus, gesund zu leben, sonst drohen Extrazahlungen. Zahlreiche Gesundheits-Apps ermöglichen es den Selbstoptimierern, ihre Performance in Echtzeit am Smartphone abzurufen.

Mich würde mal interessieren, was genau mit „Gesundheitswahn“ gemeint ist. Fällt es unter „Gesundheitswahn“, wenn ich mit Anfang 30 entscheide, dass ich nicht (mehr) immobil sein will und auch nicht frühzeitig an einem Herzinfarkt sterben will? Und was genau soll dieser letzte Satz da in dem Kontext? Er suggeriert offenbar ein Problem damit, wenn Menschen sich entscheiden, eine Laufapp zum Joggen zu benutzen. Ist das jetzt wahnhaft oder machen sich diese Menschen bereits des „healthismus“ schuldig? Ein ganzer Artikel darüber, wie mies es ist, andere Leute zu verurteilen, nur um dann mal eben Leuten wegen einer App nebenbei eins mitzugeben? Tun Leute, die ihre Laufzeit messen irgendwem weh? Ist es irgendwie schlimm, sich sportliche Ziele zu setzen? Hat das irgendwas mit der Diskriminierung Übergewichtiger zu tun, um die es doch in diesem Artikel gehen soll?

In Deutschland sind es zwar nur vereinzelte Versuche, gegen die Dickenfeindlichkeit ankämpfen, etwa in feministischen Blogs wie Mädchenmannschaft. Trotzdem ist dies hilfreich, da sich Einstellungen nur bessern, wenn eine schlechte Meinung – in diesem Fall über Adipöse – in der Allgemeinbevölkerung völlig inakzeptabel ist.

Übrigens scheint da jemand nicht sehr intensiv im gelobten Blog gelesen zu haben, sonst wäre vielleicht nicht im nächsten Satz und im Artikel das Wort „adipös“ verwendet worden. Die Fatacceptance und auch die Mädchenmannschaft wehren sich nämlich sowohl gegen Bezeichnungen wie „adipös“ als auch Worte wie „Übergewichtsepidemie“ oder der Einstufung von Adipositas als Krankheit, weil sie gegen die Pathologisierung von Dicksein sind – dennoch wurde all das in dem Artikel verwendet. Na ja, zumindest setzt sich die Taz heldenhaft dafür ein, dass vollkommen übliche Dinge in Zukunft inakzeptabel werden:

Erst dann werden Kommentare wie „fette Kuh“ quasi unaussprechbar.

Was sie bisher natürlich nicht sind. Oder? Man frage 100 Leute auf der Straße, was für Menschen „fette Kuh“ sagen, und 99% davon werden vermutlich antworten: „Arschlöcher“. Und der eine, der „fette Kuh“ akzeptabel findet ist vermutlich … na … ein Arschloch. Leider wird es Arschlöcher immer geben, und Arschlöcher werden auch immer Dinge aussprechen, die für 99% der Menschen unaussprechbar sind.

Fazit: Ein Artikel, der sich gegen Stigmatisierug und pro Fatacceptance einsetzt, verstößt mehrfach gegen Basics der Bewegung und schafft es auf der anderen Seite, Dicken einzureden, ihr Leben sei ein Spießrutenlauf, weil die Welt sie hasst – obwohl es mittlerweile dem deutschen Durchschnitt entspricht, (leicht) übergewichtig zu sein und im Prinzip nur die schwerst Adipösen tatsächlich von einigermaßen nennenswerten Problemen berichten. Zusätzlich trampelt er auch noch auf der für wichtig erklärten Selbstwirksamkeit herum indem dem Leser Gebetsmühlenartig eingeredet wird, dass Dicksein eben quasi ein Gottgegebenes Schicksal ist. Finde ich persönlich jetzt eher nicht hilfreich.

 

31 Gedanken zu “Übergewichtige werden stigmatisiert – von der Taz.

  1. yannaba

    Seitdem ich Fettlogik gelesen habe und den Blog verfolge, ist mir erst aufgefallen, dass ich das Wort „dürre Ziege“ viel öfter höre, als „fette Kuh“. Und ja, durchaus beides von Arschlöchern, obwohl „dürre Ziege“ oder „Knochengerüst“ generell bei übergewichtigen beliebt sind.
    Auch ansonsten stimme ich voll zu, solche Artikel sind vielleicht irgendwie gut gemeint, aber gar nicht hilfreich…

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    1. maSu

      „Spargeltarzan“, „Knochengerüst“, … Alles Begriffe, die sehr häufig verwendet werden um schlanke Menschen zu „beschreiben“. Alles … Von der Gesellschaft weitestgehend toleriert. „Fette Kuh“ hingegen überhaupt nicht.

      Selbst das simple Wort „fett“ ist schon aufgrund der wahrscheinlich negativen Konotation meist tabu.

      Jep. Schlankheitswahn. Definitiv.

      ….

      Gefällt 3 Personen

      1. Mona

        „Spargeltarzan“ usw. verwenden sogar die Leute, die es toll finden, wenn jemand schlank ist und schafft sein Gewicht zu halten. Die meinen das als Kompliment, aber sie merken selbst nicht, dass da viel Neid mitkommt und sie total falsche Annahmen haben: „Du kannst ja essen, was du willst und wie viel du willst und bleibt immer schlank, deswegen nenne ich dich Spargeltarzan.“ Dass diese ganze Beurteilung auf einer Begebenheit beruht, wo der Spargeltartzan halt sehr hungrig war und ihm das essen nicht ausgereicht hat. Ansonsten muss es sich auch bewegen, die Muskeln anspannen und nur so viel Essen, wie er braucht, um „immer schlank zu bleiben“. Das sehen die Menschen nicht und wollen es auch nicht akzeptieren, weil sie es selbst nicht so hinbekommen.

        Manchmal bin ich schon froh, dass ich auch schon Übergewicht hatte, weil ich dann solche Sprüche nicht mehr abbekomme. Meine Schwester tut mir in der hinsicht sehr leid, weil sie immer sehr schlank war und auch Leute, die sie nur kurz kennen gelernt haben, nehmen es sich heraus über ihr „Dünnsein“ zu reden.

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      2. Lomi

        Gerade gefunden bei einer Frau:
        „Ich mag große, sportliche Männer ab 1,80m, […] aber keinen „Spargeltarzan“ bitte.“

        Hier klingt Spargeltarzan tatsächlich eher abwertend…

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    2. „KZ-Insasse“ – auch beliebt als vergleichende Bezeichnung. Und natürlich „Hungerhaken“. Generell dutzendfach und vielgeliket in den Kommentarspalten zu Facebook-Bildern à la „Echte Frauen haben Kurven“ zu finden.

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    1. Lomi

      Ich denke nicht, dass es in erster Linie ums Opferdasein geht. Eher folgt der Artikel einem Trend. Zumindest in meiner Wahrnehmung spielt fatacceptance unter jüngeren Netzfeministinnen in den USA eine größere Rolle. Ich sehe entsprechend häufig auf tumblr Statements dieser Art. Ebenso sehe ich da oft Bilder, nicht selten Selfies von Übergewichtigen, die gleichzeitig die Botschaft vermitteln sollen, dass alle Körper gleich schön seien. Darunter sind dann auch Bilder von Leuten, die vermutlich nach EMN „morbid adipös“ sind, also extrem übergewichtig.

      Es erscheint mir oft als ein einziges Amalgam aus Feminismus, fatacceptance und anderen SJW-Anliegen. Falls meine Wahrnehmung nicht vollkommen verzerrt ist, ist fatacceptance dort zum Standard einer gewissen Gruppe von jungen Frauen geworden. Daher denke ich, dass die taz hier versucht, diesen Standard zu importieren.

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      1. Frank

        Das Gefühl habe ich auch. Es geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn Übergewichtigen sogar die Selbstkritik versagt werden soll. ladit01 hat unten einen guten Beitrag geschrieben. Ich bin mir sicher, dass es einigen Beknackten sauer aufstoßen wird, dass er/sie Übergewicht für sich als „Fehler“ oder „Schwäche“ erkennt. Diese Menschen sind in meinen Augen letztendlich nur Egoisten, die ihr Tun gar nicht erst reflektieren möchten, und mit den Fingern in den Ohren laut „Lalalalala“ trällern, wenn es unangenehm werden könnte.

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      2. Lomi

        Ich finde diese Ansicht plausibel, aber vielleicht passt es trotzdem nicht zum Phänomen.

        Was ich da sehe, ist eine Kombination aus vielen Forderungen und Klagen:
        – der weibliche Körper soll nicht sexualisiert werden
        – dazu passend: frau fordert, dass frau öffentlich Nippel zeigen dürfen soll und dass das nicht als Skandal angesehen wird (weil: Männer dürfen das ja auch)
        – Black lifes matters
        – fatacceptance
        – Das Konsensprinzip für einvernehmlichen Sex und die Aussage, alles ohne Konsens ist Vergewaltigung

        und immer so weiter. Klar wird auf diese Weise auch Kritik abgewehrt. Aber irgendwie muss da noch ein anderes Motiv mitschwingen. Denn Nippel zeigen ist ja nichts, was die gleiche Kritik provoziert wie Übergewicht. Beim Nippel zeigen geht es um das Auftreten in der Öffentlichkeit. Hier möchte man irgendwie frei sein von der Zumutung, dass die Nippel jemanden erotisch reizen könnten. Man will nicht mit unerwünschten Begehren konfrontiert werden. Im Grunde ist es eine Abwehr von Gesellschaftlichkeit. Man will in der Öffentlichkeit sein, ohne angesprochen zu werden. Es darf hier nur Kontakte geben, die man auch ausdrücklich möchte. Im Grunde ist das eine Form von Privatheit mit entsprechender Schutzmauer.

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    1. Nick

      Erstaunlich (nicht wirklich) finde ich ja auch, dass eine sich sicherlich selbst als „antibiologistisch“ verstehende Zeitung plötzlich so einen biologisch unbeleckten Determinismus von sich gibt, wenn es nur für eine „gute Sache“ ist.

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  2. maSu

    Die feministische TAZ lobt einen feministischen Blog. Wow. Überraschend. Zu dem Blog: jedwede Kritik wird dort gelöscht und zensiert. Der Blog ist ein Paradebeispiel für die feministische Filterbubble.

    Aber beim Artikel der TAZ als auch generell beim modernen Feminismus geht es ohnehin nur darum, ein Opfer zu inszenieren. Und dafür kann man auch mal gerne Studien „versehentlich“ „etwas“ misinterpretieren….

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  3. Lomi

    Der Alltag für Menschen, die nicht dem schlanken Ideal entsprechen, ist mittlerweile ein Spießrutenlauf, er ist purer psychosozialer Stress aufgrund der ständigen Sticheleien und Tuscheleien. Und das hat schlimme Folgen. So hat eine Literaturübersicht mit 46 Studien unter Leitung von Claudia Sikorski, Psychologin an der Universität Leipzig, Anfang 2015 aufgedeckt: Übergewichtige haben starke Minderwertigkeitsgefühle und ein schlechtes Körpergefühl.

    Sie verinnerlichen, internalisieren also das negative Bild, das sich durch die Stigmatisierung zeigt als Selbstbild.

    Hier ist der Kontext des „Spießrutenlaufs“. Da wird ordentlich dramatisiert. Zudem wird mit großen Thesen hantiert: Das negative Bild über die Dicken ist so stark, dass die Betroffenen es irgendwann verinnerlichen. Die Betroffenen werden also geprägt von außen, von einem „gesellschaftlichen Klima“ (an anderer Stelle) und von dem „negativen Bild“. Sie besitzen offenbar gar keine Abwehr gegen diese negativen Urteile und sie können auch in Gruppen keine Abwehr dagegen aufbauen. Der taz-Artikel hat hier offenbar keine handlungsfähigen Individuen vor Augen.

    Ich gebe aber zu, dass ich selber lange geglaubt habe, dass „unsere Gesellschaft“ ein überzogenes Schlankheitsideal kultivieren würde und damit auch Druck aufbaut. Ich war seinerzeit ein Befürworter der Dove-Werbekampagne, die auch Übergewichtige gezeigt hat. Ich bin mir heute nicht mehr so sicher, was das angeht. Ich denke immer noch, dass es sinnvoll ist, Frauen so darzustellen, wie sie eben auch in der Alltagswelt vorkommen.

    Andererseits halte ich aggressive Kampagnen für fatacceptance für hochproblematisch und sie wecken bei mir auch Ärger. Und schließlich bin ich nicht davon überzeugt, dass man so ohne Umschweife von einer massiven Prägung durch Medienbilder ausgehen kann. Es wird niemand gezwungen, Medien zu konsumieren, Werbung kann man aus dem Wege gehen und Frauenzeitschriften muss man sich nicht kaufen.

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    1. Lomi

      Mist. Wie gehen die Zitate-Tags? Hier die Richtigstellung:

      „Der Alltag für Menschen, die nicht dem schlanken Ideal entsprechen, ist mittlerweile ein Spießrutenlauf, er ist purer psychosozialer Stress aufgrund der ständigen Sticheleien und Tuscheleien. Und das hat schlimme Folgen. So hat eine Literaturübersicht mit 46 Studien unter Leitung von Claudia Sikorski, Psychologin an der Universität Leipzig, Anfang 2015 aufgedeckt: Übergewichtige haben starke Minderwertigkeitsgefühle und ein schlechtes Körpergefühl.

      Sie verinnerlichen, internalisieren also das negative Bild, das sich durch die Stigmatisierung zeigt als Selbstbild.“
      (taz-Artikel, siehe oben)

      Hier ist der Kontext des “Spießrutenlaufs”. Da wird ordentlich dramatisiert. Zudem wird mit großen Thesen hantiert: Das negative Bild über die Dicken ist so stark, dass die Betroffenen es irgendwann verinnerlichen. Die Betroffenen werden also geprägt von außen, von einem “gesellschaftlichen Klima” (an anderer Stelle) und von dem “negativen Bild”. Sie besitzen offenbar gar keine Abwehr gegen diese negativen Urteile und sie können auch in Gruppen keine Abwehr dagegen aufbauen. Der taz-Artikel hat hier offenbar keine handlungsfähigen Individuen vor Augen.

      Ich gebe aber zu, dass ich selber lange geglaubt habe, dass “unsere Gesellschaft” ein überzogenes Schlankheitsideal kultivieren würde und damit auch Druck aufbaut. Ich war seinerzeit ein Befürworter der Dove-Werbekampagne, die auch Übergewichtige gezeigt hat. Ich bin mir heute nicht mehr so sicher, was das angeht. Ich denke immer noch, dass es sinnvoll ist, Frauen so darzustellen, wie sie eben auch in der Alltagswelt vorkommen.

      Andererseits halte ich aggressive Kampagnen für fatacceptance für hochproblematisch und sie wecken bei mir auch Ärger. Und schließlich bin ich nicht davon überzeugt, dass man so ohne Umschweife von einer massiven Prägung durch Medienbilder ausgehen kann. Es wird niemand gezwungen, Medien zu konsumieren, Werbung kann man aus dem Wege gehen und Frauenzeitschriften muss man sich nicht kaufen.

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      1. Mona

        „Übergewichtige haben starke Minderwertigkeitsgefühle und ein schlechtes Körpergefühl.“

        Haben Schlanke weniger starke Minderwertigkeitsgefühle und ein besseres Körpergefühl?

        Vor allem das Körpergefühl kommt ja nicht gerade vom Schlanksein, oder?
        Ich vermute, dass Körpergefühl von Bewegung kommt, Sport, Kraft, gute Durchblutung, Schwitzen, vielleicht Massage und sowas alles.

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      2. Lomi

        Haben Schlanke weniger starke Minderwertigkeitsgefühle und ein besseres Körpergefühl?

        Schwer zu sagen. Ich gehe mal von mir aus. Meinen Körper fand ich meist in Ordnung als Schlanker. Andererseits hatte ich doch sehr lange das Gefühl, dass mein Körper für Frauen vollkommen belanglos ist. Mein Körper war also die meiste Zeit „ok“, aber nichts, was – aus meiner Sicht – in den Augen von anderen Leuten irgendeine Rolle gespielt hat.

        Gegenüber Übergewichtigen hatte ich keine Komplexe. Der eine oder andere hat auch mal den Wunsch geäußert, so schlank zu sein wie ich. Die Baustellen waren bei mir woanders. Ich bin halt schmal und nicht besonders groß. Da habe ich mich oft sprichwörtlich wie ein „kleines Licht“ gefühlt.

        Ich rufe daher hier die Small Acceptance Bewegung ins Leben. ^^

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  4. Beim Thema Apps möchte ich jetzt doch einmal widersprechen: M.E. zielt der Satz nicht auf z.B. Laufapps, sondern auf die Programme, mit denen sich in großem Umfang persönliche Gesundheitsdaten erfassen lassen. Diese mögen vielleicht für Leute okay sein, die aufgrund von lebensbedrohlichen Krankheiten exakt tracken müssen, sind aber ansonsten brandgefährlich, insb. wenn die Daten an Versicherungen übermittelt werden. Denn daraus könnte tatsächlich eine totalitäre Komplettüberwachung unseres persönlichen Verhaltens entstehen mit entsprechenden gesellschaftlichen und finanziellen Konsequenzen. Auch (potentielle) Arbeitgeber dürften ein massives Interesse an solchen Daten haben und dann kann es wirklich zu massiven Diskriminierungen kommen.

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  5. Also mir fehlten einfach die Werkzeuge, jetzt habe ich in 11 Monaten 46 kg abgenommen, 29 to go. Ich bin jetzt bei fddb und es läuft einfach. Mit meinem Höchstgewicht war ich einfach ein immobiler Trauerkloß, gemobbt wurde ich nie, ich selbst habe mir es zuzuschreiben, was aus mir wurde und ich habe es selbst im Griff es zu ändern. Mich ärgert der TAZ-Artikel ungemein, ich bin kein Spielball irgendwelcher ominöser gesellschaftlicher Tendenzen, sondern ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, der diese erkannt und geändert hat. Aber es scheint ja ein allgemeiner Trend zu sein, das eigene Versagen zu kollektivieren. Hier bei Fettlogik fühle ich mich angenommen und motiviert weiterzumachen. Nochmals Danke Nadja!

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  6. [Disclaimer für Leute, die Ironie und Sarkasmus verstehen: Das Folgende ist total ernst gemeint.]

    Du hast vergessen, den mit dem Bild des Mannes mit dem zu engen Hemd implizierten Sexismus anzusprechen. Überhaupt wird hier mittlerweile viel zu wenig über Sexismus gesprochen. Denn das Bild zeigt deutlich die vorherrschende Misandrie, die Fettleibigkeit hier männlich und negativ assoziiert. Dass ein Hemd zu klein ist, ist nur bei Männern negativ konnotiert. Zur Illustration eine zu enge Bluse:

    Und, hat da jemand negative Assoziationen? Nein? Eben! Das (berechtigt und hervorragend kritisierte) Rumgejammere der TAZ-Autorin über angebliche Diskriminierung von Dicken ist also nur als Tarnung einer endemisch männerfeindlichen Gesellschaft zu sehen. Nicht Dicke werden diskriminiert, sondern Männer. Und dem schließt Du Dich hier auch noch an, indem Du eines der wenigen männlichen Models für seine Körperform zumindest implizit beschämst. Da ist es kein Wunder, dass Männer reihenweise Selbstmord begehen. Wie kann man in der heutigen Zeit so insensitiv sein, um solche Merkmale struktureller Diskriminierung nicht zu berücksichtigen? Hast Du wenigstens mal darüber nachgedacht, was Du den darunter leidenden Menschen – ja, Männer sind auch Menschen! – damit antust?

    Was wir statt solchem _manshaming_ brauchen, sind gezielte Aktionen, die darauf hinweisen, dass Fettleibigkeit vor allem ein männlich konnotiertes Problem ist. Was nicht die Schuld der Opfer ist! Wir als zivilisierte Gesellschaft müssen hier ganz klar Position beziehen: Ein klares NEIN zu misandrischem Männer-Bashing! Jeder noch so kleine Beitrag zählt! Nur gemeinsam können wir etwas bewegen! Alle Bäuche sind gleich sexy – denn mein Bauch gehört mir!

    Wir können die Definitionsmacht nicht den Tätern überlassen. Wir müssen uns klar mit unserer eigenen Identität identifizieren und uns als Gruppe sichtbar machen. Sichtbarkeit ist eines der wichtigsten Mittel gegen *ismen, Sexismus und Healthismus und Lookismus gleichermaßen. Nur durch eine klare Positionierung lassen sich strukturelle Diskriminierungen sichtbar machen und nachhaltig zu einer positiven und inspirierenden Einstellung überführen.

    Solch unreflektierte Posts wie der Zeitungsartikel und die gut gemeinte, aber dennoch defizitäre Kritik hier machen mich hingegen nur traurig. Und wütend.

    [Hey, _Du_ hast den Artikel verlinkt, ich habe ihn _deswegen_ gelesen. Bullshit in, Bullshit out.]

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    1. Mike

      Also ICH habe bei dem Bild negative Assoziationen. Es sieht für mich einfach unästhetisch aus, wenn Mädels (und auch Jungs) aus ihren Klamotten quellen. Lieber ein bissle zu weit.

      LG
      Mike

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  7. Das letzte Mal gemobbt oder negativ auf mein Gewicht angesprochen wurde ich in der Schule. Da Kinder aber equal opportunity bullying betreiben, würde ich das nicht mal als fatshaming o.Ä. beschreiben. Wenn ich nicht dick gewesen wäre, wäre es halt die Brille oder meine tiefere Stimme oder mein krummer Finger gewesen.
    Seit dem Studium sagt man mir bzgl. meines Gewichts entweder gar nichts oder man spricht mir sogar irgendwelche seltsamen Komplimente aus wie „Du machst Sport? Toll, wie beweglich und fit du bist.“ (Impliziert: trotz 115kg) Vor allem meine Mutter hat in den letzten Jahren sehr oft gesagt, dass sie mich nicht „typisch dick“ findet, sondern ich sei ja viel in Bewegung. Auch mein Freund, der mich sogar schlanker kennengelernt hat, sagt für ihn wirke ich nicht fett, er mag es weich und hätte bei einer „Mageren“ nur Angst, sie zu zerbrechen. Dünne Frauen beneiden mich um meine Brüste.
    Kurzum: Ich habe es lange als unglaublich normal empfunden, dick zu sein. Ich bin nur positiv drauf angesprochen worden und selbst Ärzte haben nur sehr zaghaft mal erwähnt, dass Abnehmen mal angepeilt werden sollte. Als jemand, der sein ganzes Leben lang dick war (wenn auch sportlich aktiv) kann ich persönlich irgendein fatshaming garnicht bestätigen.

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  8. Lomi

    Hallo Nadja,

    etwas OT: auf Telepolis gibt es heute einen Artikel, der offenbar mal dem Fettlogik-Test unterzogen werden muss http://www.heise.de/tp/artikel/47/47275/1.html

    Das hier ist die These des Artikels:

    In der Fachzeitschrift Cell hat ein Team um J. Andrew Pospisilik und Kevin Daalgard vom Freiburger Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die zeigen, dass die Entscheidung, ob der Körper Kohlehydrate verbrennt oder speichert, auch davon abhängt, ob Gen-Schalter umgelegt wurden oder nicht. Sie vermuten, dass dies bereits im Embryonalstadium geschieht.

    Das wurde bei Mäusen untersucht und dann kommt dies:

    Anschließend untersuchten sie adipöse Kinder am Universitätsklinikum Leipzig und fanden ihre Theorie auch beim Menschen bestätigt. Zwillingsstudien hatten bereits vorher nahegelegt, dass die Epigenetik bei der Neigung zum Übergewicht beim Menschen eine wichtige Rolle spielen könnte.

    Schließlich führt das den Autor zu dieser Schlussfolgerung:

    Für Menschen, die unter Übergewicht leiden, heißt dass, dass sie sich fragen müssen, ob sie ihren Zustand auch dann problematisieren sollten, wenn er abgesehen vom Minderheitsein keine schweren Probleme mit sich bringt – zum Beispiel in Sachen Gesundheit: In den letzten Jahren zeigten Studien, dass übergewichtige Personen nicht nur eine höhere Lebenserwartung haben als untergewichtige, sondern auch als normalgewichtige. Einige Mediziner versuchen das damit zu erklären, dass Übergewichtige öfter zum Arzt gehen. Andere, wie beispielsweise Werner Bartens, sehen eine angemessenere und einfachere Lösung des Problems darin, das, was jetzt als Übergewicht gilt, zum neuen Normalgewicht zu erklären.

    Soweit, wie ich jetzt Dein Buch kenne, ist das schon ziemlich fettlogisch. Aber der erste Teil, die Epigenetik, ist für einen Laien nicht so einfach zu durchschauen. Ist da etwas dran und was bedeutet das?

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    1. Frank

      Das es genetische Ursachen für eine Veranlagung zum Übergewicht gibt, ist ja durchaus denkbar. Das viele daraus aber den Schluss ziehen, nichts dagegen machen zu können, ist wohl die Fettlogik. Auch bei Veranlagung kommt das Übergewicht nicht durch Diffusion zu Stande.
      Bei dem letzten Punkt (das vermeintlich „gesunde“ Übergewicht) handelt es sich wahrscheinlich um die von Nadja schon öfter angerissene, falsche Auswertung der Studien, bei der „Risikopersonen“ nicht aus einer Gewichtsgruppe rausgerechnet werden und somit das Gewicht zum Todeszeitpunkt gewertet wird. Das Übergewicht eine Ursache für Krebs ist, ist Fakt. Das Krebskranke oft aber normal- bis untergewichtig sterben, auch.

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      1. Lomi

        „Bei dem letzten Punkt (das vermeintlich “gesunde” Übergewicht) handelt es sich wahrscheinlich um die von Nadja schon öfter angerissene, falsche Auswertung der Studien, bei der “Risikopersonen” nicht aus einer Gewichtsgruppe rausgerechnet werden und somit das Gewicht zum Todeszeitpunkt gewertet wird“

        Ja, den Punkt kann man gut mit Hilfe des Buches klären.

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  9. Rondo

    Die ganzen genetische Gründe sind nicht in der Lage übergewicht ursächlich zu erklären. Einfach weil sich die Gene innerhalb der letzten Jahrzehnte nicht stark verändern habe können und in der gleichen Zeit das Übergewicht in der westlichen Welt zu einem großen Problem wurde. Die durchschnittliche Ernährung und Bewegung hat sich aber verändert und erklärt die Änderung um einiges besser. Wobei ich mir durchaus vorstellen kann dass es kleine genetische Unterschiede gibt, z.B. mehr Appetit auf fettreiches Essen, leicht unterschiedlicher Stoffwechsel. Diese Effekte dürften aber nicht viel mehr als 100 kcal am Tag ausmachen.

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