“beiß – mich – an!”

In den letzten Tagen habe ich mich herrlich über eure genialen Kommentare amüsiert, denn offenbar bin ich nicht die Einzige, die Essen reden hört.

Manchmal höre ich gar nicht mehr zu, weil ich so beschäftigt bin im Dialog mit dem Essen…ausser es wird politisch….

Sehr vereinnahmend!

Es gibt also wirklich Leute, die das nicht hören??? Wenn wir eine Besprechung haben, und Süßigkeiten auf dem Tisch stehen, oder Kuchen (also immer -.-) dann wird es echt schwierig den Gespräch zu folgen….
Das Essen erzählt mir die ganze Zeit, wie lecker es ist.

Das kann sogar in Stress ausarten:

Netter Nebeneffekt übrigens, wenn beide Teile einer Beziehung das Essen reden hören: “Iss mich! Sonst isst ER mich!”

Oder Vorwürfe:

Ja, mein Essen spricht auch mit mir. Kürzlich erwähnter Baumkuchen hat mir gestern, als ich heimkam, schwere Vorwürfe gemacht, weil er sich ungewollt fühlte.
Nun ja, jetzt hat sich das Thema gegessen…

Denn es geht hier um grundlegendes Verstehen:

Essen, das ich nicht kenne, quengelt und schreit in einer fremden Sprache, die ich erst verstehen kann, sobald ich gekostet habe, und ich bin doch so ein kommunikativer Mensch und will alle verstehen!

Wobei die Sprache des Essens nicht immer verbal sein muss:

Das ist eher eine nonverbale Kommunikation. Schon die Art, wie dieses Essen sich präsentiert, sagt mehr als 1000 Worte.

Wobei, manches Essen hat wirklich ein lautes Organ…

 

Vom Tisch? Nur?
Da hast Du aber leises Essen zuhause, sei froh.

Meins ruft mich locker aus dem (Kühl-)Schrank herbei und – das sind die lautesten Schreihälse (mit Stimmbändern aus reinem Zucker) – immer noch gut hörbar aus dem Laden einen Kilometer ums Eck…

Und es ist verdammt überzeugend:

Bei mir ist es noch schlimmer. Ich werde im Supermarkt fast niedergeschrien. Letztens wieder nicht ganz satt dort die Kontrolle, ehm, verloren. Oder wie ist das mit dem Zuckerzeug im Einkaufswagen passiert?? Und wenn’s erst mal zu Hause ist, habe ich keine Chance mehr.

Es muss nichtmal da sein, um einen zuzutexten:

Super – ich bin ganz bei euch. Ich hör das Essen auch oft sprechen, aber noch schlimmer: Wenn ich im Fernsehen Leute sehe, die beim Essen sind und dann aufhören oder was stehenlassen, werde ich ganz unruhig…das spricht sogar aus der Glotze!

Ich glaube, wir sind da Großem auf der Spur^^

Spaß beiseite, das ist tatsächlich ein ziemlich interessantes Forschungsthema.

In dieser Studie etwa wurden normal- und übergewichtigen Probanden Bilder von Essen gezeigt. Die Ergebnisse wiesen darauf hin, dass bei Adipösen das einfache Zeigen von Essensbildern Gehirnregionen stimuliert, die mit Belohnungserwartung und Gewohnheiten erlernen zu tun haben. Hochkalorisches Essen aktivierte BMI-abhängig Regionen die für Geschmacksverarbeitung, Motivation, Emotionen und Gedächtnis zuständig sind. Die Aktivierung war unabhängig von Hunger und Sättigung und könnte zum Überessen beitragen.

Ähnlich die Ergebnisse dieser Studie, in der die Hirnreaktion normal- und übergewichtiger Probanden auf Essensbilder untersucht wurde, jeweils vor und nach dem Mittagessen.Offenbar wurden die Reationen auf Essen geringer bei den Normalgewichtigen, nachdem diese gegessen hatten. Bei den Übergewichtigen reagierten verschiedene Hirnregionen auch nach dem Essen noch stärker.

Wenn man dann die Ergebnisse dieser Studie ansieht, die Adipöse, Normalgewichtige und ehemals Übergewichtige, die erfolgreich ihr Gewicht halten, miteinander verglichen und feststellten, dass die Gewicht-halter die stärkste Reaktion zeigten, was Gehirnregionen, die Aufmerksamkeit steuern als auch Gehirnregionen, die Verhaltenskontrolle steuern angeht, liegt der Schluss nahe, dass wir wohl tatsächlich immer mehr dazu neigen werden, das Essen reden zu hören. Aber da das Hirn lernfähig ist, gelingt es uns vermutlich im Laufe der Zeit einfach besser, „nein“ zu sagen … oder so 😀

Jedes Gericht hat eine ganz eigene Stimme … Schokolade ist weich und schmeichelt, scharfe Speisen verführen mit ihrer sinnlichen Erotik und hauchen feurig, und Chips labern einen lässig von der Seite an … und das kann verdammt dominant sein! Wer würde schon “nein” sagen, wenn ein peitscheschwingender Kartoffelchip “beiß – mich – an!” schmettert?

Advertisements

15 Gedanken zu ““beiß – mich – an!”

  1. Willi

    Da ich als naturschlank gelte (BMI 20,5), höre ich auch kein Essen reden. Ich kann mich allein am Geruch von zB Schokolade erfreuen. Nur wenn ich eine Tafel anfange, gibt es kein aufhören, bis nichts mehr da ist. Deshalb kaufe ich max. 100g Tafeln, da auch 300g auf einmal weggeputzt werden.

    Sehr interressant, welche Dialoge man mit Essen führen kann 😉

    Gefällt mir

  2. Ooooh, das ist ein wirklich interessanter Post. Fand den Comic ja auch schon sehr lustig 😀 …

    Mein Essen spricht im Moment sehr viel mit mir… bei 1000-1200kcal am Tag bleibt nur eben leider kein Platz für Leckereien in den Mengen, wie ich sie gern hätte. Und da liegt Schokolade im Schrank… SCHOKOLADE. Und sie sagt „Iss mich! Passiert doch nichts! Nur ein Viertel (Rittersport-Viertel ca. 25g) tut dir doch nichts! Die 150kcal mehr oder weniger, sind doch egal… Morgen bist du dann wieder ganz brav!“

    Und ich muss sie abweisen. Sehr traurig 😦 …

    Gefällt mir

  3. kayah

    Hm, ich höre nicht wirklich an, aber mich schaut Schokolade immer mit grooooossenunschuldigen tiefbraunen Augen an (wie der Kater aus Shrek).
    Nimm miiiiiiiiiiiiiiihiiiiiiiiiiiiiiich.
    *seufz*

    Gefällt mir

  4. Nick

    Collectively, the results suggest that the observed activation is independent of the physiological states of hunger and satiation, and thus may contribute to pathological overeating and obesity. Some of the observed activations (dorsal striatum, orbitofrontal cortex) are likely to be dopamine-mediated.

    Das finde ich interessant. Offenbar agiert hier also das Belohnungssystem unabhängig von Energiespeicherbedürfnissen des Körpers. Dann kann man all die Theorien vergessen, die auf ein „evolviertes Programm aus Zeiten, in denen Übergewicht ein Überlebensvorteil war“ bauen.

    Das könnte eine gewisse Erklärung dafür sein, warum bei manchen Low-Carb besser hilft* bzw. leichter fällt, und warum eine radikale Diät manchmal nachhaltiger wirkt.

    Es ist vielleicht ähnlich wie mit dem Rauchen: Die meisten haben nur dann eine Chance, wenn sie es radikal beenden. Das geht zwar nicht bei Nahrung, aber wenn man tiefere Einschnitte macht lernt man offenbar besser, sein Belohnungssystem zu kontrollieren. Dann merkt der innere Schweinehund schneller, dass das Quengeln nur Energieverschwendung ist und gibt endlich Ruhe^

    *) vielleicht dann, wenn sich das Belohnungssystem eben auf Carbs eingeschossen hat, und sich nicht gleich die nächste „Nahrungsdroge“ suchen kann

    Gefällt mir

    1. Nick

      Rimonabant blocks the CB1 receptor selectively and it has been shown to decrease food intake and regulate body-weight gain.

      https://en.wikipedia.org/wiki/Cannabinoid_receptor_antagonist

      Rimonabant may also be found to be effective in assisting some smokers to quit smoking.

      https://en.wikipedia.org/wiki/Rimonabant#Smoking_cessation

      Allerdings hat man Rimonabant wieder vom Markt genommen, weil es teils schwerste psychische Nebenwirkungen hatte. Einfach so kurzerhand ein ganzes Endocannabinoidsystem auschalten war wohl keine sio gute Idee.

      Gefällt mir

  5. nessii

    Ist irgendwie deprimierend, das zu lesen. Ich meine, ich sehe ja in meinem täglichen Leben, dass meine 50kg- Abnahme nichts daran geändert hat, dass ich – obwohl ich gut esse – locker Massen an Süßigkeiten verdrücken kann, weil sie mich eben so locken. Da kann ich noch so satt sein, das ändert nichts. Und jetzt ist es sogar schlimmer, weil ich dieses „Du bist ja fertig mit Abnehmen, jetzt darfst du“-Gefühl habe. (Das mir übrigens schon wieder 3kg mehr beschert hatte…)
    Aber zu wissen, dass ich diesen internen Kampf den Rest meines Lebens werde kämpfen müssen, ist demotivierend. Andererseits will ich auf keinen Fall wieder so fett werden wie vorher, von daher gibt es da wohl nicht wirklich eine Alternative.

    Gefällt mir

    1. Nick

      Aber zu wissen, dass ich diesen internen Kampf den Rest meines Lebens werde kämpfen müssen, ist demotivierend.

      Naja, das ist wohl noch nicht ganz so klar:

      McCaffery et al (2) have made an important contribution by studying subjects who have successfully maintained their weight loss over a long period of time and who have shown some differences in brain activation in response to visual cues. The fact that these responses differ from obese and normal-weight subjects is interesting, but it remains to be determined whether this is because of intrinsic differences in these individuals or because of the strategies adopted to lose weight and maintain the loss. One other issue that requires further consideration and the development of more complex experimental approaches is as follows: the fMRI BOLD response simply identifies areas of the brain that receive an increase in blood flow during the task. This technique does not show the associated neural activity or any behavioral response, and thus the functional correlates of these fMRI differences are not known. Thus, it remains to be determined how these fMRI responses are related to actual differences in eating behavior.

      http://ajcn.nutrition.org/content/90/4/908.full

      Gefällt mir

    2. Hallo Nessi!
      Das ist irgendwie immer mein Gedanke! Nun hast du den Weg schon geschafft, ich bin noch am Anfang… aber ich denke mir dann immer „Diesen Kampf werde ich ein Leben lang führen müssen“ und das ist schon etwas demotivierend… ich hoffe nur, dass ein schlankes Leben dann so viele positive Nebeneffekte mit sich führen wird (mehr Energie, Lebensfreude, Aktivität), dass es diesen Negativpunkt ausgleichen wird…

      Gefällt mir

  6. Heinke

    Liebe Nadja,

    natürlich hört man Essen reden. Man hört es im Kühlschrank leise girren, auf dem Tisch Lockrufe ausstossen und im Abfalleimer vor Empörung schnauben. Und alles, was fettig, süss oder knusprig-gehaltvoll ist, tut das noch viel lauter.
    Jedenfalls für uns : Die Dicken, ehemals Dicken- oder die Kontrolliert- Schlanken.
    Aber, weisst Du was ?
    WIR SIND DIE NORMALEN!!!!!
    Macht es nicht entwicklungsbiologisch unglaublich viel Sinn, zu futtern und sich auf die Hüften zu schaffen, „wenn denn mal was da ist“, denn- das konnte unser Körper bei Erschaffung vor Jahrmillionen nicht ahnen,dass es mal irgendwann so sein würde wie jetzt- und hier. Dass es immerzuimmerzu Essen rund um uns herum geben könnte. Wie denn auch? Und – daß Frauen diesen Lockruf besonders intensiv vernehmen (ist das eigentlich wirklich so, oder nur meine subjektive Wahrnehmung?) macht gleich doppelt so Sinn, schliesslich solllen die Fettdepots ja mal oder gar jetzt gleich die Nachkommenschaft ernähren.
    Ich habe mich für mich diese Erklärung gefunden und finde sie einfach tröstlich.
    Sonntag abend war ich bei einer Lesung mit Knabberkram und habe belustigt beobachtet, auf wen Käsestangen, Kekse, Erdnüsse usw. einplaudern. Auf mich natürlich sowieso.Aber auch auf diverse andere Menschen, alle sehr sympathisch, die nach dem ersten „Anfuttern“ gar nicht mehr vom Buffett wegkamen.Manche waren schlank, die meisten waren es NICHT, und die drei Frauen , die das Buffett scheinbar GARNICHT interressierte, hätte ich schon beim Reinkommen vorhersagen können.
    Letzlich wäre es ein Traumbild, schlank zu sein UND das Essen trotzdem oder gerade lieben zu können—daran arbeite ich für mich.Danke für dein tolles Buch, das alle meine Erfahrungen bestätigt, und die vieleviele Arbeit, die Du Dir mit dieser Homepage machst!
    Heinke

    Gefällt mir

  7. Cora

    Ich wünschte, ich könnte diesen Artikel un-lesen.
    Bei mir hilft nur: ganz streng mit ganz großem kcal Defizit essen.
    Nach einem Ausrutscher brauche ich teilweise eine Woche, bis ich wieder „back on track“ bin.

    Und, komischerweise komme ich mit körperlichem Hunger sehr viel besser klar und kann den super ignorieren, als mit Verlangen nach Essen.

    Und jetzt erfahre ich, dass das einfach nie besser wird. Ich dachte, so ein Körper ist lernfähig xD

    Gefällt mir

Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s