Morgen ist auch noch ein Tag.

Seit über einem Jahr bin ich offiziell fertig mit der Abnehmerei. Das Gewicht zu halten ist neu für mich. Seit ich denken kann, war es immer „zu viel“. Auch in den letzten Jahren, als ich mein Dicksein akzeptiert hatte, war da immer noch das Bewusstsein, dass es zu viel ist und eigentlich … eigentlich … müsste man.

Ich war Spezialist im Vorsätze fassen. „Dieses Wochenende noch normal essen, aber am Montag geht es dann los.“, „Nur noch das Weißmehl und den Zucker aufbrauchen, sobald das weg ist, kommt nichts ungesundes mehr ins Haus.“, „Nach den Feiertagen und dem Geburtstagsfest ist ein super Startpunkt.“

Wenn es dann soweit war, fiel mir meist ein noch besserer Grund ein, warum es sinnvoll wäre, den Start nochmal zu verschieben. Manchmal vergaß ich meinen Vorsatz auch, dann fiel mir Montag Nachmittags siedend heiß ein, dass ich ja eigentlich Diät machen wollte. Mist. Aber nun war der Tag eh schon versaut. Auchegal.

Mit etwas Abstand merke ich, wie dieses jahrzehntelang eingeschliffene Muster nun plötzlich zum Tragen kommt. Jetzt, wo es nicht mehr nötig wäre, fällt erst besonders auf, wie sehr es mich – noch immer – negativ beeinflusst.

Die ständigen, drohenden Startpunkte in näherer Zukunft, gepaart mit meinem damaligen Schwarz-weiß-Denken, das quasi bedeutete: „Du hast noch exakt EINEN Tag um dein Leben zu genießen, bis du dann FÜR IMMER traurig an einem Salatblatt knabberst“ führte dazu, dass ich umso mehr aß, denn es war schließlich DIELETZTEGELEGENHEIT!!!!

Diese unbewusste Panik, „morgen gibt es nichts mehr zu essen“, begleitet mich auch jetzt noch, wie mir mittlerweile deutlich wird. Besonders zu Gelegenheiten, wenn ich z.B. das Kalorienzählen im Urlaub oder beim Essengehen aussetze. Nicht, dass ich mich durch das Zählen eingeschränkt fühle, aber irgendwie wird durch dieses „Jetzt kannst du essen wie du willst“ dieses alte Denkmuster reaktiviert und ich fühle den Druck, ganz viel zu essen, es ist schließlich DIE Gelegenheit. Ich erwische mich dann dabei, wie ich eine Packung Studentenfutter esse, obwohl ich satt bin und keine besondere Lust darauf habe, WEIL ICH ES KANN.

Ein ähnliches Problem habe ich damit, Kalorien „verfallen“ zu lassen, also ein Defizit zu essen. Ich könnte ja einfach sagen „Schön, dann kann ich irgendwann demnächst mal etwas mehr essen.“, aber es fühlt sich an, als könnte mir das „weggenommen“ werden, und als müsse ich diese Kalorien heute noch voll machen, um sicherzustellen, dass ich sie auch wirklich habe.

Bisher habe ich zwei Strategien, um mit diesem Denkmuster umzugehen. Die eine ist, dass ich es mir, wenn ich es bemerke, bewusst mache und mir dann ebenfalls bewusst sage „Du kannst (das) morgen noch essen.“ Das beruhigt mich tatsächlich.

Die andere ist, dass ich versuche, weniger Tage- und mehr Wochenweise Bilanz zu ziehen. Besonders wichtig ist dabei für mich die Erfahrung, dass ich heute weniger esse und dann morgen „was gut habe“. Ich kann das dann tatsächlich wieder dazu-essen, denn ich muss ja kein Defizit mehr schaffen.

Im Nachhinein denke ich, dass dieses Denkmuster eines der prägendsten war und am ehesten dazu beigetragen hat, dass ich beim intuitiven Essen zum Überessen neige. Es bringt mich dazu, das angenehme Gefühl von Sättigung zu ignorieren, und ohne Not noch Dinge zu essen, auf die ich gar nicht so recht Lust habe.

Ich vermute, wenn ich je an den Punkt kommen will, ganz aufs Zählen zu verzichten, muss ich dieses Denkmuster erst loswerden. Da es mehrere Jahrzehnte Zeit hatte, sich zu festigen, wird es sicher auch einige Zeit dauern, es zu ändern. Aber hey, morgen ist ja auch noch ein Tag.

15 Gedanken zu “Morgen ist auch noch ein Tag.

  1. FräuleinSophie

    Hast du denn eine Ahnung woher dieses Denkmuster bei dir kommt?

    Ich habe gerade länger darüber nachgedacht.

    Viele haben ja in ihren Diätphasen diese „Jetzt ist eh schon alles egal“-Momente, das für mich eher ein resigniertes Aufgeben beinhaltet. Ich hatte das eher nicht. Ich finde mich tatsächlich in diesem „Weil ich es kann!“ das du gerade formuliert hast viel eher wieder. Nach dem Motto: Heute zählst du eh nicht weil [Fügen sie hier eine Veranstaltung ihrer Wahl ein] ansteht, also nutzt du den Tag um mal wieder aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaalles zu essen was es so gibt. Ob du Bock drauf hast oder nicht. Ob du Hunger hast oder nicht. Weil es geht! Ha!

    Hmhm, ich muss da mal noch genauer drüber nachdenken welche Funktion das bei mir hat. Denn ich verbiete mir nichts. Ich hungere nicht. Und ich nage nicht an einer Möhre während ich nach einer Pizza schmachte.

    Ich denke es hängt mit dem bereits bei WW perfektionierten „Viiiiiiiel ist guuuuuuuuuuuuuuuuut“ zusammen. Ich esse inzwischen deutlich kleinere Portionen. Und mein Magen meckert tatsächlich nicht darüber. Der hat sich wohl angepasst. Der meckert inzwischen eher wenn ich ihm zu viel zumuten will. Wohl auch ein Grund warum das „Weil ich es kann!“ an den Feiertagen dieses Jahr gar nicht wirklich zustande kam. Das Denken war ganz klar da. Aber ich war sozusagen nicht wirklich „erfolgreich“. Weil einfach deutlich früher Schluss war und mich gar nicht so überfressen kann wie mein Denken vorsehen würde.

    Es scheint wohl ein tief verankerter Gedanken des „Essen als Belohnung“ zu tun. Des „sich was gönnen“.

    Viele bauen ja auch bewusst diese „Refead“-Tage ein. An denen sie sich aaaaaaaaaalles gönnen was sie sich sonst versagen. Das geht ja irgendwie auch in diese „Weil ich es kann“-Richtung.

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    1. Hast du denn eine Ahnung woher dieses Denkmuster bei dir kommt?

      Ich vermute mal, weil ich quasi ein Leben lang immer das Gefühl hatte, abnehmen zu müssen (also an sich nicht nur das Gefühl… ich war ja tatsächlich übergewichtig^^) und so gut wie immer die nächste Diät wie ein Damoklesschwert über mir hing. So hat sich dieses „Iss solange du noch kannst“ wohl recht tief eingegraben. Teilweise auch von aussen, wenn z.B. von der Familie Kritik kam („Jetzt reichts aber“ oder „Musst du das wirklich noch essen?“). So als würde mir das Essen bald „weggenommen“…

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  2. bcg

    Hallo! Ich bin dir zeitlich ein wenig voraus – hatte 1999-2009 das Maximum mit 113 Kilo, habe dann in Zügen bis Sommer 2013 auf 77kg abgenommen, primär mit Kalorienzählen bei fddb. Über ein Jahr lief alles gut, und dann wurde ich weniger vorsichtig (weniger auf die Waage, weniger Kalorien-Tracking) – und schwupps, ging es nach oben bis 82 kg. Das habe ich mühsam über die letzten 6 Monate wieder runterbekommen.

    Auch ich hatte eine große Neigung, in Mangel zu denken: „heute darf ich noch – morgen nicht mehr- also hau rein!“ oder „heute ist Party, morgen ist Diät“. Ich habe mich auch in den Schilderungen deiner Diäthistorie etwas wiedergefunden, meine Mutter hat viel nach Brigitte-Diät gekocht, und meine erste Shake-Kur kam, bevor ich 10 war. Ich bin inzwischen sehr gut darin geworden, z.B. Schokolade im Kühlschrank zu ignorieren – aber auf einer Veranstaltung vor einem leckeren Büffet zu stehen, ist immer noch eine große Herausforderung. Habe schon durchaus die Küchenwaage in den Urlaub mitgenommen und das Stückchen Kuchen am Nachmittag draufgestellt, weil das Mitzählen mich MEHR entspannt hat als das Daueressen und danach der Schock auf der Waage.

    Mein Mann, der ebenfalls 35 kg abgenommen hat, sieht sich selbst wie einen „Alkoholiker auf Entzug“, und trackt und wiegt eisern weiter und hat tatsächlich nie großartig zugenommen, auch wenn er in besagtem Urlaub sich immer eine moderate Auszeit gibt. Nach einer Woche Tracking hat er das meist wieder runter.

    Unser Fazit aktuell: intuitives Essen mag eine nette Idee sein, für uns als Ex-Dicke ist es besser, weiter dranzubleiben (analog zum täglichen Zähneputzen oder dem täglichen Krafttraining). Und du weisst ja – man ist nicht finanzgestört, wenn man aufs Konto schaut 🙂 (habe ich selbst Leuten schon erzählt, bevor ich dein Buch las – jetzt fühle ich mich, als würde ich dich zitieren 😉 🙂

    Liebe Grüße, Birgit

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    1. Genau meine Meinung- ich denke auch, dass man das wahrscheinlich echt fast sehen muss wie ein trockener Alkoholiker… ich bin noch nicht fertig mit dem Abnehmen, habe aber auch vor, danach eisern weiter zu wiegen und aufzuschreiben- weil ich einfach zu viel Panik habe, wieder da zu landen, wo ich mal war. Zum Glück finde ich das Aufschreiben im Moment auch eher entspannend als belastend. Ich habe z.B. schon bittersten Schokojanker gehabt, und um damit klarzukommen, einen kleinen Mini-Schokoriegel vertilgt. Normalerweise wäre das der Punkt gewesen, an dem ich mir gedacht hätte: „Verdammt, du hast Süßkram gegessen- naja, jetzt ist es eh schon egal, dann schlägst du heute nochmal richtig zu und machst morgen weiter…“ Durch das Aufschreiben wusste ich aber: der Riegel hat nur gut 100 Kalorien, was mein Abnehmen überhaupt nicht gefährdet. Dadurch kann ich es dann tatsächlich bei dem einen Riegel belassen und falle nicht wieder in alte Muster zurück… ich finde das eher befreiend.

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  3. Stella

    Mir hilft das auch extrem wenn ich mir sage, stopp, das gibt es ganz bestimmt bald wieder,du musst dich jetzt nicht vollstopfen. Ich hoffe nur immer mir das es mir rechtzeitig einfällt…..
    Ich tracke auch an Tagen an denen mir klar ist, das ich es übertrieben habe, natürlich bin ich dann nicht frohgemut, aber ich merke, es gibt einige Nahrungsmittel bei denen zügeln kaum möglich ist….wiege ich es ab, und berechne es, geht es besser.Da ich noch mittendrin bin im Abnehmen , fällt es mir noch einigermaßen leicht, unter dem bedarf zu essen.Das gelingt ,mal mehr mal weniger….
    Aber ob ich jemals nach Hunger und Gefühl essen kann…Ich glaube eher nicht, ich denke ich ichwerde besser im Kopfrechnen 😉.inutiv essen werde ich warscheinlich warscheinlich nie können

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  4. nessii

    Weihnachten 2013 & 2014 hatte ich keine großartigen Probleme am Süßkram vorbeizugehen, weil ich immer im Hinterkopf hatte „Du bist schließlich am Abnehmen“. 2015 hingegen war ich „nur noch“ beim Gewicht halten und hatte dann dieses „Jetzt kannst du es dir ja gönnen“-Ding. Auch im Sinne von „Es reicht, wenn du dich morgen wieder an den Plan hältst“. Das ging auch nach Weihnachten noch die erste Januarwoche weiter, bis ich dann auf der Waage stand und mit Erschrecken festgestellt habe, dass ich wieder 3kg von meinem Zielgewicht entfernt bin. Das mag nicht viel sein, aber genau so fängt es an. Also achte ich jetzt wieder auf meine Ernährung, reduziere die Ausnahmen und mache vor allem wieder Sport, den ich schon seit Oktober/ November rum ziemlich habe schleifen lassen. Denn das letzte, was ich will, ist wieder zunehmen. Und ich habe mein Zielgewicht etwas reduziert, sodass ich dann im Zweifelsfall einen etwas größeren Puffer habe.

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  5. Ich finde diese Einblicke immer sehr erhellend, auch wenn sie mich nicht wirklich betreffen – aber einfach, weil ich auch über mich selbst und meine eigenen Essgewohnheiten mal nachdenke.
    Dass ich einfach mal esse, obwohl ich wieder Lust noch Hunger noch Appetit habe, passiert eigentlich nie. Obwohl ich es mir durchaus leisten könnte. ABer wohl dadurch, dass ich es könnte, denke ich wohl nicht: Ohhh, das gönn ich mir jetzt.
    Ich kanns mir ja auch morgen gönnen.
    Ich frag mich gerade, was zuerst da war: Die Henne oder das Ei?
    bin ich schlank, weil ich die Idee, mir das jetzt „gönnen“ zu müssen, nicht habe. Oder habe ich die Idee nicht, weil ich schlank bin?

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      1. mir kam gerade: War die erste Frage als solche gemeint? Dann sorry, dass ich sie nicht beantwortet habe – ich hatte sie rhetorisch aufgefasst.
        Naja, ich gönne mir auch mal ein Stück Kuchen, aber ich hab halt nicht das Gefühl, dass ichs mir irgendwann sonst versagen muss. Ich ess es halt einfach genüsslich und freu mich dran. Ich hab nicht das Gefühl, dass ich da jetzt ein GROSSES Stück essen muss, weil morgen geht das nicht mehr oder so.
        Genauso gönne ich mir einfach einen faulen Tag auf der Couche – den gönne ich mir dann aber, wenn ich vorher viele nicht-faule Tage hatte.

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  6. fak

    Eine Ernährungstherapeutin hatte dazu einen Satz, der sich mir sehr eingeprägt hat, so simpel er auch ist: „Genuss ist wiederholbar.“ Kommt mir immer wieder in den Kopf, wenn ich zu viel von einer Sache gegessen habe oder auch (besser) wenn ich es gerade vorhabe.

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