Tief in die Tiefen der Klischekiste.

Mir wurde mal wieder ein Artikel zugeschickt. Wenn mir jemand Artikel über Übergewicht zuschickt, erwarte ich eigentlich immer klassische Fettlogiken, wie die gerne zitierte Flegal-Studie („Leichtes Übergewicht ist sogar gesünder!“)  oder wie schwer Diäten sind („95% der Diäten scheitern!!“ „Jojo-Effekt!“ „Set Point!“) oder die spannende Frage, wie Übergewicht überhaupt entsteht („Übergewichtge essen gar nicht mehr!“).

Der heutige Artikel beinhaltet keine dieser Fettlogiken, sondern arbeitet offensichtlich mit einer grundsätzlich antifettlogischen Prämisse: Übergewicht kommt vom Überessen.

Trotzdem hat er mich geärgert. Der Artikel spricht sich offensichtlich gegen die Diskriminierung Übergewichtiger aus und ergeht sich dabei in küchenpsychologischen Pathologisierungen. Beispiel gefällig?

Bulimiekranke haben oft das Gefühl, dass ihr Körper das Einzige ist, was sie unter Kontrolle haben, während bei Übergewichtigen oft das Gefühl des kontrollierten Lebens herrscht, der Körper wird so zum einzigen kontrollfreien Raum. Essen ist insofern Rebellion gegen Fremdbestimmung, Zwänge und Verpflichtungen.

Ahja. Nun ergibt es natürlich absolut Sinn, eine Erkrankung mit einer Häufigkeit von unter 1% 1:1 dem Übergewicht gegenüberzustellen, von dem in Deutschland etwa 60% der Menschen betroffen sind.

Nur selten wird auch erwähnt, dass Übergewicht oft Anzeichen für Mobbing oder erlebte Gewalt ist. […] Der Übergewichtige landet auf diese Weise in einem Teufelskreis – einerseits soll ihn die fehlende Attraktivität schützen, andererseits steigt so die Verachtung durch das Umfeld, die Anzahl möglicher Freunde und Vertrauenspersonen sinkt, was oft zu Essen als Liebesersatz führt.

Ich mag vor allem, wie suggeriert wird, dass Dicke grundsätzlich keine Partnerschaft haben und aus purer Einsamkeit in die Chipstüte flüchten. Mir scheint, da hat jemand ein wenig zu sehr in irgendwelchen plumpen Klischees gewühlt.

Und gut zu wissen, wer dann nicht jene tiefen psychologischen Abgründe erforscht, die die Autorin zu sehen meint, sondern es gar wagt, „rein kosmetisch“ abzunehmen, dem droht noch viel schlimmeres:

Und jene, die dann rein kosmetisch das Problem angehen, suchen sich neue Strategien, um ihre psychischen Probleme zu kompensieren – vom Übergewicht zur Bulimie, Drogensucht oder Selbstverletzung etc. ist es da oft nur ein kurzer Weg.

Da ich offenbar zu jenen gehöre, die „rein kosmetisch“ abgenommen hat, ist es ja gut, dass ich diesen Artikel rechtzeitig gelesen habe, um eine neue Strategie zu suchen, meine psychischen Probleme zu kompensieren. Oder ich überhöhe mich als Schlanke nun eben einfach selbst, wie das Schlanke nunmal so tun:

Der Übergewichtige zieht sich eher schamvoll in sich selbst zurück und leidet weiter still vor sich hin, während der Schlanke sich selbst erhöht indem er davon erzählt, wie sehr er doch das Leben als Schlanker genießen kann.

Ich frage mich wirklich, was die Autorin sich von solchen klischeehaften Pathologisierungen erhofft. Klar, Vorurteile Richtung „dumm“ und „träge“ sind doof, keine Frage. Aber ist es denn nun wirklich besser, statt dessen als still leidender, unattraktiver, einsamer Dicker, der die Pralinen als Liebesersatz isst, gesehen zu werden?

Finde ich, ehrlich gesagt, genauso diskriminierend. Ich kanns nur nochmal posten:

dick185

Die wenigsten Dicken haben ein total krasses Essverhalten und stopfen permanent Torte in sich hinein.

Indirekt stärkt dieser Artikel also wieder eine andere Art von Fettlogik, das Denken in Extremen und die Annahme, dass Übergewicht mit einem total absonderlichen Essverhalten einher geht, hinter dem tiefe psychische Probleme stecken müssen.

Letztlich führt dies zu der Trennung in zwei Arten von Übergewichtige:

  1. Die, die sich damit identifizieren und tatsächlich Dinge wie sexuellen Missbrauch in der Biographie haben und nun zwar den sinnvollen Rat erhalten, psychotherapeutisch an dem Problem zu arbeiten, aber gleichzeitig verinnerlichen, dass Abnehmen bis zur völligen Lösung ihrer sonstigen Themen unmöglich ist, oder sogar gefährlich, weil womöglich schon die Drogensucht an der nächsten Ecke wartet.
  2. Die (wie ich vermute) Mehrheit, die sich damit nicht identifiziert, weil sie kein allzu unnormales Essverhalten an sich wahrnehmen und davon ausgehen, kein „typischer Übergewichtiger“ zu sein, sondern eben ein Stoffwechselproblem, eine kaputte Schilddrüse oder sonstiges zu haben. Auch sie werden eher demotiviert in Sachen Abnahme, denn die eine, einzige Lösung, die der Artikel anbietet, trifft auf sie nicht zu.

Im Endeffekt fällt die Gesamtbilanz für diesen Artikel daher aus meiner Sicht nur negativ aus. Er zementiert falsche Klischees über Übergewicht und bietet keine sinnvolle Unterstützung für Übergewichtige. Hätte ich diesen Artikel vor 3 Jahren gelesen, hätte ich mich ebenfalls darüber geärgert.

16 Gedanken zu “Tief in die Tiefen der Klischekiste.

  1. Wikipedia zur Autorin: „Bettina Hammer, Künstlername Twister, ist eine Autorin, die sich besonders in den Bereichen Datenschutz und Soziale Gerechtigkeit engagiert.“

    Was uns Wikipedia verschweigt, ist, dass Bettina Hammer offenbar verheiratet ist, also keineswegs in das von Nadja unterstellte Klischee passt. Dass Bettina Hammer einen Schiffscontainer Übergewicht hat, ist offenbar enzyklopädisch nicht erwähnenswert, es gibt aber ein illustratives Foto.

    Zudem möchte ich es kritisieren, dass es nicht OK sei,

    > eine Erkrankung mit einer Häufigkeit von unter 1% 1:1 dem Übergewicht gegenüberzustellen, von dem in Deutschland etwa 60% der Menschen betroffen sind.

    Natürlich muss man Äpfel mit Kartoffeln verglichen können, ist schließlich beides Obst. Und jetzt komm mir bloß keiner mit blödem Biologismus!

    (Sorry, ich hab heute einen enorm sarkastischen Tag. Wem das Thema wirklich ernst ist, möge mich ignorieren. Oder auf meinen Username klicken; das, was ich gerade gebloggt habe, regt Euch sicher mehr auf.)

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  2. Auriel

    Auch wenn es im Artikel nicht eindeutig genannt wird, geht es im Artikel wohl eher um Jugendliche oder junge Erwachsene mit Übergewicht. Bezogen auf diese Bevölkerungsgruppe ist der Vergleich mit der Bulimie nachvollziehbar und auch der Übergang von einer Essstörung in die andere häufig.
    Besonders wissenschaftlich ist der Artikel nicht, aber ich kann nicht erkennen wo er Fettlogiken fördert.

    Du selbst hast im Übrigen mehrfach betont, dass bei dir die körperlichen PProbleme den Anstoß zur Gewichtsabnahme gegeben haben.

    Wenn ich mich recht entsinne, resultierte dein Übergewicht aus einer schlechten Ernährung in der Kindheit/Jugend und deine Eltern und Großeltern sind ebenfalls übergewichtig.
    Ist es nicht auch eine Form der Misshandlung bzw Vernachlässigung, wenn ich als Elternteil das nicht verhindere, sondern es auf diverse Fettlogiken schiebe?
    Ist es nicht meine Pflicht mich da über gesunde Ernährung zu informieren, meinem Kind Bewegungsangebote zu machen, es zu animieren und auch ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen?

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    1. Aus meiner Sicht gibt es keinen Hinweis darauf, dass es primär um junge Menschen oder Jugendliche geht.
      Nun kann man natürlich die Definition von „Misshandlung“ so weit aufweichen, dass auch Überernährung darunter fällt, aber abgesehen davon, dass dann etwa 15-20% der Eltern ihr Kind misshandeln würden, gehört dazu m.E. auch ein gewisser Grad an Bewusstheit. In den 80ern gab es noch weniger Möglichkeiten, sinnvoll zu recherchieren, aber auch heute ist das Thema sehr komplex und wird gesellschaftlich stark verharmlost, so dass m.E. nicht die Alleinschuld bei den Eltern gesucht werden kann. Kaum ein Elternteil ist sich darüber bewusst, wie stark die paar Exrapfunde tatsächlich negativ wirken, und ehrlich gesagt hätte ich persönlich durchaus ein großes Problem damit, das Wort „Misshandlung“ oder „Vernachlässigung“ in Zusammenhang mit meiner sehr liebevollen und zugewandten Familie zu nennen. Ich denke, mit einer solchen Ansage trittst du sicher sehr vielen Eltern zu Unrecht arg auf die Füße und es tut der Debatte vermutlich nicht gerade gut, wenn man Eltern von übergewichtigen Kindern ein derartig enormes Stigma von Misshandlung/Vernachlässigung aufläd.

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      1. IULIUS

        Wenn die Eltern selber nicht fettleibig sind, ist die Wahrscheinlichkeit von Vernachlässigung bzw. Mißhandlung bei einem fettleibigen Kind sehr hoch. Ein weiterer Punkt ist, Kinder neigen dazu Vernachlässigung und Mißhandlungen zu idealisieren, oder zu verdrängen. (Wobei was unter Vernachlässigung und Mißhandlung zu verstehen ist definiert werden muß.)
        Deinem Einwand die Eltern dafür nicht zu verurteilen teile ich. Meistens ist den Eltern ihr Verhalten bzw. die Konsequenzen gar nicht bewußt, bzw. wenden die Erziehungsstrategien ihrer Eltern an. Da helfen Vorwürfe nicht im Geringsten.
        Fakt jedoch ist, die Eltern sind für ihre Kinder verantwortlich, somit haben die es in der Hand, ob das Kind übergewichtig ist oder nicht. Am Anfang zu 100%, um so älter es wird, um so weniger.

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  3. käse

    Zitat Artikel:
    „Nur selten wird auch erwähnt, dass Übergewicht OFT Anzeichen für Mobbing oder erlebte Gewalt ist. […] Der Übergewichtige landet auf diese Weise in einem Teufelskreis – einerseits soll ihn die fehlende Attraktivität schützen, andererseits steigt so die Verachtung durch das Umfeld, die Anzahl möglicher Freunde und Vertrauenspersonen sinkt, was oft zu Essen als Liebesersatz führt.“

    Zitat Blog:
    „Ich mag vor allem, wie suggeriert wird, dass Dicke GRUNDSÄTZLICH keine Partnerschaft haben und aus purer Einsamkeit in die Chipstüte flüchten. Mir scheint, da hat jemand ein wenig zu sehr in irgendwelchen plumpen Klischees gewühlt.“

    Oft = Grundsätzlich?
    Dein Artikel suggeriert mir, dass das deine Kritik nicht zum Artikel passt.

    Aber. Wenn man „übergewichtig“ durch „adipös“ ersetzt, macht der Ursprungsartikel mehr Sinn. Diese Wörter werden häufig synomym zueinander verwendet, auch wenn sie medizinisch betrachtet einen Unterschied machen.

    Zeigt mir wie ungenau Sprache verwendet wird.

    _______________________________

    Zitat: “
    Da ich offenbar zu jenen gehöre, die “rein kosmetisch” abgenommen hat, ist es ja gut, dass ich diesen Artikel rechtzeitig gelesen habe, um eine neue Strategie zu suchen, meine psychischen Probleme zu kompensieren. Oder ich überhöhe mich als Schlanke nun eben einfach selbst, wie das Schlanke nunmal so tun:“

    Falls das Ironie sein soll: du betonst immer wieder, dass du keine schwerwiegenden psychischen Probleme hast und nicht aus kosmetischen sondern aus gesundheitlichen Gründen abgenommen hast.

    Also was soll das jetzt?

    Ich stimme mit Autorin des Artikels zu: Wer versucht psychische Probleme auf „kosmetische“(oberflächliche) Weise zu lösen, erreicht nicht immer was er sich erhofft.

    Wenn Übergewicht bei jemandem tatsächlich „nur“ als kosmetisches oder körperlich-gesundheitliches Problem ist, dann kann derjenige mit den üblichen Mitteln abnehmen.

    Das ist wie bei der Ritalin-Diskussion: ADHSler die kein Ritalin nehmen, greifen häufig zu anderen Kompensationsmitteln, darunter auch Drogen, Extremsport oder was auch immer.
    Deswegen ist hilft Ritalin indirekt davor zu „anderen Drogen“ zu greifen.
    Aber vielleicht kann man ADHS ja auch mit kosmetischen Mitteln beseitigen, Omega-3 soll ja helfen. Oder das vermeiden von Phosphor. Oder frische Luft. Sagt man.

    Meine Schlussfolgerung ist somit: der Artikel ist schlecht/missverständlich formuliert.
    (Ich bin aber nicht engagiert genug das zu überprüfen, indem ich die Autorin anschreibe)

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    1. Ich denke, du interpretierst hier „kosmetisch“ nicht im Sinne der Autorin, da diese es offenbar in Abgrenzung zu „sich um die tiefen psychologischen Probleme dahinter kümmern“ meint. Und in diesem Sinne habe ich selbstverständlich „kosmetisch“ abgenommen, da ich lediglich mein Essverhalten geändert habe, aber keine psychotherapeutische Aufarbeitung der schweren emotionalen Traumata dahinter vorgenommen habe.

      Wenn du den Artikel komplett liest, nicht nur die Ausschnitte, die ich zitiert habe, wird vielleicht klarer, warum ich „grundsätzlich“ schreibe, denn m.E. gibt es in diesem Artikel wenig bis keinen Raum für Dicke, die ohne psychologische Traumata dick sind. Was, btw., nicht bedeuten soll, dass ich psychische Gründe komplett negiere, denn natürlich hat es bei jedem, auch bei mir, psychische Gründe, dass man sich Essen in den Mund steckt. Das tut der Körper ja nicht alleine. Aber diese plumpe Küchenpsychologe über schlimme Erlebnisse und Einsamkeit, die da kompensiert werden, finde ich eben ungut, da ich nicht denke, dass sich die Mehrheit der Übergewichtigen hier wiederfindet, und eine Suche nach diesen Gründen für einige sogar der erfolgreichen Abnahme im Weg stehen kann, wenn da einfach kein tiefes Trauma ist, das man ausgraben kann.

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    1. IULIUS

      Bei kalorienreduzierte Lebensmittel geht es nur Marktanteile und Einnahmen der Herstellungs- und Verkaufsindustrie. Es soll Dich dazu verleiten es zu kaufen und Deine Konsumgewohnheiten beizubehalten evtl. sogar einen Aufpreis dafür zu zahlen. Damit wird verhindert, daß Du (und Millionen anderer) einfach weniger konsumieren/essen und damit weniger Geld ausgeben.

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  4. Mal ein bischen Arithmetik: Ich habe von 1993 bis 2015 75 kg zugenommen. 75 kg Körpermasse entsprechen einer überhöhten Nahrungsaufnahme von ca. 525.000 kCal (bei 7.000 kCal / kg Fett). In 22 Jahren vergehen ca. 8.000 Tage. D. h. pro Tag habe ich ca. 66 kCal über meinem Bedarf gegessen. Das entspricht ca. 100 – 120 g Apfel pro Tag oder 20 g Kartoffelchips oder 11 g Erdnüssen oder Milch und Zucker im Kaffee, ein Franzbrötchen pro Woche wäre schon zuviel. Bei diesen „Unmengen“ muss natürlich was in der Psyche gestört sein. Ernsthaft: Frustfressen sieht für mich anders aus!

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    1. IULIUS

      Man kann es leider nicht so umrechnen, wie Du es tust. Ich vermute einfach mal, wenn ich dreist behaupte, Du hast nicht kontinuierlich zugenommen, sondern in Etappen, d. H. mehrfach innerhalb kurzer Zeit viel. In den Zeiten dazwischen hast Du entweder gar nicht oder nicht genug abgenommen, um das auszugleichen.
      Ob das nun Frustfressen war, oder einfach nur die Weihnachtsganz und schecht plazierte Geburtstage ist trivial.

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    2. Frank

      @ladit01
      Wenn man es so rechnet wie du, macht man es sich ein bisserl zu einfach, denke ich. Um 75 kg Übergewicht zu halten, ist deutlich mehr erforderlich, als 66 kcal. Es dürfte, je nach Körpergröße, eher im Bereich um 2000 kcal liegen, die du _zuviel_ gegessen hast. Ob das nun Frust ist, weiß ich natürlich nicht, aber eine knapp verfehlte Kalorienbilanz ist es ganz sicher auch nicht.

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