ZEIT-Logik überwinden.

Eben wurde mir ein Artikel der ZEIT zugeschickt, in dem dem Leser eindringlich erklärt wird, dass Schlanksein ja eigentlich irgendwie so gut wie fast unmöglich ist. Mein Lieblingssatz aus dem Artikel war dieser hier:

„Ärzte raten seltener zur Gewichtsabnahme als früher. Grund ist, dass heute statt des Gewichts allein das Gesamtbild des Patienten den Ausschlag gibt. Denn hat der Patient noch keine Folgeerkrankungen des Übergewichts, wie Diabetes, Gelenkbeschwerden oder psychische Probleme, dann nützt ihm das Abnehmen gesundheitlich nichts.“

Ein ganz tolles Konzept zur Risikoprävention. Denn genau so funktioniert Risiko natürlich, entweder man ist Dick und sofort deshalb krank, oder man hat absolut kein Problem durchs Dicksein. Es ist ja nicht so, dass etwa Gelenke im Laufe der Zeit verschleißen, nein, entweder man hat Gelenkprobleme oder eben nicht. So funktioniert es ja auch mit dem Rauchen: Entweder man fällt bei der ersten Zigarette tot um oder man wird 95 während man täglich zwei Schachteln qualmt.

Ob die ZEIT den Satz auch so abgedruckt hätte, oder ob ihr bewusst gewesen wäre, wie lächerlich das klingt: „Ärzte raten seltener zum Nichtrauchen als früher. Denn hat der Patient noch keinen Lungenkrebs, dann nützt ihm das Nichtrauchen gesundheitlich nichts.“?

Dazu noch ein kurzer Ausschnitt aus „Fettlogik“ zum Thema „gutes Gesamtbild bei Übergewicht“:

Ein Vergleich zwischen gesunden Normalgewichtigen und gesunden Adipösen ergab, dass, auf zehn Jahre gesehen, das Risiko der Adipösen zu sterben oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln, signifikant höher lag. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass „gesundes Übergewicht“ ein Mythos ist (Kramer et al., 2013).

Auch eine neue Studie von Bell et al. (2015) bestätigte dies. Sie folgten vermeintlich gesunden Adipösen zwanzig Jahre lang, und über die Hälfte von ihnen wurden im Laufe der Zeit zu ungesunden Adipösen. Im Vergleich zu den gesunden Normalgewichtigen war ihr Krankheitsrisiko um das Achtfache erhöht.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine koreanische Studie mit 15000 Probanden: Auch bei den Adipösen mit normalen Laborwerten wurden häufiger verkalkte Arterien gefunden, was zu einem höheren Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt (Chang et al., 2014).

Auch in der Studie von Appleton et al. (2013) zeigte sich, dass „gesunde Adipöse“ gegenüber gesunden Normalgewichtigen ein mehr als doppelt so hohes Risiko hatten, in den nächsten fünf bis zehn Jahren schlechte Blutwerte oder Diabetes zu bekommen.

Die ZEIT schreibt also schlichtweg kompletten Unsinn, wenn sie behauptet, dass Abnehmen gesundheitlich nichts nützt, wenn man nicht schon Probleme hat. Ich finde den Satz sogar absolut fahrlässig, denn wenn man erst mal Probleme hat, ist es eben oft schon zu spät. Wie viele Übergewichtige lesen diesen Artikel und lehnen sich beruhigt zurück, weil ihre letzte Blutuntersuchung ganz gut war, weil sie so einer Aussage glauben schenken (wollen)? Wie viele werden sagen: „Ja gut, ich bin adipös, aber meine Blutwerte waren das Letzte mal gut und in der ZEIT stand neulich, dass es mir gesundheitlich gar nichts bringen würde, wenn ich jetzt versuchen würde, abzunehmen. Im Gegenteil, die Ärzte sagen, es ist besser, wenn ich mein Gewicht einfach halte.“

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18 Gedanken zu “ZEIT-Logik überwinden.

    1. Das schlimme ist: ich halte mein Normalgewicht seit über einem Jahr problemlos. Aber wenn ich solche Artikel lese, dann ist mein erster Gedanke, dass ich vermutlich bald wieder 150kg wiege, weil es KANN ja gar nicht klappen… das ist dieses Denken, das ich seit der Kindheit vermittelt bekommen habe („Ich werde niemals schlank sein können“).

      Ich frage mich, wie vielen es noch so geht und wie viele erst durch so einen Mist dazu gebracht werden, zu resignieren und es gar nicht erst zu versuchen.

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  1. sternenmond75

    ….sorry muss gerade sehr schmunzeln bei dem Vergleich „Die ZEIT – rauchen – Gesundheit“….Helmut Schmid (Gott hab‘ ihn seelig) war ja Mitherausgeber der ZEIT und bekannter Kettenraucher UND erreichte ein stolzes Alter. Da argumentierte man ja tatsächlich auch so hinsichtlich seines Rauchverhaltens. Muster erkennbar? Fortsetzung mit „Alkoholiker leben am gesündesten“ folgt 😀

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    1. Auriel

      Um nochmal das Thema Rauchen und Helmut Schmidt aufzugreifen. Wie wir alle wissen ist er kürzlich erst verstorben.
      In der Presse ging ca ein halbes Jahr vorher umher, dass er sich einem längeren Krankenhausaufenthalt, sowie einer OP unterziehen musste, weil er Probleme mit der Blutversorgung der Beine hatte, also eine periphere arterielle Verschlusskrankheit.
      Zu den maßgeblichen Risikofaktoren zählt neben dem Cholesterin, den Triglyceriden, Diabetes und Übergewicht auch maßgeblich das Rauchen. Ergo wird sein Tod auch durch das Rauchen mitverursacht worden sein, das wurde so in den Berichten nicht hervorgehoben, weil er das Glück hatte trotz Kettenrauchen ein stolzes Alter zu erreichen.

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  2. Um mit dem Patienten ein Geschäft machen zu können, muss er natürlich erst mal krank werden. Also ist Prävention nicht im interesse all derer, die mit kranken Menschen ihr Geld verdienen, und denen gleichzeitig das Geld wichtiger ist als der Mensch. Im Hintergrund der Ärzte, bei Pharma und Medizintechnink gibt es da einige Gruppen, denen ich das Zutrauen würde. Den Ärzten selbst eher nicht.

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    1. Kuttel Daddeldu

      Hm, da bin ich mir nicht immer so ganz sicher, Hajo…

      „Was bringt den Doktor um sein Brot?
      a) die Gesundheit, b) der Tod.
      Drum hält der Arzt, auf daß er lebe,
      uns zwischen beiden in der Schwebe.“

      (Eugen Roth)

      😉

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    2. Es gibt sehr viel unterschiedliche Gründe, Präventionen abzulehnen; sicher gibt es finanzielle Interessen daran, Menschen krank werden zu lassen um sie dann zu behandeln: das halte ich aber für eher unwahrscheinlich (bzw. nicht den Hauptgrund).

      Prävention wird oft schlicht und einfach abgelehnt, weil das nötige Wissen fehlt und es deutlich schwieriger ist, entsprechende Forschung zu betreiben (es ist deutlich einfacher, die Heilung einer Krankheit durch Mittel x zu untersuchen als das Nichtentstehen einer Krankheit durch Verhalten y).

      Weiterhin greift Prävention auch in die Freiheit des Menschen ein, und das ist immer ein Problem: man (meistens auch noch Einrichtungen die wenig vertrauenswürdig sind wie die Regierung). Menschen lassen sich nicht gerne vorschreiben, was sie tun sollen – selbst wenn es sinnvoll ist (über den Arbeitsschutz machen sich auch viele gerne lustig – bis dann einmal etwas passiert).

      Und es ist natürlich auch (auf den ersten Blick) erheblich bequemer, denn man verlagert die Kosten (im weitesten Sinne) für seine Gesundheit in die Zukunft, d.h. man muß JETZT nichts machen und besonders sich nicht einschränken.

      Man kann das also auch sehr schön ohne Verschwörungen erklären – wenn man dann noch den Wissensstand der Mediziner auf diesem Gebiet hinzuzieht (Ernährungsprävention ist nun wirklich kein wichtiges Thema), die zahlreichen Quacksalber in diesem Gebiet die mit vielen Worten Unsinn erzählen und die generelle Faulheit der Menschen, dann kommt man zu einem ähnlichen Ergebnis.

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  3. freak

    Ich finde erschreckend dass dieser Artikel ja offenbar nicht von einem Journalisten stammt, der mal eben Fakten vergoogelt hat, sondern von einem Medizinstudenten/Mediziner, der sich wissenschaftlich mit Adipositas befasst???

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  4. klausww

    Die ZEIT schreibt:

    “Denn hat der Patient noch keine Folgeerkrankungen des Übergewichts, wie Diabetes, Gelenkbeschwerden oder psychische Probleme, dann nützt ihm das Abnehmen gesundheitlich nichts.”

    Da bin ich schon mal ein Gegenbeispiel. Bei einem Gewicht um die 100kg (BMI ca. 30), das ich jahrelang hatte, hat sich mein Blutzucker langsam, aber sicher in die Gegend von 130 mg/dL bewegt, d.h. Diabetes Typ II im Entstehen. Seit ich abnehme, hat sich ein Wert um die 100 eingependelt.

    Ich bin jetzt beim Zielgewicht von 82 kg (BMI ca. 25) angekommen und hoffe, dass der BZ so niedrig bleibt, oder zumindest nicht über 115 steigt, auch wenn ich nicht mehr weniger esse als ich verbrauche.

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  5. nessii

    Ehrlich, hätte ich den Artikel vor zwei Jahren gelesen, wäre das mal wieder eine Bestätigung gewesen, dass Abnehmen eben unmöglich ist und ich ewig fett bleiben bzw. noch fetter werden werde. Ich hatte keine dauerhaft schlechte Laune beim Abnehmen und habe die auch jetzt nicht, obwohl mich 50kg vom angeblichen „Zielgewicht“, das mein Körper ja „anstrebt“, trennen.
    Ehrlich, wie man solche gezielten Falschaussagen verbreiten kann, das grenzt ja an Betrug!

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