Gastartikel: Fat shaming (Week)

Triggerwarnung: Ist von Caketroll

Vor genau zwei Jahren haben ein paar pickelige spätpubertierende Frauenhasser mit kleinen Penissen, die bei Mama im Keller leben, beschlossen, die (internationale) „Fat Shaming Week“ auszurufen, weil sie lieber schlanke Frauen vögeln wollen.

Am gleichen Tag bekamen übrigens James Rothman, Randy Schekman und Thomas Südhof den Nobelpreis für Medizin, aber wen interessiert schon, was Forscher leisten? Beschäftigen wir uns also mit einem wichtigeren Thema: Gefühle dicker Frauen.

Wenn das jetzt jemanden verwundert: Natürlich haben auch dicke Frauen Gefühle. Wie dünne Frauen auch können dicke Frauen traurig werden. Oder wütend. Oder beides.

Und, so die steile These derer von Hypogenitalismus Betroffenen,  (1) verletzt es die Gefühle dicker Frauen, wenn diese unbedingt beachtenswerte Aktion Kommentare wie diese entsetzliche und entwürdigende Entgleisung auf Twitter hervorruft:

Kürbis

(2) wird angenommen, dass es Leute dazu motiviert, sich zu ändern, wenn sie sich ihrer Unzulänglichkeiten bewusst sind, und (3) ein solches Shaming ein hierzu geeignetes Mittel ist.

Nun bin ich persönlich ja nun eher der Meinung, dass eine Gesellschaft ohne blöde Witze, so gut oder schlecht man sie auch findet, eine sehr traurige Gesellschaft wäre. Vor allem aber denke ich mir, dass sich von einem solchen Witz doch niemand ernsthaft beleidigt fühlen kann – ich meine, wie humorlos kann man denn sein?

Traurigerweise gibt es neben den Leuten mit zu kleinen Penissen auch Leute mit zu kleinen Gehirnen. Konkret wäre das hier die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V., die aus dem Quark einen öffentlichen Aufruf zur Diskriminierung dicker Menschen machen.

Da der Unsinn von beiden Seiten nicht einfach von allen vernünftigen Menschen ignoriert wird, sondern es – gut, nach anderthalb Jahren, aber immerhin – ins US-Fernsehen geschafft hat, muss man sich wohl damit auseinandersetzen. Das wäre nun nicht verwunderlich, im US-Fernsehen läuft noch größerer Mist als bei uns, aber was da passiert ist, war für mich spannend. Ich zeige mal die Beteiligten im Bild:

Dr. Oz & Roosh

3 dicke Frauen

Wer sich die Sendung nicht ansehen mag – ist oben verlinkt, wenn doch – hier eine kurze Zusammenfassung: Der Moderator, Dr. Oz, erklärt dem pickeligen spätpubertierenden Frauenhasser, dass er ein Arschloch ist, weil er etwas gegen fette Frauen hat. Der geschätzte und respektierte Talkshow-Gast erklärt dann, dass es ihm eigentlich um die Adipositas-Epidemie in den Vereinigten Staaten geht, er auch auf die gesundheitlichen Probleme, die mit Übergewicht einhergehen, aufmerksam machen will, und er es nicht sonderlich produktiv findet, ununterbrochen irgendwelche fetten Leute in den Medien als total super darzustellen. Was der Moderator natürlich sofort und richtigerweise als dämliche Ausrede benutzt und dem Frauenhasser 50 wissenschaftliche Studien vor den Latz knallt, dass Fat Shaming nicht dabei hilft, Leute zum Abnehmen zu bewegen. 50 sicher total wissenschaftliche Studien auf insgesamt locker 150 Seiten. Da das nicht reicht, den Bully zurück in Mamas Keller zu bewegen, kommen dann drei starke, selbstbewusste Frauen, die Aktionen wie die Fat Shaming Week zwar überhaupt nicht stören und ihnen das egal ist, weswegen sie es auch nicht für notwendig erachten, in eine Talkshow zu gehen. Es macht sie aber traurig und wütend und sie finden es wichtig, dem frauenhassenden, pickeligen Kellerkind zu sagen, dass er ein Arschloch ist. Anschließend kommt noch irgendein Wohlfühl-Video, was ich nicht ausgehalten habe.

So, und während ich mich gerne über alles amüsiere, auch über noch so entsetzliche und entwürdigende Entgleisungen auf Twitter wie diese:

Lagerfeld

– Die wohlgemerkt einen Nazivergleich beinhaltet. Oh mein Gott, ein Nazivergleich! Entsetzt Euch! Sofort! Empört Euch! Startet einen Aufschrei!

Nein, das ist nicht meine Meinung, das lese ich bei der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung.  Aber gut, lassen wir mal alles beiseite und konzentrieren uns auf das Thema, was mich wirklich interessiert:

Hilft jetzt Fat Shaming dabei, Leute dazu zu bringen, abzunehmen, wie der neutrale und seriöse Moderator und 50 wissenschaftliche Studien zeigen?

Die Frage kam mir, weil ich den Stapel mit den Studien gesehen habe und mich fragte, warum ich beim Schreiben meiner Dissertation für 50 Studien zwei Ordner brauchte, während das heutzutage offenbar nur noch ein dünner Stapel ist.

Ich machte mich also auf die Suche nach den 50 Studien. Die Resultate waren eher ernüchternd:

sd1

pubmed

(Livelink)

Das ist dann der Punkt, an dem ich einen beliebigen Betrag wetten würde, dass was auch immer da auf dem Tisch lag keine 50 wissenschaftlichen Studien sind, die zeigen, dass Fat Shaming nicht dabei hilft, Leute zum Abnehmen zu bewegen. Mangels 50 wissenschaftlicher Studien, die auch nur „fat shaming“ erwähnen, unabhängig von ihrem Inhalt.

Vom Inhalt her findet man allerdings zwei interessante Studien. Eine trägt den Titel If Shaming Reduced Obesity, There Would Be No Fat People, und ist fast anderthalb Seiten lang. Im Kern geht es um einen Herrn Callahan, der findet, man müsse was gegen die Adipositasepidemie machen, dann behaupten die Autoren eine Menge eigener Studien, die nicht nachvollziehbar (und damit pauschal Müll) sind und kommen zu dem Schluss, dass Herr Callahan böse (mean-spirited) ist.

Die zweite hat den Titel What’s eating the internet? Content and perceived harm of pro-eating disorder websites und hat immerhin vier Seiten. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Bullshit im Internet falsches Essverhalten fördern kann.

Da mir das nun beides nicht weiterhilft bei der Frage, und das Thema ja schon vormals in Nadjas Blog vorgedrungen ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, einen kurzen Überblick zum Stand der echten wissenschaftlichen Forschung zu geben:

(1) Der Körpereindruck (junger) Frauen ist von ihrem Umfeld abhängig

(2) Fette Frauen finden sich unattraktiv. Und das auch, wenn man ihre Depressionen rausrechnet (ja, fette Menschen sind häufiger depressiv)

(3) Das Essverhalten ist davon abhängig, was man glaubt.

(4) Leute, die sich diskriminiert fühlen, nehmen schlechter ab.

Sehr viel weiter kommt man nicht. Die interessante Frage wäre jetzt, ob Fat Shaming  Diskriminierung dicker Menschen ist – wenn es um Diskriminierung ginge. Es geht aber nicht um Diskriminierung, es geht um gefühlte Diskriminierung.

Nun war mein maximaler BMI so bei 32, und ich war – danke, Nadja – immer mindestens Skinnyfat. Und kann daher aus eigener Erfahrung die tägliche Diskriminierung als übergewichtig gelesener Menschen nachvollziehen; ich wurde und werde auch ständig beschimpft, mit faulen Eiern und verdorbenen Tomaten beworfen und bespuckt. Das kennen sicher alle, die nicht der Norm entsprechen.

Naja, nachdem wir also (ernsthaft) nur raten können, sage ich mal, dass ich „Fat Shaming hilft nicht, wenn man Abnehmen fördern möchte“ auf Basis der aufgeführten Studien durchaus bejahen würde. Ich würde aber aufgrund der medialen und sozialen Unpopularität von Fat Shaming gerne herausstellen, dass es mindestens genauso schädlich ist, fetten Leuten einzureden, dass sie so, wie sie sind, supertoll sind und alles passt, und nur die böse Gesellschaft sie diskriminiert – und das passiert ununterbrochen. Und im Fernsehen. Das hat nämlich den selben „sich diskriminiert fühlen“-Effekt wie behauptete „Diskriminierung“ durch „Shaming“

Wir können nämlich gerne darüber streiten, ob blöde Witze eine Diskriminierung sind. Oder Shaming eine Möglichkeit ist, eine negative Assoziation hervorzurufen, die nicht eh schon da war (die o.g. Studien schweigen sich dazu aus), weil Scham halt etwas ist, das man nur empfinden kann, wenn man eine eigene Verantwortung für etwas empfindet. Da nun aber

(5) Eigenverantwortung echt hilfreich ist, wenn man abnehmen will,

könnten wir einfach mal darüber reden, wie vernichtend gewisse Organisationen im Hinblick auf abnehmwillige Dicke sind, die ihnen erzählen, dass sie kontinuierlich diskriminiert werden und das (statt ihnen) falsch sei.

Natürlich ist das etwas ab vom Thema und eher eine Kritik an Fatacceptance als eine Reflexion von Fatshaming, und da muss ich ganz ehrlich zugeben, dass ich zu wenig auf Fatacceptance eingegangen bin und wie positiv das für die Körperwahrnehmung sein kann. Ich möchte daher mit einem Video schließen, das die Mentalität und Schönheit der Fatacceptance-Bewegung in Gänze illustriert (15 Sekunden reichen):

(Das ist afaik ernsthaft Fat-Positive. Meine Güte, seht ihr nicht die Ästhetik und Fluidität der Bewegungen und die zynische, sublime Auseinandersetzung mit dem Thema Fett durch die Butter, auf der sie elegant tanzt, ihr diskriminierenden Trolle?)

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25 Gedanken zu “Gastartikel: Fat shaming (Week)

  1. Hilft jetzt Fat Shaming dabei, Leute dazu zu bringen, abzunehmen, wie der neutrale und seriöse Moderator und 50 wissenschaftliche Studien zeigen?

    Ich kaufe eine Negation und löse auf. „Hilft jetzt Fat Schaming NICHT dabei…“.

    Man könnte sich natürlich die Frage stellen, ob Fat Shaming Leuten dabei hilft, aber ich würde das schon aus pädagogischen Gründen ablehnen. Wenn jemand keine intrinsische Motivation hat abzunehmen, kann man die Person auch in Ruhe lassen. Negative Anreize schaffen selten eine dauerhafte Verhaltensänderung.

    Und Fat Shaming als Counterpart zum Fat Hochjubeln zu sehen, ist albern und infantil. Wer gesundheitliche Aufklärung leisten will, sollte gesundheitliche Aufklärungen leisten und nicht so nen Bullshit vom Stapel lassen wie die „Return of the Kings“-Deppen („Warum fette Frauen [explizit nur Frauen] in den Knast gehören“).

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  2. Lomi

    Ich habe dank der teilweise Überironisierung irgendwie die message des Textes verpasst. Geht es am Ende nur darum, dass Fatshaming ein denkbar schlechtes Mittel ist, um Leute zum Abbnehmen zu bewegen?
    Geht es um diese Kids, die via Internet Frauen fatshamen und geht es um klischeehafte Fernsehsendungen und deren Trend in Richtung fatacceptance?

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, all das. Vor allem aber wollte ich mal rausstellen, dass es verlogen ist, Fatshaming als „böse“ gegenüber Dicken darzustellen und gleichzeitig Fatacceptance zu promoten, da dicke Menschen sich von ganz alleine „schämen“ (und depressiv werden).

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      1. Lomi

        Hm, ok, das habe ich so nicht herausgelesen. Also klar, die Tatsache, dass sie sich von alleine schämen, die habe ich gesehen. Aber dass Du zu diesem Schluss kommst, nicht. Ich bin mir auch nicht so ganz sicher.
        Also: Die „fetten Frauen“ schämen sich längst selbst. Dazu brauchen sie kein Fatshaming. Fatshaming hilft zweitens keiner Frau weiter, sie generiert dadurch keinen Willen zum Abnehmen. Das scheint mir klar.

        Aber was ist mit dem Zusammenhang von Fatacceptance und der Tatsache, dass die Frauen sich von alleine schämen? Das Ziel von Fatacceptance ist es doch eigentlich, diese Scham als „konstruiert“ wegzudefinieren und ein positives Körpergefühl aufzubauen.

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      2. käse

        „da dicke Menschen sich von ganz alleine “schämen” (und depressiv werden)“

        Erinnert mich an das Koan: „Wie klingt das Klatschen einer Hand?“.

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  3. Mona

    Öhm… Danke für die Butter-Alpträume, die ich die nächsten Nächte haben werde. Ich versteh diese Tanz-Kunst auch nicht. Das muss doch wehtun, wenn die Frau ständig hinfällt. Die arme Butter. Ich mag Butter.

    Gefällt 2 Personen

  4. prozessorhastig

    Wie kommt der Autor des Artikels eigentlich darauf, dass es sich bei den Machern von „Return of Kings“ um „[…]paar pickelige spätpubertierende Frauenhasser mit kleinen Penissen, die bei Mama im Keller leben […]“ handelt. Auf den Fotos sehe ich keine Pickel und keine Penisse noch sehen sie so aus, als wenn sie in der Pubertät wären. Weiß der Autor da mehr?

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      1. „Sorry, der Sprachduktus ist Deinem so ähnlich.“

        Bitte was o_O

        Ich glaube, „Sorry, ich hab nur ein Satzfragment aufgeschnappt und dann kommentiert, und mag das jetzt nicht zugeben“ trifft es eher.

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  5. Hm, dieses Video hat mir einiges gezeigt:

    1. Butter ist ein Lebensmittel. Ein tierisches Lebensmittel. Ein wertvolles Lebensmittel. Und damit veranstaltet man keine Sauereien, tritt nicht mit Füßen darauf herum, verschwendet es nicht. Wer so etwas macht, hat ein weitaus größeres Problem, als einige Kilos zuviel oder zuwenig.

    2. Auf fetthaltigen Untergründen ist Bewegung vorsichtig durchzuführen, sonst kommt es zu unfreiwilligen Bodenkontakten.

    3. Wenn ich mir irgendwelche Knochen brechen, Bänder zerren oder Sehnen reißen möchte, stürz ich mich lieber im Galopp vom Zossen.

    4. Und wer putzt hinterher die Sauerei weg??

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  6. Ich kann nur von mir sprechen.
    Mir hilfts nicht, wenn mich jemand runter macht/schlecht macht, um mich zu „motivieren“. Ich werd dadurch traurig, träge und demotiviert. Außerdem neige ich dann erst recht zum übermäßigen Naschen und essen, was ja demnach eben nicht hilfreich ist.

    Vielleicht will ja jemand Meinungen für eine kommende Studie sammeln. Hihi

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      1. Hallöchen! Das ist eine sehr gute Frage! Muss ich mit einem deutlichen jein beantworten *g*…
        Unterschiedlich! „Du siehst schlanker aus“ motiviert mich schon zB. „Wenn du weniger isst, wiegst du bald weniger“ eher nicht … weil es für mich nicht ganz „greifbar“ ist.

        Wenn mir aber jemand zB sagt „Du bist schwabbelig, mach Sport“ demotiviert mich das. Das ganz ich ganz genau benennen. Vllt. weil mir das „Positivbeispiel“ noch nicht so oft passiert ist *g*…

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  7. Shark

    Mal etwas off topic. Was ich nicht verstehe ist, warum Lagerfeld meint, sich über Adeles Figur äußern zu müssen. Sie ist Sängerin, kein Model. Ihr Gewicht ist doch völlig irrelevant.
    Es kritisiert doch auch keiner, das Lagerfeld nicht singen kann.

    Oder ist das die heute vorherrschende Meinung, nach der eine Sängerin gut mit dem knackigen Arsch wackeln können muss, um erfolgreich sein zu dürfen? (Stimme und Talent sind zeitrangig…) Den Eindruck habe ich fast.

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      1. Man „darf“ schon, so wie man halt allgemein ein Arschloch sein „darf“. Deshalb hat Shark auch nicht gefragt, ob Lagerfeld die Figur von Adele erwähnen „darf“, sondern fragte, „warum“ er das tat. Im Sinne von: „Warum sollte man sich als prominente Person über das Gewicht von anderen Leuten äußern, die mich überhaupt nix angehen?“.

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  8. Pingback: Make stupidity illegal | Lollipops for equality

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