Wahn!

Heute früh empfing mich beim Einloggen auf gmx bereits folgende dramatische Schlagzeile:

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Offensichtlich inspiriert von dieser Headline aus der Bunten:

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Da fragt man sich natürlich: WIE UNTERGEWICHTIG IST DIE ARME FRAU JETZT???

t-online gibt Auskunft: „Insgesamt 51 Kilogramm verlor Roberto Blancos Tochter im letzten Jahr: Von 115 Kilo speckte sie auf aktuell 64 Kilo ab – bei einer Körpergröße von 1,65 Meter. Wenn es nach ihr geht, sollen noch mehr Pfunde purzeln: „Mein Traumgewicht wären 59 Kilo“, sagte sie der „Bild“-Zeitung.“

Also von morbider Adipositas (BMI 42) hat sie auf aktuell BMI 23,5 abgenommen und will auf *gasp* BMI 21,7 abnehmen. MA-GER-WAHN!!!!

Ich meine, das ist doch suspekt, wenn so eine Dicke sich erdreistet, einfach so ins mittlere Normalgewicht vorzustoßen, das doch bitteschön für die „Naturschlanken“ reserviert ist!

Da kommen Erinnerungen hoch an die Zeit ab etwas über 100kg, als die Umwelt allmählich der Meinung war, dass es jetzt doch langsam reicht. Wohlgemerkt, mit über 100kg war ich nach wie vor adipös und sah keineswegs abgemagert aus:

zonenUnd doch waren die letzten 40 kg begleitet von andauernden Fragen, warum ich denn jetzt noch weiter abnehmen wolle, weil es doch schon ganz toll sei, dass ich überhaupt von 150 kg auf 100 kg abgenommen habe.

Eigentlich wollte ich gerade den Vergleich ziehen zur Promotion, und wie unangemessen es wäre, wenn man fragen würde: „Aber du hast doch dein Diplom, warum willst du denn jetzt noch einen Doktor machen?“, aber da fiel mir ein, dass ich das tatsächlich mehrfach gefragt wurde.

Womöglich ist es also kein gewichtsspezifisches Phänomen, dass Leute doofe Fragen stellen, wenn man es wagt, sowas wie Ziele zu haben. Trotzem ist es ein Unding, dass Patricia Blanco derartig unverschämt mit „Diätwahn“ in die Schlagzeilen gezerrt wird, weil sie ein völlig normales Gewicht anstrebt.

Denn wenn wir uns mal anschauen, was „Wahn“ bedeutet, dann ist das: „eine die Lebensführung behindernde Überzeugung, an welcher der Patient trotz der Unvereinbarkeit mit der objektiv nachprüfbaren Realität unbeirrt festhält.“ – und bringen wir das doch mal zusammen mit einem medizinisch normalgewichtigen BMI von 21,7, der also offenbar „unvereinbar ist mit der nachprüfbaren Realität“.

Ahja.

20 Gedanken zu “Wahn!

  1. yannaba

    Da fällt mir eine Unterhaltung ein, die ich kürzlich hatte:
    „Wieviel willst Du denn noch abnehmen?“
    „So etwa 25 Kilo, dann müsste ich unter 25% Fett haben.“
    „Na – sagen wir mal lieber noch 15 Kilo.“ *zwinker*
    ?!?

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    1. Keine Ahnung. Ich glaube, ich habe das nie ausdikutiert sondern immer eher etwas entgeistert geschaut und „so halt“ oder „weil“ gesagt.
      Müsste man mal eine Studie machen, ob die Reaktionen anders sind, wenn ein Mann sagt, dass er promovieren will^^

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    2. Christoph

      Es gibt Fächer (zum Beispiel Informatik), wo eine Promotion sinnlos ist, wenn man nicht in der Wissenschaft bleiben will. Wenn ich also klar gemacht hatte, dass ich nicht in der Wissenschaft bleiben wollte, kam schon die Frage, obwohl ich männlich bin. Ich halte es für abwegig, dass die Frage vor allem an Fragen gerichtet wird.

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    3. naja, eine Komilitonin von mir wurde auch gefragt, warum sie jetzt überhaupt weiterstudiert, wo sie doch nun nen Mann gefunden hat. Gibt nix, was es nicht gibt 😉

      Aber zur ursprünglichen Geschichte: Eine Freundin hat auch gut abgenommen – nicht so viel, aber doch. Sie kriegt auch ständig von anderen (nicht abnehmenden) Freunden zu hören, dass es dann jetzt aber doch mal reiche.
      Als ich beim xten Mal mal nen kleinen Ausbruch hatte, dass es doch bitte IHRE Entscheidung sei, wieviel sie letztendlich wiegen will, war ich dann die böse, weil das hätte man doch gar nicht angezweifelt.

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  2. Mona

    Egal was man macht, andere finden es irgendwie falsch.
    Wenn man zunimmt, wird man gefragt, ob man ungewollt schwanger geworden ist oder ob man nicht mal paar kg abnehmen will. Wenn man abnimmt wird man gefragt, ob man krank ist oder ob es nicht mal reicht mit der Abnahme.

    Wenn man eine Doktorarbeit machen will, fragen alle, ist das nicht zu anstrengend? Bist du in der Wirtschaft/Industrie nicht besser aufgehoben? Wenn man sich entscheidet keinen Doktor zu machen, kommen von irgendwoher Menschen, die fragen, wieso machst du denn keinen Doktor machen? Der Doktortitel wär gut für deine Zukunft, blah blah.

    Rechtfertigen ist doof. Sollen die Leute doch denken, was sie denken. Ich mach mein Ding.

    So fies, dass Medien das auch noch in die Köpfe der Leser pflanzen, dass wenn man abnimmt, man in einem Wahn sei. Man kann echt alles katastrophisieren.

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  3. Closer Than Yesterday

    Lustig, dass sich die gleichen Medien dann über die angeblich zu dicke Figur von Jennifer Lawrence ihr Maul zerreißen. Aber das ist ja der Job der qualitativ minderwertigen Klatschpresse.

    Und bei den Menschen im eigenen Umfeld ist es teils unnötig und nervig, teils aber auch verständlich. Manche sind besorgt, dass es „ins andere Extrem“ rutscht, was durchaus ja auch vorkommt und dann wäre es wirklich schlimm. Aber da kann man mit so oberflächigen Sätzen bestimmt nicht helfen. Wenn es ehrliche Sorge ist, dass jemand „übertreibt“, dann sollte ein vernünftiges Gespräch auch drin sein.

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  4. Kris

    Es geht hier bestimmt vielen so und Du hast ja auch schon ein paar Mal darüber gesprochen… Ich habe inzwischen von 99 kg auf 72 kg abgenommen, bei 172 cm Körpergröße. Ziel ist die 65 – ganz einfach Normalgewicht.

    Aber bereits ab 80 kg bekam ich ständig zu hören „wie viel willst Du denn noch abnehmen?“ „Du wirst ja immer dünner, iss was!!“ „Bald hast Du ja gar keinen Arsch mehr in der Hose“ (my favourite). Spekulationen ob ich krank sei… Was ich esse wird genauestens beobachtet.

    Komisch, als ich immer dicker wurde, sagte mir niemand (ins Gesicht 😉 ) „iss weniger! wie viel willst Du denn noch zunehmen?! Dein Arsch wird ja immer breiter! Vorsicht, Deine Gesundheit!“ Das nervt tierisch, macht mich wütend und mittlerweile traue ich mich gar nicht mehr, zu sagen, was mein Endziel ist oder was ich bereits abgenommen habe. Das finde ich traurig… anstatt stolz auf die bisherigen 27 kg zu sein, murmel ich dann was von 20 oder puh, hab mich am anfang gar nicht gewogen, kann ich nicht so genau sagen…

    Dass das Streben nach Normalgewicht und Fitness so viel verstörender wirkt als gesundheitsgefährdende Adipositas, finde ich sehr befremdlich.

    /rant ende

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  5. Pingback: Wahn und Realität | Lollipops for equality

  6. N

    Ich sag erst gar nicht, dass ich noch weitere 8 kg abnehmen will, wo ich ja schon 8 kg abgenommen hab und damit nur bei der Halbzeit bin. Keine Lust auf die Kommentare.

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  7. Magenta

    Ich bin erst in der „Toll-wie-schön-du-abgenommen-hast-Phase!“
    Bekomme im Moment zu hören, wie schön schlank ich jetzt bin.

    Habe von 95 kg (BMI 36,2) knapp 20 kg auf 75,6 kg (BMI 28,8)
    abgenommen (1,62 m groß). Das sind immer noch 10 kg Über-
    gewicht, aber die Umwelt nimmt mich als normalgewichtig wahr,
    das ist wirklich irgendwie verrückt.

    Selbstverständlich halte ich den Mund, wenn es um mein Zielgewicht
    geht. Mir ist aufgefallen, dass die Frauen in meinem Bekanntenkreis
    anfangen zu meckern, wenn man anfängt, dünner zu werden als die
    betreffende Person.

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    1. Mona

      Ich erzähl auch keinem mehr, dass ich weiter abnehme. Wenn ich auf mein Essen achten will und es jemanden nervt und er mich anspricht und nicht akzeptiert, dass ich halt fertig bin mit meinem Essen, dann werf ich dem halt an den Kopf, dass ich nicht wieder zunehmen will. Mir ist eigentlich total egal, was ich dann sage oder nicht sage, Hauptsache ich werde in Ruhe gelassen. Es geht ja niemanden was an, wie ich lebe, weil ich niemandem schade.

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      1. TutziFrutzi

        So etwas kenne ich. „Wo willst DU denn noch abnehmen? Am Ohrläppchen?!“ Oder „DU musst doch nun WIRKLICH nicht aufpassen!“.

        Bullshit. JEDER muss aufpassen. „Aufpassen“ heißt nicht „hungern“. Aber wer nicht aufpasst, nimmt zu. So einfach ist das.

        Ignorieren. Die Leute, von denen solche Sprüche kommen, die hat man eh längst überrundet. Wenn z.B. jemand Marathon-Distanz trainiert, würde doch auch keiner fragen „Ey, wie schnell willste denn NOCH werden?!“

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      2. Frank

        „Wenn z.B. jemand Marathon-Distanz trainiert, würde doch auch keiner fragen “Ey, wie schnell willste denn NOCH werden?!”“

        Nee, da kommen dann die Klassiker, wie ungesund ein Marathon ist und wie viele Leute dabei schon einfach tot umgefallen sind. Von den Spätfolgen ganz abgesehen: Die Gelenke! Mag ja sogar etwas dran sein, nur kommen diese Sprüche meist von Leuten, die unter Sport verstehen, sich vom Sofa hochzuhieven um Bier zu holen. Das ist natürlich total vernünftig und gesund 😀

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    2. „Das sind immer noch 10 kg Über-
      gewicht, aber die Umwelt nimmt mich als normalgewichtig wahr, das ist wirklich irgendwie verrückt.“

      Einerseits ja. Andererseits, mal drauf geachtet wer aus deinem Bekanntenkreis, den du früher für normalgewichtig hieltest, so dick oder dicker als du jetzt ist?

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      1. Magenta

        @ bjoernstarkimarm
        Ein paar schon und ich achte ja auch mehr auf das Gewicht anderer Leute (als stille
        Beobachterin) als vor meiner Abnahme. Viele sind allerdings adipös, die fühlen sich
        von mir anscheinend unter Druck gesetzt, auch wenn ich nur anwesend bin.

        Sie fangen an, sich von alleine zu rechtfertigen, weil sie nicht abnehmen können
        und so. Dann kommen Fettlogiken, die ich aber nur selten behutsam kommentiere.
        Die sind wohl oft so eine Art Schutzschirm, um ohne schlechtes Gewissen so weiter-
        zuleben wie bisher, weil es bequemer ist.

        Dazu kommt, daß ich mich jetzt auch anders kleide, figur- und farbbetonter.
        Vorher habe ich mich als graue, unsichtbare Maus (ok. eher Elefant) gefühlt,
        jetzt strahle ich auch mehr Selbstbewußtsein aus und werde von viel mehr Leuten
        wahrgenommen.

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