Kosmische Fettosmose.

Eine Studie geht derzeit durch die Medien, die herausgefunden haben will, dass heutzutage Menschen, die exakt gleich viele Kalorien essenund sich gleich viel bewegen, dennoch dicker sind als vor 30 Jahren.

Whoa!

Die Gesetze der Thermodynamik haben sich geändert!

Alle möglichen Theorien werden rauf und runter diskutiert: Darmbakterien! Umweltfgifte! Hormone! Pestizide! Plastik! Antidepressiva! Süßstoffe! Kosmische Fettosmose!

Zugegeben, das Letzte war von mir.

Da diese unglaublich unerklärliche Studie nun solche Wellen schlägt und für Rätselraten sorgt, steuere ich mal meine Verschwörungstheorie bei. Ich habe sogar zwei Erklärungsansätze:

  1. Aliens entführen jede Nacht Millionen Menschen und spritzen ihnen unauffällig jeweils ein paar Gramm Fett in den Hintern, so dass ganz langsam über die Jahre hinweg plötzlich 10kg Hüftgold da sind.
  2. Die Daten der Studie basieren auf Selbstauskünften.

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Ich zitiere mal aus Fettlogik:

Tatsächlich verschätzen sich Menschen ganz massiv, was die Kalorienaufnahme angeht: Übergewichtige neigen dazu, sehr stark nach unten zu schätzen. In einer Studie von Lichtman et al. aus dem Jahr 1992 wurden sogenannte „diätresistente“ Menschen untersucht. Diese Menschen gaben an, trotz Kalorienaufnahme von unter 1200 pro Tag kein Gewicht zu verlieren. Die Messung des Energieverbrauchs ergab, dass all diese Personen im Rahmen des errechneten Verbrauchs lagen (also dem, was mit der Formel der bereits erwähnten Grundumsatzrechner geschätzt wurde) – natürlich deutlich über 1200 kcal/Tag. Dafür unterschätzten sie ihre durchschnittliche Kalorienaufnahme im Ernährungstagebuch um 47%, wohingegen sie ihren Aktivitätsgrad um 51% überschätzten.

Und:

In einer Untersuchung mit 28 Personen unterschiedlicher Gewichtsklassen von Kroke et al. (1999) war lediglich eine einzige Person mit ihren Kalorienangaben im korrekten Bereich. Muhlheim et al. (1998) konnten sogar zeigen, dass Menschen selbst dann noch ihre Kalorienaufnahme zu niedrig angeben, wenn ihnen im Vorfeld gesagt wird, dass ihre Angaben objektiv nachgeprüft werden. Sie zählen dann zwar etwas genauer als Menschen, die diese Information nicht bekommen, aber sie unterschätzen dennoch.

Und:

Archer et al. (2013) analysierten etwa die über Jahrzehnte gesammelten Daten einer großen Ernährungsstudie mit über 60.000 Befragten und kamen zu dem Schluss, dass zwei Drittel der Frauen und fast 60% der Männer physiologisch unmögliche Angaben zu ihrer Kalorienaufnahme machten. Die Normalgewichtigen unterschätzten ihre Kalorienaufnahme in der jüngsten Umfrage um etwa 150 kcal, die Übergewichtigen um etwa 180 kcal und die Adipösen lagen im Schnitt um etwa 590 kcal zu niedrig. Angesichts dessen könnte tatsächlich der Eindruck entstehen, Übergewichtige äßen weniger als Normalgewichtige.

  1. Übergewichtige unterschätzen also ihren Kalorieninput stärker als Normalgewichtige.
  2. Die Übergewichtsrate ist stark gestiegen in den letzten Jahren.
  3. Laut der neuen Selbsterhebungsstudie geben Menschen im Schnitt an, trotz weniger Kalorien dicker zu sein als vor 30 Jahren.

(Grafik zeigt auch nochmal schön den Unterschied zwischen Selbstangaben und Messungen)

bmiEs wäre also möglich, dass die Naturgesetze sich in den letzten 30 Jahren geändert haben oder kosmische Fettosmose und fiese Aliens die Menschheit heimlich auffetten. Oder Selbstauskünfte waren schon immer eine unsichere Sache und je übergewichtiger die Leute werden, desto mehr unterschätzen sie ihre Kalorienaufnahme und desto weiter sind Studiendaten, die auf Selbstauskünften beruhen, von der Realität entfernt.

Ich bin für die kosmische Fettosmose.

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36 Gedanken zu “Kosmische Fettosmose.

  1. yannaba

    Also bei mir haut das hin. Ich esse derzeit definitiv weniger als vor 30 Jahren (mit 13). Und ich bin jetzt vieeeeeeel fetter.

    Na gut, ich habe in den letzten Monaten zwar auch 15 Kilo abgenommen, aber trotzdem – muss doch die Fettosmose sein…

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    1. Danija

      Haha, ja bei mir auch! Ich esse wirklich (bin 100% sicher) weniger als vor 20 Jahren (mit 15) und wiege trotzdem 25kg mehr….
      Und daran, dass ich damals eigentlich jeden tag 2-3h Sport gemacht habe, kann es ja nun wirklich nicht liegen, oder? ;D

      Ich vote auch für kosmische Fettosmose!

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  2. SirFoomy

    Es gibt Studien die auf Selbstauskünften basieren? Ernsthaft?! Die sind doch direkt für die Ablage P. Wer um alles in der Welt macht so was?! Sorry aber mit Wissenschaft hat das dann IMHO nichts mehr zu tun. Ich will an dieser Stelle mal Walter Lewin vom MIT zitieren: „Any measurement that you make without any knowledge of uncertainty is completely meaningless.“ – Wie will man die unbestimmtheit von Selbstauskünften festlegen? So ein Humbug.

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  3. Schön, dass dich der Artikel sogar zu einem Post inspiriert hat. 😉 Wenn das so einfach wäre mit dem Zunehmen, könnte man den Hunger in der Welt ja auch ganz schnell besiegen, indem man einfach körbeweise Antidepressiva in die betroffenen Gebiete schickt. Ist auch viel platzsparender als Reis.

    >

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    1. Also, ich verstehe ja den Witz in Deinen Punkt 2 mit „Brötchen führen auch zur massiven Anlagerung von Fett… Oder so“, aber den Link mit „Oktober 2015 um 13:52“ verstehe ich nicht. Und der Link führt nur zu dem Post.

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    1. Kalorien sind Kalorien, es handelt sich um eine Maßeinheit. Sicherlich können einige Lebensmittel vom Körper besser verdaut werden als andere, das heißt, der Anteil von verwertbaren Kalorien ist ein anderer. Zucker ist natürlich besonders einfach für den Körper zu verwerten, da er kaum aufgespalten werden muss. Die aufgenommene Zuckermenge soll übrigens nicht mit Diabetes korrelieren, aber der BMI, d. h. Zucker hat höchstens einen mittelbaren Effekt.
      Es besagen andere Studien, dass die durchschnittlich aufgenommene Energiemenge in den letzten Jahren gestiegen ist und dies mit dem Durchschnittsgewicht der Bevölkerung gut korreliert. Vor allen Dingen reden wir hier nicht über Unmengen. 50 Kcal täglich über dem eigenen Bedarf, entsprechend einem Gebäckteilchen pro Woche führt innerhalb von 10 Jahren zu einer Gewichtszunahme von ca. 25 kg.

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      1. Christoph

        ladit01: Genau das hat Marcus doch gesagt. Wenn ich die gleiche Anzahl an Kalorien (gemessen als physikalischer Brennwert) esse, aber die Zusammensetzung so ändere, dass der Mensch mehr davon verwerten kann, dann habe ich effektiv mehr Energie im Körper. Ich frage mich gerade, was die Kalorienangabe auf den Verpackungen bedeutet. Ist es der physikalische Brennwert, oder das, was der Mensch aufnehmen kann?

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      2. ichichich

        Der physiologische Brennwert ist angegeben.

        Der HuffPost-Artikel ist für Leute, die den Wald vor Bäumen nicht sehen wollen.

        Bei Proteinen wird mehr Energie in der potprandialen Thermogenese verheizt als bei Kohlenhydraten. Bei Kohlenhydraten aber immer noch mehr als bei Fetten.

        Dass n3-Fettsäuren gesünder sind als Transfettsäuren hat was genau mit ihrem Energiegehalt zu tun?

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      3. @ichchich:
        Lustig betont, dass nicht jede Kalorie „gleich“ ist, was ihre Wirkung angeht. Im Falle der Omega 3-Fettsäuren ist die „punch line“ eben, dass es gesunde und ungesunde Fette gibt.

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      4. ichichich

        @ Marcus

        „Im Falle der Omega 3-Fettsäuren ist die “punch line” eben, dass es gesunde und ungesunde Fette gibt.“

        Schon klar. Aber da wird halt wieder „gesunde Ernährung“ mit der Energiebilanz verquickt, wo es für die meisten Leute wichtig wäre, das mal getrennt zu betrachten. Kalorien sind Kalorien, nämlich eine Maßeinheit für Energie, wie bereits gesagt wurde.

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      5. @ichichich: Nope. Eine Kalorie ist nicht eine Kalorie. Das unterschlägt, was passiert, wenn z.B. eine Fructose-Kalorie verstoffwechselt wird im Kontrast zu einer Eiweiß-Kalorie. Fructose „verbraucht“ weniger Energie bei der Verwertung, regt zudem den Appetit an, manipuliert den Insulin- und Cortisol-Haushalt. D.h., nicht nur die Bilanz ist nach der Kalorienzufuhr eine andere, auch die Nebenwirkungen.

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      6. ichichich

        „Nope. Eine Kalorie ist nicht eine Kalorie. Das unterschlägt, was passiert, wenn z.B. eine Fructose-Kalorie verstoffwechselt wird im Kontrast zu einer Eiweiß-Kalorie.“

        Äh, nein das unterschlägt es nicht. Die postprandiale Thermogenese habe ich ja bereits erwähnt. Eine „Kalorie“ wird sicher nicht verstoffwechselt, sondern in dem Beispiel die Fructose bzw. das Protein.

        „Fructose […] manipuliert den Insulin- und Cortisol-Haushalt.“ Fructose wird insulinunabhängig verstoffwechselt.

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      7. @ichichich:
        Entschuldige, wenn ich mich nicht präzise ausgedrückt habe. Kommt vor 😉 Die „Manipulation“, die ich der Fructose ankreide, ist eben gerade die Tatsache, dass sie nicht wie Glukose funktioniert. Das Gehirn findet’s lecker, weil es süß an den Rezeptoren ist. Aber die Bauchspeicheldrüse bekommt nichts davon mit, signalisiert dem Rest der Mannschaft: „Weiterfuttern! Da war noch gar nix!“ In der Folge wird deutlich mehr gegessen und getrunken, als nötig wäre, um satt zu werden. Gruselig sind da die Erfahrungen mit dem in USA und Mexiko überall verwendeten High Fructose Corn Syrup, der als billiger Ersatzzucker geradezu epidemische Diabetes-Typ II-Raten verursacht hat.

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      8. ichichich

        Das mag ja vollkommen richtig sein, insbesondere was HFCS betrifft, nur hat das eben nichts mit der falschen Aussage „a calorie is not a calorie“ zu tun.

        Man kann sich eben auch an gesundem Essen überessen und auch von ungesundem Zeug abnehmen.

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  4. Also ich finde, kosmische Fettosmose ist total logisch. Oder wie sonst bitte soll dieses Phänomen erklärt werden, dass manche Menschen (mich eingeschlossen!) ein Kuchenstück nur anschauen brauchen, um zuzunehmen?

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  5. Und die Erderwärmung sollte auch berücksichtigt werden – je wärmer umso weniger Energie wird verbraucht zur Körpertemperaturerhaltung….
    zurück zum Lagerfeuer und weg mit der Fußbodenheizung.. 😏

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  6. Alex ii

    Deshalb sind die leut in Afrika auch so dünn, die frieren weniger und haben daher einen aktiveren Stoffwechsel.

    @topic
    Jap, mein eingebauter Hochofen in einem vollständig isoliertem system ohne selbstregulierung bestätigt ganz klar: die Thermodynamik gilt.

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