Bluten und kämpfen, um sich selbst lieben zu können?

Ich bin gerade ein bisschen mit dem Kopf bei meinem erzaehlmirnix-Blog und Twitter (diejenigen, die erzaehlmirnix verfolgen, haben es mitgekriegt, den Rest verschone ich mit dem Drama. Parallel dazu bloggte Mervy Kay über Fettlogik, bzw. darüber, was das Lesen meiner Geschichte bei ihr ausgelöst hat.

Die Dinge, die sie dabei über mich sagt waren nett, aber ich fühle mich dennoch nicht ganz davon getroffen, daher würde ich gerne noch etwas dazu sagen. Ich kann mir vorstellen, dass es bei einigen so ankommt wie bei Mervy Kay.

Sie wog mit Anfang 30 schon über 150 kg und hat es über wochenlange Arbeit geschafft 85 kg abzunehmen. Nach dem, was ich lese, schließe ich, dass sie jetzt ihren Körper liebt. Jetzt, wo sie etwas daran verändert hat. Trotz der überschüssigen, überlappenden Haut, die sie auf Fotos zeigt, liebt sie ihren Körper jetzt, wo er sich verändert hat. […] Musste das alles sein? Müssen Menschen solche Dinge erleben, 85 kg abnehmen, bluten und kämpfen, um sich selbst lieben zu können?

Für mich klingt es, als geht Mervy Kay davon aus, dass ich mich oder meinen Körper nicht mochte, als ich dick war. Als habe ich erst etwas ändern müssen, um mich zu mögen.

So war es nicht.

Ich habe mich nie selbst gehasst oder abgelehnt. Es ist eher so, dass ich die letzten 30 Jahre das Thema „Körper“, „Aussehen“, „Sport“ oder „Fitness“ komplett ausgeblendet hatte. Ich habe es für mich einfach für irrelevant erklärt. So ähnlich wie ich nie ein Musikinstrument gelernt habe und das Thema musizieren nicht als „mein Ding“ ansah. Ich bezog Stolz und Selbstliebe aus anderen Dingen, wie dem Studium, meinen Interessen, meinem Beruf und allem worin ich gut war.

Mein Körper war für mich eher ein Neutrum, das mein Hirn durch die Gegend trägt. Ich konnte mit Freude Serien wie Germanys next Topmodel sehen, weil ich mich nicht mit den Teilnehmerinnen verglichen habe. Ich hatte diesen ganzen Bereich für nicht relevant deklariert. Und sogar ein bisschen Stolz aus dieser Einstellung gezogen, denn ich war ja nicht so eine typische Frau, die sich von Aussehenskram beeinflussen lässt.

Ich fühlte mich nicht schlecht, da ich viele andere Dinge hatte, aus denen ich Selbstwert zog. Bis sich das Thema „Körper“ auf unschöne Art in mein Bewusstsein drängte, nämlich dadurch, dass ich plötzlich permanent Schmerzen hatte, oft so stark, dass ich weinend im Bett lag und jede kleine Bewegung sich über Minuten qualvoll hinzog. In dieser Zeit hatte ich oft regelrechten Hass auf meinen Körper und gleichzeitig Angst und auch Schuldgefühle, weil mir bewusst wurde, dass ich das selbst verursacht hatte.

In den letzten 2 Jahren habe ich tatsächlich angefangen, meinen Körper zu lieben, aber ich habe ihn zuvor nicht gehasst, ich habe ihn ignoriert. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass mein Körper nicht nur eine Hirntragemaschine ist sondern ich. Mein Körper, Sport und Fitness sind Dinge, die mittlerweile wichtig für mich sind, die Raum einnehmen und mich interessieren.

Ich nehme meinen Körper anders wahr, was vielleicht auch tatsächlich damit zusammenhängt, dass er sich verändert hat. Wo früher alles eine weiche Masse war, treten jetzt plötzlich Muskeln, Adern und Knochen vor. Wenn ich meine Hand bewege, sind auf dem Handrücken Knochen, die sich mitbewegen und Adern die durchschimmern oder heraustreten. Mir ist plötzlich viel bewusster, wie zerbrechlich so ein Körper ist und gleichzeitig, wie leistungsfähig und stark.

Ich denke, der Wendepunkt war nicht, 85kg abzunehmen. Der Wendepunkt war, meinen Körper überhaupt erst einmal wahrzunehmen. Erst durch die Schmerzen habe ich begriffen, dass er da ist, und vor allem, dass er wichtig ist. Wichtig genug, um mich um ihn zu kümmern, wichtig genug, um ihn zu einer Priorität zu machen und wichtig genug, um ihn zu lieben.

Musste ich also bluten und kämpfen, um meinen Körper lieben zu können?

Nein. Ich musste bluten, um zu sehen, dass ich meinen Körper genug liebe, um zu kämpfen.

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9 Gedanken zu “Bluten und kämpfen, um sich selbst lieben zu können?

  1. Es tut mir ehrlich Leid, dass ich es falsch verstanden habe. Ich wollte ganz bestimmt nicht irgendwas böses über dich verbreiten – das weißt du hoffentlich.

    Kann ich an dem Text etwas ändern oder irgendwas tun, damit es wieder richtig für dich ist?

    In meinem Blogeintrag geht es ja auch eigentlich um mich. Ich wollte nur unterstreichen, dass du der Auslöser für’s schreiben warst.

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    1. Das ist vollkomen OK und ich habe es auch als (wichtigen und emotionalen) Artikel über dich verstanden. Die Teile über mich waren ja nicht das zentrale daran, die waren nur für mich relevant. Und ein guter Ansatz für etwas, das mir schon länger im Kopf herum ging. Insofern, danke für die Inspiration 🙂

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  2. TutziFrutzi

    @Nadja: „… aber ich habe ihn zuvor nicht gehasst, ich habe ihn ignoriert“

    Ignorieren heißt für mich „etwas bemerken, aber mit einer gewissen Anstrengung nicht darauf reagieren“. Ich hoffe, die Frage ist nicht zu persönlich – aber was „ignoriert“ jemand mit starkem Übergewicht?

    Sind das eher körperliche Dinge (z.B. schnelle Erschöpfung, eingeschränkte Beweglichkeit, eventuell Schmerzen) oder Gefühle (z.B. Ängste vor gesundheitlichen Problemen, Sich-unattraktiv-Fühlen)?

    Das interessiert mich aus dem Grunde, weil ich vor meiner Depression glücklich mit meinem Waschbrettbauch gewesen bin. Mittendrin war mir mein Körper komplett Banane, ich bin aber nicht so dick geworden, dass es etwas zum „ignorieren“ gegeben hätte. Ich weiß nicht so genau, ob ich in der Lage gewesen wäre, etwas zu „ignorieren“, das sich körperlich irgendwie mies anfühlt. Was Schmerzen angeht bin ich eine ziemliche Memme. Allerdings habe ich in der Zeit ziemlich viel anderen Blödsinn mit miesen Folgen gemacht und diese dann effektiv ignoriert.

    Körperlich jedenfalls hat mich der leichte „Schwabbel“ (85 kg bei 178 cm) erst angefangen zu stören, als es allgemein wieder aufwärts ging. Inzwischen kümmere ich mich natürlich um mehr als nur meinen Bauchumfang. Jetzt kommt auch noch besser essen, nicht mehr rauchen, bewusster Leben hinzu.

    Ein ähnliches Thema hatten wir schon in den Kommentaren (finde das grad nicht) – ich meine beim „Vorher-Nachher“-Artikel. Da wurde gefragt, ob es mit der Depression bei besserem körperlichen Status (und allgemein bei „Erfolgen“) aufwärts geht.

    Ich würde ja eher sagen: Man fängt wieder an, sich für sich (und somit auch für seinen Körper) zu interessieren, WENN es wieder aufwärts geht.

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    1. TutziFrutzi

      Ach ja – und das „mit Freude Germany’s Next Mop-Doppel sehen“ wundert mich gar nicht. Gut, DAS ist jetzt nicht so meine Sendung und nicht so mein Interesse.

      Aber ich finde das vergleichbar mit Sport-Ereignissen. Oder Koch-Competitions. Oder Musik-Wettbewerben. Ich weiß ja selbst genau, dass ich nicht so gut Fußball spielen kann wie die auf dem Bildschirm. Oder nicht so gut kochen. Oder nicht so gut Klavier spielen.

      Trotzdem kann ich mitfiebern und in etwa einschätzen, wer mit wem konkurrenzfähig ist. Mir macht das Spaß, auch wenn’s mir zeigt, wie viel „Luft nach oben“ ist – oder (böse formuliert) wie unfähig ich selbst bin.

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  3. TutziFrutzi

    @Nadja:

    Erst „Zustand A“, dann „Zustand B“, dann wieder „Zustand A“ haben wollen. Passiert. Ist außerdem nicht ungewöhnlich, wieder so aussehen zu wollen wie vor xy Jahren.

    Aber mein „Zustand B“ hat mich nicht eingeschränkt, mir nicht weh getan, ich war sogar (laut BMI-Rechner) durchweg normalgewichtig. Es gab also eigentlich nichts zum „Ignorieren“.

    Deshalb halte ich’s für interessant, was Du die ganze Zeit „beiseite“ geschoben hast, um Dich nicht in „Zugzwang“ (also Abnehmen-Müssen) zu bringen. Die allgemeinen „Ausreden“ (also „Hungerstoffwechsel“, „Jojo“, „Schilddrüse“) hast Du argumentativ außer Kraft gesetzt.

    Aber welche persönlichen Benachteiligungen (die man ab einem gewissen Gewicht nun mal hat) hast Du „ignoriert“, um diese Ausreden überhaupt Raum einnehmen zu lassen?

    Mir kam grad so die Idee à la „Psychotest“ – „Wenn Sie von diesen 20 Fragen 10 mit ‚ja‘ beantworten würden, dann …“ – quasi als Antrieb für diejenigen, die sich noch zu sehr selbst in die Tasche lügen.

    Eine Auflistung häufiger Ignorier-Gedanken, um die Idee mit dem Abnehmen auf die Lange Bank zu schieben.

    „Aua, meine Knie! Naja, Wetterumschwung.“
    „Verflixt, watt bin ich aus der Puste! Scheiß Feinstaub!“

    … ich kann mir vorstellen, dass das für viele Leute durchaus hilfreich sein könnte.

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  4. Litschi

    Ich verstehe genau, was du meinst. Was du beschreibst ist so ziemlich das, was ich erlebt habe: Ich war dick, ich wusste, dass ich dick war, ich war mir bewusst, dass das wahrscheinlich Auswirkungen auf mein Leben hatte, aber ich wusste nicht WIE dick ich war und schon gar nicht verbrachte ich 24h am Tag damit meinen Körper zu hassen. Ich ignorierte einfach die genauen Ausmasse meines Dick-Seins. Ich war dick und damit hatte es sich!

    Zusätzlich habe ich mir auch Jahre, nachdem ich Normalgewicht erreicht habe, ja sogar richtig schlank war, nicht so richtig bewusst, dass ich jetzt dünn war. Ich habe auch nicht verstanden, was die Jungs plötzlich alle von mir wollten. Für mich selbst, hatte sich nicht viel geändert, ausser, dass ich beim Sport weniger schnell aus der Puste kam und Shoppping mit den Freundinnen plötzlich viel mehr Spass machte. Ich hatte das typische „Sie sieht sich noch als dicke Person“-Syndrom.

    Ich weiss auch noch, wie ich ein, zwei Jahre nachdem ich abgenommen hatte zu meiner Mutter meinte: „Als ich noch dick war, hatte ich viel weniger Komplexe wegen meinem Körper!“ Vor dem Spiegel stehen und Stellen an einem entdecken, die man nicht mag, gab’s für mich in Dick einfach nicht. Aber jetzt wurde ich mir plötzlich „Fettpölsterchen“ bewusst, die sich früher in der Anonymität der Masse verstecken konnten. Die Frage, ob und wie fett ich war, stand für mich mich nie im Raum. Bis ich Dünn war!

    Meinen Körper lieben lernen, das musste ich erst, als ich dünn genug war und ihn nicht mehr nur ignorieren wollte und konnte.

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