Samstagssammlung.

Oh mein Gott, die vierte Samstagssammlung in Folge! Ich glaube, ich habe endlich ein Ritual etabliert! Hah!

Back Camera
Moppel beim ersten Freigang

Interessant fand ich diese Woche einen Artikel über das dickerwerden von Haustieren, der eine Studie bespricht in der Tiere menschennaher Spezies (Katzen, Hunde, Ratten,…) untersucht wurden. Alle untersuchten Pupulationen waren im Schnitt schwerer geworden, fast die Hälfte sogar signifikant schwerer. Interessant ist allerdings die Information, dass die Forscher offenbar von der Nahrungsmittelindustrie Gelder erhalten hatten und die Hypothese aufstellten, Umweltfaktoren wie Chemikalien oder Viren könnten Ursache der Zunahme sein, nicht (nur) simple Mehraufnahme von Nahrung. Klingt dubios. Unsere moppeligen Hauskater wurden übrigens mit dem Umzug aufs Land und dem Freigang plötzlich zu geschmeidigen Raubtieren. Müssen die anderen Chemikalien auf dem Dorf sein.

In eine ganz ähnliche Richtung geht der jüngste Skandal um Coka Cola, die offenbar eine (Forschungs)Gruppe gefördert haben, die beweisen sollte, dass nicht das Essverhalten das Übergewichtsproblem verursacht sondern der Mangel an Sport. Das ist natürlich etwas, das theoretisch sicher „beweisbar“ wäre, denn natürlich kann man an der Energiebilanz an beiden Seiten schrauben. Wenn die Badewanne überläuft kann man sowohl den Abfluß frei machen als auch das Wasser abdrehen, um das Überlaufen zu stoppen. Ich erwähnte an anderer Stelle schon, dass seit ich Sport treibe, meine Energieaufnahme im Schnitt sogar etwas höher liegt als damals, inaktiv mit massiver Adipositas. Dennoch ist es ganz klar Manipulation, was Cola da versucht hat, denn selbstverständlich liegt es auch am Essverhalten, wenn die Energiebilanz nicht stimmt, und die Botschaft „Ihr könnt ganz unbesorgt Cola trinken, das macht nicht dick!“ ist zwar technisch nicht falsch (ohne Kalorienplus insgesamt nimmt man auch nicht zu, egal ob man Cola oder Brokkoli issst), aber Zucker in Flüssigform ist auch nicht unbedingt förderlich gegen Übergewicht.

Und wo wir gerade über falsche Infos reden, stieß ich auf einen Artikel über die US-Fettaktivistin Ragen Chastain, die ich auch in „Fettlogik“ mit ihrem Marathon thematisiert hatte. Offenbar hat eine ihrer Fans ihr über Facebook die Frage gestellt, was sie tun sollte im Bezug auf eine medizinische Problematik, die dazu führen kann, dass sie erblindet. Ihr Arzt habe ihr zu einem Gewichtsverlust geraten um das Sehvermögen zu erhalten, aber da sie an HAES (Health at every Size) glaube, sei sie jetzt verunsichert. Ragen sagte ihr daraufhin, dass Gewichtsverlust nichts bringen würde und ohnehin nicht machbar sei, und dass sie ihren Arzt auffordern solle, sie wie eine schlanke Person zu behandeln. Im Artikel wird klar dargelegt, dass Gewichtsverlust medizinisch die beste Strategie ist um das Sehvermögen zu erhalten, und dass Ragens Ratschlag schlichtweg verantwortungslos ist. An diesem Punkt kamen mir spontan Assoziationen zu irgendwelchen Sekten oder Impfgegnern, die entgegen aller wissenschaftlichen Beweise an irgendwelche Verschwörungen glauben. Dieser Post auf Ragens Facebookseite spricht Bände. Nun bin ich ebenfalls der Meinung, dass das ein recht extremes Beispiel ist, aber das Problem ist, dass Ragen nicht nur in irgendwelchen dunklen Winkeln des Internets irgendwelche Follower zutextet, sondern ganz real auf Konferenzen und sogar in Schulen spricht um jungen Menschen „Bodypositivity“, „Health at every size“ usw. zu vermitteln. Diese antiwissenschaftlichen und medizinisch fragwürdigen Lehren sind zumindest in den USA bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen und schaffen es auch immer weiter zu uns.

Einen Gegenpunkt dazu setzt Sean Stephenson mit seinem Video „Get in the Gym“ wo er klarstellt, dass Körperakzeptanz etwas Gutes ist, aber nicht dann, wenn man sie als Ausrede benutzt.

pumucklSo gar nicht akzeptiert wurde allerdings ein Körper, über den ich bereits letzte Woche in der Samstagssammlung berichtet hatte: Der des erschlankten Pumuckls. Dank des riesigen Shitstorms und der zahlreichen „Gebt Pumuckl seinen Bauch zurück!“-Artikel in den Medien, wird der Pumuckl in Zukunft wieder dick gezeichnet. Die allgemeine Reaktion darauf scheint Begeisterung und Erleichterung zu sein. Nun finde ich nicht, dass man das direkt überbewerten muss, aber mir kam die Frage in den Sinn, was wohl gewesen wäre, wenn Pumuckl als starker Raucher bekannt gewesen wäre, der immer mit Zigarrette oder Pfeife im Mund abgebildet worden wäre. Hätte es wohl auch eine so starke Aktion in Richtung „Gebt Pumuckl sein Nikotin zurück!“ gegeben, wenn man beschlossen hätte, ihn zum Nichtraucher zu machen?

Mag sein, dass die heutige Samstagssammlung ganz im Zeichen von Verschwörungstheorien steht, aber dazu passend wurde auf fatlogic ein Video eines Harvard-Vortrags verlinkt. Der Redner spricht über Ernährung und geht in dem Zusammenhang auch auf die viel zitierte Flegal-Studie ein, die behauptet, leichtes Übergewicht sei gesund. Etwa ab Minute 9 erklärt er, dass im gleichen Zeitraum mehrere methodisch wesentlich bessere Studien veröffentlicht wurden, welche klar den medizinischen Konsens „Normalgewicht ist das gesündeste“ bestätigten, die aber größtenteils ignoriert wurden. Auch hier in Deutschland wurde die Flegal-Studie in fast allen größeren Medien recht unkritisch besprochen und trotz der Tatsache, dass sie längst umfassend widerlegt wurde, wird sie nach wie vor zitiert, etwa in der Zeit („Lob der Fülle„) oder bei den Krautreportern („Du bist nicht zu fett„) oder im Tagesspiegel („Gesunde Pfunde„) und vielen anderen. Alle Artikel haben gemeinsam, dass sie die Tatsachen verdrehen und die Verschwörung auf der „anderen Seite“ wittern. Sie stellen es dar, als sei die Studie die Wahrheit, welche von den Ärzten und Wissenschaftlern abgetan und von der Öffentlichkeit ignoriert werde, weil sie zu sehr an dem bisherigen Wissen kratzt (gerade dieses „Die Studie wird ignoriert!!!“ ist besonders paradox bei einer Studie, die es sogar schafft, in den großen Medien rauf und runter diskutiert zu werden. Täglich werden hunderte Studien veröffentlicht, die es nie in die Nachrichten schaffen). Das ist natürlich etwas, was beim durchschnittlichen Leser hängen bleibt. Der Mechanismus, warum gerade die schlechte Flegal-Studie so eine Aufmerksamkeit erfuhr und die zahlreichen, weit besseren Studien, die das Gegenteil sagen und das bisherige Wissen (Normalgewicht ist das gesündeste) bestätigen, ist natürlich leicht erklärt: Es ist eine interessantere Meldung, denn „STUDIE X WIDERLEGT ALLES WAS WIR BISHER GLAUBTEN!“ ist selbstverständlich spannender als „MEHRERE STUDIEN BESTÄTIGEN, WAS WIR SCHON WISSEN.“ – und bei 60% Übergewichtigen in Deutschland ist es auch eine Botschaft, die schlichtweg besser ankommt. Man muss also hier keine große Verschwörung wittern, aber es zeigt, wie sehr solche Botschaften eben doch schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich den Spruch „Ich habe aber gehört, ein bisschen Übergewicht ist sogar gesund!“ in den letzten Jahren (besonders eben seit der Flegal-Studie 2013) gehört habe. Solche Dinge bleiben im Gedächtnis und werden schnell zu einer Art kollektivem Allgemeinwissen. Egal, ob dieses Wissen von seriösen Wissenschaftlern als falsch entlarvt wird, denn so etwas kommt beim Durchschnittsmenschen gar nicht an.

Um jetzt nicht allzu ernst zu werden: Das beste Mittel gegen falsche Infos ist Aufklärung. Zum Beispiel…

nutella

Und für all die unter euch, die in letzter Zeit genervt waren von den Reaktionen der Umwelt, habe ich hier noch eine meiner Lieblingsgeschichten: Die Fabel vom Frosch (Verfasser unbekannt):

Es gab einmal einen Wettlauf der Frösche. Ziel war es, über Treppen auf den höchsten Punkt eines großen Turmes zu gelangen. Es versammelten sich zu diesem Ereignis viele andere Frösche, um zuzusehen und ihre Artgenossen anzufeuern.

Der Wettlauf begann.

In Wirklichkeit glaubte jedoch keiner von den Zuschauern daran, dass auch nur ein Frosch auf die Spitze des Turmes gelangen konnte. In der Zuschauerrunde hörte man Sätze wie:

„Die Armen, sie werden es nie schaffen!“ oder
„Das ist unmöglich!“ oder
„Frösche sind nicht dazu geboren, um auf hohe Türme zu klettern!“

Die Frösche die an diesem Wettlauf teilnahmen hörten diese Sätze natürlich und einer nach dem anderen begann aufzugeben. Außer einem, der weiterhin versuchte, auf die Spitze des Turmes zu klettern. Die Zuschauer fuhren mit Sätzen wie „Es war doch klar, dass sie es nicht schaffen“ oder „Keinem wird es jemals gelingen!“ fort.

Und die Frösche gaben sich nach und nach geschlagen – außer dem einen Dickschädel, der partout nicht aufgeben wollte.

Zu guter Letzt hatten alle Frösche ihr Vorhaben abgebrochen – nur dieser eine Frosch hatte alleine und unter großer Anstrengung die Spitze des Turmes erreicht. Die anderen wollten wissen, wie er das geschafft hatte.

Einer der Frösche ging auf ihn zu, um zu fragen, wie er den Turm erklimmen konnte. Da merkten sie, dass er taub war.

So inspirierend könnte die Samstagssammlung enden, aber gestern Nacht kam es noch zum Eklat auf „erzaehlmirnix“ mit einer rassistischen Kommentatorin, die nach der Sperre umgehend ihrer Wut auf amazon Luft machte und nachts noch fast 50 wütende Kommentare schrieb.

Advertisements

22 Gedanken zu “Samstagssammlung.

  1. Magenta

    Diese Artikel zur Flegal-Studie machen auf den ersten Blick einen seriösen Eindruck.
    Der normale Durchschnittsbürger, der das liest, wird das erst mal glauben.

    Gerade wo steht: 3 Millionen Probanden oder so. Wenn ich mit anderen Leuten über
    Übergewicht rede, muss ich manchmal gegen solche Artikel argumentieren, da ziehe
    ich den kürzeren!

    Es stand ja in der Zeitung und ich wäre ja keine Medizinerin blah blah blah …
    (Das die Verfasser der Zeitungsartikel auch keine Ärzte sind, interessiert komischer-
    weise nicht.)

    Ich ärgere mich dann kurz darüber und denke mir aber dann: Jeder ist im Endeffekt
    für sich selbst verantwortlich. Menschen die mir wichtig sind, werde ich ab nächstes
    Jahr dein Buch in die Hand drücken. (Dein Buch ist seeehr überzeugend!)

    Gefällt mir

  2. IULIUS

    Betrefend Pumuckl, der ist jemand, den alle seit ihrer Kindheit so kennen und hohen Erinerungswert hat. Da würde ich den Protest nicht auf das verschlanken oder Dicksein verorten, sondern schlichtweg auf die Änderung überhaupt. Auch wenn sie die Haare grün gefärbt hätten, oder ihn zum Schwarzen, das hätte alles Proteste ausgelöst.
    Mit Rauchen, stell Dir mal Sherlock Holmes ohne seine Pfeife vor oder von der Olsenbande den Egon ohne seine Zigarre. Da fehlt dan was und ändert den gesamten Charackter der Figur. Der Wiedererkennungswert fehlt.

    Stell Dir mal ein schönes Essen vor, bei dem plötzlich irgend eine Zutat geändert wurde. Je nachdem wie Du Dich darauf gefreut hast, wirst Du enttäuscht. Da ist der Grund trivial, warum die Zutat geändert wurde. Selbst wenn es besser schmecken würde ist es nicht das gleiche, was Du erwartest hast. Das interessiert in dem Moment nicht.

    Gefällt mir

    1. Kuttel Daddeldu

      Jepp, etwa genauso schlimm, wie Lucky Luke die Selbstgedrehte wegzunehmen. Er reitet seit Jahren zum Ende der Geschichte nur noch mit einem Grashalm zwischen den Lippen in den Sonnenuntergang… Wo blieb der Aufschrei?^^

      Gefällt mir

    2. SparkleSparkle

      Ich bleib dabei: Es ging nicht um den „Bauch“ an sich, da Pumuckl kein Charakter ist, für den „dick sein“ oder „einen Bauch haben“ ein wirklich definierendes Merkmal ist, sondern darum, dass der Charakter durch das neue Design weniger alterslos und lieb gewirkt hat. Kurz: Der alte Pumuckl sieht eben aus wie ein Lausbub, den man trotzdem liebhaben muss, der neue sieht einfach nur rotzfrech aus. Interessanterweise hatte der Pumuckl schon vorher ein paar Metamorphosen durchlaufen (siehe: http://www.pumucklhomepage.de/pumuckl.html), aber offenbar verliefen insbesondere die Änderungen in der Zeichentrickfigur deutlich sanfter und behielten wesentliche Charakteristika bei.

      Und: Der Pumuckl ist weder als reiner Vorbildcharakter oder Held, noch als Bösewicht angelegt, sondern als eine Figur mit guten und schlechten Charaktereigenschaften. Daher bezweifle ich, dass irgendwer durch den Pumuckl in Sachen Essverhalten beeinflusst wird. Das wäre ja noch schöner, wenn es auf einmal heißt: „Ich kann nichts dafür, dass ich als Erwachsener so viel esse, ich bin mit dem dicken Pumuckl, Tummi aus der Gummibärenbande und Garfield aufgewachsen!“

      Gefällt 1 Person

    3. ichichich

      Früher hatte Nesquik in Frankreich ein morbid adipöses Maskottchen namens Groquik (gros=dick, fett), welches dann später durch einen beknackten Hasen namens Quickie mit niedrigem Körperfettantei ersetzt wurde.

      Dass das jetzt einen postivien pädagogischen Effekt hatte, glaube ich nicht. Man könnte auch behaupten, dass durch Groquiks gelbe Hautfarbe Leberzirrhose verharmlost wurde.

      Gefällt mir

  3. Zu den Haustieren:
    ich glaube auch nicht, daß es nur an einer Mehraufnahme von Futter liegt. Früher haben Haustiere halt irgendwelche Reste bekommen bzw. zumindest Katzen sich größtenteils draußen selbst versorgt, heutzutage gibt’s eine riesige Auswahl an Fertigfuttersorten, deren Zusammensetzung teilweise mehr als zweifelhaft ist. Ich hab 3 Katzen, nur drin-Katzen, die essen von der Gramm-Menge her ca. gleich viel wie die Hauskatze einer Bekannten, allerdings bekommen meine BARF und ihre Katze Trockenfutter… meine sind schlank, ihre ist äh..äh..um..rundlich..?
    Viele Fertigfuttersorten, vor allem Trockenfutter, enthalten (viel zu viel) Getreide und teilweise sogar Zucker, ich könnte mir vorstellen, daß einfach auch das Futter an sich dickmachend ist. Katze isst bis sie satt ist, aber es hat halt deutlich mehr Kalorien als eine Maus gleichen Gewichts hätte.
    Mit Rattenfutter kenn ich mich nicht aus, damit hab ich mich nie befasst, aber ich könnte mir vorstellen, daß es da ähnliche Veränderungen gab, weg von schlicht Getreide oder sowas hin zu „richtigem“ Rattenfutter.

    Gefällt mir

  4. Margret

    Pumuckl war aber noch nie dick. Der hat schon immer dünne Arme und Beine und dazu dieses „kleines Kind + Hohlkreuz-Bäuchlein“, das ich auch bei meiner Tochter beschrieben habe. Komischerweise finden das haufenweise Menschen superniedlich. Ich denke, es geht also tatsächlich um den Niedlichkeitsfaktor. Der „Neue“ wirkte zu erwachsen.

    https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcQmaCsyZX2CH05Oquftm6KDGpAqMwugrNPHESr-BYpuzRh-onSR

    Gefällt mir

    1. Margret

      Übrigens finde ich, beim neuen Pumuckl sieht das Gesicht nicht mehr süß-frech aus wie bei einem frechen Kind sondern echt böse. Ich verstehe schon, dass der nicht ankommt.

      Gefällt mir

  5. Pingback: SPON “Gesundheit” | Fettlogik überwinden.

  6. Pingback: Meine Fettlogik I – Berg- & Talträume

Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s