Fette Vorurteile beim Arzt.

Am Donnerstag war ich beim Arzt, um die Schilddrüsenwerte checken zu lassen (ihr erinnert euch vielleicht an die Ohnmacht vor zwei Wochen, wegen der Unterfunktion). Der Termin beschäftigt mich nach wie vor, und es sei dazu gesagt, dass ich meine Ärztin nach wie vor insgesamt nicht schlecht finde, bzw. nicht glaube, dass ich eine bessere finde. Aber mir wurde klar, dass sie durchaus krasse Gewichts-Vorurteile hat, ebenso wie ihr Kollege, bei dem ich Januar zur Vertretung war und ihr anderer Kollege, bei dem ich zuerst in Behandlung war, bevor ich den Wunsch äußerte, zu wechseln (es ist eine große Gemeinschaftspraxis).

Der erste Arzt war der, der mich ein Jahr mit Paracetamol nach Hause schickte, ohne sich mein Knie näher anzusehen. Im Nachhinein bin ich auch sauer auf mich, dass ich mich habe heim schicken lassen, trotz Schmerzen. Aber ich wollte wohl auch glauben, dass es nichts schlimmes ist. Wirklich ausgesprochen hat der Arzt nie, dass er die Schmerzen auf mein Übergewicht bezieht, aber ich denke, die Erklärung liegt nahe.

Im Januar war ich bei der Vertretung, und in dem insgesamt sehr unglücklichen Gespräch kam das Thema auch kurz auf meine leicht erhöhten Cholesterinwerte (das kann ein Symptom von Schilddrüsenproblemen sein, was aber damals kein Thema war). Ich fragte, was ich nun mit diesen Werten tun sollte, und ohne mich überhaupt nach meiner Ernährung oder irgendwas zu fragen, meinte er „Bei manchen Menschen ist das genetisch.“ Als ich ihn fragte, wie er darauf käme, dass das bei mir der Fall sei, antwortete er, dass ich nicht übergewichtig sei. Da das Gespräch ohnehin nicht gerade gut war, beließ ich es dabei und beschloss, selbst zu recherchieren und die Sache ggf. beim nächsten regulären Besuch bei meiner Ärztin wieder anzusprechen. Geärgert hat es mich dennoch, denn nur weil ich ein normales Gewicht habe, bedeutet das schließlich nicht, dass ich nicht trotzdem irgendwas tue, was sich ungünstig auf das Cholesterin auswirkt (oder eben eine Erkrankung habe, die das fördert… z B. die Schilddrüse)

Meine jetzige Ärztin war den 63kg gegenüber sehr kritisch und fand, dass 70-75kg eigentlich reichten. Andererseits war sie angesichts meiner Abnahme extrem enthusiastisch und sagte Dinge wie „Wenn das jeder tun würde, dann hätten wir keine Patienten mehr hier. Die meisten sind krank, weil sie einfach zu dick sind.“ – ich dachte, sie übertreibt etwas, um mich zu motivieren und zu bestärken. Ebenso sagte sie, ich hätte sicher unter PCOS gelitten, mit 150kg. Als ich Donnerstag wieder da war, sprach ich sie auf die nach wie vor bestehenden Probleme an: Starke Wasserschwankungen und die Frage, ob ich möglicherweise nach wie vor unter PCOS leiden könnte. Ihre Antwort: „Das ist nicht mein Fachgebiet, aber unter PCOS leiden sie sicher nicht mehr.“ und auf die Frage weshalb: „Sie sind ja jetzt normalgewichtig und haben kein übermäßig hormonaktives Fett mehr.“ – nun habe ich ja bezüglich PCOS recht intensiv für „Fettlogik“ recherchiert und muss klipp und klar sagen, dass das leider kompletter Bullshit ist, da man PCOS mit jedem Gewicht bekommen kann, und lediglich die Wahrscheinlichkeit mit Übergewicht ansteigt. Aber es gibt auch genügend Normal- oder sogar Untergewichtige Frauen, die unter PCOS leiden (Gewichtsreduktion verbessert allerdings meist die Symptome, was bei mir auch der Fall war).

Was mir seither durch den Kopf geht ist, dass es offensichtlich sowohl für über- als auch für normalgewichtige Patienten ein Problem sein kann, dass Ärzte oft gewichtsassoziierte Vorurteile haben:

Unter Medizinstudenten fanden sich etwa bei 74% implizite negative Vorurteile gegenüber Übergewichtigen in Assoziationstests und 67% äußerten sogar explizit Vorurteile.

In einem Test mit Medizinstudenten, die entweder eine virtuelle schlanke oder übergewichtige Patientin behandelten waren die angehenden Mediziner deutlich negativer gegenüber der übergewichtigen Patientin eingestellt: Sie rechneten mit weniger Einhaltung ihrer Behandlung, gaben ihr mehr Verantwortung für ihre Gesundheitsprobleme, bewerteten ihre Gesundheit insgesamt schlechter und interagierten weniger mit ihr.

Laut Schwartz et al. haben sogar auf Übergewicht spezialisierte Mediziner und Gesundheitsexperten starke Vorurteile:

Health professionals exhibited a significant pro-thin, anti-fat implicit bias on the IAT. In addition, the subjects significantly endorsed the implicit stereotypes of lazy, stupid, and worthless using the IAT.

Die negativen Gefühle zwischen Ärzten und übergewichtigen Patienten führen offenbar u.a. dazu, dass Übergewichtige mit höherer Wahrscheinlichkeit „Doctor-shoppen“, also häufiger den Arzt wechseln, was sich ebenfalls negativ auf ihre Behandlung auswirkt.

Nun ist es an der Stelle wichtig, zu differenzieren. Ich halte es für äußerst sinnvoll, das Übergewicht als Ursache vorrangig zu behandeln. Gewichtsverlust als ersten Schritt bei gewichtsassoziierten Beschwerden wie Gelenkschmerzen, Bluthochdruck, Diabetes o.ä. ist aus meiner Sicht sehr sinnvoll, weil es ein nicht invasiver, ungefährlicher Weg ist mit hoher Genesungswahrscheinlichkeit. Bevor Medikamente oder gar Operationen eingesetzt werden, ist Gewichtsreduktion eine weit bessere und ungefährlichere Strategie mit weniger Risiko. Es ist also aus meiner Sicht nicht „diskriminierend“ oder ein Vorurteil, wenn der Arzt bei solchen Beschwerden auf das Gewicht fokussiert.

Ironischerweise denke ich, dass aber auch hier, Vorurteile des Arztes im Weg stehen können, nämlich dann, wenn er bereits im Vorfeld den übergewichtigen Patienten als faul und unfähig wahrnimmt und ihm eine erfolgreiche Gewichtsreduktion gar nicht zutraut. Auf die demotivierenden Ärzte-Reaktionen bin ich bereits in „Fettlogik“ eingegangen. Auch darauf, dass mir nicht ein einziger Arzt zu Gewichtsreduktion geraten hat – während aber mit hoher Wahrscheinlichkeit in den letzten 10 Jahren einige Beschwerden direkt auf dieses geschoben wurden, ohne weiter nachzuforschen ob es evtl. auch andere Ursachen geben könnte (wie z.B. ein gerissener Meniskus).

Bereits vor 15 Jahren fand eine Studie, dass lediglich 42% von über 12.000 adipösen Patienten von ihrem Arzt den Rat erhalten hatten, Gewicht zu reduzieren. Gleichzeitig hatte der Rat aber großen Einfluss: Die Patienten, die von ihrem Arzt angsprochen wurden, arbeiteten sehr viel wahrscheinlicher hinterher daran, abzunehmen.

Wie bereits in „Fettlogik“ thematisiert, hat der Rat des Arztes also durchaus Gewicht und gleichzeitig sprechen sehr viele Ärzte Übergewicht nicht (direkt) an, selbst wenn sie der Meinung sind, die Probleme seien dadurch (mit)verursacht. Und auf der anderen Seite wirken sich, aus meiner Sicht, diese Vorurteile auch auf normalgewichtige Patienten aus, bei denen dann offenbar schnell die Rechnung „normales Gewicht/Nichtraucher/Nichttrinker = dann kann man nichts verbessern, denn dann muss es genetisch sein“ aufgemacht wird, obwohl auch ein Normalgewichtiger sich höchst ungesund und einseitig ernähren oder keinerlei Sport treiben kann.

Ich denke, an der Stelle ist es wichtig, dass auch Ärzte mögliche Gewichtsvorurteile hinterfragen und die Gewichtsfrage wieder neutraler angehen. Also ohne riesen Rattenschwanz an Fettlogiken über Disziplinlosigkeit, Gene oder „nur Fastfood fressen“ und sich bewusst machen, dass das Gewicht zwar ganz klar durch ein Kalorienplus verursacht ist, aber darüber hinaus keine Rückschlüsse möglich sind, wie dieses Plus entstand. Eine Studie zeigte, das ein kurzes Informationsvideo in der Lage war, negative Einstellungen von Medizinstudenten deutlich zu senken. Im Video wurde allerdings der Fokus auf Gene und Umwelt gelegt, weg von persönlicher Veranwortung, was man ebenfalls kritisch sehen sollte. Die Lösung sollte aus meiner Sicht nicht darin liegen, Ärzten zu vermitteln, dass „Übergewichtige nichts dafür können“, damit sie sie positiver sehen. Ich denke, es wäre bereits viel getan, wenn darauf fokussiert würde, Fettlogiken bei Ärzten zu beseitigen, so dass diese eine neutralere Einstellung zu Gewichtsfragen haben und den Patienten vermitteln, dass Gewichtsverlust möglich und sinnvoll ist. Immerhin scheinen Interventionsvideos großen Einfluss auf (angehende) Mediziner zu haben und gleichzeitig hat wiederum der Rat von Medizinern großen Einfluss auf Patienten.

Wie seht ihr die Sache? Welche Erfahrungen habt ihr als Patient oder auch als Arzt (ich weiß, einige Ärzte lesen hier mit, und eure Meinung würde mich natürlich in dem Fall besonders interessieren) gemacht?

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