Hungry: Mein Einstieg in die Fatacceptance

[Der Beitrag war kurzzeitig weg, um die Fotos der Buchseiten durch abgetippte Zitate zu ersetzen, da ich darauf hingewiesen wurde, dass Fotos von Buchseiten offenbar urheberrechtlich bedenktlich sind.]

Im letzten Beitrag ging es darum, was Models essen. Dazu passend bin ich heute beim Haus entrümpeln auf ein Buch gestoßen, das mich in meiner Fatacceptance-Zeit sehr geprägt hat.

Ich glaube, für mich war es das bedeutsamste Buch. Gelesen habe ich es wohl irgendwann vor etwa 6-7 Jahren. Damas war ich noch nicht wirklich in der Fatacceptance angekommen, aber rückblickend denke ich, dass das Lesen mein Einstieg war. Es handelt sich um „Hungry“ von Crystal Renn:

Als Crystal Renn 14 Jahre alt ist, wird sie von einer Modelagentur in Florida entdeckt, die sie erst einmal auffordert, fast 40 Prozent ihres Körpergewichts abzuspecken. In einem Jahr nimmt der Teenager 35 Kilo ab und erkrankt schwer. „Mein Körper schrie förmlich auf“, stellt sie rückblickend mit großem Entsetzen fest. Sie entscheidet sich für das Leben und den Genuss und gegen den Kampf mit dem eigenen Körper. Heute, mit 22 und Kleidergröße 42, ist sie im Modelbusiness erfolgreicher denn je – als sogenanntes Plus-Size-Model. Kein Geringerer als Jean-Paul Gaultier präsentierte sie 2006 als seine neue Muse in Paris, Ellen von Unwerth fotografierte sie für „Harper’s Bazaar“, große Modelabels reißen sich um sie. Renn lebt ihren Traum von einer Modelkarriere – so wie sie ist. Dieses Buch ist der überraschend reife Bericht einer lebenshungrigen und charismatischen jungen Frau, die zeigt, dass man seinen eigenen Weg zum Erfolg finden muss (Quelle)

Der Prozess, der durch dieses Buch bei mir angestoßen wurde, ist schwer zu beschreiben. Als ich mich mit 20 kurzzeitig auf Normalgewicht gefastet hatte, schwankte ich einige Monate zwischen Wochen, in denen ich rasant mehrere Kilo zunahm und Wochen, in denen ich diese Kilos wieder wegfastete. Rückblickend weiß ich, dass vieles davon extreme Wasserschwankungen waren durch das Auffüllen und wieder Leeren der Kohlenhydratspeicher. Damals war ich überzeugt, mein Stoffwechsel sei kaputt, und wenn ich „normal äße“, nähme ich zwangsläufig innerhalb kurzer Zeit Kiloweise zu.

Irgendwann schaffte ich die Fasterei einfach nicht mehr und fand mich mit meiner Zunahme ab. Wenig überraschend verlangsamte sich die Zunahme. Wie gesagt, rückblickend ganz logisch, aber damals für mich eine Erleichterung: Sah ich mich schon innerhalb eines Jahres 60 kg zunehmen, erschien das ~1 kg pro Monat eher wie „Gewicht halten“ und ich war froh, mit „normal essen“ halbwegs gut zu fahren.

Als ich Hungry las, war ich Mitte-Ende 20 und muss um die 125 kg gewogen haben. Für mich war es eine Offenbarung. Eins dieser Bücher, die einen tief berühren. Im Nachhinein fällt es mir schwer, nicht darüber verbittert zu sein, wie dieses Buch auf mich gewirkt hat. Und mich gleichzeitig nicht schuldig zu fühlen, dass ich es mehreren Menschen empfohlen oder geliehen habe, um ihren Körper zu akzeptieren. Glücklicherweise hatte es offenbar auf keinen davon eine ähnliche Wirkung.

Aber was war nun eigentlich das, was mich so angesprochen hat? Sehr zentral bei mir hängengeblieben ist die Tatsache, dass Crystal Renn magersüchtig war und kaum gegessen und extrem viel Sport getrieben hat und irgendwann trotzdem zunahm. In der Bchbeschreibung von Amazon steht das folgendermaßen:

Dass Crystal Renn nicht dasselbe Schicksal ereilte, hat sie einzig und allein der an ein Wunder grenzenden Widerspenstigkeit ihres Körpers zu verdanken. Bis auf 48 Kilogramm hatte ihn das 1,75 große Model bereits in einem beispiellosen Kraftakt aus Selbstkasteiung und Selbstzerstörung ausgemergelt, ehe er den Gehorsam verweigerte und zulegte statt abnahm.

Ich habe mich heute nochmal durch das Buch geblättert und einige der entsprechenden Szenen gefunden, an die ich mich erinnere:

S. 128:

Meine Vermutung ist, dass mein Körper sich einfach veränderte, als ich älter wurde. Ich bekämpfte ihn mit härteren Bandagen, aber die Anzeige auf der Waage ging immer weiter rauf: 47,6… 50,3 … 55,8 Kilogramm. Ich war krank vor Panik, aber ich wusste nicht, was ich hätte anders machen sollen. Ich versuchte die Kohlsuppendiät und die Ahornsirupdiät. Da ich ein Jahr lang fast ausschließlich Gemüse gegessen hatte, versuchte ich, ein bisschen Protein hinzuzufügen: ein paar Scheiben fettfreien amerikanischen Käse zum Frühstück. Nur 30 Kalorien pro Scheibe! (30 Kalorien, die wie die Plastikhülle schmeckten, in die sie eingepackt waren.) Nichts half.

S. 129:

Ich hoffte immer noch, ich könnte mein Gewicht abtrainieren. Ich trainierte während der Woche drei Stunden täglich und acht Stunden am Wochenende, immer noch zwischen zwei Sportstudios pendelnd, damit niemand auf die Idee käme, ich sei eine verrückte, ausgeflippte Sportsüchtige. Die Agentin schlug weiter den Dauertakt: Nimm ab, nimm ab, nimm ab! Aber ich nahm zu.

S. 103:

 Ein typischer Speiseplan eines beliebigen Tages im Jahr 2001 sah so aus:
Frühstück: Ein riesiger Haufen gedünsteten Gemüse mit fettfreiem Dressing aus der Flasche und ein Streifen zuckerfreies Kaugummi.
Mittagessen: Ein Kopf Blattsalat oder gedünstetes Gemüse, eine Dose Ultra Pure Protein Shake (Vanillegeschmack, 160 Kalorien), ein zuckerfreier Saft, ein Apfel und ein zuckerfreies Kaugummi.
Abendessen: Gedünstetes Gemüse mit fettfreiem Dressing aus der Flasche und ein Streifen zuckerfreies Kaugummi.
Zwischenmahlzeiten, über de Tag verteilt: Sechs Kaugummistreifen und zwei Diät-Cola.

Täglich 3 – 8 Stunden Fitnesstraining und zu essen nur gedünstetes Gemüse, ein Apfel und Proteinpulver. Und sie nahm zu! Ich hinterfragte das nicht. Auch nicht, dass ihr Körper das quasi eigenständig entschieden hat. Damals deckte sich das mit meiner Erfahrung (bei „eigentich gar nicht so viel essen“ unkontroliert kiloweise zuzunehmen) und der Empfindung, dass der Körper einen eigenen Willen hat und das Körpergewicht und der Stoffwechsel Mysterien sind, die eigenen Gesetzen unterliegen.

Ein Großteil des Buches ist gespickt mit Fatacceptance, dass Diäten nicht funktionieren …

S. 140:

Psychologen an der Universität von Toronto entwickelten das Konzept des False Hope Syndrom. Diäten sind das perfekte Beispiel dafür. Die Leute versuchen etwas immer und immer wieder , obwohl sie schon mehrfach damit gescheitert sind. Sie haben Erklärungen für jedes Scheitern und versuchen es mit großer Vehemenz erneut. Dass eine überwältigend hohe Wahrscheinlichkeit dagegenspricht, schreckt sie nicht ab – es gibt immer Hoffnung! Diäten haben langfristig keine Wirkung, aber die Leute geben sich die Schuld, nicht den Diäten.

… Set point …

S. 163:

Der kleinen Schar, die tonnenweise Gewicht verloren hat und länger als fünf Jahre nicht mehr zugenommen hat, meinen Glückwunsch! Ich hoffe nur, Ihre Ess- und Trainingsgewohnheiten waren nicht so gestört wie meine. Und wenn Sie 15 oder 20 Pfund verloren haben, urteilen Sie bitte nicht über Leute, die härter dafür kämpfen müssen, mehr zu verlieren. Sie sind wahrscheilich noch innerhalb Ihrer Set-Point-Spanne. Diese ganzen „Wenn ich das kann, kannst du das auch“-Ermahnungen sind nutzlos, wenn jemand seine Set-Point-Spanne komplett verlassen müsste.

… dass Übergewicht gar nicht ungesund ist …

S. 162:

Es ist richtig, dass 80 Prozent der Betroffenen von Typ-2-Diabetes fettleibig sind … doch Genetik spielt gerade bei Diabetes eine große Rolle. Dieselbe Gengruppe, die Diabetes verursacht, könnte ebensogut Fettleibigkeit hervorbringen. Wir wissen es noch nicht. Was letztlich die Gesundheit der Dicken mehr beeinträchtigt als das Fett selbst, ist der soziale Stress, den es verursacht, dick zu sein.

… und alles bloß Propaganda der Diätlobby ist…

S. 163:

Bacon zufolge waren mindestens sieben der neun Mitglieder der National Institute of Health’s Obesity Task Force – der Gruppe, die 1998 für die veränderte Definition von Übergewicht verantwortlich war – Direktoren von Diätkliniken, und die meisten hatten mehrfache finanzielle Verbindungen zur Privatwirtschaft. Den nationalen Standard herabzusetzen, so dass mehr Leute „übergewichtig“ oder „fettleibig“ wurden, war offensichtlich gut für die Diätindustrie.

Nach dem Buch war mir endgültig und mit absoluter Gewissheit klar, dass Schlanksein für mich nicht möglich war. Crystal Renn war zu dieser Zeit Übergrößenmodel und trug Größe 42-46. Ich trug schon weit über Größe 50. Mein Stoffwechsel war also ganz offensichtlich noch wesentlich schlechter als der von Crystal Renn, so dass stundenlang Sport und nur gedünstetes Gemüse für mich nicht einmal ausreichend wären, um schlank zu sein. Ich müsste noch weniger essen.

Ich habe die Szene beim Durchblättern nicht auf Anhieb gefunden, aber irgendwo beschreibt sie, wie sie ein anderes Model sah, das Nutella aus dem Glas löffelte. Gemeinsam mit Crystal Renn war ich unglaublich neidisch auf dieses Stoffwechselwunder und empfand Ärger über die Ungerechtigkeit. Das Buch hinterließ mich mit gemischten Gefühlen: Einerseits war ich traurig, fühlte mich resigniert und hoffnungslos angesichts der Tatsache, niemals normalgewichtig zu sein. Auch die Ungerechtigkeit und die Diskriminierung Übergewichtiger durch Ärzte und die Gesellschaft machte mich wütend. Andererseits war ich positiv beflügelt und von der Botschaft mitgerissen, dass alles viel besser wird, wenn man sich nur selbst so akzeptiert, wie man eben ist. Erst als Crystal Renn die Selbstkasteiung und das ständige Hungern aufgegeben hat wurde sie zu einer lebensfrohen Person, deren Ausstrahlung sie so schön machte, dass sie gerade dadurch als Model erfolgreich wurde.

Danach begann es erst so richtig mit der Fatacceptance, ich begann vorwiegend deutschsprachige Fatacceptanceblogs zu lesen (lustigerweise kam ich auf die englischen, weit größeren Blogs erst später durch fatlogic, als ich längst weg war von der Szene) und versuchte, mich damit zu assoziieren. Ich fand es toll, wie modisch die Frauen, die in einer ähnlichen Gewichtsklasse waren wie ich, sich in Miniröcken und figurbetonter Kleidung fotografierten. Ich bestellte mir sogar mal eines der Rock-Modelle, konnte mich aber nie überwinden, das Teil tatsächlich zu tragen.

Letztlich wuchs in mir eher der Konflikt, dass ich mir vom Verstand her sagte, dass ich mein Gewicht akzeptieren muss, dass Übergewicht nicht existiert und ich nicht ungesünder oder sonstwie beeinträchtigt war durch meine 140+ kg. Gleichzeitig erinnere ich mich daran, dass ich auch enorm hypochondrisch war und ständig auf irgendwelche körperlichen Symptome konzentriert war. Auch bevor meine Knieprobleme begannen. Einmal musste ich den Tag über extrem oft zur Toilette und pötzlich war mir klar: Diabetes! Jetzt ist es soweit! Ich schmiss alle Süßigkeiten in den Müll und war von einem Tag auf den anderen bereit, nun abzunehmen. Ein paar Tage später zeigte der Bluttest, dass alles okay war und die kurzfristige Panik verflüchtigte sich. Zurück in den Fatacceptance-Modus.

Es ist wirklich schwer zu beschreiben, wie es mir damals ging, und vieles kann ich selbst nicht mehr richtig nachvollziehen. Ich erinnere mich an zwei Extreme: Kein Problem mit mir und meinem Gewicht zu haben, zufrieden mit meinem Leben zu sein und allenfalls vielleicht gerne etwas sportlicher sein zu wollen … und andererseits auch tiefe Verzweiflung, ständige Angst dass irgendwas mit meinem Körper passiert (Diabetes und Herzinfarkt waren die beiden großen Ängste) und auch Unwohlsein in vielen sozialen Situationen.

Ich frage mich manchmal, ob es etwas geändert hätte, wenn ich nie in die Fatacceptance Szene gelangt wäre. Ob ich möglicherweise früher die Kurve gekriegt und nicht erst mein Knie irreparabel geschädigt hätte. Fatacceptance hat viele meiner Fettlogiken erst richtig festgetreten und mit einem stabilen Weltbild umrahmt, aus dem es schwer war, auszubrechen. Andererseits waren die meisten dieser Fettlogiken schon vorher da und ich fühlte mich entsprechend hilflos meinem Gewicht gegenüber. Ich weiß nicht, ob ich damals „einfach so“ etwas hätte ändern können. Vielleicht musste es erst dieses Jahr voller Schmerzen und Immobilität sein, um den Leidensdruck so hoch werden zu lassen, dass selbst „nur noch Salatblätter und gedünstetes Gemüse“ besser waren, als diese Situation.

Dann ist es wiederum ein ziemlich blödes Gefühl, diese Dinge jetzt zu lesen, wo ich mit Chips auf dem Sofa liege, und zu merken, dass das mit dem gedünsteten Gemüse und den 8 Stunden Sport am Tag kompletter Bullshit ist und ich eine verzerrte Wahrnehmung zur Basis meiner Weltsicht gemacht habe.

Übrigens hat offenbar auch Crystal Renn ihren Setpoint mittlerweile wieder nach unten korrigiert und ist „wieder dem Magerwahn verfallen

Was ich nun mit ihrem Buch anfange, weiß ich nicht. Ich werde es sicher nicht mehr verleihen. Will es jemand haben?🙂

Das hat sie nicht gegessen!

Gestern gab es im Forum zum Thema frühere (Fehl-)Vorstellungen zu Gewicht zwei Beiträge:

Schlank sein bedeutet ein Leben lang selbst kasteien, solange man nicht Naturschlank ist. Sieht man ja in Promisendungen. (ist mir erst jetzt rückblickend aufgefallen)
In etwa so:
Journalist zu schlanker Promifrau: „Was essen sie denn so? Wie sind Sie so schlank“
Frau: „Ich esse normal, und auch MAL Lasagne oder Burger, und ich mache täglich etwas Sport“
halt in etwa.
geht zurück ins Studio, wo ernsthaft eiskalt behauptet wurde, dass sie lügt. Wer so eine Figur hat, KANN keinen Burger essen. Da hat man ausschliesslich Salat zu essen. Also echt, was ist sie eigentlich für eine miese Person, frech in die Kamera zu lügen. Nächstes Thema.

Was zur Hölle?

Und:

Ich habe tatsächlich jahrelang geglaubt, Models würden alle lügen, wenn sie behaupteten, nicht nur an Salatblättern zu knabbern.

So doof ich die Klum auch finde: als ich vor dem Fernseher saß und darüber ätzte, dass sie nach Ende der Fernsehaufnahme bestimmt sofort zum Mülleimer stürzen und den Bissen Burger ausspucken würde, war das einfach bescheuert von mir. Die Frau wird täglich stundenlang trainieren und hat wahrscheinlich den Kalorienverbrauch eines durchschnittlichen Mannes. Die muss den Burger nicht ausspucken, sondern kann, wenn sie will, danach noch fröhlich grinsend einen Snickers einatmen.
Nun ist mir zwar auch klar, dass ihr nicht ständig danach sein wird, aber ich glaube inzwischen, dass sie ziemlicher sicher mit ihren Kindern Eisessen geht oder sich unterwegs auch ohne schlechtes Gewissen einen Caramel Macchiato kauft. Und auch trinkt und nicht in die Zimmerpalme kippt.

Ich fühle mich echt ziemlich doof, wenn ich an meine blöden Kommentare zum Essverhalten irgendwelcher Stars denke…

In der Beziehung kann ich mich munter einreihen, denn ich habe lange Zeit darüber gelästert, wie bei Heidis Modelshow immer mehr oder minder dezent irgendwelche „Die Mädels essen Burger/Döner/Eis!!!!“-Szenen eingeschoben wurden.

Erst im Laufe der letzten Jahre wurde mir bewusst, wie falsch ich lag. Auch und gerade im Hinblick auf mein aktuelles Essverhalten. Dummerweise muss ich mir eingestehen, dass ich als Frau mit dem Appetit eines großen, kräftigen Mannes gesegnet bin. Bei den ~3000 kcal, die mein Mann täglich isst um sein Gewicht zu halten, kann ich ganz locker mithalten. Nur liegt mein Bedarf laut fddb als schlanke Frau an einem inaktiven Tag irgendwo um die 1900 kcal. Das ist zwar völlig okay und durchschnittlich, sogar ziemlich hoch für eine Frau (dank meiner überdurchschnittlichen Größe), fühlt sich aber für mich schon nach „irgendwie wenig“ an.

Meine Strategie der Wahl ist daher, dass ich an den meisten Tagen ein oder zwei Stunden auf dem Crosstrainer verbringe. Während ich früher meine Liebingsserien auf der Couch geschaut habe, schwitze ich jetzt dabei und verbrenne pro Stunde um die 600 kcal (die Zahl hat sich in den letzten 2 Jahren bestätigt, dürfte also grob passen). Bedeutet: Ich kann oft wieder so viel essen wie früher. Mein Essverhalten entspricht also regelmäßig dem eines großen, kräftigen Mannes oder eben einer stark adipösen Frau.

Nun bin ich mit meinem Gewicht von 65 kg noch einiges von dem eines Models entfernt, aber ich habe mal mit einem Onlinerechner etwas herumgespielt – irgendwie spuckten alle, die ich gefunden habe, recht hohe Werte aus. Also persönlich würde ich je etwa 200 kcal abziehen, denn ich finde die etwas niedrigeren Werte, die mir mein fddb-Account anzeigt, da realistischer. Aber für einen ungefähren Eindruck und Vergleich reicht es.

Die durchschnittliche Frau ist etwa 165 cm groß.. Ich habe das Gewicht mal großzügig auf 70 kg aufgerundet, um den Vergleich eher kritischer zu machen:

1

Die Durchschnittsfrau isst also etwa ~2000 kcal um ihr Gewicht zu halten. Beim Model habe ich mal die unterste Modelgröße von 175 cm gewählt und ein Untergewicht von 50 kg veranschlagt:

2

Das Model isst also etwa 250 kcal weniger als die Durchschnittsfrau, um das Gewicht zu halten. Allerdings gehört zum Job des Models meist nicht nur eine schlanke, sondern auch eine sportliche Figur, und die meisten Models dürften regelmäßig Sport treiben. Wird mindestens eine Stunde Sport in die Berechnung mit einbezogen, sieht die Sache dann etwa so aus:

3

Um sein Gewicht zu halten, isst das Model also sogar mehr als die etwas mollige Durchschnittsfrau. Von wegen Dauerverzicht und Selbstkasteiung, rein technisch gesehen kann das Model essen wie die Durchschnittsfrau und anschließend noch eine halbe Tafel Schokolade essen.

Wenn man sich mal die Nährwerte besonders „sündiger“ Speisen anschaut, etwa bei McDonalds (Nährwerttabelle):

Cheeseburger 304 kcal
Doppel-Cheeseburger 448 kcal
Hamburger 254 kcal
Hamburger Royal Käse 527 kcal
Pommes Frites klein 239 kcal
Pommes Frites groß 448 kcal
Apfeltasche 252 kcal
McFlurry® OREO® 297 kcal

… oder bei fddb:

Schwarzwälder Kirschtorte 451 kcal
Snickers 241 kcal
Magnum, Classic 239 kcal
dunkin‘ donuts double chocolate 290 kcal

… dann ist deutlich zu erkennen, dass 1-2 solcher „unglaublich sündiger Lebensmittel“ recht problemlos sogar täglich möglich wären.

Dennoch wird es gerne so dargestellt, als dürfe das durchschnittliche Model nur gelegentlich ein paar Weintrauben auslutschen oder Salatblättchen knabbern und würde niemals auch nur in die Nähe eines Cookies oder Burgers kommen. Die Seite „You didn’t eat that“ etwa entstand vor einigen Jahren um sich über schlanke Frauen mit kalorienreichen Nahrungsmitteln in der Hand lustig zu machen. Über die Seite wurde damals einiges in den Medien berichtet, vor ein paar Monaten z.B. erst auf Bento „Wenn Models so tun als ob“. Mit Zitaten wie:

Auf Tumblr sammeln sie seit 2014 Fotos, auf denen attraktive, dünne Frauen mit fetten Kalorienbomben zu sehen sind. Es scheint wenig wahrscheinlich, dass dieses Essen wirklich verspeist wurde. […]

What a shame! Woran man den Schwindel erkennt? Ganz einfach: Das Essen steckt einerseits noch nicht im Mund und wird andererseits für Werbezwecke vor die Linse geholt.

Zu dem Bild einer Frau mit Cookie in der Hand wird dabei geschrieben:

Schaut euch diese Augen an! Sind sie nicht starr vor Angst? Auch die hochgezogene Lippe signalisiert: Auf gar keinen Fall möchte ich diesen Smarties-Cookie anbeißen, auch nicht für 10.000 Likes, meine Lieben.

Und am Ende:

Wer dünn ist, sich aber mit viel Süßkram abbilden lässt, erweckt zumindest den Eindruck, alles essen zu können und trotzdem eine Bombenfigur zu behalten. Die dummen Sprüche bleiben anders als bei Dicken („Iss doch einmal etwas Gesundes“) aus. Nach dem Motto: Sie gönnt sich doch!

Na ja, das ist ein etwas komischer Kommentar angesichts der Tatsache, dass hier ein Jubelartikel über eine Seite verfasst wird, die sich mit über 100000 Followern über das Essverhalten von schlanken Leuten lustigmacht und ihnen mit schnippischen Kommentaren unterstellt, zu lügen.

Oder geht es darum, dass bei Schlanken keine dummen Sprüche kommen im Sinne von „Muss der Burger sein? Warum nicht was kalorienärmeres?“ Das stimmt natürlich, aber auch hier muss man ja etwas differenzieren. Anderen in ihr Essverhalten zu quatschen (oder sie öffentlich dafür z.B. auf Tumblr bloßstellen) ist generell scheiße. Wenn allerdings eine schlanke Person etwas kalorienreiches isst, scheint das ja offensichtlich in die Kalorienbilanz zu passen um eben jene „Bombenfigur zu behalten“ – und dass als ungesund wahrgenommene Nahrungsmittel wie Burger oder Schokolade bei Schlanken nicht kritisiert werden, halte ich auch für ein Gerücht. „Das ist aber nicht gesund“ kann völlig unabhängig von der Figur der betreffenden Person von irgendwelchen selbsternannten Essenspolizisten geflogen kommen.

Die Bilder führen in die Irre. Letztlich wirkt es so, als ob jede dünne Frau einfach Glück gehabt hätte, mit den Genen – und die hervorstehenden Rippen demnach nur ganz natürlich seien.

So leid es mir tut, aber viele Normalgewichtige haben sich abzeichnende Rippen.

Mit welchem Ziel Models das „Dünnsein“ erreichen, wird die Öffentlichkeit in den seltensten Fällen erfahren. Ob sie mit einem speziellen Körperbau gesegnet sind oder Stunden im Fitness-Center hängen, um die Abs zu stählen? Geheim.

Welcher „spezielle Körperbau“ soll das denn sein? Bei den meisten Menschen kann man optisch grob abschätzen, ob sie schlank sind, weil sie eben nur um die 1800 kcal pro Tag essen (Und hey, auch da passt gelegentlich Burger, Pommes oder Donut ins Budget) oder ob sie darüber hinaus auch regelmäßig Sport treiben.

 

Das mag jetzt vielleicht wirken, als würde ich mich in erster Linie über das „Skinnyshaming“ aufregen. Ehrlich gesagt: Nichtmal so sehr. Klar, wenn ich sagen würde (oder ein Foto posten) dass ich gerade einen Kuchen oder ähnliches gegessen habe und irgend ein Depp würde ein riesen Trara darum machen, dass ich ganz offensichtlich lügen muss, würde ich mich aufregen. Laut Spiegel Online („Models, die auf Donuts starren: Dünne Menschen, die mit riesigen Bagels, Burger oder Cupcakes posieren? Wie geht das zusammen? Gar nicht, findet ein neuer Instagram-Account – und veralbert erfolgreich die schlanke Mode- und Lifestyle-Szene.„) fanden das auch die Betreffenden ziemlich unlustig: „Erzürnt über die Anschuldigungen setzten einige Foodblogger wie Emily Schuman von Cupcakes and Cashmere den Account auf ihre Blockier-Liste. Sie war mit zwei riesigen Bagel-Tüten enttarnt worden. […] Mit ihren Bildern und Kommentaren hat sie jedenfalls einen Nerv getroffen. Einige Blogger hätten sich bei ihr gemeldet und beteuert, sie hätten die Dinge sehr wohl verzehrt.“ Keine Ahnung, warum das dargestellt wird, als sei es lächerlich, sich darüber zu ärgern, wenn man vor hunderttausenden von Menschen mit einem Foto als Lügner bezeichnet wird. #mussmandrüberstehen

Was ich an solchen Aktionen viel schlimmer finde ist, dass wieder die Dichotomie aufgemacht wird, dass Schlanksein mit dauerndem Verzicht, eiserner Disziplin und Salatblättchen einher geht und nur „die Dicken“ sich genüsslich die Burger und Torte reinziehen.

Nicht beachtet, bzw. völlig verzerrt dargestellt die Tatsachen, dass „gesundes, selbstgekochtes Essen“ genauso kalorienreich sein kann wie Fastfood und ein Salat mit ölbasiertem Dressing und einigen kalorienreicheren Zutaten den Burger durchaus schlagen kann. Dazu hatte ich sogar irgendwann mal einen Comic, basierend auf den Nährwertangaben von McDonalds:

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Ebenfalls nicht erwähnt wird, wie vergleichsweise gering die Unterschiede im Kalorienbedarf sind, und dass ein Model eben nicht mit maximal 800 kcal und einem Häppchen Gemüse auskommen muss, wohingegen übergewichtige sich 24 Stunden am Tag tausende Kalorien an Sahnetorte reinstopfen. Ebenfalls relevantes Comic dazu:

donut

Im Endeffekt tritt so etwas als wiedermal nur Vorurteile fest und bringt (Natur-)Schlanke dazu, an ihren überragenden Überstoffwechsel zu glauben, weil sie öfter mal einen Burger oder Schokolade essen und – oh mein Gott – trotzdem schlank sind, während Übergewichtige, die eben nicht permanent futtern und sich vielleicht bei McDonalds den „guten Salat“ bestellen, statt eines „bösen Burgers“ und trotzdem ihre 10 oder 20 kg Übergewicht haben an ihren schlechten Stoffwechsel glauben.

Letztlich ärgere ich mich weniger aktuell, sondern eher rückblickend als mein jahrzehntelanges stark übergewichtiges Ich, das sowas total verinnerlich hat und eben den festen Glauben hatte, dass bei meiner Veranlagung, mit den Genen, der Schilddrüsenunterfunktion und dem kaputtdiäteten Stoffwechsel das Schlanksein nur auf Kosten jeglichen Genusses möglich wäre und sowas wie Pizza bestellen oder Schokolade essen dann gestorben wäre.

Mal ernsthaft, wer will schon ein Leben führen, bei dem man mit hochgezogener Lippe und starr vor Angst auf einen Cookie starrt?

Wahrnehmung vs. Realität

Die Befragungsseite Gallup hat die diesjährigen Ergebnisse ihrer regelmäßigen Telefonbefragung zum Thema (Über)gewicht veröffentlicht.

Zunächst mal hier die Statistiken zur Entwicklung von Übergewicht und Adipositas in den USA:

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Ganz anders ist offenbar die Wahrnehmung der US-Bürger, laut der aktuellen Gallup-Befragung. Während sich 1990-1999 noch etwa 44% selbst als Übergewichtig sahen, sank diese Rate 2000-2009 auf 41% ab. In den aktuellen Ergebnissen waren sogar nur noch 37% der Befragten der Ansicht übergewichtig zu sein. Gemäß der Zahlen fühlen sich also weniger als die Hälfte der tatsächlich Übergewichtigen selbst so.

Entsprechend sah es auch mit der Absicht aus, Gewicht zu verlieren. Während in der Zeit seit 1950 bei steigenden Übergewichtszahlen auch die Anzahl derer anstieg, die über eine Diät nachdachten, setzt mittlerweile ein umgekehrter Trend ein:

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Interessanterweise scheinen also auch sehr viele Menschen in der Gallup-Befragung der Ansicht zu sein, eigentlich nicht übergewichtig zu sein und dennoch gerne etwas abnehmen zu wollen.

Auch das selbst gesetzte „Idealgewicht“ ist in den letzten Jahren um mehrere Kilo gestiegen.

Fazit auf der Seite:

Body weight is a sensitive topic for many Americans. The U.S. obesity rate has actually risen to its highest point since Gallup began tracking this measure. In the 1950s, many more women than men said they wanted to lose weight — yet in recent decades, men have almost caught up with women in their desire for a trimmer body. On the other hand, fewer Americans now than in the past two decades believe they are overweight, and the benchmark for their ideal weight continues to be set higher.

Kurz: Es gibt immer mehr real Übergewichtige, dennoch nehmen sich kontinuierlich weniger Menschen als übergewichtig wahr und entsprechend rückläufig ist auch die Absicht, abnehmen zu wollen.

Zu dünn – Projektgedanken

Gestern Abend habe ich das Fotoprojekt „Zu dünn“ gestartet, in dem Abnehmer oder Menschen, die abgenommen haben, mir Fotos schickten, wie sie aussahen als sie von ihrer Umwelt Warnungen oder Kritik erhielten „zu dünn“ zu sein.

Die Resonanz war direkt überraschend riesig und es kamen zig Mails in mein Postfach geflattert.

Wobei, so überraschend ist das gar nicht. Die krassen Reaktionen meiner Umwelt waren damals mit ein Grund, warum ich „Fettlogik“ überhaupt erst geschrieben habe. Im Prinzip ist das Buch in etwa drei Teile gegliedert: Zunächst geht es um körperliche Grundlagen wie Stoffwechsel und medizinische Auswirkungen von Übergewicht, dann um klassische Ernährungsmythen wie „Man muss Frühstücken“ oder „Soundsoviele Mahlzeiten sind wichtig“ oder „Stoffwechsel ankurbeln“, etc. Im dritten Teil geht es hauptsächlich um gesellschaftliche Entwicklungen.

Als ich das Buch schrieb, ging es mir damals primär um den dritten Teil, der Thesen als Diskussionsgrundlage liefern sollte und den ich für das Kontroverseste hielt.

Überraschenderweise – für mich – interessierte sich dafür zunächst mal keiner. Statt dessen gab es dramatische Kommentarkriege in diversen Foren und Kommentarspalten über das Thema „Hungerstoffwechsel“ und gleichzeitig bekam ich ausführliche Nachrichten, was die Auseinandersetzung mit bestimmten Mythen oder das Krankheitskapitel in Lesern ausgelöst hat. Wenn ich nach dem gesellschaftlichen Teil fragte kam meist ein etwas verlegenes „Jaaaa, ehrlich gesagt, das fand ich jetzt nicht sooo spannend für mich.“ oder ein direktes: „Na ja, den Teil fand ich etwas übertrieben.“

Ich fand mich also, zugegeben ein wenig enttäuscht, damit ab, dass Leute offenbar ganz andere Dinge viel wichtiger fanden. Rückblickend betrachtet ist das ja auch ziemlich logisch, denn die meisten Leute haben natürlich erst einmal das herausgezogen, was für sie in dem Moment das relevante war, und das war eben der Teil: „Wie erreiche ich das Gewicht, das ich will?“ und nicht „Wie reagiert möglicherweise die Umwelt auf mich, wenn ich das Gewicht erreicht habe?“.

Im Laufe der Monate veränderten sich dann allmählich die Rückmeldungen und ich bekam natürlich weiterhin sehr viel Resonanz auf die ersten Buchteile, aber zunehmend auch immer mehr Feedback zum gesellschaftlichen Teil. Immer häufiger kamen Mails oder Kommentare wie: „Als ich das Buch gelesen habe, dachte ich, du überteibst, aber jetzt wo ich 30 kg abgenommen habe passiert mir genau das was du schreibst! Und das nervt!!“

Das ist vermutlich auch eine Erfahrung, die man tatsächlich oft erst selbst machen muss. Zumindest bei mir war es so. Hätte mir in meinen 30 größtenteils schwer adipösen Jahren jemand gesagt, dass ich mich mal über „Du bist zu dünn!“ oder „Du bist doch magersüchtig!“ Kommentare ärgern würde, hätte ich wohl gedacht, das ist Unsinn. Ich freute mich geradezu darauf, endlich mal so einen Kommentar zu hören. Ich stellte es mir ganz toll vor, dass mich mal jemand zu dünn findet.

Als es dann zum ersten Mal passierte, wog ich etwa 110-120 kg und war noch weit im adipösen Bereich. Ich fühlte mich im ersten Moment verarscht, als mein besorgtes Gegenüber mir eindringlich sagte, dass es doch jetzt aber genug sei und ich doch „dünn genug“ wäre. Hallo?! Ich kam mir ernsthaft blöd vor, während mich noch fast 40 kg von der Grenze zum Normalgewicht trennten, darüber zu diskutieren, doch auf keinen Fall mehr weiter abzunehmen. Insbesondere der ungläubig-besorgte Blick, als ich die 40 kg erwähnte, so als sei ich irgendwie vollends vom Boden der Realität abgehoben.

Nach diesem Erlebnis dachte ich, die Person sei halt einfach etws komisch. Doch unmittelbar danach stapelten sich plötzlich die Kommentare dieser Art und ich bekam innerhalb weniger Wochen mehrere dieser Reaktionen: Eine Kollegin, die ich länger nicht gesehen hatte, scherzte, wann sie mir die Magersuchtdiagnose geben dürfe, sprach mich dann aber kurz darauf nochmal ernsthaft an, es nicht zu übertreiben. Andere Kollegen begannen ebenfalls von ihren magersüchtigen Patienten zu erzählen, und dass das ja toll sei mit der Abnahme, aber man halt schon aufpassen müsse. Einer gab zu, er habe extra nicht so positiv reagiert, um ein möglicherweise krankhaftes Verhalten nicht positiv zu verstärken.

Meine Nachbarin wandte sich besorgt an meinen Mann, ob ich genug äße, wenn ich im Garten arbeitete, kamen von mehreren Richtungen die entsprechenden Bemerkungen und oft auch besorgte Kommentare, ob ich denn stark genug für die Arbeit sei. Die Ironie daran: Ich war zuvor über ein Jahr mit den Knieproblemen bei 150 kg extrem eingeschränkt und häufig wochenlang nicht in der Lage, überhaupt raus zu gehen. Mit meinen nach wie vor ~100kg fühlte ich mich so fit wie seit Jahren nicht mehr und schleppte 40kg-Steine herum, aber die Nachbarschaft behandelte mich, als sei ich auf 35 kg abgemagert und könnte jeden Moment zusammenbrechen. Ich dachte ernsthaft, ich sei im falschen Film. Es fühlte sich unglaublich surreal an.

Auch von den „Profis“ mit denen ich in der Zeit zu tun hate, wie etwa dem Physiotherapeuten oder der Ärztin kamen kritische Kommentare zu meinem Zielgewicht. Man war sich relativ einig, dass oberes leichtes Übergewicht (~90kg) doch absolut toll sei für mich und weniger Gewicht weder nötig noch realistisch sei. In den entsprechenden Diskussionen gaben sie durchaus zu, dass gerade aufgrund des kaputten Kniegelenks ein niedriges Normalgewicht natürlich das gesündeste sei, aber man war sich eben doch auch sicher, dass das irgendwie nicht „zu mir passt“ und jemand, der so extrem dick war wie ich, doch bereits glücklich sein könnte mit nur noch leichtem Übergewicht.

In dieser Stimmung schieb ich mein Buch.

Ich habe seither viel darüber nachgedacht, warum mich diese Kommentare treffen. Auch heute höre ich sowas noch relativ oft. In Foren wird darüber geredet, wie abgemagert ich sei, wie dürr, knochig, skeletthaft, nicht mehr schön. Wenn ich in den letzten Jahren ein Vorher-Nachher Foto im Profil hatte, konnte ich sicher sein dass mehrere Kommentare kamen, dass „irgendwas dazwischen“ viel besser gewesen wäre und mein aktuelles Gewicht „viel zu extrem“ sei, weil „so dünn ist auch nicht mehr gesund/schön/sexy“.

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„Zu extrem! Irgendwo in der Mitte wäre schöner!“

Die Situation ist merkwürdig. Ich fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich wohl mit mir und meinem Körper. Was andere darüber denken, könnte mir egal sein – und ist es auch. Dennoch ist jeder dieser Kommentare im ersten Moment kurz verletzend. Wie gesagt, ich habe viel darüber gegrübelt, warum mir sowas nahe geht, obwohl ich mich endlich mit mir selbst wohl fühle. Irgendwann habe ich gemerkt, dass das wohl gar nicht so viel mit meiner jetzigen Situation zu tun hat, sondern mit den 30 Jahren davor. Als Kind und Jugendliche wurde ich geärgert – die „Klassiker“ möchte man fast sagen: Namen wie „Fatbag“ oder „Schau dir mal die fette Sau an!“ oder wenn ich hinfiel „Haha, jetzt ist da ein Fettfleck!“ und eben das übliche im Sport zuletzt gewählt werden … als Erwachsene kamen, soweit ich mich erinnere, keine Kommentare mehr, aber das schlechte Gefühl begleitete mich.

Egal wo ich war, ich fragte mich immer irgendwie, was die Leute über mein Aussehen denken. Traf ich einen neuen Patienten, überlegte ich, ob derjenige wohl so etwas dachte wie „Wie soll die mir helfen, wo sie doch offensichtlich nichtmal ihr eigenes Problem im Griff hat?“ und wenn ich in der Stadt Eis essen war, verspannte ich mich bei jeder Gruppe von Jugendlichen, die vorbei lief. Auch wenn seit Jahren nie etwas passiert war, war doch immer die Befürchtung im Hinterkopf, jemand könnte abfällig über mein Gewicht reden. Und auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, ich hatte Schuldgefühle. Ja, das ist „fatshaming“, schon klar, niemand sollte wegen seines Gewichts Schuldgefühle haben, denn es ist ja keine moralische Verfehlung. Trotzdem hatte ich sie, wann immer ich ein gesundheitliches Problem spürte. Und wie gesagt, in den letzten Jahren vor der Abnahme häuften sich diese Probleme. Und bei allen Schmerzen war da ein Teil von mir, der sagte: „Du hast das verdient! Du hast dir das selber angetan!“ Ich hatte mir selbst gegenüber Schuldgefühle und was ich meinem Körper zumutete … und trotzdem fühlte ich mich hilflos das zu ändern.

Die heutigen Kommentare schaffen es jedes Mal, kurzzeitig all diese Gefühle der letzten Jahrzehnte wieder hochzuholen. Wenn mir jemand vorwirft, mein Gewicht sei ungesund, zu extrem oder ich sähe hässlich aus, piekt das genau in diese 30 Jahre Ängste und Schuldgefühle. und ich reagiere im allerersten Moment furchtbar emotional.

Mal davon abgesehen, dass ich tatsächlich überempfindlich bin, ist es aber auch objektiv ziemlich scheiße, sowas zu sagen. Irgendwelchen Fremden ungefragt auf die Nase zu binden, in welchem Zustand man sie geiler fände, und dass man bei 10 kg mehr oder weniger geneigter wäre zum Geschlechtsverkehr ist unnötig, unverschämt und übergriffig. Und irgendwem Vorträge – noch dazu falsche – über Gesundheit zu halten, ist ebenfalls daneben, wenn man nicht gerade der Arzt oder mitbetroffen ist. Inzwischen scheint das in Sachen Übergewicht ziemlich angekommen sein in der Gesellschaft, auch wenn es natürlich immer diejenigen gibt, die absichtlich gegen diese Konventionen verstoßen – Jugendliche etwa, um vor ihren Freunden zu beweisen wie cool sie sind.

Idioten wird es immer geben, aber man ist sich in der Gesellschaft größtenteils einig, dass es unhöflich und scheiße ist, jemanden „Fette Sau“ zu nennen. Ganz anders sieht es aus, wenn es um weniger Gewicht geht, so dass es völlig okay ist, Menchen die ihr Gewicht reduzieren oder schlank sind, die härtesten Beleidigungen an den Kopf zu werfen und dennoch irgendwie dabei als „netter Mensch“ rüberzukommen, der doch nur „helfen“ will. So „gegen den Magerwahn“. Ist doch total nett gemeint, wenn man jemandem sagt, dass er zu dünn ist, dann kann derjenige sich endlich wohl mit sich fühlen.

Warum das scheiße ist? Beleidigungen sind nicht positiv. Die wenigsten werden sich mit sich selbst wohler fühlen, weil ihnen jemand sagt, sie sähen (bald) aus wie ein „abgehungertes Knochengerüst“ oder nur Hunde würden noch auf sie stehen. Es ist bevormundend und übergriffig davon auszugehen, jemand möchte ein bestimmtes Körpergewicht nur „wegen der Gesellschaft“, also „dir“ haben und lege Wert auf deine Meinung dazu oder gar deine „Erlaubnis“ dicker sein zu dürfen. Menschen nehmen aus unterschiedlichsten Gründen ab, und selbst wenn Attraktivität eine Rolle spielt, dürfte deine persönliche Meinung dazu eher keine Rolle spielen, wenn du nicht gerade der aktuelle Sexpartner bist – und selbst dann zählt es immernoch mehr, was die Person selbst attraktiv findet.

Dazu kommt, es ist unglaublich nervig und demotivierend, wenn man etwas erreichen will und jemand dazwischennörgelt. Was ist das denn für eine scheiß Art, wenn man Leuten mit einem Ziel sagt, dass es doch nicht „nötig“ sei, das zu erreichen? Nicht nur aufs Abnehmen bezogen, ganz generell. Wenn wir alle nur tun würden, was unbedingt „nötig“ ist, würden wir immernoch in Höhlen leben. Wir Menschen sind darauf ausgelegt, irgendwelche Ziele zu erreichen, sowas macht uns glücklich. Menschen ohne Ziele sind meist depressiv und eins bedingt dabei das andere. Selbst wenn ein Ziel von aussen betrachtet irgendwie sinnlos erscheinen mag, wie etwa tagelang ein 5000 Teile Puzzle zu lösen, nur um es anschließend wieder in die Packung zu legen. Allein ein Ziel zu haben macht schon irgendwie zufrieden und glücklich, daher ist es absolut ätzend, die Ziele anderer Leute kleinzureden oder abzuwerten, egal wie unnötig sie einem selbst erscheinen mögen. Und ja, herrgott, bevor jetzt irgendwer meint, das offensichtliche kommentieren zu müssen: Natürlich geht es dabei um Ziele, die keinem schaden. Haha, lustig, ja, man darf kritisieren, wenn jemand das Ziel hat die Menschheit mit einem Killervirus zu vernichten.

Richtig ätzend wird es aber dann, wenn es gesellschaftlich quasi „normal“ oder „positiv“ ist, ein Ziel zu kritisieren, das Menschen wirklich helfen kann. In den letzten Blogartikeln habe ich viel über gesundheitliche Konsequenzen von Übergewicht geschrieben, aber nochmal kurz hier:

lost

Wenn jemand Anstrengung auf sich nimmt und am Ende mehrere gesunde Lebensjahre zusätzlich für sich dabei herausholt, dann ist es absolut daneben, das mit einem „Iss lieber noch ein Stück Kuchen, du siehst nämlich viel zu dünn und abgehärmt aus“ sabotieren zu wollen.

Ich würde mich nicht aufregen, wenn das, so wie bei Übergewicht, generell als unhöflich und mies gelten würde und nur Volldeppen sowas sagen würden. Wer einer übergewichtigen Person sagt: „Verzichte mal besser auf das Stück Kuchen, du siehst nämlich fett aus!“ wird in 99% der Fälle zu Recht(!) wie ein Arschloch dabei aussehen. Sagt man den entsprechenden obigen Spruch zu einem schlanken Menschen oder Abnehmer, ist die Wahrscheinlichkeit dagegen hoch, dass andere zustimmen oder es zumindest nicht als unverschämt wahrnehmen. Mit einer entsprechenden Gegenreaktion muss man hingegen vorsichtig sein:

komm

Langer Rede, kurzer Sinn, offenbar ist das ein Thema, das sehr vielen Menschen unter den Nägeln brennt, wie die Reaktionen darauf zeigen:

Während ich diesen Beitrag schreibe, kamen wieder mehrere Mails mit Fotos für das Projekt. Ich werde die Seite weiter aktualisieren und freue mich über eure Einsendungen und das rege Interesse! Vielleicht schaffen wir es ja mal, an den Punkt zu kommen, an dem jeder, egal mit welchem Gewicht, für sich selbst bestimmen kann, wie er sich wohl fühlt🙂

Könnes kämpft gegen die Fakten

Der WDR hat vor einigen Tagen einen Bericht aus der Reihe „Könnes kämpft“ gesendet, der mir wiedermal das Postfach überflutet hat. Nun ist so ein 40 Minuten Video mit Mitschreiben durchaus ein längeres Projekt, weswegen ich erst heute dazu kam, mir die Sache anzusehen. Eben lief der Abspann und … puh.

Wer das Video nicht gesehen hat, hier die Beschreibung des Senders:

Dick im Geschäft: Die Versprechen der Diät-Branche

Wir werden immer dicker! Das sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das Geschäft mit Diätpillen und Abnehmpräparaten ist daher ein Milliardenmarkt. Dieter Könnes schaut sich das Geschäft mit den Diäten genauer an und klärt: Wie seriös sind die Versprechen der Diät-Industrie? Wer macht womit richtig Geld? Und wem kann der Kunde vertrauen, wo wird er zuverlässig beraten?

Es geht also einerseits um Übergewicht und Abnehmen, andererseits um „die Diätindustrie“. Und das ist direkt der erste und zentrale Kritikpunkt: Beides wird munter vermischt, gleichgesetzt und überhaupt nicht getrennt zwischen sinnlosen Abzock-Mittelchen, hilfreichen Abnehmprodukten und generell Diät im Sinne einer negativen Kalorienbilanz. Alles drei wird mal so mal so synonym verwendet.

Direkt zum Einstieg wird sich darüber entsetzt, wie unglaublich viel Geld „die Diätindustrie“ in Europa verdient:

industrie

Wenn man sich diesen Ausschnitt anschaut fällt auf, dass „Sportartikel“ und „Fitness“ offenbar „der Diätindustrie“ zugerechnet werden. Warum? Ich wage die Behauptung, dass es viele Menschen gibt, die Sport und Fitness zum Zwecke von Sport und Fitness ausüben und nicht um damit abzunehmen. Wenn meine monatlichen Gebühren für das Fitnessstudio, meine Laufschuhe und mein Sport-BH in diese Summe einfließen, ist das falsch. Also bitte rausrechnen! Dann sind es nämlich nur noch 99.999.999.irgendwas … das ist doch gar nicht mehr so dramatisch.

Aber ernsthaft: Es wird hier nicht klargestellt, was überhaupt „die Diätindustrie“ sein soll. Klar, wenn man alles darunter fasst, was irgendwie mit Sport, Ergänzungsmitteln, Ratgebern, Nahrungsmitteln die irgendwie mit Diät assoziiert sind, etc. kommen ganz schöne Summen heraus. Es ist aber nicht wirklich legitim, jedem, der beim Radfahren eine Cola light trinkt zu unterstellen, er sei damit Opfer der Diätindustrie. Möglicherweise fährt derjenige einfach gerne Rad und findet Cola light lecker.

Grundsätzlich fand ich den Ansatz ja ganz gut, über un- oder zumindest semiseriöse Abnehmprodukte wie homöopathische Spritzen oder Almased o.ä. aufzuklären. Diese Teile fand ich durchaus gelungen.

Ebenfalls positiv hervorheben möchte ich den Teil, in dem adipöse Menschen beim Abnehmen begleitet wurden. Es kam deutlich an, dass die stark Übergewichtigen zu Beginn Einschränkungen in Gesundheit und Fitness hatten (einer der Teilnehmer bekam zu Beginn sogar überraschend eine Diabetes-Diagnose, was ihn emotional stark traf und durchaus auch zeigte, wie hart die Konsequenzen von Übergewicht sein können). Etwas schade, dass sie durch Formula-Diäten und Fettblocker abnahmen und nur ein Gegenbeispiel miteinbezogen wurde von einem Abnehmer, der ohne diese Produkte „einfach so“ mit Ernährung und Sport abnahm. Die starke Abnahme von ~20 kg in wenigen Wochen bei einigen Abnehmern war schon fast wieder Werbung für diese Produkte, die man doch eigentlich kritisch beleuchten wollte.

Hier fehlte mir der Teil, in dem über Kalorien aufgeklärt wird und darüber, wie hoch das Kaloriendefizit mit Formula-Diäten ist, ob und für wen das wie sinnvoll ist und wie man ein solches Nährwertverhältnis auch ohne fertige Shakes erzielen kann. Statt dessen kam wieder nur das übliche mystifizierende Stoffwechselgewäsch:

stoffwechsel

Der Stoffwechsel sind zwei Pfeile im Bauch, die sich langsamer drehen wenn man ein Kaloriendefizit isst und deshalb kommt dann der Jojo-Effekt und man wird dicker als vor der Diät. Weil der Stoffwechsel jetzt im Diätmodus ist.

Zum Thema „Jojo-Effekt“ und „dicker als vor der Diät“ hatte ich noch eine kurze, persönliche Erkenntnis, als am Ende die Fettlöserin, Nicole Jäger auftrat. Als ich vor 3 Jahren meine Diät anfing, wog ich 150 kg. In den Jahren zuvor hatte ich im Schnitt kontinuierlich etwa 10 kg pro Jahr zugenommen. Wenn ich davon ausgehe, dass der Trend weiter auf diese Art verlaufen wäre (und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, denn die 150 kg waren keinesfalls stabil, sondern absolutes Höchstgewicht, Tendenz weiter steigend), wäre ich jetzt, zu diesem Zeitpunkt etwa 180 kg schwer und hätte Nicole Jäger damit überholt.

Hätte ich die Diät nach zwei Monaten beendet, wäre ich inzwischen wohl ebenfalls bei etwa 160 kg, also schwerer als vor der Diät. Ist das die Schuld der Diät? Wohl kaum.

Nun ja, an sich wollte ich ja zunächst das Positive herausstellen. Im Prinzip war es das auch schon: Unseriöse Diätmittelchen wurden kritisch beleuchtet und mehrere adipöse Menschen wurden beim Abnehmen begleitet. Am Ende hatten alle deutlich an Gewicht verloren und ihre Gesundheit hatte sich verbessert. Diese zwei Punkte sind auf jeden Fall Highlights, neben zwei ziemlich tollen Apothekerinnen, die zwischendurch zu Wort kamen und einen herrlichen No-Bullshit Ansatz vertraten.

Weiter geht’s mit dem „Aber“, und da gibt es eine ganze Menge. So fokussierte der Beitrag stark darauf, leichtes Übergewicht wegzureden und erst mittelgradige bis schwere Adipositas überhaupt erst als „Übergewicht“ zuzulassen. Zu dieser medialen Tendenz hatte ich vor einigen Wochen schon einmal einen ausführlichen Artikel gepostet.

Könnes selbst, der Reporter im Beitrag, ist 191 cm groß und wiegt 97 kg. Damit ist er „leicht übergewichtig“. Wie wir alle wissen, ist der BMI hier minimal fehlerbehaftet und etwa 3% der Männer werden mit dem BMI zu streng beurteilt, weil sie sehr muskulös sind und ihr Mehrgewicht nicht von Fett herrührt.

bmi1

Demgegenüber stehen die fast 40% der Menschen, die vom BMI zu „nett“ beurteilt werden.

Ist Könnes also der 3%-Mann? Er selbst ist offenbar der Meinung, wie man in der Szene mit seiner Äztin sieht:

Könnes: „Ich habe Sport studiert, laufe viel … vielleicht haben die Fettpolster deswegen noch keinen Erfolg gehabt. Ich und dick? Quatsch!“

Ärztin: „Also sie waren unten mit den anderen Teilnehmern auch auf der Körperfettwaage … jetzt sehen Sie selber, dass Sie mit dem BMI 26 formal in die Gruppe des Übergewichts fallen würden.“

Könnes: „Bitte?! Ich? Zu dick? Laut BMI, wenn ich jetzt nur die nackte Zahl sehe, wäre ich jetzt … übergewichtig? So wie Sie es mir aber erklärt haben … und ich meine, Sie müssen es ja wissen … bin ichs nicht.“

Ärztin: *sichtbar verlegene PAUSE, die Könnes mit lustigen Gesichtsausdrücken überspielen will* „Auf jeden Fall nicht in einem Sinne, der medizinisch für Sie einen Nachteil hätte.“

Das war ein ziemlich offensichtliches Ausweichmanöver, weil die Ärztin es sichtbar nicht über sich brachte, dem voll von seinem Normalgewicht überzeugten Reporter im Fernsehen zu sagen, dass er eben doch übergewichtig ist. Ein genauer Blick auf das kurz eingeblendete Blatt mit der genauen Analyse ergibt nämlich:

kfa

Könnes gehört nicht zu den 3%. Sein Körperfettanteil liegt bei 23,13%. Für einen Mann mittleren Alters ist dies … na ja.

tabellle-kfa-1000

Könnes ist also gemäß beiden Messungen im „leichten Übergewicht“. Nun ist er sicherlich an der Grenze, insbesondere da bei großen Männern die BMI-Werte etwas zu streng ausfallen. Ich hatte dazu schon einmal einen Artikel gebracht. Mittlerweile gibt es eine neue BMI-Formel, die dies korrigiert:

bmiformel

Könnes ist also gemäß dieser Formel nur ganz knapp im Übergewicht, hat aber dennoch tendenziell etwas zu viel Körperfett. Dabei bewegt er sich aber auf einer Grenze, und seine paar Kilo Extrafett sind sicher nicht instant-tödlich, ebensowenig wie die gelegentliche Zigarette oder ab und zu mal Alkoholmäßig über die Stränge schlagen. Dennoch würde es wohl merkwürdig wirken, wenn man nun unbedingt darauf bestehen würde, dass „die paar Zigaretten“ oder „die paar Gläser“ schlicht nicht existieren.

Könnes jedenfalls sieht sich als Normalgewichtig und bleibt auch dabei, als er später mit seinem adipösen Kollegen Basketball spielt: „Normalgewicht gegen hohes Gewicht“

Doch noch „lustiger“ wird es mit der BMI-Kritik, als der Arzt Dr. Frank auftritt. Er wird vorgestellt mit: „Er ist Arzt und ein scharfer Kritiker der Diätindustrie.“

Tatsächlich ist Dr. Frank ein sehr bekannter Vertreter dessen, was man in Deutschland als „Fatacceptance-Szene“ bezeichnen könnte. Übergewicht ist gar nicht schlimm, Abnehmen funktioniert eh nicht … Akzeptiere dein (Über-)Gewicht sind die Kernthesen. Und so findet er es auch beim Kennenlernen uuuunglaublich lustig, dass Könnes übergewichtig sein soll. Der Dialog mit dem sich kaum einkriegenden Dr. Frank:

„Ja, das ist so kurz vorm Ableben, ja … übrigens ich bin so knapp über Ihnen, also ich bin auch typisch übergewichtig.“ „Sie sind auch zu dick?“ „Ja, ich bin auch zu dick.“ „Also wir beide jetzt?“ „Jaa, nach den Leitlinien der deutschen Adipositas Gesellschaft sind wir beide schwer gefährdet“

Nein! Doch! Oooh! Hihihi!

Und dann natürlich das übliche:

Dr. Frank: „Diäten für die Gewichtsreduktion sind allesamt Unsinn, weil sie nicht funktionieren, deswegen gibt es ja auch so viele, und auf Dauer über die Jojo-Effekte, eher schädigen.

Könnes: „Das klingt jetzt so, Herr Dr. Frank, als wenn man als dicker Mensch einfach nur akzeptieren muss, dass man eben etwas dicker ist, als andere. Ist das so?“

Dr. Frank: „Das … im Grunde genommen ist es so. Ich muss schauen, was ist auf gesunde Weise möglich, wie kann ich mein Gewicht beeinflussen, da sind wir beim Thema Stress angelangt, Lebensqualität, da sind wir beim Thema auch Ernährung, aber anders als gedacht, nämlich zum Beispiel Süßstoffe machen dick, sind ja zugelassen in der deutschen Futtermittelverordnung als Masthilfe, aber ansonsten ist es viel besser ich akzeptiere das, als einen Kampf zu kämpfen, den ich nicht gewinnen kann.“

Könnes: „Jetzt gibt es ja den Body Mass Index … was halten Sie vom Body Mass Index?“

Dr. Frank: „Na ja, das ist halt eine raffinierte Methode, wie ich Risikozuschläge ermittle, damit Versicherte mehr Geld zahlen müssen. So ging das ja los, 1959 hat die Metropolitan Life Insurance ihre Versicherten in Gewichtsklassen eingeteilt und das entspricht in etwa den heutigen Body Mass Index Klassen und dann kam irgendwann mal raus, dass man um den BMI von 35 analog dann auf einmal unglaublich gefährdet sei und deswegen mehr Versicherungsbeiträge zahlen muss“

Könnes: „Jetzt habe ich ja einen BMI von um die 27. Wenn ich damit jetzt zu meiner Krankenkasse gehe und sage irgendwie, hier ich will noch ein Sportabzeichen machen oder so und dann wird mein BMI ermittelt, und dann sagen die „Ou, du bist aber schon gefährdet“

Und jetzt wird es lustig, denn an der Stelle wechselt Dr. Frank mal ganz geschickt das Thema und lenkt vom Gesundheitsaspekt auf „BMI-Skandale“ um:

Dr. Frank: „Das kann Ihnen sogar passieren, es gibt Unternehmen, die fordern den BMI ihrer Mitarbeiter in der Personalakte!

Könnes: „Ernsthaft?“

Dr. Frank: „Ja, und es gibt auch Unternehmen, hatte ich neulich grad n Patienten von einer großen Automobilfirma, da wird sogar schriftlich denen mitgeteilt, wenn sie in Vorstandsebene aufsteigen wollen, dürfen sie nicht BMI über 30 haben.“

Könnes: „Boah!“

Dr. Frank: „Das heißt, das ganze hat schon Dimensionen, die sind schon nicht so ganz so nett“

Könnes: „Nicht ganz so nett? Ein umstrittener Maßstab wie der BMI entscheidet mit bei wichtigen Personalfragen? Unfassbar!“

Gemerkt? Wir haben noch kein einziges wirkliches Argument gehört, warum der BMI eigentlich „umstritten“ ist, abgesehen von dem Herumgefeixe am Anfang darüber, dass -hihihi- BMI 27 kurz vor dem Ableben ist – hihihi.

Dass der BMI sich in umfassenden Untersuchungen als aussagekräftig erwiesen hat, und erst dieses Jahr wieder von der größten bisherigen Metaanalyse bestätigt wurde wird ignoriert und statt dessen die beliebte Verschwörungstheorie über böse Versicherungen ausgepackt. Warum diese Theorie gerade bei Lebensversicherungen keinen Sinn ergibt, habe ich hier schonmal ausführlicher aufgedröselt.

Abgesehen von sehr vereinzelten Ärzten wie Dr. Frank ist es mittlerweile keineswegs „umstritten“, dass ein erhöhter BMI (nicht erst ab BMI 35) mit zahlreichen Gesundheitsrisiken und einer verringerten Lebenserwartung einher geht.

Gerade bei jungen Erwachsenen summieren sich verlorene gesunde Jahre und verlorene Lebensjahre bereits bei nur leichtem Übergewicht:

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Lieber WDR, ist angesichts dessen so ein Fazit tatsächlich sinnvoll?

„Mein ganz persönlicher Rat: Wenn Sie eine Diät machen, dann sollten Sie sich eine entscheidende Frage bantworten: Warum? Etwa nur, um einem Schönheitsideal zu entsprechen? Mein Tipp: Wenn Sie gesund sind, und sich fit fühlen, dann stehen Sie zu Ihrem Gewicht und verzichten auf die angeblichen Wundermittel der Diätindustrie. Das Geld, das können Sie sich sparen. Bleiben Sie so, wie Sie sind.“

Blogvorstellung: Feeling oder Fakten? Das ist die Frage…

Früher habe ich mich aus naheliegenden Gründen von allem, was irgendwie nach Abnehm-Blog aussah, ferngehalten. Ewwww, Leute, die über ihr Gewicht schwadronieren, pöööh, gibt’s etwa nichts spannenderes? Auch während meiner Abnahme habe ich abgesehen von den regelmäßigen Besuchen auf Reddit größtenteils alleine vor mich hin gewurstelt. Typ: Einzelkämpfer, eben.

Erst im letzten Jahr habe ich nach und nach verschiedene Blogs, die mir auffielen, abonniert und verfolge nun diverse Abnehmwege. Es sind ganz unterschiedliche Menschen, die da bloggen mit ganz unterschiedlichen Ansätzen, unterschiedlichen Zielen und an unterschiedlichen Punkten ihrer Abnahme. Inzwischen verstehe ich die Faszination dieser Blogs, man begleitet Menschen auf ihrem Weg zu einem bestimmten Ziel, fiebert mit, freut sich über Erfolge und leidet mit wenn die Waage wochenlang stillteht. Und auch wenn Gewicht und alles drum herum meist zentraler Teil sind, bekommt man nebenbei ganz viel über das Leben der Bloggenden mit und auch was sich so alles verändert – ob wegen der Gewichtsabnahme oder auch einfach so, unabhängig davon.

Das interessante daran ist, dass diese unterschiedlichen Erfahrungen immer ein Stückweit greifbarer und nachvollziehbarer sind, weil es einen roten Faden an gemeinsamer Erfahrung gibt. Egal wie verschieden nach aussen hin das Leben ist, es gibt immer wieder Berührungspunkte und bestimmte (Abnehm)erfahrungen oder Gedanken, die Verbundenheit herstellen, weil man sie selbst so oder so ähnlich erlebt hat.

Manche Blogger bloggen schon seit Jahren und sind irgendwann auf Fettlogik gestoßen, andere haben ihren Blog nach dem Lesen des Buches eingerichtet. Ein solcher Blog stellt sich heute vor:

Ich kann nicht oft genug sagen, warum mir mein Essenstagebuch so unglaublich wichtig ist. Zugegeben, es ist viel Arbeit und es nervt auch, wenn man zwischendurch die Eintragungen machen muss, Essen abwiegt und es kostet definitiv auch Lebensqualität – für den einen mehr und den anderen weniger. Daher habe ich großes Verständnis, wenn es Menschen gibt, denen das komplett zuwider ist und die lieber „nach Gefühl essen“ statt sich dieser Quälerei hinzugeben.

Dennoch: Es hat auch große Vorteile, ein Essenstagebuch zu führen. Man sammelt unglaublich viele Daten und Fakten, über die man, wenn diese nicht schwarz auf weiß festgehalten wären, großzügig hinwegschaut und die einem gar nicht so recht bewusst sind.

Wenn ich „nach Gefühl esse“, dann geht das, bezogen auf die Einhaltung eines Kalorienlimits, grundsätzlich immer schief, denn bei mir gibt es einfach kein Sättigungsgefühl. Essen löst bei mir scheinbar so eine immense Freude aus, ja beinahe schon einen kleinen Rauschzustand, dass ich das Signal „ich bin satt“ einfach nicht mehr wahrnehme oder unbewusst ignoriere.

Essen dient ja eigentlich primär der Energiezufuhr.. Das gilt aber nur für „normale“ Menschen, die ein Sättigungsgefühl haben und essen, weil der Körper per Hunger nach Essen fragt. Dazu gehöre ich nicht. Essen ist für mich Beruhigungsmittel, Problemlöser, Frustkiller, Seelentröster und Genuss in einem.

Bevor ich mit dem Abnehmen anfing, las ich das Buch „Fettlogik überwinden“. Noch nie war ich so motiviert und noch nie habe ich so lecker abgenommen wie nach der Lektüre diese tollen Buches. Einer der Hauptgründe hierfür war, dass ich eben nicht nach „Gefühl“ gegessen habe, sondern ich legte mir ein Ernährungstagebuch bei fddb an. Sie kennen das ja vielleicht auch aus dem Buch „Fettlogik überwinden“.

Ich habe alles aufgeschrieben, auch die bösen Tage und auch die Sünden. Nie hätte ich gedacht, dass ich so daneben mit meinen Schätzungen liegen könnte. Manchmal fühlte ich mich nach einer Fressattacke noch immer hungrig und ich hätte geschworen, nicht über meinem Limit zu sein. Dabei schaffe ich problemlos bis zu 7000 Kalorien, wenn ich meinte, mal alles nach „Gefühl“ essen zu können, worauf ich vielleicht schon längere Zeit verzichtet habe.

7000 Kalorien? Sie werden vielleicht denken, wie das möglich ist? Oder man müsste platzen? Nein. Das kann man schaffen und je nach Gewicht sogar mit relativ  geringem Aufwand. Und das ist eben genau der Punkt. Wenn ich selbst es nicht nachgelesen hätte und würde kein Ernährungstagebuch führen, würde ich es nicht glauben. Die Fakten helfen mir, mich besser einzuschätzen und zu verstehen. Wenn man die Fakten nicht kennt und sich verschätzt, fängt die Fettlogik an.

„Ich verstehe das nicht, ich habe doch kaum etwas gegessen“

„Mein Körper ist wohl im Hungermodus, denn er will einfach nicht weiter runter mit dem Gewicht“.

„Mein Körper hat seinen Set-Point erreicht, ich kann nicht weiter abnehmen“

Wenn ich weiß, dass ich an 3 Tagen 7000 kcal gegessen habe, dann weiß ich auch, wo die 1,5 kg Gewichtszunahme herkommen. Es ist erklärbar und nachvollziehbar.

Ich plädiere daher für Fakten statt Feeling. Dennoch: Wer es schafft und sich gut, wirklich gut einschätzt, den beneide ich ein bisschen darum, denn bei mir ist das Essen nach Gefühl immer der Anfang vom „wieder zunehmen“. Langsam aber stetig ist dann das Einzige, was ich fühle, dass meine Klamotten enger werden😉

Leider. Ich habe einen Blog angefangen, wo ich täglich meine Fortschritte poste. Sie sind herzlich eingeladen, dort mal vorbei zu schauen. Freue mich auch immer wieder über Tipps und den allgemeinen Austausch. Unter tezumrollo.wordpress.com finden Sie mich.

Falls ihr ebenfalls Lust habt euch oder euren Blog vorzustellen, meldet euch gerne. Egal ob ihr schon länger bloggt oder gerade erst beginnt, auf die Art könnt ihr euch untereinander noch besser vernetzen und Leser oder Mitblogger finden, die ähnliches bewegt, sich über Erfolge mitfreuen und bei Stillstand motivieren.