Adipositas – Der Unterschied zwischen Realität und medialer Darstellung

Vor kurzem ging wieder einmal eine Studie durch die Medien. Die DAK hat die Einstellung gegenüber Adipositas in der Allgemeinbevölkerung erfragt. Zur Studie selbst werde ich noch schreiben, heute soll es jedoch nicht um Text gehen sondern um das, was noch mehr als (tausend) Worte sagt: Die Bilder.

Die meisten großen Nachrichtenportale bebilderten ihre Artikel mit dem Bild einer Person, die – gemäß dem Inhalt des Artikels – Adipositas, bzw. Fettleibigkeit darstellen sollte.

Adipositas ist der Begriff, der für einen BMI über 30 gilt. Hierbei gibt es noch drei weitere Abstufungen, nämlich Adipositas Grad 1 (BMI 30-34,9), Adipositas Grad 2 (BMI 35-39,9) und die schwere morbide Adipositas Grad 3 (ab BMI 40). Auf der Seite der deutschen Adipositas-Gesellschaft finden sich die ungefähren Zahlen zur Verteilung innerhalb der Kategorien. Diese sieht ungefähr so aus:

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3 von 4 Adipösen fallen also in die Kategorie von BMI 30-34,9 und nur ein kleiner Teil ist schwer morbid adipös. Ich selbst war mit 150 kg bereits weit in dieser Kategorie. Damals sah ich so aus:

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Damit war ich also bereits innerhalb der Kategorie der Adipösen eine Minderheit. Doch wie sieht die Mehrheit aus? Ich habe im Forum herumgefragt und einige der Mitglieder waren so freundlich, mir Fotos zur Verfügung zu stellen, die sie im BMI-Bereich 30-35 zeigen.

Das sind adipöse/fettleibige Frauen:

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Und das sind adipöse/fettleibige Männer:

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Als nächstes habe ich mir die Fotos zu den Artikeln in den großen Medienportalen angeschaut. Das waren häufig dieselben Agenturfotos, aber ihr dürft raten, in welcher Adipositaskategorie die abgelichteten Personen waren. Hier eine kleine Collage:

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Wie deutlich zu erkennen ist, handelt es sich bei allen Bildern um Menschen, deren BMI deutlich über 40 liegt und die morbid adipös sind. Der einzige mögliche Ausnahmefall ist die zweite Person auf dem Foto links unten, aber interessanterweise lautet hier die Bildunterschrift auch „Viele Übergewichtige trauen sich nicht an den Strand“ während alle anderen Bilder explizit mit „Fettleibigkeit“ oder „Adipositas“ benannt sind. So war es auch, als ich auf das einzige Vorschaubild klickte, das tatsächlich eine Frau mit Adipositas Grad 1 zeigte. Ich war positiv überrascht von der Seite Frauenzimmer, doch die Bildunterschrift sprach erneut wieder von Übergewichtigen …

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Als es um Adipositas/Fettleibigkeit ging, wurde hingegen dieses Bild gezeigt:

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Dass dies in der Berichterstattung zu Adipositas kein Einzelfall ist, erkennt man, wenn man in der google Bildersuche Adipositas oder Fettleibigkeit eingibt:

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Dass in den Medien fast ausschließlich schwer morbid adipöse Menschen gezeigt werden, wenn es um die Bebilderung von „Adipositas“ geht, obwohl diese nur eine kleine Minderheit der Adipösen stellen, hatte ich schon häufiger kritisiert. Aber warum ist das ein Problem?

Es hat etwas damit zu tun, wie die Medien unser Bild über Adipositas und Übergewicht prägen. In Fettlogik hatte ich zur Normalisierung von Übergewicht geschrieben:

In unserer Gesellschaft ist mittlerweile die Gewichtsverteilung etwa gedrittelt: Etwas über ein Drittel der Menschen sind normalgewichtig, etwas mehr als ein Drittel ist leicht übergewichtig, und etwas weniger als ein Drittel ist adipös. Nur etwa 1 Prozent ist untergewichtig. »Die Mitte«, also das, was gewissermaßen die Norm darstellt, ist folglich leichtes Übergewicht. Meinem Eindruck nach wird dieses leichte Übergewicht tatsächlich so »normalisiert«, dass es gar nicht als solches wahrgenommen wird.

Das zieht sich insofern weiter, als dass auch Adipositas – also bereits stark gesundheitsgefährdendes Übergewicht – nicht mehr so schnell als solches wahrgenommen wird. Adipositas Grad 1 oder oft sogar noch Grad 2 werden häufig nur als „leichtes Übergewicht“ empfunden. In Fettlogik zitiere ich diverse Studien, denen zufolge sich die Mehrheit der Adipösen nicht als solches wahrnimmt: 3/4 der Adipösen schätzten sich in diversen Umfragen als lediglich „leicht Übergewichtig“ ein. In einer Befragung zu weiblichen Körperformen wurde im Schnitt sogar erst ab BMI 38 von „zu dick“ gesprochen.

Ähnlich auch in einer Studie aus England, bei der adipöse Menschen gebeten wurden, sich selbst einzuschätzen: Lediglich 11 Prozent der Frauen und 7 Prozent der Männer mit BMI über 30 waren sich bewusst, dass sie adipös waren.
Die Forscher verglichen daraufhin die Quote der Adipösen, die sich 2012 als adipös oder zumindest »sehr übergewichtig« einschätzten, mit der Quote von 2007. Während 2007 noch 50 Prozent der Adipösen sich selbst als solche identifizierten, fanden sich 2012 nur noch 34 Prozent »sehr übergewichtig« oder »adipös«. Fast zwei Drittel der befragten Adipösen schätzen sich selbst als normal oder zumindest nicht besonders übergewichtig ein.

Dies liegt sicher nicht ausschließlich an den Medien, sondern mit Sicherheit auch daran, wie unsere Sehgewohnheiten duch unsere Umwelt geprägt werden. Wenn wir immer mehr Übergewichtige sehen, wird dieses Bild automatisch irgendwann zur Norm. Dennoch haben die Medien einen großen Einfluss auf unsere Wahrnehmung, indem sie Benennen und Einordnen, was wir sehen.

Wenn „Adipositas“ grundsätzlich mit Bildern von BMI weit über 40 dargestellt wird, prägt das selbstverständlich das Bild dessen, was wir uns unter „adipös“ oder „fettleibig“ vorstellen. Und wie man sieht ist hier die Realität von Adipositas deutlich anders als die mediale Darstellung:

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Übrigens wird dieses Thema auch dann interessant, wenn wir uns dem Inhalt der Studie zuwenden, die besagt, wie adipöse Menschen in unserer Gesellschaft wahrgenommen werden. Während „nur dicke“ Menschen nämlich meist noch recht positiv gesehen werden, ist die Einstellung zu „fettleibigen“ Menschen dieser Studie zufolge deutlich negativer. Gefragt wurde jedoch nur nach der Einstellung gegenüber den Begriffen, es wurde nicht gefragt, was die befragten Personen sich eigentlich genau unter „dick“ und „fettleibig“ vorstellen. Ist es das mediale Bild von Fettleibigkeit oder ist es das reale Bild, das da beurteilt wurde?

Die Frage ist doch, wie würde „die Gesellschaft“ tatsächlich über „die Adipösen“ denken, wenn den Befragten klar wäre, dass es kein „wir gegen die“ ist, sondern um  – je nach Statitik – jeden vierten oder fünften Menschen um uns herum geht. Um uns.

Und die Frage ist, welche realen Konsequenzen diese Wahrnehmung von Adipositas hat. Wenn Adipositas auf diese Art zum Bild für ein Extrem gemacht wird, steigt natürlich auch die Schwelle, diese Bezeichnung zu verwenden. Das ist im Alltag natürlich egal, es geht ja nicht darum, in der Fußgängerzone besser Adipöse diskriminieren zu können (was dann bei der tatsächlichen Menge an Adipösen auch recht aufwendig wäre) aber es führt dazu, dass Ärzte und andere Fachleute sich ebenfalls zweimal überlegen werden, dem Patienten mit BMI 32 den Begriff „adipös“ mitzuteilen. Und wie eine Forenuserin schrieb:

Ich muss mir dabei dann auch selbst eingestehen: Als ich irgendwann in der Vergangenheit zum ersten Mal auf den Begriff „adipös“ gestossen bin, habe ich auch danach gegoogelt und habe mir dann beim Betrachten der Bilder gedacht „Nein, sooo siehst Du nicht aus, da gehörst Du nicht dazu“.

Dann wird einerseits in den Medien ausführlichst über die Gesundheitsrisiken von Adipositas berichtet, in dramatischen Farben Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und Gelenkschäden beschworen, ähnlich wie beim Rauchen der Lungenkrebs – also durchaus sinnvolle Berichte über Gesundheitsrisiken – aber die, die es betrifft sehen die Bilder und denken „Da gehörst du nicht dazu.“ – und so sorgen Bilder dafür, dass (tausend) Worte einfach verpuffen.

Gastbeitrag: Stell dir vor du bist dick, und die Menschen liegen dir zu Füßen.

Irgendwann im Frühjahr diesen Jahres hatte ich eine „Fan Mail“ von einem irgendwie vertrauten Namen im Postfach. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um Undine de Rivière handelte, die als Sexarbeiterin schon einige meiner Comics zum Thema Sexarbeit repostet hatte. In ihrer Mail ging es allerdings um Fettlogik, und in der folgenden Unterhaltung überredete ich sie zu einem Gastbeitrag zum Thema Gewicht, Abnehmen und Erotik, denn wer könnte besser dazu geeignet sein, diesen Themenbereich zu behandeln?

Ich bin Sexarbeiterin. Mein ganzes erwachsenes Leben lang schon, inzwischen über zwanzig Jahre. Stripclubs, Escort, Bordell, Telefonsex, Webcam, inzwischen hauptsächlich im Rollenspiel- und Fetisch-Bereich. In dieser Zeit war ich schlank, normalgewichtig, übergewichtig und adipös. Und immer fand ich mich attraktiv und wurde auch von meinen Kunden so sehr begehrt, dass ich gut davon leben konnte.

Schwer zu sagen, was die Henne ist und was das Ei. Ist Selbstliebe die Grundlage dafür, von anderen Menschen bewundert zu werden, oder führt das positive Feedback von aussen zur Selbstakzeptanz? Auf jeden Fall greifen sie ineinander. Wie ich zu meinem Job kam, warum es selbst für ein „Sexobjekt“ wichtigeres gibt als einen flachen Bauch – und wieso ich inzwischen trotzdem einen habe: ich erzähl’s euch.

Nachdem ich als Teenager zwei Jahre lang an Magersucht gelitten und zeitweise einen BMI von unter 17 gehabt hatte, war nach dieser unerfreulichen Phase meines Lebens einer meiner Glaubenssätze, dass es mir unmöglich sei, mein Gewicht auf eine gesunde Weise zu kontrollieren. Runterhungern um jeden Preis, Haarausfall und Dauerfrieren inklusive – klar, kein Problem, das hatte ich mir schon bewiesen. Aber als ich das dann nicht mehr wollte, schien mir die einzige Alternative strikt intuitives Essen ohne jede Gewichtskontrolle zu sein. Und vermutlich war das für eine ganze Weile sogar eine gute Entscheidung, zumal das Resultat weit weniger katastrophal war als erwartet. Wenn ich mir alte Bilder anschaue, dürfte ich in meinen frühen Zwanzigern die meiste Zeit normalgewichtig gewesen sein.

Mit meinem Körper hatte ich Frieden geschlossen. Einiges an mir mochte ich, anderes weniger, tolle Taille, aber deutlich zu wenig Oberweite für meinen Geschmack. Ich trug Kleidergröße 36/38 und hatte wohl auch einen Körperfettanteil irgendwo im Normalbereich. Schulsport hatte ich immer gehasst, dafür war mein Hauptverkehrsmittel als Schülerin und später als Studentin mein Fahrrad. Und sobald ich alt genug aussah, um in Diskotheken Einlass zu finden, liebte ich es, am Wochenende die Nächte durchzutanzen.

Aus meiner Leidenschaft fürs Tanzen entstand mit Anfang zwanzig auch meine Karriere als Sexarbeiterin. Ein Kommilitone hatte mir nach einer langen Nacht gestanden, Stammgast in einer lokalen Peepshow zu sein. Ich war wahnsinnig neugierig und bestand darauf, dass er mich mitnahm. Dort sprach ich mit dem DJ, ließ mir die ganze Angelegenheit erklären, fand das alles ziemlich aufregend und kam so prompt zu einem Nebenjob als Stripperin.

Unter den Kolleginnen hatte ich weder die tollste Figur noch das raffinierteste Styling. In unserem kleinen Aufenthaltsraum im Keller sah ich zum allerersten mal chirurgisch vergrößerte Brüste, Haar-Extensions und künstliche Fingernägel. Einige der Frauen hatten eine Ausbildung als Bühnentänzerin, andere drehten professionell Pornos. Ich übte derweil, auf High Heels zu laufen. Aber ich hatte Erfolg und verdiente gut, weil man mir den Spaß bei der Arbeit ansah.

Privat wie beruflich machte ich in dieser Zeit viele spannende sexuelle Erfahrungen. Ich wurde Stammgast in einem nahegelegenen Swingerclub, und aus Interesse an Fesselspielen fing ich an, SM- und Fetischparties zu besuchen. Die Arbeit in der Peepshow machte mir das Austesten meiner Grenzen beim kommerziellen Sex leicht – ich konnte es beim Ausziehen auf der Hauptbühne belassen, oder in den sogenannten „Solokabinen“ mit einem einzelnen Besucher weiter gehen, wenn ich wollte.

Gewichtsmäßig blieben den folgenden Jahren Schwankungen nicht aus: Auslandssemester ohne Fahrrad, gemeinsame Mahlzeiten mit einem Partner mit deutlich höherem Kalorienbedarf, dann die Trennung. Als ich mit Ende zwanzig mein Studium abgeschlossen hatte, nach Hamburg umzog und Sexarbeit mein Hauptberuf wurde, lag ich wohl gerade mal wieder irgendwo im mittleren Normalgewicht. Gewogen hatte ich mich immer noch nicht wieder, die Angst vor der Essstörung saß noch zu tief.

Die Geschäfte liefen gut, ich hatte mehr Geld als Zeit. Deshalb hörte ich auf, selbst zu kochen und fing stattdessen an, ständig essen zu gehen, unterwegs schnell einen Snack beim Bäcker zu kaufen oder abends erschossen auf der Couch den Lieferdienst zu bemühen. Alles nach wie vor streng intutiv. So wurde ich nach und nach dicker. Ich nahm es als gegeben hin – Gewichtskontrolle stand nicht zur Debatte, und ausserdem hatte mir schon meine Oma gesagt, dass der Setpoint mit dem Alter steigt, weil der Stoffwechsel langsamer wird. Als junge Frau habe sie schließlich jeden Nachmittag Torte essen können ohne zuzunehmen, und später musste sie ein Stück Kuchen nur noch anschauen, und … ihr kennt das. Und die Gene erst! Meine andere Großmutter war schließlich morbid adipös gewesen und überhaupt auch sonst keiner in der Familie so richtig (sprich: Fitness-Model-mäßig) schlank.

Irgendwann bin ich dann doch mal heldenmutig auf die Waage gestiegen, um eine Medikamentendosis abschätzen zu können, und sah dort über 70 Kilo. Auf 161 Zentimeter. Das schien mir dann doch ziemlich viel zu sein. Aber nun ist es sowieso zu spät, dachte ich: um wieder richtig schlank zu sein, müsste ich jetzt fünfzehn, besser zwanzig Kilo abnehmen, das schafft kein Mensch mehr über dreissig, mit meiner Magersucht-Historie sollte ich es nicht mal versuchen, und wegen des Hungerstoffwechsels dürfte ich mich danach ja nur noch von einzelnen Salatblättern ernähren. Zudem ist leichtes Übergewicht schließlich gesund, und mein endlich mal nicht mehr ganz so jämmerliches Dekollete wäre beim Abnehmen sicher als allererstes zu beklagen.

Begehrt wurde ich nach wie vor. Selbst beim kommerziellen Sex beruht Attraktivität auf viel mehr als dem BMI. Immer öfter bekam ich auch Anfragen explizit wegen meiner „Kurven“. Körpergewicht spielt eine Rolle bei diversen Fetischen, nicht nur unter Feedern.

Inzwischen hatte ich meinen ganz eigenen Stil entwickelt, zauberte mit Make-up, Frisuren und vorteilhafter Kleidung. Kaum jemand in meinem Umfeld assoziierte Übergewicht mit mir, dafür bekam ich ständig Komplimente für meine Eleganz. Ich mochte mein Aussehen. Mit meiner Figur so ganz zufrieden war ich nicht, hatte aber auch keinen Leidensdruck. Denn was nützt es, sich wegen einer Sache zu grämen, die man nicht ändern kann? Dann doch lieber das beste daraus machen.

2012 fing an, mich für Sexworker-Rechte politisch zu engangieren und gründete im Herbst 2013 mit Kolleginnen und Kollegen einen bundesweiten Berufsverband. Die Gründung fiel zeitlich zusammen mit dem „Appell gegen Prostitution“ der Zeitschrift EMMA, was mir als ehrenamtlicher Pressesprecherin wochen- und monatelang Unmengen an unbezahlter Zusatzarbeit bescherte. Da ich die Sexarbeit als meinen Broterwerb nicht völlig schleifen lassen konnte, zog ich die meiste Zeit für mein Engagement von meinen sportlichen Aktivitäten ab. Aus drei-, viermal Tanztraining pro Woche, Privatstunden, Pilates und durchtanzen Nächten blieben nur noch die Parties am Wochenende übrig, und auch dafür hatte ich oft keine Energie mehr. Da ich weiter aß wie bisher, nahm ich beschleunigt zu.

Plötzlich stellte ich fest, dass ich angefangen hatte, mich beim Aufstehen vom Boden mit den Händen abzustützen. Dann wachte ich nachts in Panik auf mit meiner ersten Schlaf-Apnoe. Nichts davon passte zu meinem Selbstbild als elegante Lady und passionierte Tänzerin.

Ein vorsichtiger Blick auf die Waage zeigte 81kg. BMI 31. Adipositas.

Es war Anfang März 2016. Mit 43 Jahren begann ich an diesem Tag die erste Diät meines erwachsenen Lebens.

Zuerst warf ich die Angst vor der Magersucht über Bord. Ich hatte bereits eine ganze Weile die vage Vermutung gehabt, dass das nur noch eine Ausrede war. Es war mir damals nie darum gegangen, schlank zu sein oder schön, sondern um Kontrolle. Kontrolle über mein Leben und über mein Umfeld, das ich als untergewichtiger Teenager mittels dramatischer Hungerstreik-Ansagen hervorragend im Griff haben konnte. Solche Strategien hatte ich nun wirklich schon sehr lange nicht mehr nötig.

Die zweite Maßnahme war der Zuckerentzug. Süßes ist meine große Schwäche und mir war durchaus klar, dass meine tägliche Dosis Schokolade die Lage nicht gerade verbesserte. Ganz oder gar nicht schien mir da einfacher als Mäßigung. Im gleichen Zug musste Weissmehl dran glauben. Saft, Limo und Milchkaffee wurden ebenfalls gestrichen und durch Wasser und ungesüßte Tees ersetzt. Ich fing endlich wieder an, mein Essen selbst zuzubereiten und aß einige Wochen lang Low Carb und „irgendwie clean“. Da das doch einiges an „guten“ Fetten beinhaltete, nahm ich, gemessen an meinem hohen Gewicht und der radikalen Umstellung, relativ langsam ab: ein knappes Kilo pro Woche. Ich klopfte mir auf die Schulter. Langsamundgesund und so. Parallel recherchierte ich im Netz weiter nach Diättipps, immer noch tief im düsteren Wald widersprüchlicher Ratschläge tappend, und stolperte nach einer ausgedehnten Grüne Smoothies-Phase (mit reichlich gehackten Nüssen) über „Fettlogik überwinden“.

Ich hatte eine Rezension gelesen, mir die Leseprobe heruntergeladen und die Comics wiedererkannt: Erzählmirnix hatte ich doch schon mehrfach wegen ihrer Sexwork-Logik rebloggt. Die hat auch was übers Abnehmen geschrieben? Wie cool ist das denn!

Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, bis ich durch war. Eine nach der anderen habe ich beim Lesen alle meine Fettlogiken überwunden. Mir ist es auch wirklich ein bisschen peinlich im nachhinein, wieviel Blödsinn ich unreflektiert übernommen hatte. Und das als Naturwissenschaftlerin …

Das Ziel wurde geändert: Nicht einfach nur ein paar Kilo weniger, um die akuten Beweglichkeits- und Schlafprobleme in den Griff zu bekommen, sondern mittleres Normalgewicht. Mit viel Eiweiss und Gemüse und Kraftsport, um mehr Fett als Muskeln abzubauen. Schlank und fit – weil ich’s kann!

Am meisten hat mich überrascht, wie absurd einfach mir das Abnehmen zunächst fiel. Die ersten Monate hielt ich ein recht großes Defizit, angelehnt an eine PSMF. Obwohl ich Kalorien und Makros nur teilweise berechnet und meist eher überschlagen habe, hat das gut für mich funktioniert. Ab Eintritt ins Normalgewicht brauchte ich häufigere Kohlenhydrat-Refeeds gegen den zunehmenden Hunger. Einmal hatte ich einen unkontrollierbaren Fressanfall, der mich ziemlich erschreckt und etwas vorsichtiger gemacht hat. Im Nachhinein betrachtet hätte mir zwischendurch auch mal eine komplette Diät-Pause gut getan, aber ich war dickköpfig, wollte fertig werden und endlich neue Klamotten kaufen.

So habe ich von März bis September 2016 von 81kg (BMI 31) auf 54kg (BMI 21) abgenommen, also innerhalb von etwas über sechs Monaten ein Drittel meines Gewichts und zehn BMI-Punkte abgeworfen. Damit ist meinem Zahlenfetisch genüge getan und Phase eins beendet. Irgendwie kann ich’s ja noch nicht ganz fassen …

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Durch den begleitenden Kraftsport (hauptsächlich Bodyweight-Progressionen und ein paar Stunden mit einem Personal Trainer) habe ich nicht nur einen Großteil meiner vorhandenen Muskeln erhalten, sondern in der Diät sogar noch ein bisschen an Kraft zugelegt. Gegen Ende habe ich das Kaloriendefizit durch häufigere Refeeds langsam ausgeschlichen. Dieses zyklische Essen liegt mir, und in Kombination mit Kraftsport, den ich auch lieben gelernt habe, starte ich jetzt Phase zwei, den Recomp: sprich, an Ruhetagen ein kleines Kaloriendefizit und eher Low Carb, an Kraftsporttagen über Bedarf und viele Kohlenhydrate. So passt auch für mich als kleine (und jetzt zierliche!) Frau problemlos ab und an wieder eine halbe Schachtel guter Pralinen oder eine Tafel Schokolade. Auf diese Art will noch ein paar Muskeln aufbauen und noch ein bisschen mehr Fett abbauen, ohne dass sich mein Gewicht großartig ändert. Momentan dürfte ich so bei 23 – 24% KFA liegen, da geht noch was. Auch bei meiner Haut erwarte ich noch weitergehende Straffung, wobei ich schon jetzt deutlich zufriedener damit bin, als ich zu Anfang der Abnahme befürchtet hatte.

Ich weiss nicht, wie oft ich mich schon bei Nadja für ihr Buch bedankt habe, aber ich tu’s hiermit einfach noch mal. Mich persönlich hat wirklich nichts von einem gesunden Normalgewicht abgehalten ausser den Diätmythen/Fettlogiken in meinem Kopf. Das Potenzial, meinen Körper nach meinen Vorstellungen zu verändern, war längst da, es musste mir lediglich bewusst werden.

Meine Gäste haben mir bisher überwiegend Komplimente zu meiner neuen Figur gemacht. Ein paar haben sich fast überschlagen. Einige wenige waren enttäuscht, und einer konnte sich nicht davon abbringen lassen, sich Sorgen um meine Gesundheit zu machen. Da ich jetzt erst neue Fotos auf meine Website (NSFW) stelle, bin ich selbst sehr gespannt auf das Feedback derjenigen, die mich im letzten halben Jahr nicht gesehen haben. Und ob sich generell etwas an meiner Kundenstruktur oder der Anzahl meiner Terminanfragen ändern wird. Ich denke eher nicht – aber ich lasse mich überraschen …

Fragen aller Art beantworte ich übrigens gern in den Kommentaren und bin da auch nicht schüchtern!

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Fettlogik(en) & Öffentlichkeit

So, heute geht es um Teil 2 der Fragerunde zum Normalgewicht. Das sind die Fragen zum Thema Umgang mit Fettlogik(en) und der Öffentlichkeit, die mir gestellt wurden.🙂

Gibt es eigentlich in Deinem Umfeld noch jemanden, der auf seinen Fettlogiken beharrt oder hast Du alle restlos überzeugt?

Das weiß ich nicht. Ich rede im realen Leben ausserhalb des Internets kaum über das Thema. Diejenigen, die mich schon vor 2013 kannten, wissen natürlich, dass ich mal wesentlich mehr gewogen habe. Wenn mich jemand fragt, wie ich abgenommen habe, sage ich meist sowas wie „Das übliche: Weniger essen und so.“ und das Interesse lässt dann fast immer schnell nach. Dass ich ein Buch geschrieben habe, wissen einige, aber ich glaube, die meisten haben nur mitbekommen, dass ich das als selbstpubliziertes Ebook bei amazon herausgebracht habe. Meine Nachbarin stand vor einigen Wochen ganz aufgeregt vor der Tür, weil sie mein Buch in einer Buchhandlung gesehen hat und da das Bestseller-Kleberchen drauf war. Sie wollte dann ein signiertes Exemplar, aber ob sie es gelesen hat, weiß ich nicht. Meiner besten Freundin hatte ich das Buch nach dem Schreiben geschickt und sie hat nicht viel dazu gesagt, hat sich aber immer mitgefreut, wenn ich ihr etwas darüber erzählt habe. Vor ein paar Tagen hat sie lustigerweise eine Mail geschrieben, dass sie das Buch jetzt richtig gelesen hat, nachdem sie vor kurzem ein Kind bekommen hat und nun nach der Schwangerschaft zum ersten Mal in ihrem Leben übergewichtig ist und auch zum ersten mal wirklich abnehmen will. Das war süß, weil sie ziemlich begeistert war und dann beim nächsten Telefonat unbedingt darüber reden wollte. Ich hatte das Thema bei ihr schon ein bisschen abgehakt als „Na ja, sie fand es halt offenbar nicht sooo besonders und will mich nicht verletzen“, weil sie damals ehrlich meinte, dass sie das Thema nicht so interessiert und es stressbedingt bloß überflogen hat.

Um wieder zu Fettlogiken zu kommen: Dadurch, dass ich das nicht groß zum Thema machen will, ignoriere ich die meisten Fettlogiken. Ich bestätige sie nicht, aber ich fange auch keine Diskussion über die Richtigkeit an, meistens versuche ich mehr oder weniger elegant das Thema zu wechseln.

Inwieweit mein Verhalten jetzt gut oder richtig ist, kann ich nicht sagen. Als meine Umgebung damals meine starke Abnahme realisiert hat gab es einige Reaktionen darauf, z.B. fingen Leute einfach umgefragt an, mir ihre „Essenssünden“ zu beichten. Allein mich zu sehen hat offenbar so ein schlechtes Gewissen erzeugt, dass sie sich genötigt sahen mir zu erzählen, dass sie heute eine Pizza im Supermarkt gekauft hatten, obwohl sie ja eigentlich Salat holen wollten, und dass sie ja wissen, dass das nicht gut sei, aber der Tag war so stressig, etc. etc. – Mich hat das damals ziemlich gestresst, also sowohl dass das Thema so viel Raum einnahm und in fast jeder Interaktion das Gewicht oder Abnehmen zur Sprache kam, als auch zu merken, welchen Druck ich bei anderen damit erzeuge. Ich denke, wenn mehr Leute wüssten, dass ich einen Bestseller über das Thema Übergewicht/ Abnehmen geschrieben habe, wäre das noch schlimmer. Auch wenn ich ein Buch darüber geschrieben habe, ist das Thema für mich nicht so zentral oder spannend, dass ich ständig darüber reden will. Dadurch, dass ich diesen Blog führe und online viele Kontakte darüber habe, nimmt es schon einen gewissen Raum ein, aber im Alltag will ich einfach nicht diese Diättussi sein, mit der man nicht essen gehen kann, ohne ständig über Kalorien zu reden.

Verzweifeln Sie als Autorin von Fettlogik manchmal an der „Allgemeinmeinung“ zu Diäten? Nerft das Sie persönlich? Oder machen Sie sich da gar keine Gedanken drum?

Anfangs ja. Ich glaube, anfangs habe ich in jedem, der Fettlogiken verbreitet hat, mich selbst gesehen und die Resignation und Hoffnungslosigkeit, die das bei mir verursacht hat. In meiner eigenen Begeisterung dachte ich, alle anderen müssten genauso froh sein, wenn ich sie vor den bösen Fettlogiken rette. War natürlich doof, denn wie ich schon neulich zu meinem beruflichen Selbstverständnis schrieb: Es steht mir nicht zu, meine eigenen Vorstellungen auf andere überzustülpen. Früher wollte ich unbedingt jeden überzeugen, Fettlogik eine Chance zu geben und mal reinzulesen. Ich hatte sogar ganz zu Beginn das Angebot gemacht, das Buch an Skeptiker oder „Hater“ gratis zu verschicken weil ich ja selbst aus der Fatacceptance-Szene kam und gerade dort „gehört“ werden wollte.

Mittlerweile hat sich das ziemlich ins Gegenteil verkehrt. Vielleicht ist es auch meiner eigenen momentanen Gestresstheit geschuldet, aber in letzter Zeit ist mir das zunehmend egal geworden. Wenn jemand Fettlogik von vornherein doof findet, ist das jetzt meist eher so ein „Ja dann halt nicht“-Gedanke. Es nervt mich dann eher, wenn diese Leute mit mir diskutieren wollen, so der Marke „Na los, überzeug mich doch von deinem Buch“. Früher habe ich dann versucht herauszufinden warum derjenige vielleicht einen negativen Eindruck haben könnte, aber mittlerweile denke ich mir „Das Angebot ist da und ob du es nutzt oder nicht ist deine Sache.“ Mittlerweile wurde so viel über Fettlogik geschrieben und gesagt und wer sich ein Bild machen will, wird es schon lesen.

Traurigerweise ist für mich persönlich das Vorhandensein der vielen Mythen ja sogar verkaufsfördernd. Gäbe es nicht so viele Fettlogiken wäre Fettlogik nie bekannt geworden, weil kein Mensch das irgendwie neu oder informativ gefunden hätte.

Meine Frage – ich hoffe, nicht zu indiskret: Ist es eigentlich eine Belastung, dass du und deine Gewichtsverhältnisse ein wenig unter öffentlicher Beobachtung stehen und es sicherlich etliche da draußen gibt, die eine Gewichtszunahme deinerseits sofort als Beweis dafür nehmen würden, dass es ihn eben doch gibt, den Hungerstoffwechsel. (Und es wäre ihnen egal, warum du nun genau zugenommen hast, das ist dir sicher bewusst.)

Dass mein Gewicht unter Beobachtung steht ist überraschenderweise kein Problem für mich. Ich weiß noch, wie ich mit Anfang 20, nach meiner Abnahme, sehr stark unter diesem Druck gelitten habe. Ich konnte Komplimente nicht annehmen, weil es sofort Panik erzeugte in Richtung „Was denkt die Person dann, wenn ich wieder zunehme?“, so dass ich schon von mir aus immer abwiegelte und das Scheitern quasi vorwegnahm mit Antworten wie „Na ja, ich muss es ja auch erst mal halten“. Als mein damaliger Freund einen blöden Spruch über eine übergewichtige Bekannte machte, bin ich vollkommen aufgelöst gewesen, in Tränen ausgebrochen und wollte sogar Schluss machen, wegen meiner Angst, dass ich wieder zunehmen könnte und er mich dann verlässt. Ich glaube, die heutige Situation wäre damals ein reiner Albtraum gewesen: Zu wissen, dass tausende Menschen mein Gewicht beobachten und nicht wenige davon nur darauf warten, hämisch den Jojo-Effekt zu kommentieren. Quasi meine schlimmsten Kindheitserlebnisse mal tausend genommen.

Das ist für mich mit der deutlichste Unterschied zwischen Fettlogiken und Nicht-Fettlogiken: Dass mich diese Situation im Bezug auf mein Gewicht nicht unter Druck setzt.

Der erste Teil der Frage allerdings, also ob es mich unter Druck setzt, dass ich unter Beobachtung stehe … ja. Ich bin ein sehr introvertierter Typ und irgendwie merkwürdig. Einerseits kann ich unglaublich rechthaberisch sein und unheimlich schwer irgendwas, was ich falsch finde, so stehenlassen. Andererseits hasse ich Streit und finde es schrecklich, irgendwen zu verletzen.

Durch den plötzlichen und für mich unerwarteten Erfolg von Fettlogik stand ich mit einem Mal als Person in der Öffentlichkeit. Davor war ich schon mit den Comics halbwegs bekannt gewesen, aber das war anders, weil es einfach kleine Meinungsschnipsel waren und das nicht so direkt etwas mit mir zu tun hatte. Die Comics waren zwar oft über kontroverse Themen, aber es waren Meinungsbeiträge unter vielen. Durch Fettlogik stand ich dann als Person mit einer kontroversen Meinung zum Thema Übergewicht in der Öffentlichkeit. Für mich war und ist das ein krasses Gefühl und ich muss mich nach wie vor an die Tatsache gewöhnen, dass Menschen mich auf eine gewisse Art wahrnehmen, auf die ich keinen Einfluss habe. Das schlimmste für mich war lange Zeit, wenn ich als gemein und dickenhassend beschrieben wurde und ich gemerkt habe, dass sich Menschen durch mich verletzt fühlen. Wie schon gesagt wollte ich anfangs dieses Bild unbedingt richtig stellen, und führte auch im Rahmen diverser Shitstorms x Diskussionen, in denen ich versucht habe, mich zu erklären.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass das nicht funktioniert, schon gar nicht wenn irgendwann zig tausende Leute von mir oder Fettlogik gehört und sich eine Meinung gebildet haben. Dann ist es eben irgendwann so, dass einen tausende Leute anders sehen, als man sich selbst sieht – und damit meine ich nicht nur im negativen sondern auch im positiven. Ich finde es auch unangenehm, wenn Leute mich für Dinge toll finden, die ich anders sehe, wie etwa meine „Disziplin“.

Im Laufe der Zeit habe ich realisiert, dass diese Kontroversen auch gut sein können und viele Leute gerade deshalb auf Fettlogik und meine Aussagen aufmerksam wurden. Einige Erlebnisse waren hart, z.B. die Shitstorms auf Twitter oder Stalkingerlebnisse mit Leuten, die z.B. versucht haben über den Verlag oder andere Wege an private Infos zu gelangen. Wenn man merkt, dass man für die Leute dann kein wirklicher Mensch mehr ist, sondern nur noch ein Feindbild, also die bösartige Fatshamerin, die man bekämpfen muss. In den Momenten wünsche ich mir manchmal, ich hätte das Buch nie geschrieben und hätte einfach meine Ruhe.

Was war DEIN schönster Fettlogik-Moment? Also nach der Veröffentlichung von FLÜ mit Fans?

Die Frage habe ich jetzt extra an der Stelle eingefügt, um wieder die Kurve zu kriegen😀 Von den Momenten gab es nämlich unglaublich viele. Ich könnte keinen konkret nennen. Ich bekomme fast täglich Mails von Leuten, die Fettlogik gelesen haben und mir erzählen, was es bei ihnen ausgelöst hat. Und egal wie unterschiedlich das Leben und die Erfahrungen sind, meistens ist da ein starkes Gefühl von Verbundenheit, weil das Gefühl dahinter so ähnlich ist. Wenn mir Leute erzählen, was sie beim Lesen gefühlt haben, ist das meist genau das, was ich selbst in den letzten Jahren gefühlt habe. Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt wenn man merkt, dass man eine Veränderung bei jemandem ausgelöst hat, indem man eine Erfahrung weitergeben konnte, die einem selbst sehr viel bedeutet.

Mein Dank an der Stelle auch einfach mal an Robin, die diese Fage gestellt hat und als Korrekturleserin eine der ersten war, die deses Gefühl mit mir geteilt hat und seither immer dabei war. Ich kündige an der Stelle schonmal an, dass wir beide zusammen demnächst (voraussichtlich im Oktober) an einem Podcast teilnehmen und über unsere Erfahrungen mit Fettlogik, Shitstorms und Fatacceptance reden🙂

Fatshaming

Eben fiel mir eine Situation ein, in der ich gefatshamed wurde.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein neu eröffnetes Sport-Cafe, eine kreative Kombination aus einer Sporthalle mit einem angegliedertem Cafe, in dem Tortenträume wahr werden. So zumindest die Werbung. Tatsächlich warten da nur etwa 5 traurige Kuchen auf der Theke.

Offenbar ist es auch eher unüblich, dort nur für den Kuchen halt zu machen, denn alle übrigen Anwesenden laufen in Sportkleidung herum. Ich falle auf.

Ich bestelle einen Kuchen und einen großen Kaffee. Milch? Nein, keine Milch, aber bitte Süßstoff dazu.

„Süßstoff haben wir nicht. Das würde die Zielgruppe verärgern.“

Die Zielgruppe.

Die Zielgruppe, zu der du ganz offensichtlich nicht gehörst.

Als zahlender Gast gehöre ich in den Augen der Angestellten offenbar aufgrund meines Übergewichtes dennoch nicht zur Zielgruppe und man scheut sich nicht, mir das knallhart auch so rückzumelden.

 

Wäre mir das vor 3 Jahren, mit 150 kg passiert, hätte ich das vermutlich so interpretiert und wäre ziemlich verletzt gewesen. Heute war das dennoch ein WTF-Moment, aber ich denke mir, dass die Angestellte echt eine sehr unglückliche Art hat, sich auszudrücken, denn einem Gast, der einen Wunsch äußert zu sagen, das sei nicht zielgruppengerecht ist schon ziemlich … äh … unhöflich. Ein einfaches „Haben wir leider nicht“ hätte es auch getan. Und was ist das eigentlich für eine Zielgruppe, die allein von der Existenz, der schieren Möglichkeit der Verwendung, von Süßstoff, verärgert ist?

Fettlogik & Psychotherapie

Zu meine Jubiläum gab, bzw. gibt (die Aktion läuft noch ein paar Tage) es die Möglichkeit, mir Fragen zu stellen. Da einiges zusammenkam, habe ich schonmal gesammelt und gruppiert. Grob zeichnen sich die Bereiche Arbeit, aktuelles Ernährungsverhalten und sonstiges/persönliches ab. Ich fange einfach mal mit dem Bereich Arbeit an🙂

Meine Frage: welche Zusammenhänge, die du in deiner psychologischen Ausbildung und Tätigkeit kennengelernt hast, haben dir beim Abnehmen am meisten geholfen?

Dazu musste ich jetzt länger grübeln, aber es läuft tatsächlich auf „keine“ hinaus, selbst wenn das krass klingt. Das Thema Übergewicht begleitet mich schon mein Leben lang und natürlich hatte ich zwischendurch bewusst oder unbewusst die Hoffnung, durch Studium oder Ausbildung auf irgend etwas hilfreiches zu stoßen. Das war aber nicht der Fall. Auch in der verpflichtenden (Gruppen)Psychotherapie im Rahmen der Ausbildung kam das Thema Gewicht nicht auf, was einerseits daran lag, dass ich damals mitten im Fatacceptance-ich-habe-kein-Problem-mit-meinem-Gewicht-Modus war und andererseits daran, dass ich den Therapeuten nicht besonders mochte und dann lieber ein weniger emotionales Thema nahm (so unemotional, das ich mich nichtmal mehr daran erinnere, welches es war).

Beim Durchsehen meiner alten Unterlagen zum Thema Essstörungen und Adipositas fiel mir dann neulich auf, dass die voll mit Fettlogiken sind, z.B. der Minnesota-Starvation-Study, die als Begründung für den „Setpoint“ herangezogen wurde. Die Ausbildung hat mich tatsächlich auch in meier Fatacceptance-Überzeugung eher bestärkt, denn ich habe daraus nochmal die Bestätigung mitgenommen, dass meine Diäten mir den Stoffwechsel zerstört hätten.

Das soll nun nicht heißen, dass Psychotherapie nichts nützliches zum Thema Gewicht zu bieten hat, aber ich glaube, ich schrieb auch in Fettlogik, dass mir wohl einfach die Voraussetzungen fehlten. Durch die Fettlogiken war ich dermaßen überzeugt davon, dass alles viel zu schwierig sei, dass ich gar nicht wirklich Strategien ausprobierte.

 

Ich bin selbst auch Psychologin, arbeite auch mit Patienten (chronischer Schmerz), u.a. geht es da auch um Aktivitätsaufbau etc. Ich habe mich tatsächlich immer mal gefragt – wie unglaubwürdig bin ich denn eigentlich, ich „weiß“ ja offenbar wie es geht, verstehe (und lehre/erkläre) Lernprozesse, Verstärkung von Verhalten und so weiter, und kann es ja offensichtlich nicht mal selbst umsetzen. (Gleichzeitig weiß ich natürlich auch, dass Wissen alleine nicht reicht, und welche Prozesse gesundes Verhalten verhindern, blabla, aber irgendwie war das schon immer mal präsent.) Kanntest du solche Gedankengänge auch?

Ja🙂 Ich hatte die selbst ziemlich oft und gelegentlich habe ich das auch explizit angesprochen, wenn ich z.B. über die positive Wirkung von Sport was gesagt habe. Also so der Marke „Na ja, ich halte mich da selbst nicht dran, aber *hüstel* …“  – ich dachte auch selbst, dass gerade wenn es um unangenehme Dinge geht, wo man als Patient auch mal in Abwehr geht, es eigentlich nahe liegt dann sowas zu denken wie „Tzö, was will die mir eigentlich erzählen …“ aber es hat mich überrascht, dass das bei Patienten wohl meist nicht der Fall war, zumindest nie so, dass es auffiel. Wenn das doch mal im Laufe einer Therapie irgendwie zur Sprache kam, dann sogar eher positiv, also dass die Patienten meinten, sie fänden es ganz entlastend, dass ich auch nicht „perfekt“ sei und vielleicht auch wüsste, wie schwierig manche Dinge sind. Oder dass ich eben „trotzdem“ zufrieden und selbstbewusst wirkte und ihnen das zeigt, dass es eben möglich ist, das zu sein ohne erst dieses und jenes erreichen zu müssen. Es gab, soweit ich mich erinnere, nur eine Situation in der es für eine Patientin merklich unangenehm war. Die war sehr schlank und druckste irgendwann herum im Bezug auf ihre Eheprobleme, bis sie sich dann überwand und meinte, es störe sie, dass ihr Mann so zugenommen habe, aber es sei nicht so, dass sie was gegen Übergewichtigere habe oder so … sie war dann merklich erleichtert, als ich ihr rückgemeldet habe, dass ich das verstehe und nicht persönlich nehme – was auch stimmte.

 

Mich würde interessieren, ob sich durch das Ablegen von Fettlogiken deine Sicht auf Essstörungen jeglicher Art (Anorexie, Bulimie, BED…) verändert hat. Und ob du – falls du als Psychotherapeutin damit zu tun hast – mit Betroffenen vielleicht sogar anders umgehst oder Therapieformen anders bewertest? Oder hat dein professionelles Ich in dem Sinne nichts mit deinen persönlichen Überzeugungen zu tun?

Doch, das hat sich verändert. Das ist für mich kein ganz einfaches Thema, weil ich im Nachhinein merke, dass ich definitiv Fehler in manchen Psychotherapien gemacht habe. Allerdings war ich damals noch in Supervision und muss dazu sagen, dass alles „von oben abgesegnet“ war und ich kenne Leute, die noch an meiner Ausbildungsstelle arbeiten oder in Therapie sind und weiß, dass das weiterhin so läuft.

Ich hatte damals aufgrund meiner eigenen Gewichtsthematik darum gebeten, lieber keine primär essgestörten Patienten zu bekommen, aber es gab einige, bei denen das eine Nebendiagnose war. Wie gesagt war ich damals ziemlich auf dem Fatacceptance-Trip und fand es viel wichtiger, sich selbst zu akzeptieren. Ich sprach also meine Unter- und Übergewichtigen Patienten von mir aus gar nicht auf ihr Gewicht an und so war es meistens gar kein Thema, weil die Hauptrobleme im Vordergrund standen. Das ist etwas, das ich heute auch kritisch sehe, denn ich weiß mittlerweile, wie stark die körperliche Seite mit der psychischen zusammenhängt – also auch im Bezug auf Nährstoffe und hormonelle Einflüsse durch das Gewicht und Sport.

Ich erinnere mich an eine Patientin, die sehr unzufrieden war mit ihrem Körper. Damals hätte ich gesagt: schlank, heute weiß ich, dass sie eine wirklich extreme Ausprägung von Skinnyfat war. Als sehr einseitig essende Vegetarierin trieb sie gleichzeitig enorm viel Ausdauersport, in der Hoffnung, ihren Körper zu verändern. Sie wollte Muskeln aufbauen, aber tatsächlich bewirkte das natürlich bei der einseitigen Ernährung und dem Fokus auf Ausdauer eher das Gegenteil und sie baute Mukeln ab.

In ihrem Fall habe ich aus heutiger Sicht z.B. absolut versagt, weil ich mit ihr nur Übungen zur Selbstakzeptanz gemacht habe, die ihr aber kaum geholfen haben. Ich denke, ihre Problematik von Depression und sich insgesamt Hilflos und Ausgeliefert fühlen hätte es wesentlich mehr geholfen, das Thema Ernährung, ausreichend Protein und Kraftsport anzugehen. Nicht primär aus irgendwelchen optischen Gründen, obwohl es ihr sicher auch geholfen hätte, sich selbst im Spiegel attraktiver zu finden, aber hauptsächlich auch weil ich denke, sie hatte einige Nährstoffmängel, die ihre Depression verstärkt haben. Darüber hinaus wäre es vermutlich eine verhältnismäßig schnelle und wirksame Art gewesen, wie sie ein Kontrollgefühl bekommen hätte und die Wahrnehmung, nicht mehr hilflos zu sein und mit ihren Handlungen wirklich etwas ändern zu können, hätte vermutlich geholfen, auch in anderen Bereichen diese Erfahrung zu machen.

Bei ihr wäre das im Nachhinein sogar der beste Ansatzpunkt gewesen, weil das der einzige Bereich war, in dem sie trotz ihrer Depression immer aktiv war, und umso schlimmer war es, dass es kein Ergebnis brachte. Man hätte mit verhältnismäßig wenig Aufwand da sehr viel erreichen können, und das hätte ihr Selbstvertrauen und auch ihr Vertrauen in die Behandlung sicher sehr gestärkt, so dass auch schwierigere Bereiche möglich gewesen wären. Statt dessen musste sie die Erfahrung machen, dass ich quasi an ihren Wünschen vorbeitherapiert habe und ihr vermittelt habe, dass sie das was sie will ohnehin nie erreichen kann und sich besser so akzeptiert. Letzteres ist in manchen Bereichen, wenn es wirklich unrealistische Erwartungen sind, sicher nicht komplett falsch, aber in ihrem Fall war es eben nicht unrealistisch was sie wollte.

An diese Patientin denke ich auch heute noch oft, weil das der gravierendste Fall in diese Richtung war und ich es eigentlich auch schrecklich finde, Patienten eigene Ideen aufzudrücken. Normalerweise versuche ich immer, Patienten in ihrem eigenen Weg und eigenen Zielen zu helfen und eben nicht irgendwelche eigenen Vorstellungen auf sie überzustülpen. Ich denke auch, sonst gelingt mir das ganz gut, aber in diesem Fall merke ich im Nachhinein, dass ich da vollkommen daneben lag und dass mir wohl auch meine eigenen Probleme im Weg standen.

Mittlerweile hat sich also da durchaus meine Einstellung verändert. Ich bin nach wie vor voll für Eigenverantwortung und eigene Ziele. Also wenn ein Patient mit 150 kg zu mir kommt und mir sagt, dass das Gewicht kein Bereich ist, den er in der Therapie behandeln will, ist das etwas, das ich akzeptiere und dann auch nicht dränge oder ja-abere. Anders als vorher würde ich aber das Thema Unter- oder Übergewicht nicht einfach ignorieren, sondern würde die körperlichen Zusammenhänge zur Psyche ansprechen, so wie ich es auch mit anderen relevanten Faktoren, wie z.B. Schlaf mache. Wenn ich zum Arzt gehe, weil ich ein schmerzendes Knie habe, und er sieht bei der Untersuchung ein auffälliges Muttermal, dann erwarte ich ja auch, dass er das zumindest anspricht und fragt, ob mir bewusst ist, dass das evtl. ein Problem sein könnte. Ich fände es ziemlich unlustig, wenn ich nach einem Jahr mit der Diagnose Hautkrebs in die Praxis käme und er dann sagen würde „Ja klar, dass das auffällig ist, habe ich mir schon immer gedacht, aber ich dachte, sie würden schon fragen, wenn Sie meine Meinung dazu wollen.“ – Man muss die Fakten zumindest kennen, um eine informierte und freie Entscheidung treffen zu können.

Falls sich generell irgendwer wundert: Ich habe mich sehr bewusst für Verhaltenstherapie im ambulanten Setting entschieden, gerade wegen der Machfrage. Zwang und Druck auszuüben ist etwas, das ich generell ablehne, daher kommt für mich auch die Arbeit in Psychiatrien, Gefängnissen oder Entzugskliniken nicht in Frage, da das dort oft nicht zu vermeiden ist. In der ambulanten Verhaltenstherapie begegnet man sich dagegen auf Augenhöhe und der Patient hat selbst die Wahl, ob und wie er das umsetzt, was in der Stunde Thema ist. Meine Aufgabe ist dabei, nachvollziehbar zu vermitteln, warum bestimmte Dinge hilfreich sind und welche Möglichkeiten sinnvoll sein können – nicht, irgendwem zu sagen, wie er zu handeln hat.

Kurz: An meiner Grundeinstellung hat sich nichts geändert, allerdings ist mir inzwischen bewusst geworden, wie stark der Einfluss von Ernährung, Bewegung und Körpergewicht auf die Psyche ist, so dass ich die Bereiche im Rahmen von Information/ Selbstverantwortung mehr einbeziehe und nicht nur in irgendwelchen Nebensätzen mal erwähne, dass Ausdauersport Studien zufolge ähnlich wie Antidepressiva wirkt, sondern konkret die Zusammenhänge erkläre und auf die Art eher vermittle, warum es sinnvoll sein kann, die Bereiche anzugehen. Bisher habe ich damit gute Erfahrungen gemacht.

 

So, dafür, dass es nur drei Fragen waren, bin ich doch ziemlich ausführlich geworden. Falls noch Fragen offen sind, könnt ihr die natürlich gerne stellen.

Gastbeitrag: Warum FLÜ allein (mir) nicht reichte

Gestern schickte mir Ines einen Gastbeitrag zu einem Thema, das schon gelegentlich aufkam: Was, wenn Fettlogik nicht motiviert, sondern das Gegenteil bewirkt und Druck erzeugt? Bei Ines, 27, war dies zumindest zeitweise der Fall und sie hat ihre Geschichte und ihre Gedanken dazu aufgeschrieben. Möglicherweise finden sich darin einige wieder, denen es ähnlich geht oder ging – auch ich konnte mich damit identifizieren (siehe mein Blogartikel von Juni zum Thema „Arsch über Latte“) und fand den Beitrag auch selbst nochmal hilfreich:

 

Liest man im Forum, wann es bei den Leuten „Klick“ gemacht hat, ist die Antwort zu 80-90%: „Nachdem ich FLÜ (= FettLogik Überwinden) gelesen habe!“ Die Leute hatten wieder das Gefühl, selbst die Kontrolle über ihr Gewicht zu haben und sind es angegangen.
Ich habe den FLÜ-Blog im Juni 2015 gefunden. Habe die Blogartikel verschlungen, das neue Wissen begierig gelesen. Das klang alles so viel logischer als diese Hungerstoffwechseltheorien! Damit sollte ich es auch schaffen! Aber irgendwie meinte mein Kopf, dass er nichts anfangen könne mit der Motivation, die ihm da quasi auf dem Silbertablett serviert wurde. Die Euphorie wich ziemlich schnell einem unangenehmen Druck. Je länger ich wusste, dass ich keinen mysteriösen Stoffwechselkobolden ausgeliefert war, desto mehr Frust baute es bei mir auf, dass ich nicht endlich etwas änderte. Der „Klick“, den so viele andere hatten, legte bei mir anscheinend einen Schalter um, über den kein Strom lief. Im Folgenden möchte ich ausführen, wo ich schließlich mein „Kraftwerk“ gefunden habe.

Zunächst ein kurzer Blick auf meine bisherige Geschichte:

  • 08/2013: Ich beschließe abzunehmen (Gewicht: 114kg)
  • 06/2015: Ich entdecke den FLÜ-Blog (Gewicht: 70kg)
  • 09/2015: Ich erreiche mein erstes Ziel (64kg auf 1,63m) und will eigentlich weiter abnehmen. Stattdessen fährt die Gewichtskurve Zickzack und ich finde gerade genug Motivation, um zwischen 67 und 65kg zu pendeln.
  • 06/2016: Ich kaufe mir endlich die Printversion von FLÜ, starte neu mit 67,6kg und beschließe „Diesmal bis zum Ende!“
  • 09/2016: 59,0kg, also 8,6kg runter, Tendenz fallend (500-600g/ Woche im Durchschnitt)

Wie man sieht, habe ich mit dem Abnehmen begonnen, deutlich bevor ich FLÜ kannte. Ich habe meinen Grundumsatz gegessen (der damals mit 1.600-1.700kcal noch schön hoch lag) und gut Kilos verloren. Eigentlich müsste man doch meinen, ich hätte FLÜ gar nicht „nötig“, oder? Ich hatte ja offensichtlich meinen Weg gefunden. Allerdings gab es dann mehrere Faktoren, die mir das Abnehmen erschwert haben.

Einen hatte ich recht schnell identifiziert: Nach ca. 25kg Abnahme hatte ich genug vom „nur-für-mich-abnehmen“ und habe mir ein Abnehmforum gesucht, um mich auszutauschen. Da wurde ich das erste Mal mit dem Hungerstoffwechsel und einer recht extremen Idee eines Jojo-Effekts bekannt gemacht. Es gab ganze „Stoffwechselaufbaugruppen“ und da mir das Ganze irgendwie logisch erschien, habe ich diese Weisheiten recht schnell ebenfalls verbreitet.

Meine Abnahme wurde dann auch langsamer, was ich auf einen „eingeschlafenen Stoffwechsel“ zurückführte – der wahre Grund war wohl eher der verminderte Verbrauch durch das verlorene Gewicht und mein höherer Trainingsgrad beim Sport bei gleichbleibender Intensität. „Logische“ Schlussfolgerung aus dem Forum: Ich musste mehr essen, was ich natürlich tat. So eierte ich ewig um die 70-72kg herum, wochenlang, monatelang. Dann fand ich FLÜ, las den Blog und fand, dass das alles so viel logischer klang als die Theorien aus dem Forum.

Ging Abnehmen deswegen schneller? Ein wenig. Aber es war immer noch langsam, begleitet von reichlich Ausnahmen; die Motivation für den Sport fehlte allzu oft und als ich die 64kg erreicht und damit 50kg abgenommen hatte, war auch dieser Rest vorbei. Ich habe noch eine Weile halbherzig gezählt und Sport gemacht, auch auf der Waage stand ich weiterhin 1x/ Woche. Aber so richtig wollte die nicht abwärts gehen. Und ich „wusste“ ja, dass es im Normalgewichtsbereich schwieriger werden würde.

Sprung 9 Monate später: Es ist Juni 2016 und ich beschließe wieder loszulegen. Mache mir ein Konzept, ziehe das durch. Habe am Anfang ein paar Rechenfehler drin bei der Schätzung von Kalorienaufnahme und -verbrauch, die aber schnell erkannt und behoben sind. Es geht erfolgreich abwärts und das in einem Tempo, das für mich zufriedenstellend ist – gerade weil ich ja im Normalgewichtsbereich bin. Vor kurzem habe ich die U60 geknackt, was ich vorher nie wirklich für realistisch gehalten habe. Ich weiß noch, ich hatte das im anderen Forum als „utopisches Traumziel“ definiert. Und jetzt? Bin ich dabei, bis Ende des Jahres so weiterzumachen, sodass ich dann hoffentlich bei 50-53kg ankomme und das Projekt „Abnehmen“ abgeschlossen ist. Nächstes Jahr geht es dann an Muskelaufbau und Körper definieren.

Die eigentliche Frage ist doch aber: Was hat sich denn noch geändert, abgesehen von Forum und FLÜ? Simple Antwort: Mein Job. Denn wenn wir uns nochmal den Zeitstrahl von oben nehmen, kann ich einen zweiten daneben legen:

  • 03/13 – 03/15: Job 1 (Frankfurt)
  • 03/15 – 03/16: Job 2 (Frankfurt)
  • seit 05/16: Job 3 (Mannheim)

Job 1 war mein erster Job nach dem Studium. Neue Stadt, eigene Wohnung, neuer Job, nette Kollegen, keine finanziellen Sorgen mehr. Ich bin aufgeblüht, als ich nach Frankfurt gezogen bin. Ich wurde auf Arbeit trotz BMI 43 sofort akzeptiert und integriert, ich mochte meinen Job und ich liebte die Stadt, in der es so viel zu tun und zu entdecken gab. Und mit dem Erwerb meines ersten Smartphones im Juli 2013 habe ich dann beschlossen, das mit dem Abnehmen nochmal zu versuchen. Nun konnte ich endlich eine der fddb-Apps nutzen und das habe ich auch fleißig getan.
Job 2 kam, weil Job 1 befristet war und ich in der Gegend bleiben wollte. Die Arbeit an sich war okay, mit den Kollegen bin ich allerdings nie wirklich warm geworden. Während sie sich untereinander geduzt haben, wurde ich auch nach Monaten gesiezt. Parallel dazu ist meine Gewichtskurve deutlich flacher geworden und dann eben in den Zickzack-Kurs nach Erreichen des ersten großen Ziels übergegangen. Ich hatte mich im Grunde damit abgefunden, dass ich wohl nicht weiter runter kommen würde, da müsste ich mich viel zu sehr anstrengen und einschränken usw.
Auch Job 2 war befristet, ich bin allerdings nicht nach den 2 Jahren im Vertrag gewechselt sondern bereits nach einem Jahr – zu Job 3. Die Wohnungssuche war schwierig, der Umzug energieraubend. Aber ich liebe den Job, ich mag meine Kollegen und ich fühle mich hier so wohl wie bei meinem ersten Job damals. Und nach nur einem Monat in dieser positiven Umgebung habe ich beschlossen, es eben nochmal anzugehen. Und diesmal richtig! Also kaufte ich mir endlich die Printversion von FLÜ und las sie in 2 Tagen durch. Dann machte ich mir einen Plan und den ziehe ich jetzt auch durch.

Was ich mit dieser Geschichte schlussendlich ausdrücken will: FLÜ hat mir wichtige Dinge gegeben, die ich nach Erreichen meines ersten Ziels zum Weitermachen dringend brauchte: Eine neue Vision von mir (ein klares Ziel!!) und Faktenwissen zum Thema Stoffwechsel. Auch das Forum habe ich durch FLÜ gefunden und dafür bin ich sehr dankbar.
Was FLÜ (allein) bei mir nicht schaffte, war es, der großen Motivation tatsächlich Taten folgen zu lassen. Dafür brauchte ich erstmal freie mentale Kapazitäten, die waren nämlich mit Jobsorgen und stärker werdenden depressiven Phasen schon so sehr ausgeschöpft, dass mehr als ein „Gewicht gerade so im Rahmen halten“ nicht drin war. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mir das Buch erst so vergleichsweise spät zugelegt habe. Ich wusste ja grob, was drinstehen würde, hatte aber zu Zeiten von Job 2 einfach nicht „den Nerv“ mich damit auseinanderzusetzen. Die Motivation, die das Buch eigentlich liefern kann/ sollte, hätte mein überlastetes Hirn als „Druck“ uminterpretiert und unter diesen Voraussetzungen wollte ich es nicht lesen. Erst, als ich wieder den Kopf frei hatte, konnte ich mich wirklich auf FLÜ einlassen und das daraus Gelernte erfolgreich in die Realität umsetzen.

Dehnungsstreifen.

Ich wurde neulich mal gefragt, ob ich eigentlich keine Dehnungsstreifen habe. Haha. Mein Bindegewebe ist wirklich außerordentlich mies und ich war nie eine dieser straffen Übergewichtigen, wie meine Freundin aus der Schule, die immer braungebrannt und cellulitefrei war und trotz ähnlicher Gewichtsklasse so gar nicht „fett“ aussah. Dank Vitiligo und entsprechender Sonnenaversion war ich schon immer blass und bei mir sah Fett auch immer nach Fett aus.

Ich weiß noch, wie ich mich mit etwa 11 oder 12 in der Umkleide vor dem Sportunterricht auszog und plötzlich eine Mitschülerin total entsetzt durch den Raum brüllte: „Oh Gott, Nadja, was sind das für Narben???“ … damals kannte ich nur einen Ausdruck dafür und murmelte zu Tode beschämt „Schwangerschaftsstreifen“, was die Situation nicht unbedingt verbesserte.

Wie gesagt: blasse Haut, mieses Bindegewebe und Massen an knallroten Dehnungsstreifen überall. Überall. Sogar an den Hinterseiten der Knie, auf den Schultern oder der Ellbogen. Als Teenager hatte ich wirklich rasant auf über 100 kg zugenommen und auch mit Ende 20 kamen nochmal einige neue Exemplare dazu.

Falls jemand Kinder hat und denen erklären will, warum es eine gute Idee ist, auch in jungen Jahren, wenn „Gesundheit“ meist noch ein abstrakter Begriff ist, gut mit seinem Körper umzugehen, könnt ihr gerne auf diese Fotos verweisen. Im richtigen Licht bin ich ein Zebra.

sst

Egal wie fit, schlank oder sportlich, diese Überreste der Adipositas bleiben. Mir ist nun weder danach, einen medienwirksam-emotionalen Text darüber zu verfassen, wie unglaublich schwer es ist, zu diesen „Makeln“ zu stehen (wäre gelogen. Ist es nicht), noch über irgendwelchen euphemistischen Kram über „Tigerstripes“ oder „Kriegsnarben im Kampf für Bodyacceptance“. So ist das jetzt eben, und ich hatte über 20 Jahre Zeit, mich mit Dehnungsstreifen zu arrangieren.

Passt schon so.