Gastbeitrag: Binge Eating und Abnehmen

Gestern hat der User Sieben6 im Forum seine Geschichte über seinen Umgang mit Binge Eating, also einer Essstörung mit Essattacken, geteilt. Außerdem hat er mir erlaubt, diesen Bericht auch außerhalb des geschützten Forenbereiches als Gastbeitrag hier auf dem Blog zu posten:

Binge Eating und Abnehmen – kann das funktionieren? Ich habe für mich nach vielen frustranen Jahren endlich einen Weg gefunden.

Zu meiner Person: 55 Jahre alt, männlich, 188 cm groß und 79 kg schwer. Seit 35 Jahre leide ich an Binge Eating, diagnostiziert aber erst vor 3 Jahren. Meine Gewichtshistorie läßt sich in zwei Teile gliedern:

Teil I: 35 Jahre lang jährliche Ab- und Zunahmen bis zu 30 kg (dabei fast immer über 100 kg Körpergewicht geblieben)
Mit 20 haben die Fressattacken schleichend begonnen. Gewichtszunahmen konnte ich zunächst mit viel Sport und gelegentlichen Nullkalorientagen einigermaßen einfangen; das gelang mir dann aber mit der Zeit immer weniger, so dass ich dazu überging, immer kompliziertere Diäten und Pläne zu entwerfen. Kaum eine Diät, die ich nicht mitgenommen und ausprobiert hätte. Die Halbwertszeit der komplexen Pläne betrug aber meistens keine 24 Stunden; d.h. ich bin morgens aufgestanden mit einem detaillierten Plan und der Überzeugung es zu schaffen und abends ins Bett gegangenen mit dem deprimierenden Wissen, versagt zu haben. Das hat mich dennoch nicht davon abgehalten, es täglich aufs neue zu probieren – jahrzehntelang! Ich möchte nicht wissen, wie viele Tonnen an Papier für Tabellen und Unmengen an Zeit ich dafür sinnlos verbraucht habe. Leider nahmen mit der Zeit die Fressanfälle an Häufigkeit und Intensität weiter zu, was den Leidensdruck zusätzlich erhöhte. Als 2013 die Diagnose Binge Eating kam, beruhigte sich das permanente Auf und Ab etwas, da nun klar erschien, was mir fehlte. Aber weder die intensive Auseinandersetzung mit der Essstörung, noch die Hilfe medizinischer Fachliteratur bewirkten in der Folge eine nennenswerte Verbesserung.

Teil II: 2016 Abnahme auf 78 kg, dann 17 kg Zunahme, dann 2017 erneute 16 kg Abnahme
Anfang 2016 bin ich auf FLÜ gestoßen. Das Buch habe ich regelrecht verschlungen, auf fast jeder Seite ein Aha Erlebnis (Asche auf mein Haupt: als Mediziner wusste ich zwar über die ganzen ernährungsphysiologischen Zusammenhänge, war aber leider tief verblendet und glaubte an manche Diätmythen). Mit brachialer Gewalt habe ich mich im ersten Halbjahr 2016 auf 78 kg runter gehungert – jedoch völlig ohne Sinn und Verstand. Was aber dann nach Erreichen des lang ersehnten Traumgewichtes kam, war ein Fiasko: Täglich exorbitante Binge Eating Fressanfälle mit bis zu 9000 kcal (!), kompletter Kontrollverlust, nicht mehr fähig, irgendwie dagegen zu steuern. Als Konsequenz erfolgte in nur 4 Monaten (September bis Dezember 2016) eine Gewichtszunahme von 17 kg mit allen physischen und psychischen Probleme, die eine so fulminante Zunahme innerhalb kurzer Zeit mit sich bringt. Im Januar 2017 konnte ich erfolgreich den Resetknopf drücken und innerhalb 15 Wochen wieder 16 kg (nun FLÜ-konform) abnehmen. War’s das? Nein, denn ummittelbar nach der erneuten Abnahme gab es wieder einen kurzen Gewichtsanstieg, den ich aber dieses Mal schneller abfangen konnte. Geholfen hat mir dabei, was ich im Folgenden näher beschreibe.

Wie kann es passieren, dass man FLÜ liest, es genial findet und trotzdem anschließend einfach so massiv zunimmt? Dass das Ganze wider besseren Wissens erfolgt und keinerlei Stoppmechanismus greift? Wer mit Binge Eating leben muss, kennt nur zu gut das Gefühl des Fremdbestimmtseins und der fehlenden Kontrollmechanismen, der selbstgesetzten roten Linien, die permanent gerissen werden; der Unmengen an Kalorien, die man völlig planlos und meist heimlich zu sich nimmt; dem Wissen darüber, aber dennoch der Unfähigkeit, einfach nie rechtzeitig Halt sagen zu können.

Die Auseinandersetzung mit meinen Gewichtsproblemen war 35 Jahre lang schlicht und ergreifend mein Lebensinhalt, begleitenden mich von morgens bis abends. Die massiven Essstörungen mit all ihren Auswirkungen hielten mich im Griff und überlagerten alles andere (Familie, Beruf, Hobbys, etc.). Und dennoch: Tief im Inneren war ich überzeugt, irgendwann den Schalter zu finden, der mich von der Geisel befreien könnte. Und ich habe etwas gefunden: 1) Essstörung als Krankheit akzeptieren 2) bisherige Therapie von Binge Eating kritisch hinterfragen 3) Emotionen und Essen bewusst zulassen 4) Fressanfälle in Genuß umwandeln 5) Motivation und Willensstärke seperat betrachten 6) FLÜ konsequent umsetzen 7) loslassen vom täglichen Wiegen und Kalorienzählzwang.

Die Schalter im einzelnen
1) Es klingt trivial, ist es aber nicht: Zur Erkenntnis kommen und mir ehrlich eingestehen, dass mein Umgang mit Essen massiv gestört ist und einen hohen Krankheitswert mit dringendem Therapiebedarf hat, hat eine Weile gebraucht. Und dass die Ursache bei mir nicht irgendwo anderes zu suchen ist, sondern tatsächlich nur in der Essstörung selbst. Eine begleitende professionelle Psychotherapie hat mir dabei geholfen, obwohl dort nie fertige Lösungsansätze präsentiert, sondern immer nur Impulse und Denkanstöße gegeben wurden.

2) Der vielleicht wichtigste Schritt war, den Automatismus von Abnehmen-Hunger-Fressanfällen zu kappen. Wenn ich abnehmen will, muss ich ein Kaloriendefizit aufbauen – und der verursacht naturgemäß Hunger. Den muss ich lernen, auszuhalten. Je nach Defizithöhe ist dieser Hunger stärker oder schwächer, aber immer logisch und physiologisch erklärbar und eben nicht zwangsläufig Auslöser für Fressanfälle. Diese Verknüpfung von Hunger = Fressanfall = muss vermieden werden hat mich jahrelang vom sinnvollen Abnehmen abgehalten und regelmäßig in Depressionen gestürzt. Insofern bewerte ich manche Therapieempfehlungen von Binge Eating (Körpergewicht akzeptieren, Essstörungen zuerst behandeln, emotionales Essen vermeiden, abnehmen aussetzen, etc.) inzwischen kritisch und als nicht zielführend.

3) Etwas, was mich ebenfalls entscheidend nach vorne gebracht hat: den Mechanismus Emotionen führt zu Fressanfälle (= emotionales Essen = nicht erwünscht) umzudrehen in ein gezieltes Essen löst Emotionen aus (= Glücksgefühle = erwünscht). Essen muss Emotionen auslösen können. Das ist ein komplett konträrer Ansatz zu meiner bisherigen Vorgehensweise. Ähnliches gilt für Hunger bewußt zulassen; denn erst wenn ich Hunger spüre, kann ich mit dem Essen auch den Rückgang des Hungergefühls bewußt wahrnehmen und die damit verbundene Hormonfreisetzung als etwas sehr Positives erleben. Diese Gefühle, diese Genussfaktoren sind tatsächlich ziemlich alternativlos.

4) Binge Eating ist nicht wie eine Erkältung, die geheilt nach einiger Zeit wieder weg ist, sondern etwas, dass einen ein Leben lang begleitet. Fressanfälle sind ein wesentlicher Teil dabei und häufig ungeplant und unkontrolliert. Wieviel frustrane Energie habe ich jahrzehntelang dafür aufgewandt, Fressanfälle zu vermeiden und die Kontrolle zu behalten – ohne Erfolg. Was ist also die Alternative? Fressanfälle zulassen, auch das Ungeplante. Nur muss es sich auf Episoden beschränken, die nicht komplett ausufern (< 2.000 kcal zusätzlich), nicht zu häufig vorkommen ( < 1 x pro Woche), den Genuss dabei ganz bewußt in den Vordergrund stellen und am folgenden Tag wieder in einen normalen Essrhythmus übergehen. Hintergrund war die Erkenntniss, dass bei mir nur die ersten 10% eines Fressanfalles Genuß darstellten; der Rest war sinnloses und anarchisches Gestopfe, verbunden mit depressivem Frust. Diese Akzeptanz der Unvermeidbarkeit der Fressanfälle und die Einsicht, sie zu zulassen, wenn sie hochkommen, haben bei mir zu einem wesentlich entspannteren Umgang mit Fressattacken geführt. Heilung von Binge Eating heißt bei mir nicht nie wieder, sondern ich habe die Fressanfälle in Art, Dauer und Häufigkeit im Griff. Fressanfälle in Genußepisoden umwandeln, das ist mein Ziel.

4) Motivation und Willensstärke habe ich immer in einen Topf geworfen. Nun war ich über drei Jahrzehnte mit täglich neuen Plänen zwar ein Motivationsweltmeister, aber leider einer ohne genügend Willenskraft (kurze Halbwertszeit der Pläne). Eigentlich nicht verwunderlich, da die aufzubringende Energie für Willensstärke – im Gegensatz zur Motivation – nicht unendlich ist. Da ich früher immer zu vieles gleichzeitig ändern wollte, habe ich während der Abnehmphase vorübergehend alle Projekte gestoppt, die nicht unbedingt sein mussten. Erstaunlich, wie viel mehr Energie für das Einhalten meines Abnehmplanes so auf einmal zur Verfügung stand.

5) Nach dem zweiten Mal Lesen von FLÜ habe ich’s kapiert, insbesondere Nadjas Vergleich mit der Speisekammer hat mir enorm geholfen: Der adipöse Körper hat Grundnahrungsmittel wie Mehl, Reis, Zucker, Nudeln im Überfluss an Bord, nur frische Lebensmittel, wichtige Supplemente (Vitamine, Mineralien, Spurenelemente) und vor allem Proteine müssen täglich dazu gekauft werden. Das habe ich umgesetzt.

6) Der rote Faden in all meinen früheren Abnehmplänen war Kalorienzählen und Wiegen. Das ist grundsätzlich auch nicht verkehrt. Problematisch wird es aber, wenn dies regelmäßig nicht zum Ziel führt und immer wieder in die gleichen Frustrationen mündet. Da das aktuelle Tagesgewicht auch von wenig beeinflussbaren Faktoren wie Wassereinlagerung, Schlaf, Hormonhaushalt, Verdauungssituation, etc. abhängig ist, beschloss ich, mich vom Sklaven der Waage zu emanzipieren und meinen Abnahmeerfolg nicht am täglichen Wiegen fest zu machen. Gewogen wurde dann, wenn ich Lust hatte: mal täglich, mal zweitäglich, mal einmal pro Woche oder in noch größeren Abständen. Dabei gewöhnte ich mir an, immer nur den tiefsten Wert der Gewichtsabnahme zu dokumentieren und Zunahmen (die es natürlich auch gab!) nicht aufzuschreiben. In ähnlicher Weise bin ich an mein Kalorienzählen herangegangen. Jahrelang war es quasi gesetzt, eine tägliche Kalorienobergrenze zu definieren. Mit der fatalen Eigenschaft, dass beim Übertreten von nur einer Kalorie sehr schnell des Gefühl “ jetzt ist es eh egal …“ aufkam und beim Darunterliegen solange alle möglichen Sachen kopflos genascht wurden, bis ich eben die gesetzte Grenze auch wieder überschritten hatte und erneut in „jetzt ist es eh egal…“ mündete. Also, kein Abwiegen von Nahrung, kein Tracken der Kalorien, sondern einen fixen und unkomplizierten Nahrungsplan mit ca 1.000 kcal vorgeben, der so aussah:

Morgens: 250g Magerquark + FlavDrops = 170 kcal
Mittags: 250g Magerquark + FlavDrops = 170 kcal
Abends: Abwechselnd (Mo – So) Omlette, Pasta, Thunfischsteak, Gemüseauflauf, Rindersteak, Lizzateig mit Mozzarella, Putenbrust (etwas Gemüse dazu) = 500 kcal
Dazwischen: 5 x Cappuccino mit 1,5 % Milch = 160 kcal
Zusätzlich: Vitamine + Mineralien (Nutrilite Duplex 8 Tabletten täglich), Flohsamenschalen zur Regulierung der Verdauung, Wasser/Tee 3 l

Wichtig war mir, dass das Essen nicht irgendwie zusätzlich gestreckt oder aufgebläht werden musste, auch entschied ich mich bewusst gegen Proteinpulver – irgendwie habe ich da eine Abneigung. Harzerkäse, BeefJerky oder Hüttenkäse kamen dazu, wenn das Abendessen nicht aus ausreichenden Proteinquellen (Fisch oder Fleisch) bestand. Gemüsesticks oder gesunde Snacks waren nicht verboten, wollte ich aber vermeiden, was meist gelang. Das Abendessen wurde nicht abgewogen und berechnet, sondern pauschal mit 500 kcal bewertet. Damit lag ich sicher einige Male drüber, einige Male drunter. Wie auch immer: Geplant waren anfangs 1.300 kcal Defizit pro Tag, später dann entsprechend weniger. Im Schnitt hatte ich eine wöchentliche Abnahme von 1,2 kg. Passte.

Sport: War zwar wichtig (90 Tage Mark Lauren, 2 – 3 x 9 km Joggen pro Woche), wurde aber nicht in die Energiebilanz berücksichtigt und nur auf moderatem Level durchgeführt; auch habe ich mich nicht mit Schrittezählen, FiBit oder irgendwelchen anderen unbedingt zu erreichenden Zielen gequält, sondern lediglich darauf geachtet, mich überhaupt zu belasten. Überrascht hat mich, dass Ausdauertraining auf Sparflamme bei mir immer geht, Körpergewichts- und Kräftigungsübungen ohne Energie aber keinen Sinn machen, da hier schlicht keine ausreichende Power vorhanden war und die Qualität spürbar litt.

Verlauf

Die ersten 8 Wochen liefen erstaunlich problemlos ab. Es ist mir gelungen, all das, was sich bei mir in 35 Jahren Abnehmen einfach nicht bewährt hat, strikt zu unterlassen und meine Energie komplett auf einen einfachen Plan zu bündeln. Den konnte ich tatsächlich auch mit seinen 1.000 kcal/d durchhalten. Hunger hatte ich selten, Gelüste dagegen sehr wohl. Geholfen hat mir, dass ich mich jeden Abend auf ein Nahrungsmittel gefreut habe, dass nicht extra fett-, zucker- oder kalorienreduziert war (exzellent bekocht von meiner Frau!). Und dass mein täglicher Antriebsmotor nicht irgend ein bestimmtes Wiegeergebnis war oder das exakte Erreichen einer bis hinters Komma vorgegebenen Kalorienzahl, sondern abends die Zufriedenheit, meinen Plan eingehalten zu haben.

Plateaus auf der Waage traten auf und waren nervig. Da aber, wie erwähnt, die Einhaltung des Plans im Vordergrund stand und primär nicht eine bestimmte Gewichtsabnahme pro Zeit, konnte ich diese Phasen mit etwas Geduld überstehen – denn irgendwann kam der errechnete Gewichtsverlust immer. Geduld ist im Übrigen eine sehr häufig unterschätzte Voraussetzung bei der Abnahme, insbesondere wenn auch noch eine Essstörung vorliegt. Eigentlich logisch: Ich war es jahrzehntelang gewohnt, dass eine Befriedigung der Gelüste durch einen Fressanfall immer prompt und unmittelbar erfolgte (Minuten). Demgegenüber benötigt aber ein Lustgewinn aus der Abnahme (Spiegelbild, Waage, Kleiderpassform, Komplimente, Wohlgefühl, etc.) oft quälend lange (Tage bis Wochen). Dazu kommen die häufig unangenehmen Nebenwirkungen aus dem täglichen Kaloriendefizit: Frieren, Grippesymptomatik, fehlende Power, Hunger, ständiges Denken an Essen, etc.

Nach etwa 10 Wochen wurde es langsam mühsamer, d.h. ich musste mehr tun (Fokussierung auf den Plan), um am Ball zu bleiben. Die Gedanken kreisten verstärkt ums Essen und es war eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, wann sich ein Fressanfall nicht mehr vermeiden ließ. Und so kam es dann auch: Cheatepisoden, in denen ich mal kurz unkontrolliert alles wahllos in mich rein stopfte. Die folgenden Wochen waren dann chaotisch mit erneuter Gewichtszunahme: Restriktive Diättage wechselten sich mit heftigen Cheatepisoden ab. Was tun? Ich habe an drei Stellschrauben gedreht. Zum einen mich besonnen auf das, was ich oben erwähnt habe: Fressattacken als einen Teil meiner Krankheit zu akzeptieren; sie zu zulassen, sie aber auf kurze Episoden zu begrenzen und sich bewusst auf den Genuss zu konzentrieren. Das funktionierte überraschend gut. Die zweite Stellschraube bestand darin, zunächst nur an den Wochenenden, später schrittweise auch unter der Woche, reguläre Esstage einzubauen und die Kalorienzufuhr dabei auf ~2.200 kcal pro Tag zu erhöhen: keinen Quark mehr, sondern moderates Frühstück, Kaffe und Kuchen, mediterranes Abendessen. Das hat zwar ein paar Anläufe gebraucht, klappte dann aber ebenfalls überraschend problemlos. Die dritte Schraube bestand darin, einen gelassenen Umgang mit normalen Essen ohne striktes Kalorienkorsett zu üben. Das schreibt sich so einfach, tatsächlich ist/war es aber Schwerstarbeit. Wobei die Betonung auf Üben liegt und auch hier gilt: Geduld haben. Es ist ein Lernprozess, der Zeit benötigt, aber dann, wenn man dran bleibt, enorme Zufriedenheit bringt.

Noch etwas Interessantes konnte ich aus meiner Abnehmzeit beobachten: Wie unabdingbar für das körperliche Wohlempfinden langfristig ein ausgewogene Ernährung mit den drei Makronährstoffen Kohlenhydrate, Fette und Proteine tatsächlich ist. Der beeindruckende Hormonflush mit anschließenden Glücksgefühlen und sehr positiver Grundstimmung wird nur durch Kohlenhydrate ausgelöst- auch ein höherer Anteil an Proteinen vermag das nicht zu leisten, zumindest nicht bei mir. Und Fette sind wichtige Voraussetzungen für bestimmte Hormonproduktionen (z.B. Sexualhormone = Lust) und können nur sehr schwer durch die beiden anderen Nährstoffe ausgeglichen werden. Insofern müsste ich bei einer weiteren Abnahme (nicht geplant!) erst einmal eine Pause einlegen, bevor ich wieder mit dem Konzept der hohen Proteinzufuhr, bei reduzierter Kohlenhydrat- und Fettlast, weitermachen könnte.

Nach fast vier Jahrzehnten, in denen jede Nahrungsaufnahme mit negativen Gefühlen besetzt war (entweder war’s zu viel = so wird es nichts mit dem Abnehmen, oder es war zu wenig = warum stoppe ich? Ich habe Hunger) freue ich mich auf einen Umgang mit Essen, wo nicht alles sofort in Kaloriengehalt bewertet und in Gut und Böse kategorisiert wird. Das ist kein Selbstläufer, der einfach so von heute auf morgen funktionieren wird, gar keine Frage. Aber den Grundstein dazu habe ich mit meiner neu erlernten Abnehmstrategie gelegt und das stimmt mich einfach positiv und gibt mir Hoffnung, endlich auch die Fressanfälle nachhaltig in den Griff bekommen zu haben.

Ich habe nichts Geringeres als meinen Lebensmut (wieder) entdeckt.

Wie mittels Manipulation Manipulation unterstellt wird

Vor einigen Wochen erschien ein Artikel auf Deutschlandradio Kultur: „Schlankheitswahn: Wie ein großes Problem klein gerechnet wird

Darin echauffiert sich der Autor, Udo Pollmer, darüber, dass das Robert-Koch-Institut „Daten massiert“ habe:

Fast jedes zehnte Kind hat extremes Untergewicht

Dabei ist die Behauptung, das Übergewicht sei das größere Problem, unzutreffend: Denn inzwischen liegen aktuelle Daten der KiGGS-Studie vor, einer Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts. Demnach sind 4 % der Kinder adipös, also „fettsüchtig“. Aber doppelt so viele, gut 9 % weisen ein extremes, also lebensbedrohliches Untergewicht auf.

Doch ein solches Ergebnis passt überhaupt nicht ins Bild. Also wurden die Daten massiert. Begründung: Die Menschen würden ihr Gewicht nach unten schummeln. Bei Magersüchtigen gilt aber das Gegenteil. Sie halten sich für zu „fett“ – sie schummeln ihr Gewicht nach oben, um weiter hungern zu können. Das Robert-Koch-Institut hat nun die ermittelten 9 % (9,1%, Konfidenzintervall 7,7-10,6) nicht etwa nach oben korrigiert, sondern auf gut 2 % heruntergerechnet – womit die Katastrophe erst mal vertuscht wäre.

Das klingt ganz schön heftig, oder? Fast jedes zehnte Kind ist lebensbedrohlich untergewichtig, aber die Wissenschaftler vertuschen das!

Dazu gibt es gleich mehrere Punkte, auf die ich eingehen möchte. Zunächst habe ich eine der Forscherinnen an der KiGGS-Studie, Anna-Kristin Brettschneider, per E-Mail kontaktiert und sie zu den Vorwürfen von Herrn Pollmer befragt. Ihre Antwort:

Die Zahlen auf die sich Herr Pollmer bezieht, basieren auf Angaben von Eltern zu Körpergröße und Gewicht ihrer Kinder im Alter von 4 bis 10 Jahren, welche im Rahmen eines Telefoninterviews in der KiGGS Welle 1 (2009-11) erhoben wurden. Durch das Wachstum und die Weiterentwicklung ihrer Kinder sind die Eltern oft nicht auf dem aktuellen Stand, was Körpergröße und -gewicht betreffen und machen veraltete, geschätzte (oder auch wünschenswerte) Angaben, welche zu fehlerhaften Häufigkeiten von Über- und Untergewicht führen. Die Prävalenzen von Übergewicht und Adipositas werden dann häufig unterschätzt und die für Untergewicht überschätzt. Dies wurde in einer vorherigen Arbeit mit Daten der KiGGS-Basiserhebung aus den Jahren 2003-2006, welche sowohl Eltern nach Körpergröße und -gewicht gefragt als auch Größe und Gewicht der Kinder gemessen hat, untersucht (http://www.mdpi.com/1660-4601/9/2/632).

Die Ergebnisse zeigen, dass eine Korrektur der Angaben erforderlich ist. Dieses Korrekturverfahren wurde mit Daten der KiGGS-Basiserhebung entwickelt (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20616608).

In KiGGS Welle 1 wurden Messwerte zu Größe und Gewicht in einer Unterstichprobe erhoben. Auf Basis dieser Angaben war es möglich, das bereits entwickelte Verfahren anzuwenden und eine aktuelle Korrekturformel für KiGGS Welle 1 zu berechnen. Mit Hilfe dieser Formel wurden anschließend korrigierte Häufigkeiten für Untergewicht, Übergewicht und Adipositas berechnet.

Das Korrekturverfahren wurde nicht nur für die 4-10jährigen (http://link.springer.com/article/10.1007/s00431-017-2861-8), sondern auch für Selbstangaben von Jugendlichen im Alter von 11-17 Jahren durchgeführt und veröffentlicht (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26541820). In dieser Arbeit ist die Methodik der Korrektur auch noch etwas genauer beschrieben.

Wir raten von der Verwendung von Prävalenzen zu Untergewicht aus unkorrigierten Elternangaben zu Körpergröße und -gewicht – so wie in dem Beitrag erfolgt – ab, da sie zu einer Fehleinschätzung führen.

Um es kurz zu machen, die Forscher hatten eine zufällige Stichprobe genommen und die Kinder gemessen und gewogen. Diese realen Ergebnisse verglichen sie dann mit den Angaben, die die Eltern gemacht hatten und kamen zu dem Ergebnis, dass Eltern dazu neigen, den BMI ihrer Kinder zu unterschätzen. Wie es in der Wissenschaft üblich ist, wurde diese Stichprobe dann als Grundlage für den Rest genommen. Das ist weder ungewöhnlich noch legt es Betrug nahe, insbesondere nicht, wenn der Prozess vollkommen transparent nachvollziehbar gemacht wird. Das Verallgemeinern von einer zufälligen Stichprobe auf die übige Population ist im Prinzip der Kern des wissenschaftlichen Arbeitens.

Die Ergebnisse passen im übrigen zu den Ergebnissen anderer Studien. Ich zitiere kurz aus Fettlogik:

Dazu passt eine aktuelle Studie von Black et al. (2015) aus England, in der Eltern zum Gewicht ihrer Kinder befragt wurden: 80 Prozent der Eltern von übergewichtigen Kindern schätzten diese als normalgewichtig ein. Erst wenn das Kind bereits adipös war, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass die Eltern es zumindest als übergewichtig wahrnahmen. Von 369 Eltern schwer übergewichtiger Kinder gaben jedoch nur vier Elternpaare an, dass ihr Kind tatsächlich schwer übergewichtig sei.

Eine neue US-Studie (Duncan et al., 2015) fiel sogar noch drastischer aus: 95 Prozent der Eltern übergewichtiger Vorschüler waren der Meinung, das Gewicht ihrer Kinder sei »genau richtig«, und sogar fast 80 Prozent der Eltern, deren Kinder bereits adipös waren, vertraten noch diese Auffassung.

Also soweit alles vollkommen nachvollziehbar.

Im Gegensatz dazu, die Argumentation von Herrn Pollmer: Der ist sogar der Meinung, eigentlich hätte man – entgegen der oben genannten, nachvollziehbaren Begründung – nach oben korrigieren müssen:

„Bei Magersüchtigen gilt aber das Gegenteil. Sie halten sich für zu „fett“ – sie schummeln ihr Gewicht nach oben, um weiter hungern zu können. Das Robert-Koch-Institut hat nun die ermittelten 9 % (9,1%, Konfidenzintervall 7,7-10,6) nicht etwa nach oben korrigiert […]“

Klar? Pollmer deutet also an, dass sogar mehr als 9 % der Kinder lebensbedrohlich untergewichtig sein müssten, weil Magersüchtige ihr Gewicht eher nach oben schummeln.

Aber moment mal … wie kommt Pollmer jetzt eigentlich auf Magersucht? Ich zitiere an der Stelle mal aus dem „Handbuch Essstörungen und Adipositas“:

anorex

Tatsächlich ist Anorexia Nervosa bei Kindern äußerst selten und beginnt meist erst in der Pubertät. Die ganze Argumentation ergibt also absolut keinen Sinn: Weder gibt es Hinweise darauf, dass unter den 4 – 10 jährigen Kindern ein signifikanter Anteil an Magersucht erkrankt ist, noch würde dies für die Befragung der Eltern eine relevante Rolle spielen.

Und wie kommt der Autor eigentlich auf „lebensbedrohliches Untergewicht“?

Ähnlich wie bei Übergewicht gibt es auch bei Untergewicht verschiedene Abstufungen:

ug

Untergewicht ist also keineswegs gleich „lebensbedrohlich“, vor allem nicht bei Kindern im Wachstum, wo ein besonders großer Wachstumsschub schon einmal dafür sorgen kann, dass ein Kind kurzfristig ins leichte Untergewicht rutscht. Auch leichtes Übergewicht ist für Kinder aus diesem Grund kein Anlass zur Besorgnis und Kinderärzte empfehlen üblicherweise, einfach abzuwarten, bis die Größe das Gewicht wieder einholt. Zu schreiben: „gut 9 % weisen ein extremes, also lebensbedrohliches Untergewicht auf“ und im Endeffekt zu suggerieren, (mehr als) jedes zehnte Kind sei akut vom Tode bedroht, ist schon mehr als nur ein bisschen manipulativ, wenn man bedenkt, dass die KiGGS-Studie nur eine einzige „Untergewicht“-Kategorie aufführt.

Überhaupt geht der Autor mit einer gewissen Selektivität an die Zahlen – was recht ironisch ist, angesichts der Tatsache, dass er eben dies in seinem Artikel Forschern unterstellt.

So zitiert er durchaus korrekt, dass jedes fünfte Kind Anzeichen einer Essstörung aufweist:

Die Zahl der an Essstörungen erkrankten Kinder steigt kontinuierlich. Nach den Ergebnissen des Robert-Koch-Institutes weist bereits jedes fünfte Kind erste Anzeichen einer Essstörung auf. Magersucht ist die tödlichste psychische Erkrankung. Zehn bis 15 % der betroffenen jungen Frauen sterben daran.

Tatsächlich steht auch in seiner Quelle:

Bei einem Fünftel der Kinder und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren finden sich Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten
Was er dann aber nicht erwähnt, ist der folgende Part aus der selben Quelle:
Der Body Mass Index (BMI, siehe Kapitel Übergewicht und Adipositas) von Kindern und Jugendlichen mit Hinweisen auf Essstörungen ist deutlich in Richtung Übergewicht verschoben (Tabelle 2.7.3.1, oberer Teil). So sind Heranwachsende, die Symptome von Essstörungen aufweisen, fast dreimal so häufig übergewichtig wie ihre Altersgenossen mit unauffälligem Essverhalten.

Statt dessen schwenkt er direkt nach dem Part mit dem „weist bereits jedes fünfte Kind erste Anzeichen einer Essstörung auf“ um auf: „Magersucht ist die tödlichste psychische Erkrankung. Zehn bis 15 % der betroffenen jungen Frauen sterben daran.“ und suggeriert damit, dass die 20 % gefährdet seien, an Magersucht zu erkranken, bzw. zu sterben.

Der ganze Artikel ist somit enorm manipulativ: Fakten werden weggelassen oder schlicht als Täuschung bezeichnet, ohne dass es dafür eine argumentative Basis gibt. Pollmer geht in keiner Weise auf die Methodik und die Gründe der Forscher ein, sondern unterstellt diesen, „das Ergebnis passt überhaupt nicht ins Bild. Also wurden die Daten massiert“, damit „die Katastrophe erst mal vertuscht wäre“.

Keine Frage: Es ist äußerst wichtig, Studienergebnisse kritisch zu lesen und zu hinterfragen. Doch genau dies pssiert hier eben nicht: Eine sachliche Kritik richtet sich auf Inhalte und Methoden und liefert Fakten und Begründungen, aber Pollmer wirft schlicht nur mit Unterstellungen und Verschwörungstheorien über Vertuschung und Datenmanipulation um sich.Das entspricht in keiner Weise seriöser (Wissenschafts-)Kritik – aber Deutschlandradio Kultur hat offensichtlich keinerlei Probleme damit, diesen Kommentar unkritisch zu veröffentlichen.

Und am Ende wird beklagt, dass Menschen das Vertrauen in Wissenschaft und Medien verlieren, während man gleichzeitig unfundiertes Wissenschaftsgebashe und Unterstellungen publiziert.

Gastbeitrag: Adorno und Adipositas, oder: Es gibt kein schlankes Leben im fetten.

Zugegeben, als dieser Titelvorschlag kam, war mein erster Gedanke „Uh uh uh, Shitstormalarm!“ 😀 … aber beim Gastbeitrag eines geisteswissenschaftlichen Trainers siegt hoffentlich die Neugier und das Interesse, wohin diese Abnehmphilosophie führt 😉 Also, habt Spaß:

Bevor ich loslege, möchte ich mich den Lesern von „Fettlogik überwinden“ kurz vorstellen. Ich heiße Jost Nowak, bin 35 Jahre alt und arbeite seit inzwischen über 15 Jahren als Fitness- und Personal Trainer in München und dem Berchtesgadener Land. Da ich eigentlich aus einem geisteswissenschaftlichen Umfeld komme, lasse ich, wie heute, immer wieder gern auch philosophische Gedanken in meine Arbeit einfließen. Geistige und körperliche Bewegung sind mein Leben!
Auf der Website www.jn-therapie.de findest du meinen Blog, eine kleine Facebook-Seite habe ich auch.

In diesem Artikel möchte ich einige gesellschaftsphilosophische Gedanken ausführen und auf deren Basis eine Verbindung zum Thema Gewichtsabnahme herstellen. Ich identifiziere drei Problemfelder aus der Praxis, die beim Abnehmen hinderlich sind, und versuche, Ansätze zu zeigen, diese Probleme zu überwinden.

Der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno hat ein geflügeltes Wort geprägt, das lautet: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Dieses Zitat wurde in verschiedensten Kontexten bemüht und ausgelegt. Verstanden werden kann es so, dass Adorno in der persönlichen Lebensführung zwischen richtig und falsch klar unterscheidet. Sind nun die gesellschaftlichen Strukturen und Umstände, in denen das Individuum handelt, falsch, so ist es dem Einzelnen nicht möglich, auf eine richtige Art und Weise zu leben. Für den Verlauf dieses Artikels ist es wichtig, die Implikationen dieser Aussage noch etwas genauer aufzuschlüsseln.

„Richtig“ und „falsch“ sind klar wertend belegt. Adorno kritisiert mit dem „falschen Leben“, in dem das Individuum lebt, gesellschaftliche Umstände. Dass so kein „richtiges Leben“ möglich ist, bedeutet nicht, dass Resignation der einzig gangbare Weg ist. Erst, wenn das „falsche Leben“, also problematische gesellschaftliche Strukturen, angegriffen werden, erst wenn diese Strukturen geändert sind, kann auch das Individuum „richtig“ leben. Auf gesellschaftlicher Ebene sind Möglichkeiten zu einer solchen Lösung zum Beispiel, gegen das falsche Leben zu demonstrieren, alternative Strukturen anzubieten und Bewusstsein für diese Sachverhalte zu schaffen und zu verbreiten. Das Zitat darf nicht insofern missverstanden werden, dass die Taten des Einzelnen innerhalb eines „falschen Lebens“ ohnehin irrelevant sind, weil ja gar kein „richtiges Leben“ möglich ist. Das Gegenteil ist der Fall: ist das falsche Leben unmenschlich und unethisch, so sind menschliche, ethische Handlungen des Individuums nicht weniger Wert. Sie haben einen intrinsischen Wert und sind besonders dann, aber nicht nur dann, wenn sie zielgerichtet versuchen, die herrschenden Strukturen zu ändern, definitiv gut.

Ich bin ein großer Freund von Analogien, und hier können wir eine Analogie von gesellschaftlichen Strukturen und dem Handeln der Individuen in ihnen zum individuellen Körper und dem Wirken des persönlichen Willens in ihm ziehen.

„Es gibt kein schlankes Leben im fetten“ wäre dann die Umformung des ursprünglichen Zitates von Adorno. An dieser Stelle ist es ganz wichtig, zu unterscheiden zwischen biologischen und persönlichen Elementen dieser Aussage. Während eine klare biologische Verbindung zwischen schlank = gut und fett = schlecht besteht (in dem Sinn der zahlreichen, seriös medizinisch untersuchten Risikofaktoren, die mit starkem Übergewicht einhergehen, wie zum Beispiel von Nadja Hermann in FLÜ auf den Seiten 97ff. zusammengefasst), darf auf dieser Basis zunächst keine persönliche Wertung vorgenommen werden. Es versteht sich von selber, dass sich der Wert eines Menschen nicht an seinem Gewicht misst.

Medizinisch ist es aber klar, dass ein adipöser Körper die Strukturen bildet, in beziehungsweise mit denen sich der einzelne dicke Mensch bewegen muss, und mit denen er sich auseinandersetzen muss. Leider ist der Mensch grundsätzlich ein Meister der Verdrängung und der Ignoranz. So ist es möglich, dass wir gesamtgesellschaftlich verdrängen können, dass unser Reichtum auf dem Leid anderer Menschen und Lebewesen basiert. Und so ist es ebenfalls möglich, dass es viele Menschen schaffen zu ignorieren, dass sie ein Leben leben, mit dem sie ihren eigenen Körper ausbeuten und ihm schaden. So ist es nicht selten, dass Menschen ihr komplettes Leben verbringen, ohne auf die Idee zu kommen, dass es durchaus Dinge an unserer Gesellschaft gibt, die kritisiert oder geändert werden sollten – und ebenfalls ist es häufig so, dass Menschen ihre Fettleibigkeit bis ins Grab mit sich herumschleppen, ohne je zu realisieren, dass es viele Gründe gibt, dagegen vorzugehen.

Ich halte fest: während das „falsche Leben“ unethische, unmenschliche Zustände sind, sind das „fette Leben“ der adipöse Körper und die Einschränkungen, die dem Bewohner dieses Körpers das Leben schwerer machen können. Das „schlanke Leben“ ist das Bewohnen eines normalgewichtigen, optimaler Weise sportlichen Körpers, mit dem der Bewohner dieses Körpers seine körperliche Leistungsfähigkeit ausschöpfen und mit Adipositas verbundene gesundheitliche Risiken vermeiden kann. Ein schlankes Leben ist sicherlich keine Garantie für Glückseligkeit. Ein schlankes Leben räumt aber einige Steine aus dem Weg, die auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben liegen können. Schmerzen, Einschränkungen bezüglich Körperkraft und Beweglichkeit sowie Einschränkungen durch Krankheiten können so potentiell verringert werden. Somit ist es sinnvoll, Übergewicht zu vermeiden und ein schlankes Leben anzustreben. Weiter oben schrieb ich: „Das Zitat darf nicht insofern missverstanden werden, dass die Taten des Einzelnen innerhalb eines „falschen Lebens“ ohnehin irrelevant sind, weil ja gar kein „richtiges Leben“ möglich ist.“. Dasselbe gilt selbstverständlich für das schlanke Leben im fetten: jede Handlung, die das Individuum einem schlanken Leben näherbringt, ist gut. Auch, wenn sie momentan wirkt wie der Tropfen auf dem heißen Stein. Die Summe vieler solcher Handlungen führt zu einem großen Ziel: signifikante Gewichtsabnahme.

Entschließt sich ein Mensch nun, gegen sein Übergewicht konstruktiv zu rebellieren, sucht er sich manchmal Verbündete, die mit ihm in den Krieg ziehen – zum Beispiel Personal Trainer wie mich.

Frau Hermann stellt in ihrem Buch schon sehr richtig fest, dass es an sich überhaupt nicht notwendig ist, sich professionelle Hilfe zu holen, wenn man abnehmen muss oder möchte. Dazu ist weder ein Personal Trainer noch eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio nötig. Beides kann aber zweifelsfrei hilfreich sein.

In meiner Arbeit mit übergewichtigen Kunden fallen mir im Groben drei verschiedene Problemfelder immer wieder auf:

Problem 1: Wir alle, und somit auch meine Kunden, leben in einer Welt der „instant gratification“, in der die Möglichkeit der schnellen Befriedigung aller möglichen Bedürfnisse besteht. Lust auf einen Film? Einfach downloaden oder streamen. Lust auf Sex? Schnell ein Date über Tinder, oder einfach einen kostenlosen Porno im Netz schauen. Lust auf etwas zu Essen? Einfach schnell liefern lassen, es ist oftmals nicht mehr notwendig, den Prozess des Kochens zu durchlaufen. Wir lassen uns alles immer schneller nach Hause liefern, inzwischen geht das in Großstädten teilweise innerhalb weniger Stunden nach Bestellung. Es ist nicht leicht, jemandem, der in dieser Welt lebt und diese Dienste gern in Anspruch nimmt, klar zu machen, dass sein Projekt „Gewichtsreduktion“ nicht nur Mühe kosten wird, sondern auch Zeit. Das Bedürfnis, 20, 30, 50 oder mehr Kilo zu verlieren, ist nicht schnell und einfach zu befriedigen, und niemand, der seriös arbeitet, behauptet das.

Lösungsansatz 1: Kultiviere Vorfreude oder bewussten Verzicht! Die Möglichkeit, seine Bedürfnisse umgehend zu befriedigen, lässt dein Handeln impulsiv werden. Ich habe von meinen Kunden teilweise tatsächlich gehört, dass sie erst realisiert haben, dass sie Schokolade gegessen haben, als sie schon im Mund war. Was können wir daraus lernen? An erster Stelle solltest du dir deiner Bedürfnisse bewusst werden. Wenn du merkst „aha, ich möchte jetzt Schokolade essen“, versuchst du als nächsten Schritt, eine zeitliche Distanz zwischen Bedürfnis und Befriedigung einzubauen. Da kannst du ganz klein anfangen. Zum Beispiel indem du zuerst im Handy oder auf einem Block notierst, das Bedürfnis wahrgenommen zu haben. Das kostet dich nur wenige Sekunden und hilft dir, eine Art Bedürfnistagebuch zu führen, an dem du rückschauend schwarz auf weiß sehen kannst, wie oft du dieses und jenes Bedürfnis hast. Du kannst dir jetzt vornehmen, erst einmal die Augen zu schließen und zehn bewusste, tiefe Atemzüge zu nehmen, bevor du die Schokolade isst. Das ist ein kleiner Schritt und macht dir dein Handeln bewusster. Als Fortgeschrittener kannst du die Technik so ausbauen, dass du dir eine längere Zeit vorgibst die du wartest, bevor du dein Bedürfnis befriedigst, zum Beispiel fünfzehn Minuten. In dieser Zeit kann bewusste Vorfreude entstehen. „Profis“ können es dann schaffen, durch dieses Aufschieben immer bewusstere Entscheidungen zu treffen – sie gehen achtsam mit ihren Bedürfnissen um, handeln nicht immer impulsiv und verzichten auch einmal darauf, ein spontanes Bedürfnis zu befriedigen, weil sie ihr größeres Ziel (im Falle der Schokolade offensichtlich Gewichtsabnahme) im Blick haben. Dieser bewusste Verzicht, dieser bewusste Sieg des Willens über den Trieb, kann auch als sehr belohnend empfunden werden. Bewusster Verzicht kann gelernt werden. Wichtig ist, dass du dir nicht zu viel auf einmal vornimmst und dich in kleinen Schritten steigerst. Dann klappt es auch mit einem dem großen Ziel, wie 20, 30, 50 oder wie viele Kilos auch immer zu verlieren.

2. Der Mensch kann sich nur für das entscheiden, von dem er weiß, dass es existiert. In anderen Worten: wo kein Wissen, da keine Handlungsoption. Es ist oftmals wirklich sehr erschreckend, wie oberflächlich das Wissen über Grundbegriffe der Ernährung bei einem erwachsenen Menschen ist. Die Begriffe „Fett“, „Kohlenhydrate“ oder „Eiweiß“ sind geläufig – aber schon bei der Frage, was genau dahinter steckt, herrscht Verwirrung (zum Beispiel in der Art: „In diesem Brot ist doch kein Zucker, das ist ja nur Getreide“, obwohl zum Beispiel Weißmehl fast ausschließlich Kohlenhydrate beinhaltet und diese wie Zucker verstoffwechselt werden, obwohl im Brot freilich kein „Zucker“ als Zutat enthalten ist). Es muss also beim Abnehmwilligen fast immer auch eine Wissenslücke geschlossen werden, bis der Zeitpunkt erreicht ist, an dem er wirklich mündige Entscheidungen treffen kann. Die Tatsache, dass die in Deutschland in solchen Fällen meist zuerst zitierte Instanz, die DGE, mit wissenschaftlich veralteten Ernährungsempfehlungen arbeitet, ist in diesem Zusammenhang zusätzlich hinderlich (hier findet sich ein guter, kurzer Beitrag vom NDR). Diesbezüglich bewegt sich zwar langsam etwas, aber es wird noch das eine oder andere Jahr ins Land gehen, bis sich das in den offiziellen Empfehlungen und in Lehre und Forschung durchsetzt. Das heißt, dass ein Mensch, der abnehmen will, sich zwischen vielen verfügbaren Bildungsangeboten (Bücher, Internet, TV) zum Thema Ernährung entscheiden muss. Hier kann der Personal Trainer als Wegbegleiter wertvolle Hilfe leisten.

Lösungsansatz 2: Versuche es so zu sehen, dass dein Wissen immer mehr werden muss, wenn dein Gewicht weniger werden soll. So, wie du dir vielleicht ein konkretes Gewichtsziel gesetzt hast, solltest du definierte, konkrete Zeiträume in deinen Tag oder deine Woche einbauen, in denen du dir Wissen aneignest zu den Themen, die für dich relevant sind – also vermutlich vor allem Ernährung und Sport. Starte auch hier klein, lasse es zu einer Gewohnheit werden und steigere dich, wenn du bereit bist. Bei allem, was du im Internet recherchierst, musst du achtsam sein, wenn jemand etwas mit seinen Videos/Artikeln u.a. verkaufen möchte – das beißt sich häufig mit einer sachlichen, neutralen Position. Ich persönlich schätze viele Artikel auf den Blogs von Edubily und Marks Daily Apple (englisch). Außerdem findest du hier die Hintergründe über die offiziellen Ernährungsempfehlungen in Schweden (auch englisch). Ein Vergleich mit Deutschland lohnt und ist lehrreich – die schwedischen Empfehlungen sind deutlich fundierter! Auch die beiden genannten Blogs möchten teilweise verkaufen, und auch hier ist Vorsicht geboten – die Artikel sind aber gut recherchiert, meist seriös und bieten viele Ansatzpunkte für weiteres eigenständiges recherchieren.

3. Wir leben in einer Gesellschaft, die uns nicht gerade stark dazu erzieht, Eigenverantwortung zu übernehmen. Das ist aber unabdingbar, wenn ein Projekt angegangen wird, wie es zum Beispiel eine große Gewichtsreduktion ist. In gewisser Weise ist der Akt, einen externen Experten, also Personal Trainer, heranzuziehen, schon problematisch. Eine meiner unmittelbarsten Aufgaben ist es manchmal, dem Kunden zu verdeutlichen, dass ich ihm helfen kann, Orientierung geben und Wissen vermitteln kann – aber er die Arbeit nun einmal selber machen muss. Hier trennt sich bald die Spreu vom Weizen. Im besten Fall entsteht so eine Zusammenarbeit über Jahre hinweg, mit der beide Seiten zufrieden sind. Im schlimmsten Fall beschränkt sich das kluge Handeln des Kunden auf die zweimal sechzig Minuten pro Woche, in denen ich mit ihm persönlich arbeite, während das Verhalten im Rest der Zeit unverändert bleibt. Das führt natürlich nicht zum Erfolg. Vielleicht erkennt das der Kunde und versucht, sich zu verbessern – vielleicht schiebt er aber auch die Schuld auf den angeheuerten Trainer. Das ist die bequeme Lösung, die es ermöglicht, ohne Schuldgefühle weiter zu machen wie vorher.

Lösungsansatz 3: Oftmals liegt die Wurzel dessen, dass es schwer fällt, Eigenverantwortung zu übernehmen, nicht bei uns selber. Ehrlichkeit, das offensive Stehen zu Fehlern und das Ertragen von Konsequenzen werden uns gesellschaftlich selten vorgelebt. Wer das schon als Kind bei relevanten Bezugspersonen so erfährt, imitiert dieses Verhalten oft sein Leben lang mehr oder weniger unbewusst. Er gerät in Problemsituationen in eine Opferrolle, schiebt die Schuld also anderen zu, was meistens unangebracht und unnötig ist. Natürlich trägt fast jeder zumindest eine große Mitverantwortung für seine Lebensumstände. Dazu gehören auch Übergewicht und Unsportlichkeit. Das zu realisieren, ist ein erster, wichtiger Schritt. Frage dich, was dich momentan konkret stört an deinem Leben. Dann schreibe es auf und versuche, auch einige Gründe aufzuschreiben, warum es zu dem negativen Zustand gekommen ist. Überlege nun, ob du Gründe gewählt hast, die von außen kamen (Fremdzuschreibung), oder ob es Dinge waren, für die du selber die Verantwortung trägst (Selbstzuschreibung). Wenn du zu Fremdzuschreibung tendierst, versuche, dich davon zu distanzieren und denke stattdessen darüber nach, was du selber tun kannst, um aus diesem Zustand, mit dem du unzufrieden bist, herauszufinden. Es ist ein nicht unbeträchtlicher Schritt zur Eigenverantwortung, wenn du beginnst, einem Ernährungs- und Trainingsplan zu folgen, weil du Gewicht verlieren willst!

Offensichtlich sind also einige Hürden zu überwinden, bevor aus dem fetten Leben ein schlankes Leben werden kann. Meiner Erfahrung nach ist es elementar, dass der Kunde weiß, warum er tut, was er tut. Während auch bei schwerem Übergewicht eigenständig trainiert werden kann (spazieren gehen, Nordic Walking, Radfahren, Aquafitness, Krafttraining nach Youtube Videos uvm.) ist es notwendig, diese Bewegung in einen größeren Kontext einzubetten und somit die Perspektive des Kunden zu erweitern. Es geht hierbei um die Planung der Intensitäten und Umfänge der Bewegung, um die Vermeidung von Verletzungsrisiken, um die Planung der dazugehörigen Ernährung und viele mit diesen Themengebieten zusammenhängende Details. Somit sehe ich die Aufgabe des seriösen Personal Trainers nicht darin, sich als Lifestyleprodukt in einem Fitnessstudio zu verkaufen, sondern den Kunden mit Wissen, Geduld, Einfühlsamkeit und Härte auf seinem Weg zu begleiten. Das schließt oftmals Patentrezepte, einen schnellen Erfolg und Wunder jeglicher Natur aus. Somit bleiben mir in meiner Arbeit vor allem diejenigen Kunden erhalten, die sich bewusst sind, dass sie in der Vergangenheit Fehler gemacht haben (siehe Lösungsansatz 3), schrittweise mehr Eigenverantwortung für ihr Leben übernehmen möchten und mich vor allem als Impulsgeber schätzen. Eine solche Zusammenarbeit ist für beide Seiten befriedigend.

Ich bin Nadja Hermann dankbar für die Veröffentlichung ihres Buches, weil ich es meinen lernwilligen Kunden uneingeschränkt empfehlen kann. Zum einen als Inspiration, zum anderen, um eigene schädliche Denkmuster in dem Buch entlarvt zu sehen. Das Buch macht ein Stück mündiger. Für meinen Kunden bedeutet das dann, dass er in seinem fetten Leben erst wenige und dann immer zahlreichere schlanke Entscheidungen treffen kann – bis zu dem Punkt, wo das fette Leben zum schlanken Leben permutiert ist. Das ist der ultimative Sieg, den ein Mensch, der Gewicht reduzieren will, erlangen kann: Mehr Eigenverantwortung, mehr Wissen und mehr Bewusstheit im Leben, mehr Sportlichkeit und das Wunschgewicht!

Wenn du in München oder im Berchtesgadener Land wohnst, zögere nicht, mich zu kontaktieren, wenn ich dir helfen kann!

Bodyshaming für das Gute!

Gestern berichtete die schweizer Zeitung 20 Minuten über das Fotoprojekt „Zu dünn“, das ich vor einiger Zeit ins Leben gerufen hatte, und in dem es u.a. darum geht, was sich Menschen anhören müssen, wenn sie in den Augen ihrer Umwelt – trotz normal- oder sogar übergewichtigem BMI – „zu dünn“ werden: „nur noch Haut und Knochen“, „Zahnstocher“, „verhärmt“, „ekelhaft dürr“ oder „wie aus dem KZ“ sind nur einige Beispiele.

In der Umfrage der 20 Minuten gaben 47% der Befragten an, schon einmal beleidigt worden zu sein nachdem sie abgenommen haben (das Ergebnis ist etwas schwer zu interpretieren, da gar nicht klar ist, wie viele der Befragten überhaupt schon einmal sichtbar abgenommen haben).

Auch die Biggest-Loser Gewinnerin war Anfang April ein gutes Beispiel für derartige Kommentare: „eingefallen“, „krank“, „ausgemergelt“ und „klapperdürr“ sei sie.

Derzeit polarisiert nun eine Unterwäschewerbung auf den sozialen Medien und über den Shitstorm wird bereits großflächig berichtet. Wer es noch nicht mitbekommen hat: Die Wäschefirma „Palmers“ hat eine Werbeanzeige zu Ostern veröffentlicht mit dem Text „unsere Osterhöschen“:

palmers

Dafür gab es Kritik, u.a. meldete sich PULS4-Infochefin Corinna Milborn zu Wort, die das Bild an Menschenhandel erinnere.

Ich möchte an der Stelle jetzt gar nicht das Bild an sich diskutieren oder die Frage, ob die Posen „entwürdigend“ sind, das wurde bereits ausführlichst auf anderen Blogs und Artikeln getan.

Für diesen Blog ist es interessanter, wie die Körperform der Frauen bewertet wurde. So schrieb etwa Falter-Journalistin Nina Horaczek: „Die neue Palmers-Osterwerbung sieht aus wie ein verhungerter Kindergeburtstag“

Die Chefredakteurin der WOMAN, Euke Frank fragt „Warum liegen da abgemagerte Mädchen fast nackt rum?“

Erwachsene Frauen als „verhungert“ und „abgemagert“ bezeichnen und als Kinder darstellen?

Die Woman findet Bodyshaming aber eigentlich gar nicht gut …

woman

Doch auch Florian Klenk, Chefredakteur des Falters (166.000 Follower) und TV-Journalist Armin Wolf (355.000 Follower) verstehen nicht, was daran Bodyshaming sein soll:

xy

 

Um eins klarzustellen: Es geht mir gar nicht darum, mit Projekten wie „zu dünn“ oder dieser Kritik zu sagen: „Mimimi, schlanke Menschen sind die allerärmsten!“

Es ist aus meiner Sicht durchaus so, dass gesellschaftlich ein Schlankheitsideal da ist. Aber dieses Ideal ist gewissermaßen ein theoretischer Überbau, der in der Praxis dazu führt, dass es als durchaus gut und okay gilt, schlank abzuwerten. Das wird quasi als eine Art „gutes Gegengewicht zum Schlankheitsdruck/Magerwahn“ empfunden.

Es ist geradezu ein positiver Akt, gelegentlich mal zu versichern, wie eklig Knochen sind und dass echte Frauen Kurven haben. Damit rettet man Frauen vor der Magersucht. Oder so. Und wegen des „allgegenwärtigen Schlankheitswahns“ ist es selbstverständlich irgendwie ein Kompliment, wenn man jemandem sagt, er sei „dürr“ oder „mager“, denn das gibt der Person die Absolution, dass sie jetzt endlich aufhören kann, sich so furchtbar zu kasteien und eine Sahnetorte genießen darf, statt traurig an einem einzelnen Salatblatt zu knabbern.

Daher dürfen Beleidigungen und Abwertungen dieser Körperform durchaus auch deftiger ausfallen, sie sind ja „für den guten Zweck“.

Was dabei vergessen wird: Auch hinter dieser Körperform stecken echte Menschen. Und diese echten Menschen erleben solche realen Beleidigungen persönlich und nicht irgendwie abstrakt und theoretisch. Wenn dir jemand ins Gesicht sagt, dass er dich „eklig“ findet, tut das weh. Und es tut natürlich auch weh, wenn Leute, die aussehen, wie man selbst, aufgrund dieser Eigenschaften abgewertet werden.

Für Abnehmer hat das oft noch eine besondere Dimension. Zum einen führt die Gewichtsveränderung zu wesentlich mehr Kommentaren, einfach weil Änderungen Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Menschen das Bedürfnis haben, ihren Senf dazu abzugeben. Als Abnehmer bekommt man also in einem kürzeren Zeitraum meist wesentlich mehr Kommentare als jemand, der ein konstantes Gewicht hat.

Zum anderen – und da rede ich jetzt aus eigener Erfahrung, ohne dass das notwendigeweise für alle gilt – hat man sich zuvor in seinem Körper oft nicht richtig wohl gefühlt (sonst würde man ja nicht abnehmen) und fühlt sich auch nicht unbedingt im Moment wohl. Bei mir war es durchaus so, dass ich mich mit 150 kg unwohl gefühlt habe, im Bezug auf die Befürchtung, es könnten negative Kommentare kommen. Als Teenager wurde ich ziemlich gehänselt wegen meines Gewichts – als Erwachsene kann ich mich nicht wirklich an negative Kommentare erinnern, war aber dennoch unsicher.

Und selbst wenn sich der Körper duch eine absichtliche Abnahme in die Richtung verändert, die man sich wünscht, muss man auch erstmal damit klarkommen, dass da so viel Veränderung ist. Man sieht Haut hängen und fragt sich, wie das am Ende aussehen wird, die ganze Körperform ändert sich, das Körpergefühl wird anders … und plötzlich wird der Körper von allen Seiten kommentiert.

Mich hat das emotional erstmal völlig überfordert, weil ich rund 10 Jahre nie von irgendwem auf mein Gewicht angesprochen wurde. Im ersten Moment habe ich „zu dünn“-Kommentare gar nicht als „echt“ realisiert sondern fühlte mich verspottet, da ich ja noch übergewichtig, bzw. adipös war, als sie kamen. Und hauptsächlich war da Schock, dass mein Körper überhaupt negativ kommentiert wurde – etwas, das ich jahrzehntelang gefürchtet hatte.

Es ist eben nicht so, dass jeder, der schlank ist, auch automatisch mit einem Top-Selbstbewusstsein und perfektem Körpergefühl gesegnet ist. Das wird nicht im Schlankpaket mitgeliefert.

Insbesondere wenn „schlank“ eigentlich hauptsächlich in Kontexten wie:

„das kranke Magerideal unserer Gesellschaft“ oder

„diesem Schlankheitswahn“

thematisiert ist und dabei stets versichert wird, dass „echte Frauen“ nicht SO aussehen und eigentlich viel hübscher sind als diese „abgemagerten Kinder“ ohne Kurven.

Und wenn Leute kein Problem damit haben, dir regelmäßig ins Gesicht zu sagen, dass du „eklig“ bist und wesentlich attraktiver wärst, wenn du mehr wiegen würdest.

Ich will an der Stelle nicht gegeneinander aufwiegen, wie das im Bezug auf „fatshaming“, also Beleidigungen gegenüber Übergewichtigen aussieht. Ich finde diese „Was ist schlimmer?“-Frage geht komplett am Thema vorbei, weil beides scheiße ist.

Es geht mir darum, dass automatisch so getan wird, als seien Abwertungen, die auf „zu dünn“ abzielen, für Betroffene in keiner Weise schlimm oder als müssten diese noch irgendwie dankbar sein dafür. Und als könnte man „gegen Bodyshaming kämpfen“, und gleichzeitig ohne ein Heuchler zu sein, schlanke Menschen abwerten.

Nein.

Kann man nicht.

Wenn man schlanke Frauen „abgemagert“, „verhungert“ oder kindlich nennt, ist das eine Beleidigung, nicht mehr und nicht weniger. Wenn man das okay findet, sollte man dann konsequenterweise im Bezug auf Bodyshaming auch ansonsten ganz kleine Brötchen backen. Aber natürlich ausreichend viele davon essen, um auf keinen Fall wie eins dieser abgemagerten Kinder zu enden. Wir wollen doch echte Frauen bleiben!

Kriegt euch ein wegen des 150 kg schweren Toten!

Seit gestern wird eine „total lustige“ Meldung rauf und runter geteilt, über einen jungen Mann, der von seiner Mutter einen Bordellbesuch geschenkt bekam, bei der Prostituierten zusammenbrach und später verstarb. Besonders „lustig“ ist das offenbar deshalb, weil der Mann uuuuuuunglaubliche 150 kg wog und mit dem Kran aus dem zweiten Stock geholt werden musste. Mit dem Kran! 150 kg!!

Wenn ich mir die Kommentare dazu so anschaue, wird mir wiedermal bewusst, was für krass falsche Vorstellungen viele Menschen von solchen Gewichtsklassen haben. Newsflash: Wenn ihr durch die Fußgängerzone lauft, begegnet ihr sehr wahrschinlich mehrfach täglich einer 150 kg – Person. Das ist nicht SOOOOOOO krass!

Ich bin eine 175 cm große Frau und sah mit etwas unter 150 kg so aus:

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Ja klar ist das viel. Aber meine Güte nochmal, auch ich bin ganz normal durch die Straßen gelaufen, ohne dass die Vögel verstummt sind oder Kinder auf mich gezeigt haben. Und bei einem mutmaßlich größeren Mann verteilt sich das nochmal anders. Kriegt euch wieder ein. Und selbst wenn der Mann 300 kg gewogen hätte macht das seinen Tod nicht zum lustigen Spektakel.

(Sorry, die Kommentare waren echt teilweise unterirdisch und bei den 150 kg musste ich natürlich schlucken. Wenn ihr diesen Text nicht nachvollziehen könnt … seid froh und googelt am besten nicht)

Kurze Umfrage: Gesellschaftliche Einstellung zu Übergewicht

Neugierdehalber wollte ich mal eine kurze Umfrage machen, für wie verbreitet ihr bestimmte Einstellungen/Meinungen in unserer Gesellschaft haltet.

Bei der Beantwortung der Fragen geht es NICHT darum, ob ihr persönlich der Aussage zustimmt oder nicht, sondern darum, wie ihr die Zustimmung dazu in unserer Gesellschaft einschätzt.

Mehrheits- bzw. Außenseitermeinungen dürfte klar sein. Verbreitet und weniger verbreitet bedeutet, dass ihr keine klare „Mainstreammeinung“ seht, aber eine Tendenz in die eine oder andere Richtung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Niemanden interessiert dein Grundumsatz!

Ein Rant 🙂

Wann habt ihr euch eigentlich zuletzt hingesetzt, euch eure Lohnzettel und Kontoauszüge geschnappt, und berechnet, was genau eure absolut notwendigen Ausgaben sind, so wie Miete + Nebenkosten (die wirklich nötigen, nicht das verschwenderische Wolfühlheizen, sondern nur das „gerade so dass die Rohre nicht zufrieren“-heizen), Essen (nicht den Luxus-vorgeschnippelten-Fertigsalat sondern die Minimalbasics, mit denen man gerade so überlebt) und Kleidung (nicht die … ach, ihr wisst schon), etc…. um dann zu berechnen, nach wie viel Stunden Arbeitszeit im Monat ihr diese absolut notwendigen Ausgaben gedeckt habt?

Womöglich gar nicht? Ihr würdet euch vielleicht fragen, warum ihr etwas berechnen solltet, was lediglich absolut theoretisch ist, weil ihr ohnehin eure Wohnung auf 20° heizt und euch den guten Käse und frische Paprika gönnt, statt von Nudeln und Ketchup zu leben?

Genau so geht es mir mit dem Grundumsatz.

Der Grundumsatz, auch basale Stoffwechselrate genannt, ist eine Größe, die zur Charakterisierung des Stoffwechsels hauptsächlich beim Menschen verwendet wird: Sie ist diejenige Energiemenge, die der Körper pro Tag bei völliger Ruhe, bei Indifferenztemperatur (28 °C) und nüchtern (d. h. mit leerem Magen) zur Aufrechterhaltung seiner Funktionen benötigt.

Ich bin mir nicht sicher, wann der Grundumsatz zu dem heißesten Scheiß unter Abnehmern wurde, aber eins steht fest: Er ist der heißeste Scheiß unter Abnehmern.

Jeder, der was auf sich hält, wirft in einer Unterhaltung übers Abnehmen mal ein dezentes „Grundumsatz“ ein. Und allermeistens sieht das dann so aus:

„Der Grundumsatz ist das, was dein Körper mindestens braucht um die Organfunktion aufrecht zu erhalten. Deshalb darfst du auf keinen Fall weniger essen!“

Falls doch passiert eins der folgenden Dinge:

  • Stoffwechsel geht in den Hungermodus
  • irgendwas schlimmes mit den Organen
  • Tod

Das Wort „Grundumsatz“ ist inzwischen zu meinem absoluten Hasswort mutiert, noch vor „Hungermodus“ oder „Stoffwechsel ankurbeln“

Warum?

Weil es eines dieser Worte ist, das gerne verwendet wird, um Kompetenz zu suggerieren und dabei zu 99% genutzt wird, um Quatsch zu verbreiten.

Niemanden interessiert dein Grundumsatz.

Nichtmal deinen Körper interessiert dein Grundumsatz.

Schon wenn du morgens aus dem Bett aufstehst, hat sich das Thema Grundumsatz erledigt. Geschweige denn, wenn du deinen Kaffee und dein Frühstücksbrötchen zu dir nimmst. Wenn du nicht gerade als Komapatient bei 28° über Infusionen ernährt wirst, ist das Thema Grundumsatz völlig irrelevant.

Glaubt irgendwer ernsthaft, der Körper hat irgend einen Mechanismus, mit dem er trennt zwischen der Energie, die er braucht, um morgens die Beinmuskulatur dazu zu bringen, die Extremitäten aus dem Bett zu wuchten und der Energie, die er gleichzeitig für die Leberfunktion braucht? Oder dass er 60 Herzschläge als „Grundumsatz-Energie“ verbucht und die 20 Extraherzschläge fürs ins Bad laufen irgendwo unter „Extras“ führt? Wie sollte er die „Grundenergie“ von der Energie trennen, die er fortlaufend braucht, und warum zur Hölle sollte er das tun?

Der Grundumsatz ist eine rein theoretische Formel, die ganz nützlich ist als Basis um unseren Energiebedarf zu schätzen – wohlgemerkt: schätzen, denn zu 100% genau sind diese Formeln nicht. Ansonsten ist der Grundumsatz absolut irrelevant.

Dieser Wert sagt genau gar nichts. Es ist völlig egal, ob ihr darunter oder darüber esst. Das einzige was relevant ist, ist euer Gesamtumsatz, also das, was ihr tatsächlich den Tag über verbraucht. Wenn ihr relativ inaktiv seid, einen sitzenden Bürojob habt und euren Feierabend auf der Couch verbringt, mag euer Gesamtumsatz nur geringfügig über eurem Grundumsatz liegen. Seid ihr sehr aktiv, treibt vielleicht noch fordernden Sport, liegt euer Gesamtumsatz vielleicht doppelt so hoch oder noch höher als euer Grundumsatz.

DAS ist der Wert, der für euch interessant ist. Und den findet ihr am zuverlässigsten heraus, wenn ihr die Formeln als Basis nehmt und einige Wochen überprüft, ob ihr mit dieser Rechengrundlage mit eurer Bilanz hinkommt oder ob euer Verbrauch tatsächlich etwas höher oder niedriger liegt, gemessen an dem wie euer Gewicht sich hätte in dieser Zeit entwickeln müssen.

Das Wort „Grundumsatz“ könnt ihr vollständig aus eurem Vokabular streichen. Selbst Fettlogik käme ohne das Wort aus, denn dort kommt es nur 5x vor. Zugegebenermaßen empfehle ich, nach einem „Grundumsatzrechner“ zu googeln, was aber eher der Praktikabilität geschuldet war, denn bei „Verbrauchsrechner“ oder „Bedarfsrechner“ kommt alles mögliche und es gibt nach wie vor Menschen, die mit der googlesuche ihre Probleme haben.

Ich selbst habe meinen Grundumsatz übrigens tatsächlich erst irgendwann ganz am Ende meiner Abnahme mal berechnet. Ich hatte mich relativ zu Beginn bei fddb angemeldet, wo der Gesamtbedarf berechnet wird. Dieser Wert hat bei mir recht punktgenau getroffen und ich hatte nie Bedarf, andere Rechner auszuprobieren. Es ist also problemlos möglich, 85 kg abzunehmen, ohne seinen Grundumsatz auch nur zu kennen.

Es ist absolut unsinnig, eine imaginäre Linie zu ziehen, und sich um einen Wert zu drehen, der absolut keine praktische Relevanz für euren Körper besitzt. Es ergibt vor allem keinen Sinn, eine fixe Linie zu ziehen, und zu behaupten, diese habe irgend eine Aussagekraft – egal ob ihr im Alltag lediglich 200 kcal mehr verbraucht oder als Leistungssportler das dreifache darüberliegt – und euer Körper „weiß“ wenn ihr genau diese Energie, die er für seine Organe an einem inaktiven Tag bei 28° bräuchte, unterschreitet.

Euer Körper merkt, wenn ihm was fehlt. Wenn ihm ein Mineral oder ein Vitamin fehlt, oder wenn er zu wenig Proteine hat um Zellen zu reparieren. Aber euer Körper stellt nirgendwo eine mathematische Rechnung an, um einen theoretischen Wert zu ermitteln und irgendwas „runterzufahren“, wenn ihr darunter liegt.

Nachtrag: Bitte nicht noch mehr supernette, superlange und superdifferenzierte Mails. Nehmt doch so einen bewusst flapsigen Rant nicht ganz so bierernst 🙂 Natürlich kann man den Grundumsatz nützlich als Formel verwenden. Und ich hab‘ echt noch überlegt, ob ich dazuschreibe, dass der Text polemisch ist.